Ausgabe 254
Medien

In der virtuellen Gerüchteküche

Von Jürgen Lessat
Datum: 10.02.2016
Um die Wahrheit im Netz steht es schlecht. Spätestens seit dort Rechtspopulisten "Lügenpresse" liken. Mittlerweile spüren Hoax-Jäger und staatliche Behörden Falschmeldungen auf. Etwa die berüchtigten Doppelbilder, die Kriegsflüchtlinge als IS-Kämpfer denunzieren.

Es ist ein Versuch, der immer öfter scheitert: die Wahrheit im Netz zu finden. Denn zu jeder Frage, zu jedem gesellschaftlichen Thema, zu allem, was gerade auf dieser Welt passiert oder in der Vergangenheit geschah, existiert im Internet eine nahezu unerschöpfliche Vielzahl von Erklärungen und Interpretationen. In Form von Themenseiten, Diskussionsforen, Blogs und Facebook-Accounts. Häufig genug widersprechen sie sich diametral.

Google & Co. stöbern alles auf, wenn man nur geduldig auch die hinteren Trefferseiten studiert: von Aaron Swartz' Suizid und der vermeintlichen Verwicklung von Geheimdiensten beim Ableben des Hackergenies bis aktuell zum Zikavirus, das sich angeblich so rasant verbreitet durch genmanipulierte Stechmücken, die aus geheimen Forschungslabors entkommen sind. Willkommen in der virtuellen Welt der Ammen- und Schauermärchen 2.0. In einer Welt der Verschwörungstheorien und Politpropaganda, in der spätestens 2018 Schluss mit Bargeld ist, das Klima mithilfe von Chemtrails manipuliert wird, Mainstream-Medien schon immer gelogen haben und eine zionistische Asylindustrie von der derzeitigen Flüchtlingskrise profitiert. Beispielsweise. Denn es kursieren noch unendlich viel mehr unglaubliche Thesen im Netz.

Der Grund für diese obskure Meinungsvielfalt ist ein simpler: Jeder kann heute in Portalen, Blogs und sozialen Medien sich und seine Sicht der Dinge (noch) unkontrolliert und (meist) sanktionslos publizieren. Auch wenn Bilder und Beiträge auf Schwindel, Lug und Betrug basieren, einzelne Personen beleidigen oder ganze Völker verhetzen. Umgekehrt ist das Netz auch eine unerschöpfliche Fundgrube, um eigene Vorurteile bestätigt zu bekommen – und um diese mit einem Klick weiterzuverbreiten. Wobei es sich nicht sagen lässt, was schlimmer ist.

Jedenfalls können interessierte Nutzer mit Hoaxes, wie bewusste Falschmeldungen, aber auch üble Scherze im Netz genannt werden, richtig Stimmung machen mit dem Ziel, Staat und Gesellschaft zu destabilisieren. Die IS-Dschihadisten haben es erfolgreich praktiziert, indem sie mit gewaltverherrlichender Propaganda Tausende Kämpfer in Europa rekrutierten und dann weite Teile Iraks und Syriens eroberten. Und auch hierzulande schaffen es spezielle Aktivisten, mit Posts und Pages Ressentiments und Widerstand zu schüren. Gegen den Ausbau der Windenergie im Binnenland, die schützende Impfung im Kindesalter, den gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder gegen die Unterbringung von Flüchtlingen im Nachbarort.

Doch wie lassen sich (zweifelhafte) Behauptungen und Beiträge im Netz auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen? Do-it-yourself-Recherche ist zwar eine Möglichkeit. Sie stößt jedoch schnell an Grenzen. Meist braucht es neben detektivischem Spürsinn und Internet-Affinität auch jede Menge Zeit, um Fragwürdiges herauszufiltern und zu checken. Den Job machen inzwischen spezielle Hoax-Portale besser, die nicht nur Gerüchten nachschnüffeln, sondern auch vor betrügerischen Mails und Viren, sogenannten Scams, warnen.

