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Wir geben keine Ruhe

SWR: Wir geben keine Ruhe
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MeToo beim SWR? Der Ex-Justiziar Hermann Eicher hat im Streit mit Kontext Recht bekommen. Er und der Sender werden erkennen müssen, dass das Problem damit jedoch nicht vom Tisch ist.

Es begann mit einem zweifelhaften Dementi. Gab es beim SWR sexuelle Belästigung von Mitarbeiterinnen durch Vorgesetzte? Das wollten besorgte SWR-HörerInnen in der "Leute"-Sendung am 3. Mai 2019 vom Chef des Hauses, von Peter Boudgoust, wissen. Schließlich hatte #MeToo Sensibilität geschaffen, aktuell waren gerade die Vorfälle beim WDR, wo Monika Wulf-Mathies vom Intendanten Tom Buhrow mit der Prüfung der "hässlichen Form von Machtmissbrauch" (Wulf-Mathies) beauftragt worden war.

Wie also sieht es beim SWR aus? "Derlei Vorkommnisse sind nicht bekannt", antwortete Boudgoust, "es gibt hier null Toleranz, und es wird hier nichts verborgen, verdeckt oder unter der Tischdecke gehalten." Bekannt allerdings war bereits seit 2008 das "Vorkommnis" Sandra Dujmovic, über das Kontext mehrfach berichtet hat. Die SWR-Fernsehredakteurin wirft einem Vorgesetzten vor, sie sexuell belästigt zu haben, in der Folge sei sie beruflich degradiert worden. Sie klagt derzeit vor dem Arbeitsgericht Stuttgart.

Zuletzt war dieser Vorgang Thema des Kontext-Podcasts "Siller fragt: Karl Geibel". Das Gespräch ist nun nicht mehr zu hören, weil Hermann Eicher, der ehemalige Chefjurist des SWR, dagegen geklagt hatte. Ihm ging es insbesondere um seine Ehre, die er durch die Aussagen des Rundfunkrats Karl Geibel und des Journalisten Stefan Siller gefährdet sah. Diese Ehre hat der Jurist auf seinem Terrain, dem Feld der Paragrafen, zurückbekommen. Dank des Hamburger Landgerichts, das Kontext, Geibel und Siller diverse Äußerungen untersagt.

Als Oberbegriff fällt in dem Podcast das Wort "Führungsversagen", und damit fühlte sich offenbar auch der erste juristische Direktor des SWR angesprochen, der in diesem Fall tatsächlich führend tätig war. Nach eigener Einschätzung hat ihn keine andere Personalie derart gefordert wie diese. Eine insgesamt "deutlich 3-stellige Stundenzahl", wie er dem "lieben Kai", dem Intendanten Kai Gniffke, mitteilte.

Eine hohe Arbeitsbelastung also, über die er sich nicht beklagen, aber doch dahingehend äußern wollte, dass er umso empörter sei, wenn ihm, bei diesem Engagement, die Gazetten Vertuschung, Verschleppung und Trickserei vorhielten. Dies empfinde er als "absolut ehrverletzend". Die emotionale Erregung fand dann auch Eingang in eine Eidesstattliche Versicherung, in der Eicher betonte, die Vorwürfe von Frau Dujmovic nur abstrakt, nie konkret geschildert bekommen zu haben. Am Ende sei halt Aussage gegen Aussage gestanden.

Was Eicher zu diesem Parforceritt getrieben hat, weiß niemand. Sollte er seinen Ruf als "absolute Autorität" (Gniffke) beschädigt gesehen haben, sind die Ausbesserungsarbeiten misslungen. Der Deutsche Journalistenverband führt ihn als Denkmal vor, das sich selbst zum Einsturz bringt. Die Deutsche Journalisten-Union empfiehlt, lieber dafür zu sorgen, dass die Beschäftigten "ohne Angst" ihrer Arbeit nachgehen können, anstatt die juristische Keule gegen Kontext zu schwingen. Der SWR-Verwaltungsratschef Hans-Albert Stechl warnt davor, gegen einen Rundfunkrat zu Felde zu ziehen, dem fast nichts heiliger ist als der öffentlich-rechtliche Auftrag.

Das ist der Preis für die verletzte Ehre. Oder sollten wir besser sagen: für die verletzte Eitelkeit des Hermann Eicher? Ein Maulkorb für die Überbringer unangenehmer Botschaften, offene Attacken gegen einen Gewerkschafter und Rundfunkrat, der nichts anderes tut, als die Interessen einer Journalistin zu vertreten? Und nie die Frage, wie es um die Ehre der Betroffenen bestellt ist. Das konnte nicht ohne Widerspruch bleiben. Kontext, Geibel und Siller haben ihn eingelegt – und ihn jetzt zurückgezogen. Schweren Herzens. Die Beteiligten von damals, die den Fall in die Chefetage getragen haben, wollten nicht mehr als Zeuginnen zur Verfügung stehen.

Das ist ein fatales Signal für alle, die womöglich Victim Blaming fürchten und sich fragen, was besser ist – schweigen oder reden? Sicher ist, dass sich dieser Kampf nicht auf Paragrafen reduzieren lässt und darauf, wer was wann wem in welcher Ausführlichkeit geschildet hat. Es soll, und das verbietet jede seriöse journalistische Recherche, auch nicht um Gerüchte gehen, von denen es genügend gibt. Es soll um die Frauen gehen, denen es womöglich ähnlich ergangen ist wie Sandra Dujmovic. Die wissen, dass oft als Kavaliersdelikt angesehen wird, was sie als unzulässigen Übergriff und ehrverletzend empfinden. Nicht jede hat den Mut, auf Anmache im Büro mit dem Stinkefinger zu reagieren. Die juristische Auseinandersetzung ist das eine, die ethisch-moralische das andere. Wir bleiben dran.


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