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Ex-SWMH-Chef Rebmann über Mathias Döpfner

"Er leistet rechten Kräften Vorschub"

Ex-SWMH-Chef Rebmann über Mathias Döpfner: "Er leistet rechten Kräften Vorschub"
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Der "Bild"-Boss ist mutig, alle anderen Journalisten sind feige. So schrieb der Springer-Vorstand Mathias Döpfner – und seine Verlegerkollegen ducken sich weg. Nur Richard Rebmann nicht. In Kontext übt der frühere SWMH-Chef und BDZV-Vizepräsident scharfe Kritik an Döpfner.

Die Bilder purzelten ihm munter aus dem Mund wie immer. Diesmal in der Stuttgarter Carl-Benz-Arena. Der Journalismus möge ein "Werkzeug der Freiheit" sein, sprach Mathias Döpfner, 58, ein "Scheinwerfer der Aufklärung" oder zumindest eine "Taschenlampe des mündigen Bürgers". Leuchten und Sparen gehe aber nicht zusammen, ermahnte der Chef des Axel Springer-Konzerns seine Kollegen, auf keinen Fall bei den Querköpfen in den Redaktionen. Lieber sollten sie Proteste von Politikern und Politikerinnen ignorieren, einen Anzeigenboykott riskieren, dann würden sie in einer "wunderbar offenen Gesellschaft" leben, in der nicht die Angst, sondern die Freiheit siege. Es gab viel Beifall. Auch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Daimler-Boss Dieter Zetsche und Fußballbundestrainer Joachim Löw, der über Führungskraft redete.

Das war vor vier Jahren beim Jahreskongress der deutschen Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), deren ehrenamtlicher Präsident Döpfner ist, unübersehbar allein wegen seiner Körpergröße von zwei Meter zwei. Für ihren hageren Hohepriester hatten sie das Hochamt veranstaltet, er stand im Zentrum der Berichterstattung beider Stuttgarter Blätter, die weder Kosten noch Mühen scheuten, das Ereignis entsprechend zu würdigen. Dies auch zum Wohlgefallen ihres Verlegers Richard Rebmann, der daneben noch Vizepräsident des BDZV war (Kontext berichtete).

"Propaganda Assistenten"? Könnte von der AfD sein

Heute gehen einem die Metaphern Döpfners durch den Kopf und man denkt: Das kommt dir bekannt vor. Querköpfe in der Redaktion, Politiker ignorieren, keine bangen Kompromisse. Oder nehmen wir den Döpfner von 2018, als er bei der 150-Jahrfeier der "Eßlinger Zeitung" von einer "großartigen Zukunft" der Presse sprach, vorausgesetzt ihre Eigner hielten sich vom "Herdentrieb" und "Mainstream" fern. Liegt hier schon die Hybris begraben, die er jetzt in einer SMS-Nachricht an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre offenlegt? Springer als Retter des freien Westens?

Sein "Bild"-Chef Julian Reichelt, 41, sei der "letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt", schreibt Döpfner, fast alle anderen seien zu "Propaganda Assistenten" geworden. Man stelle sich vor, ein Politiker hätte das gesagt. Einer von der Linken etwa. Er wäre zum Totengräber der Demokratie erklärt worden. Später relativierte Döpfner seine Aussagen leicht, erklärte sie für ironisch und überspitzt, nicht auf die Goldwaage zu legen, weil privat getätigt. Selbstverständlich achte er die Verlage, den freien Journalismus und den Rechtsstaat, wofür er ohne Unterlass kämpfen werde.

Reichelt ist inzwischen gefeuert. Nicht wegen seiner Attacken gegen alles, was ihm links erscheint, gegen Merkel und Drosten, gegen den Verbotsstaat, gegen höhere Benzinpreise und Steuern, in Substanz und Diktion Positionen von AfD und Corona-Leugnern ähnlich. Nicht, weil er aus der Bildzeitung, dem "Organ der Niedertracht" (Max Goldt), ein noch niederträchtigeres Organ gemacht hat, sondern wegen seiner auch durch #MeToo ungebrochenen Frauenverachtung. Für die Karriere sei die "Fuckability" entscheidend gewesen, berichten Kolleginnen, die dort gearbeitet haben.

