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ARD-"Weltspiegel" in Gefahr

Jux und Dollerei

ARD-"Weltspiegel" in Gefahr: Jux und Dollerei
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Immer sonntags, 19:20 Uhr: "Weltspiegel" im Ersten, seit 58 Jahren. Damit soll jetzt Schluss sein. ARD-Programmdirektorin Christine Strobl will das Auslandsmagazin auf Montag, kurz vor Mitternacht, verlegen. Die Redaktion protestiert scharf. Unser Autor, einst Moderator der Sendung, ebenfalls.

Auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Einem der wichtigsten Fernsehmagazine den angestammten Sendeplatz, den das Publikum seit Jahrzehnten kennt und wahrnimmt, zu streichen, ihm stattdessen einen kurz vor Mitternacht anzubieten und das als Fortschritt zu verkaufen. Und das alles nicht etwa bei den von der Jagd auf Quoten getriebenen Fernsehsendern wie RTL & Co., sondern im Öffentlich-Rechtlichen, dem Fernsehen also, zu dessen gebührenfinanziertem Kernauftrag die Information gehört und nicht etwa Jux und Dollerei.

Wenn alle schlafen

Die Tochter des Präsidenten des Deutschen Bundestages und Gattin des baden-württembergischen Innenministers, Christine Strobl, sieht zu viel Politik in der ARD, deren Programmdirektorin sie ist. Deshalb will sie Magazine wie "Panorama", "Monitor" oder "Report Mainz" um ein Drittel kürzen, mit dem Argument, dass sie in der ARD-Mediathek keine Quotenbringer seien. Und das ist, wie man weiß, auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Messlatte. Es gibt wenige, die sich dagegen wehren; Georg Restle, der "Monitor"-Leiter ist so einer. Der gebürtige Esslinger spricht an, was der früheren Degeto-Chefin Strobl unterstellt werden darf: die "Entpolitisierung und Trivialisierung" des Programms, einen Angriff auf regelmäßige regierungskritische investigative Berichterstattung.

Einen vorläufigen Höhepunkt setzt die CDU-Frau aber mit dem Plan, den "Weltspiegel" ins nächtliche Abseits zu rücken. Auf die Idee, schreibt Jörg Armbruster in seinem Kontext-Beitrag, müsse man erstmal kommen: Das Erste leistet sich 100 KorrespondentInnen weltweit, die uns erklären sollen, wie diese Welt funktioniert oder auch nicht. Kurz vor Mitternacht sollen sie das tun, wenn alle schlafen. Von Kai Gniffke, dem SWR-Intendanten und Nachrichten-Junkie, sind bisher keine Widerworte zu hören gewesen. Der "Weltspiegel" wird immerhin in seinem Haus mitproduziert. Es heißt, er habe entscheidend mit dazu beigetragen, dass Christine Strobl den ARD-Job gekriegt hat. (jof)

Dem Auslandsmagazin der ARD wird es so ergehen, sollte sich die seit zwei Monaten amtierende ARD-Programmdirektorin Christine Strobl mit ihrer Neuordnung des Programms bei den Intendanten durchsetzen. Und danach sieht es aus. Weniger Informationsmagazine, dafür mehr Comedy, Shows und Langdokus – so ungefähr könnte man zusammenfassen, was man bislang über diese geplante Reform weiß. Die ARD-Mediathek solle so mit Unterhaltung und langen Dokumenten interessanter werden für die ZuschauerInnen, Politmagazine liefen schlecht, heißt es.

Vom Umbruch zum Abbruch

Die Neuordnung des Programms tut sicherlich Not, und Strobls Pläne klingen zunächst einmal nicht ganz sinnlos. Mehrmals im Jahr auf dem Platz der Politmagazine dienstags und donnerstags statt moderierter Einzelbeiträge ein investigatives Politfeature zu senden, darüber kann man zumindest diskutieren. Und nur "Hände weg von den Magazinen" zu fordern, ist zu wenig. Für den "Weltspiegel" droht dieser Umbruch aber zum Abbruch zu werden, sollte er tatsächlich von Sonntagabend auf montags 22:50 Uhr verbannt werden. Das wäre ohne jeden Zweifel der schleichende Tod dieses Magazins, das als einziges Format der ARD dem Zuschauer einen Blick auf andere Kontinente bietet, auch wenn Strobl, laut dem Medienmagazin "dwdl.de", mit dem Argument zu locken versucht, man könne doch im Anschluss an die "Tagesthemen" mit dem "Weltspiegel" aktuelle Themen aus der ganzen Welt einordnen und vertiefen.

