KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 201
Medien

Scoop sticht Skrupel

Von Anton Hunger
Datum: 04.02.2015
Der meistdiskutierte Kontext-Artikel in der vergangenen Woche: die Philippika gegen immer dreistere Versuche von PR-Agenten, die Berichterstattung zu beeinflussen. Unser Autor kennt als Journalist und Pressesprecher beide Seiten. Über die Autorisierung von Interviews und die Selbstgerechtigkeit von Journalisten.

Pressesprecher, die ein Gespräch mit einer Führungspersönlichkeit zu einem journalistischen Beitrag nur dann zulassen, wenn der Journalist sich zum Gegenlesen bereit erklärt, sind Dumpfbacken. Es gibt sie, keine Frage. Sie beleidigen den Journalisten mit diesem unappetitlichen Ansinnen, gehen ihm an die Ehre und verlangen die Unterwerfung. Sie wollen Zensur ausüben, wenn auch unausgesprochen.

Der Journalist muss sich darauf nicht einlassen. Und er muss nicht einmal den Grundgesetzartikel 5 bemühen, es genügt oftmals ein Blick in den Arbeitsvertrag. Viele Verlage verbieten es, Artikel zum Gegenlesen an den Gesprächspartner oder dessen PR-Berater zu schicken. Steht es nicht im Arbeitsvertrag, dann im – geschriebenen oder mündlich überlieferten – "Code of Conduct" des Verlags oder der Redaktion (in den USA sehr verbreitet, aber auch in Deutschland nicht unüblich).

Man kann sich also wehren und hat dafür gute Argumente. Das Risiko, das der Journalist eingeht, ist allenfalls, dass das Gespräch nicht zustande kommt. Er muss dann die Geschichte ohne das ausgefallene Gespräch schreiben – oder die Geschichte begraben. Aber niemand, außer Behörden, ist verpflichtet, einem Journalisten zu Diensten zu sein, damit er bei der Wahrheitsfindung weiterkommt. Man könnte es auch weniger euphemistisch ausdrücken: Damit das Geschäftsmodell des Verlags keinen Schaden nimmt.

Anders verhält es sich bei Interviews, die in Frage-und-Antwort-Form wiedergegeben werden. Der Leser begreift die gedruckten Aussagen des Interviewten als autorisiert. Andere Medien können daraus zitieren, müssen den Interviewten also nicht einmal dafür kontaktieren. Ein autorisiertes Interview hat dokumentarischen Charakter. Ein nicht autorisiertes Interview hinterlässt immer Zweifel, wenn sich der Interviewte wehrt. Manchmal hat sich der Interviewte nur ungeschickt ausgedrückt, hat etwas gesagt, was er so nicht gemeint hat.

Druckreif sprechen muss man üben

Viele Führungspersönlichkeiten – gleichgültig, ob in der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder des Sports – sprechen nicht unbedingt druckreif. Die Ausnahmen sind an zwei Händen abzuzählen: Alfred Herrhausen konnte es perfekt, Hans Lutz Merkle ebenfalls. Edzard Reuter, Wolfgang Reitzle oder Joe Kaeser können es. Unter den Politikern finden sich weit mehr als unter Wirtschaftsführern: Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Joachim Gauck, Ursula von der Leyen, Gregor Gysi, Sarah Wagenknecht, mit Abstrichen auch Horst Seehofer, auch Peter Gauweiler, selbst Winfried Kretschmann, wenn man seine schwäbischen Vokabeln übersetzen kann. Aber wie sieht's aus mit Stefan Mappus? Mit Günter Oettinger? Mit Ilse Aigner? Mit Nils Schmid? Mit Bernd Riexinger? Mit Uli Hoeneß? Druckreif reden ist eine hohe Kunst, es will gelernt sein. Das Schwert der Politiker ist das Wort. Deshalb üben sie die druckreife Sprache. Und da sie – in guten Zeiten – mindestens im Wochentakt vor die Kamera treten, üben sie gleichsam: learning by doing.

Wirtschaftsführer sind in einer ungleich schwierigeren Situation. Ihr Schwert ist zwar auch das Wort, ihr Damoklesschwert aber sind die Zahlen. Es passiert extrem selten, dass einer seinen Posten wegen unbedachter Äußerungen räumen muss. Immerhin: Der Deutschen Bank brachte eine kritische Äußerung ihres damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Breuer eine saftige Schadenersatzklage ein. Doch in der Regel sind es die Zahlen, die zu einem Rausschmiss führen, die schlechten Zahlen natürlich. Deshalb nehmen sich Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft auch kaum die Zeit, zu lernen, wie man druckreif spricht. Erst recht dann nicht, wenn schon der Kittel brennt.

Ignoranz und Unvermögen in den Redaktionen

Vor diesem Hintergrund wäre es eine gute journalistische Tugend, wenn das nicht astrein Gesagte des Interviewten wenigstens in verständlichem Deutsch mit richtiger Grammatik und Semantik niedergeschrieben würde. Das ist aber in vielen Fällen nicht der Fall, auch weil der Zeitdruck in personell ausgedünnten Redaktionen inzwischen unerträglich zugenommen hat. Aber nicht nur deshalb. Zuweilen ist es einfach Ignoranz, mitunter auch Unvermögen, weil die Komplexität mancher Themen den einen und anderen Journalisten schlicht überfordert. Der "Spiegel" ist eine rühmliche Ausnahme, die "FAZ" auch. Die politischen Monatsmagazine weitgehend.