Das war zu viel – für Döpfners Deal mit der US-amerikanischen Mediengruppe "Politico", die er für eine Milliarde Dollar erworben hat. Kurz vor dem Abschluss berichtete die "New York Times" über "Sex, Lies and a secret payment" bei Springer, wunderte sich über den laschen Umgang mit den Vorwürfen und die Verschwiegenheit der deutschen Presse. Sehr sinnfällig geworden durch den Verleger Dirk Ippen ( "Frankfurter Rundschau", "Münchner Merkur"), der seinem eigenen Rechercheteam untersagte, seine Informationen über die Causa Reichelt zu veröffentlichen. Er wolle nicht den Eindruck erwecken, einem Konkurrenten durch eine Skandalgeschichte schaden zu wollen, begründete Ippen den Schritt. Reichelt fiel über die NYT, über die #MeToo-Sensibilität in den USA. Wer von einem Bauernopfer für die Börse spricht, liegt nicht falsch. Eine kluge Analyse findet sich hier.

Steile Thesen aus dem Schützengraben

Im Fokus steht jetzt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender und Großaktionär bei Springer, oberster Lobbyist der Zeitungsverleger. Der "Spiegel" hat ihm ein entlarvendes Porträt ("Verleger mit Fimmel") gewidmet, in dem gefragt wird, ob der mächtigste Medienmanager des Landes möglicherweise ein "politischer Wirrkopf" ist? Seit geraumer Zeit schien es, als wähnte er sich im Schützengraben, aus dem er feuern musste, zusammen mit dem Kriegsreporter Reichelt. Gegen den drohenden Sozialismus, gegen die schleichende Übernahme des christlichen Abendlandes durch den Islam, wofür auch eine Schweinefleisch-Bockwurst im Freibad in Neuss herhalten musste, die angeblich nicht mehr verkauft werden durfte (und in Wahrheit nur nicht nachgefragt war), gegen die Merkelsche Flüchtlingspolitik, und in toto gegen die politische Elite, die für sein Dafürhalten unfähig war, zu erkennen, was draußen im Land los war.

Dasselbe bescheinigte Döpfner gerne auch denen, für die er eigentlich sprechen sollte. "Die Medien" bildeten die Realität mehrheitlich nicht mehr ab, pflegte er zu warnen, gemeinsam mit der herrschenden Politik schliefen sie den "Schlaf der Selbstgerechten" und träumten den Wunschtraum der Political Correctness. Normalerweise wäre damit der Tatbestand der Geschäftsschädigung erfüllt, aber der Mann darf das, weil er glamourös ist, den Berufsstand der Verleger aufhübscht, und, natürlich, weil Springer nach wie vor eine Macht ist. Die Konsequenz ist kollektives Schweigen.

Das Onlinemagazin "Übermedien" hat die Probe aufs Exempel gemacht und die Chefs von acht großen Verlagen gefragt, was sie von Döpfners SMS an Stuckrad-Barre halten und ob er als BDZV-Präsident weiterhin haltbar sei? Inhaltlich geantwortet hat der Geschäftsführer der Funke Mediengruppe ("Hamburger Abendblatt", WAZ), Christoph Rüth. Die Formulierung "Propaganda-Assistenten" für die Mehrheit der JournalistInnen sei "völlig unpassend" und dem Amt eines BDZV-Präsidenten "nicht angemessen". Alle anderen haben eine Stellungnahme abgelehnt beziehungsweise gar nicht geantwortet, darunter auch der Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding SWMH ("Süddeutsche Zeitung", StZN), Christian Wegner.