Klar, kann man, Frau Strobl, aber warum nur montags? Findet an den anderen Tagen kein Ausland statt? Außerdem, wer guckt so spät noch schwere Kost, die diese Sendung auch bieten muss? Oder soll es dann nur noch leicht, luftig und locker zugehen? Der Quote wegen. Und warum nicht auf einem für die ZuschauerInnen einfach auffindbaren Sendeplatz? Warum nicht Primetime oder wenigstens vor den "Tagesthemen" wie heute schon dienstags und donnerstags die Politmagazine, denen auch am Zeug geflickt wird?

Jede und jeder kann sich an fünf Fingern ausrechnen, dass die Quoten eine Stunde vor Mitternacht eher gen Null tendieren und kaum die erreichen werden, die die Sendung heute sonntags ab 19:20 Uhr hat. Doll sind sie da auch nicht, im Schnitt gucken 2,1 Millionen Menschen zu. Am vergangenen Sonntag waren es 1,92 Millionen. Das entspricht einer Quote von 8,3 Prozent. Unter anderem sah sich das Publikum die Angst der Afghaninnen vor der Rückkehr der Taliban an, es konnte den Neustart nach Corona in Australien verfolgen oder sich über die Selbstverständlichkeit wundern, mit der die Kommunistische Partei Chinas die Menschen bis ins Schlafzimmer kontrolliert. Alles wichtige Themen, die demnächst kurz vor Mitternacht laufen sollen.

Einst war von Aufklärung und Orientierung die Rede

Nun könnte das eine oder andere sicherlich auch in den "Tagesthemen" einen Platz finden. Der große Unterschied allerdings ist: Bei den "Tagesthemen" ist nur Häppchenkost geboten, beim "Weltspiegel" bekommt der Zuschauer das ganze Menü serviert. In den meisten Nachrichtenmagazinen können sich AuslandskorrespondentInnen glücklich schätzen, wenn sie drei Minuten für ihre Story bekommen, bei der "Tagesschau" sollen sie die Welt in gerade mal 90 Sekunden erklären. Ganz anders im "Weltspiegel". Hier sind die Geschichten gut und gerne sieben oder acht Minuten lang. Das Auslandsmagazin – also auch eine perfekte Ergänzung zur oft zwangsläufig hektischen Tagesberichterstattung. Es erfüllt damit sogar einen selbstgestellten Programmauftrag.

Strobls Vorgänger, Volker Herres, hatte schon vor vier Jahren vom ARD-Programm eingefordert, es müsse "noch mehr Aufklärung und Orientierung bieten, Zusammenhänge erklären, um Verständnis auch für komplexere Sacherhalte zu ermöglichen". Und so etwas geht nun mal in sieben Minuten deutlich besser als in zweieinhalb. Unsere Aufgabe sei es, so Herres in seinem Jahresbericht 2017, "Themen zu analysieren und die Menschen über die Konsequenzen politischer Entscheidungen zu informieren". Auch dazu braucht man ein bisschen mehr Zeit als 120 bis 140 Sekunden. Immerhin war er es, der im Herbst 2019 einen Angriff seiner Direktorenkollegen auf den Sendeplatz des "Weltspiegel" zurückwies: "Wir sind uns in der ARD der Bedeutung und des Stellenwertes der Auslandsberichterstattung und unseres einzigartigen Korrespondentennetzes sehr bewusst", begründete er. Damals war es nur um die Vorverlegung der Sendung um 50 Minuten gegangen, nicht um eine Verlegung bis kurz vor Mitternacht am Montag.