Die USA verfügen in dieser Hinsicht über eine relativ lange Tradition. 1999 etwa gründete der Radiomoderator und Unternehmer Rich Buhler das Portal www.truthorfiction.com, das E-Gerüchte verifiziert. Aktuelles Beispiel: "Ein saudischer Milliardär kauft eine Kleinstadt in Wyoming, um dort ein 'Mekka im Westen' zu bauen!" Laut Portal ist das "Fiction", publiziert von einer Fake-Webseite.

Im deutschen Netz sind Schwindeljäger bisher kaum präsent

Daneben recherchieren Dutzende weitere Portale, meist spendenfinanziert, was in amerikanischen Gerüchteküchen gerade so brodelt. Seit der Vorwahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur begonnen hat, herrscht dort Hochbetrieb. Viele Zitate der Bewerber müssen die Hoax-Jäger prüfen. Bei ihnen kann sich sogar Haudrauf Donald Trump bedanken. So wurde ein Bericht der Nachrichten-Website Thirdspur über die republikanische Föhnfrisur als falsch entlarvt: Der Milliardär hatte nicht behauptet, alle Frauen mit blonden Haaren und blauen Augen deportieren zu wollen, fand www.snopes.com heraus. Snopes klärte auch über die Hintergründe auf, wie es zur Falschmeldung kommen konnte: seit Monaten liefern sich Trump und die (blonde) Fox-Journalistin Megyn Kelly einen öffentlichen Schlagabtausch.

Im deutschsprachigen Internet sind Schwindeljäger bislang weniger präsent. Als bekannteste Plattform gilt ein österreichisches Portal: www.mimikama.at. Im März 2011 initiierte Tom Wannenmacher die "Internationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetmissbrauch und zentrale Anlaufstelle für Internetuser, die verdächtige Internetinhalte melden möchten". Den Anfang machte Wannenmachers Facebook-Initiative ZDDK, was für "Zuerst denken – dann klicken" steht, die heute 579.000 Follower hat. Der Vereinsname Mimikama stammt aus der afrikanischen Sprache Suaheli und bedeutet "Gefällt mir". Finanziert wird das als Verein organisierte Portal mit drei Festangestellten und etlichen Ehrenamtlichen zu 90 Prozent über Spenden der Nutzer.

"Ich selbst wurde Opfer eines Internetbetruges auf Facebook und sah es als meine Aufgabe, andere Facebook-Nutzer vor Internetbetrügern, schädlichen Links, Fake-Gewinnspielen und vielem mehr zu warnen", beschreibt Wannenmacher sein Motiv. Mittlerweile müssen sich die Mimikama-Macher weniger mit Betrügereien, dafür umso mehr mit Verschwörungen und Hetztiraden beschäftigen. Das Internet hat sich zum bevorzugten Aktionsraum entwickelt, um Stimmung gegen Flüchtlinge und zugunsten von Rechten wie Rechtspopulisten zu machen. Die Wahrheit bleibt dabei öfter auf der Strecke, wie unzählige Beispiele auf der Mimikama-Website zeigen. Laut Mimikama lautet das Verhältnis bei Beiträgen über Flüchtlinge im Netz: 40 Prozent stimmt, 60 Prozent stimmt nicht.

Eine Strategie gilt dabei als besonders perfide: Flüchtlinge als IS-Kämpfer zu verunglimpfen. "In den letzten Wochen mehren sich die Meldungen über terrorverdächtige Personen, die mit den aktuellen Flüchtlingsströmen nach Europa, insbesondere Deutschland, gelangen beziehungsweise bereits in deutschen Flüchtlingsunterkünften angekommen sind", bestätigt das baden-württembergische Landesamt für Verfassungsschutz. Als vermeintliche Belege dienten meist Vergleichsfotos, welche die Betreffenden jeweils in militärischem und zivilem Kontext zeigen.