"Döpfner erweist unserer Branche einen Bärendienst"

In Baden-Württemberg, wo die Verleger nicht müde werden, ihre Unabhängigkeit zu betonen, hat Kontext 13 Zeitungshäuser angeschrieben und nach ihrer Meinung zu Döpfner gefragt. Inhaltlich geantwortet hat Richard Rebmann, SWMH-Chef und BDZV-Vizepräsident bis 2018. Seine Stellungnahme ist die bisher kritischste eines Verlegers ("Schwarzwälder Bote") und umso bemerkenswerter, als der 63-jährige Jurist nie die Öffentlichkeit gesucht hat. Deshalb steht sie hier in voller Länge:

"Es gibt Themen, zu denen man als Verleger und Herausgeber nicht schweigen darf, und dieses gehört dazu.

Herrn Döpfner schätze ich als visionären und mutigen Unternehmer, und er hat dem BDZV wichtige zukunftsweisende Impulse gegeben. Seine aktuellen Äußerungen müssen aber davon unabhängig bewertet werden. Mit seiner Behauptung vom feigen Journalisten, alle außer Reichelt, der nur die staatliche Propaganda eines Unrechtsstaats veröffentlicht, hat er unserer Branche und allen Journalisten einen Bärendienst erwiesen. Wir leben von der Glaubwürdigkeit unserer Medien und dem Mut unserer Journalisten zur investigativen Recherche, und von der Verantwortung der Verleger, die Ergebnisse dieser journalistischen Arbeit zu veröffentlichen. Dies rechtfertigt unser Wächteramt. Diesem Anspruch werden unsere Journalisten gerecht. Mit seinen Äußerungen hat Herr Döpfner leider radikalen, rechten Kräften Vorschub geleistet, die von einer gelenkten Presse ausgehen.

Der BDZV hat die Aufgabe, die Unabhängigkeit der deutschen demokratischen Verlage zu wahren und das Ansehen der Verlage zu fördern. Ob Herr Döpfner diesem Anspruch noch gerecht werden kann, müssen er selbst und die Mitglieder entscheiden. Ohne klare Distanzierung von seinen Aussagen fällt es mir schwer zu glauben, dass Herr Döpfner weiterhin Präsident des BDZV bleiben kann."

Keine Reaktion auf mehrfache Nachfragen kam von (Stand Dienstag, 26.10., 18 Uhr):

Valdo Lehari jr., Verleger "Reutlinger Generalanzeiger" und BDZV-Vizepräsident, Reutlingen
Herbert Dachs, Geschäftsführer SWMH-Medienholding Süd (StZN), Stuttgart
Wolfgang Poppen, Verleger "Badische Zeitung", Freiburg
Klaus-Michael Baur, Verleger "Badische Neueste Nachrichten", Karlsruhe
Tilmann Distelbarth, Verleger "Heilbronner Stimme", Heilbronn
Ullrich Villinger, Verleger "Waiblinger Kreiszeitung", Waiblingen
Joachim Knorr, Herausgeber "Rhein-Neckar-Zeitung", Heidelberg
Michel Bieler-Loop, Geschäftsführer "Südkurier", Konstanz
Lutz Schumacher, Geschäftsführer "Schwäbische Zeitung", Ravensburg
Andreas Simmet, Geschäftsführer "Südwestpresse", Ulm
Thomas Satinsky, geschäftsführender Verleger "Pforzheimer Zeitung", Pforzheim

Für die Anfrage gedankt hat Gerhard Ulmer von der "Ludwigsburger Kreiszeitung". Er bat um Verständnis, dass er sich zu dem Thema nicht äußere.


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8 Kommentare verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 30.10.2021
    Antworten
    Ach irgendwie erinnert das an die Szene in 'Manche mögen's heiss' von Billy Wilder. Da treffen sich die "Freunde der Italienischen Oper" - in Wirklichkeit Chicagos Chefmafiosi - und rechnen im Smoking miteinander ab - aus der Geburtstagstorte steigt ein Mann mit Maschinenpistole und es fliegen Blaue…
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