Foto: Joachim E. Röttgers

Jörg Armbruster, geboren 1947 in Tübingen, hat den "Weltspiegel" bis 2010 moderiert. Er war viele Jahre Leiter der SWR-Auslandsredaktion und ARD-Korrespondent im Nahen und Mittleren Osten, wo er 2013 bei Dreharbeiten angeschossen wurde. Im selben Jahr erhielt er den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.  (red)

RedakteurInnen laufen Sturm

Kein Wunder, dass auch diesmal, wie schon vor zwei Jahren, AuslandskorrespondentInnen und "Weltspiegel"-RedakteurInnen gegen solche Pläne Sturm laufen. Sie seien "schockiert", schreiben die 45 UnterzeichnerInnen eines Briefes an die Intendanten, Direktoren und Chefredakteure des ARD-Fernsehens. (Der Brief ist hier zu lesen.) Nirgendwo sei das "verzweigte Netz von Korrespondent:innen besser sichtbar als im Weltspiegel. Ein Alleinstellungsmerkmal, das die ARD zu recht offensiv bewirbt", so die Protestierenden. Zum angedachten Sendeplatz schreiben sie: "Die Verschiebung des seit 58 Jahren eingeübten Weltspiegel-Sendeplatzes am Sonntagabend auf den Montag um 22:50 Uhr aber ist eine drastische Schwächung der Auslandsberichterstattung im Ersten. Die absoluten Zahlen werden uns nicht zufriedenstellen. Derzeit liegen sie Montagabend nach den Tagesthemen durchschnittlich bei ca. 1,3 Millionen gegenüber derzeit rund 2,1 Millionen am Sonntagabend."

Auf diesen Platz werden die "Weltspiegel"-ZuschauerInnen nicht mitgehen, fürchten sie; denn "unser lineares Stammpublikum ist nicht jung und wird uns um diese Zeit wohl kaum im bisherigen Maße treubleiben". Oder anders ausgedrückt: Wer am Sonntagabend noch das Neueste aus aller Welt guckt, liegt am Montag um 22:50 Uhr meistens schon im Bett.

Kommt Christine Strobl mit ihren Plänen durch, dann halbiert sie praktisch die Auslandsberichterstattung des Ersten, rechnen die "Weltspiegel"-Macher in ihrem Schreiben vor. Anstelle von 44 oder 45 Ausgaben soll es dann nur noch 39 geben. Die "Weltspiegel"-Reportage, ein am Samstagnachmittag ausgestrahltes Halbstundenformat, ist in den Strobl-Plänen gar nicht mehr erwähnt, auch nicht die Reihe "Weltspiegel extra", die in fünfzehn Minuten Hintergrund zu aktuellen Ereignissen im Ausland bietet.

Des Ministers Gattin betreibt Kahlschlag

Mit anderen Worten: Sollte es so kommen, dann betreibt des Ministers Gattin Kahlschlag bei der Auslandsberichterstattung der ARD und das in einer Zeit, in der erklärt werden muss, warum so viele Flüchtlinge lieber ihr Leben auf dem Mittelmeer riskieren als in ihrer Heimat zu bleiben, weshalb politische Krisen und Kriege anderswo sich auch auf Europa auswirken oder ganz einfach, wie Menschen in entfernten Winkeln dieser Erde leben. Der "Weltspiegel" ist schließlich auch ein Betrag zur Völkerverständigung.

Bedenklich ist dieser Kahlschlag aber auch, weil zur gleichen Zeit einige Privatsender ihre Informationssendungen ausbauen und optimieren, zum Beispiel Programmflächen für Dokus über Rechtsradikalismus freischaufeln oder prominente ARD-Moderatorinnen und Moderatoren wie Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel für eigene Informationsformate abwerben. Auslandsberichterstattung ist auch für die Privaten kein Fremdwort, solange die Geschichten nur scharf genug sind.

Als ehemaliger Auslandskorrespondent und Moderator des "Weltspiegel" kann ich den Zorn meiner Kolleginnen und Kollegen in den Auslandsbüros und in den Redaktionen gut verstehen, zumal keiner dieser Fachleute in die Planung eingebunden, geschweige denn gefragt worden war. Das wäre zwar sinnvoll, ist aber nicht üblich. Bedauerlich. Auch werde ich den Verdacht nicht los, dass die Buchhalter der Programmdirektion in München früher oder später die Quoten genauer anschauen und angesichts der zu erwartenden schwachen Zuschauerakzeptanz des neuen Sendeplatzes verkünden, ein derartig teures Programm rechne sich nicht.


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20 Kommentare verfügbar

  • Wilhelm Brönner
    am 13.07.2021
    Antworten
    Das wird einen weiteren Beitrag zur Verblödung der Bevölkerung liefern! Je politisch uninformierter die Bürger werden, desto leichter können Demagogen sie für ihre Zwecke manipulieren. Die ARD führt sich mit solchen Maßnahmen selbst ad absurdum, denn sie unterscheidet sich bald nicht mehr von den…
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