Hinweise auf diese "Memes", wie Bilder mit kurzen Texten heißen, bekommt nicht nur mimikama.at. Sie landen auch bei den Behörden. Teilweise von besorgten Bürgern, teils informieren auch Flüchtlinge in den Unterkünften selbst die Polizei. Laut Verfassungsschutz handelt es sich hierbei jedoch um ein Internetphänomen: "Informationen dieser Art werden, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt, in sozialen Netzwerken verbreitet", betont das Amt. Mittlerweile benutzten auch "entsprechende Gruppierungen im Anti-Asyl-Umfeld" die Aufnahmen dazu, den Flüchtlingszustrom insgesamt als zielgerichtete Einwanderung von "Terroristen" zu definieren.

Terroralarm wegen gefakter Doppelbilder

Die fraglichen Bilder, oftmals "Selfies", stammen nach Erkenntnissen der Ermittler meist aus Facebook-Einträgen der abgebildeten Personen. "Andere Personenkreise sammeln diese gezielt und veröffentlichen sie in verschiedenen Sprachen auf entsprechenden Plattformen", so das Landesamt. Die beigestellten Informationen reichten von Name und Herkunft bis hin zum aktuellen Aufenthaltsort der Personen. "Für keine der Informationen gibt es jedoch einen belastbaren Beleg", betonen die Ermittler. "Interessierte Kreise" verorteten die dargestellten Personen als IS-Kämpfer innerhalb des Flüchtlingsstroms. "Allerdings handelt es sich, zumindest dem äußeren Erscheinungsbild nach, bei keiner der bislang gesichteten Aufnahmen um das Bild eines ehemaligen IS-Kämpfers", betont das Landesamt. Zwei ähnliche Bilder, aber zwei verschiedene Personen.

Die Bilderflut, ihr hoher Verbreitungsgrad in verschiedenen Sprachen, hält die deutschen Behörden auf Trab. Immer öfter gibt es wegen der Doppelbilder Terroralarm in Flüchtlingsunterkünften, heißt es. Die Polizei leitet wegen der vordergründig sehr konkreten Hinweislage in der Regel Ermittlungen ein. Da einige der abgebildeten Personen auf den Bildern mit Leichen zu sehen sind, ist die Einleitung eines entsprechenden Ermittlungsverfahrens wegen Mordes oder Völkermordes zwingend, betont der Verfassungsschutz.

Die Ermittlungen gestalten sich meist schwierig. Oft lässt sich wegen Sprachschwierigkeiten nicht genau abklären, ob der Hinweis auf tatsächlicher Beobachtung oder lediglich auf Wahrnehmungen im Internet beruht. Häufig seien die Informationen über die gesuchten Personen fiktiv oder kaum belegbar. "Die meisten der personell und bürokratisch aufwendigen Ermittlungsverfahren führen ins Leere", betont der Verfassungsschutz. Mittlerweile beanspruchen die vielen Doppelbilder-Meldungen die Polizeidienststellen bei Flüchtlingsunterkünften im Übermaß, heißt es.

Über die Urheber der Flüchtlings-Doppelbilder können die Ermittler nur spekulieren. "Vermutlich handelt es sich um sunnitische Internetaktivisten mit konkreten regionalen Bezügen in der Region Syrien/Irak", so die Behörde. Mittlerweile gebe es eine Vielzahl von Facebook-Konten, die sich gezielt dieser Art der Agitation widmeten, ständig neue Bilder verbreiten und die bereits vorhandenen weiterverwerten. Der Verfassungsschutz schließt nicht aus, dass es eine "ganze Anzahl von Deserteuren und ehemaligen Angehörigen regimetreuer Milizen gibt, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen". Mit den Flüchtlings-Doppelbildern sollten Internet-Nutzer jedoch sensibel verfahren. "Es handelt sich insgesamt um eine moderne Form des klassischen 'Kettenbriefs', der in der aktuellen Situation in vielfacher Weise Menschen gegeneinander aufbringt, jedoch in weiten Teilen jeder realen Grundlage entbehrt", betont der Verfassungsschutz.


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