Aber die Journalisten der allermeisten Tageszeitungen – und beileibe nicht nur "Bild" – oder vieler Fachmagazine hören das Band ab und übernehmen oftmals die unbeholfene Sprache des Interviewten. Lassen es beispielsweise zu, dass jeder Satz in einem Absatz mit "ich" beginnt (passiert sogar in der "Süddeutschen"), dass "Automobil" adjektivisch genutzt wird ("eine automobile Entwicklung" gibt es nicht, es wäre eine sich selbst bewegende Entwicklung, was nicht gemeint ist), dass Sinnentstellungen in Kauf genommen werden, wenn sie nur ein Wort wegen mangelnder Verständlichkeit ändern oder weglassen.

Im Klartext: Wenn das nicht druckreif Gesprochene mehr wortwörtlich als dem Wortsinn nach wiedergegeben wird. Dann steht der Interviewte blöd da. Der Leser jedenfalls münzt sein niederschmetterndes Urteil nur auf den Interviewten, nicht auf den Schreiber, der die Antworten – aus welchen Gründen auch immer – nicht in ordentliches Deutsch fassen konnte.

Da mag man einwenden, dass im angloamerikanischen Sprachraum autorisierte Interviews verpönt sind, dass Autorisieren halt eine deutsche, in Teilen auch kontinentaleuropäische Marotte ist. Mag sein. Aber in den USA, in England oder in Australien haben ausgefuchste PR-Strategen ihren "Schützlingen" längst beigebracht, ja nicht allzu konkret zu werden, bei Allgemeinplätzen zu bleiben, kurze Sätze zu sprechen, lange Pausen einzubauen und auch beim drängendsten Insistieren des Journalisten sich nicht aus der Reserve locken zu lassen. Entsprechend lesen sich viele Interviews in dieser ach so erlesenen pressefreundlichen Gesellschaft der Edlen. Vielfach eben bla, bla, bla ...

Journalisten müssen sich gegenseitig kontrollieren

Sicherlich wird das Autorisieren auch missbraucht, wenn der Duktus des Interviews verändert, die Botschaft umgeschrieben wird. Auch das muss man sich nicht gefallen lassen. Papierkörbe in Redaktionen haben ein großes Fassungsvermögen. Klagen über die Ungebührlichkeit des im vorauseilenden Gehorsam agierenden Pressesprechers helfen nicht. Man muss auch kämpfen, auf Augenhöhe und mit den gleichen Waffen. Das Risiko bleibt, dass der mediale Wettbewerber auf das unmoralische Angebot eingeht und das "zensierte" Interview veröffentlicht. Den ungebührlichen Eingriff erkennt der Leser ja nicht. Da wäre es durchaus angebracht, über den "unsoliden" Wettbewerber eine bittere Sottise ins eigene Blatt zu heben, wofür sich dann die meisten wieder zu schade sind. So schnell hackt eine Krähe der anderen halt kein Auge aus. Viele Journalisten sind im Austeilen, wenn es um Gott und die Welt geht, Weltmeister. Wenn es um die eigene Zunft geht, bestenfalls Bezirksligisten.

Wenn ein Sportler Formulierungsprobleme hat, nimmt das niemand krumm. Manchmal dient es sogar der Unterhaltung – und dabei darf einem nicht nur Giovanni Trappatoni einfallen, der als Italiener kaum der deutschen Sprache mächtig sein muss. Bei Wirtschaftsführern können sprachliche Handicaps dagegen schnell auch unangenehme Fragen nach sich ziehen. Aus dieser Spannungssituation entstehen leicht Aversionen gegen Journalisten ganz allgemein. Manager und Unternehmer stehen heutzutage viel stärker unter öffentlicher Beobachtung, als dies noch vor ungefähr zwei Dekaden der Fall war, wogegen nichts einzuwenden ist. Aber die Vorsicht, mit Journalisten zu sprechen, nimmt eben entsprechend zu. Das mag man aus Journalistensicht bedauern, man kann es auch kritisieren. Aber offensichtlich haben sich Wirtschaftsführer und Journalisten immer weniger zu sagen. Das war auch schon mal anders.

Investigativer Journalismus ist oft "schwarze" PR

Hinzu kommt: Etliche Redaktionen haben Investigativteams gegründet, um den Mächtigen auf die Finger zu klopfen. Das gehört heute zu einem publizistischen Geschäftsmodell. Aber es ist der Wettbewerb unter den Medien, der dafür sorgt, dass zuweilen Selbstverständlichkeiten zu Skandalen hochstilisiert werden. Was dem Leser dabei nicht vermittelt wird, ist die Variante, wie – in Teilen jedenfalls – investigativ arbeitende Journalisten ihre Zeitungsspalten für verdeckte PR zur Verfügung stellen, oftmals auch für "schwarze" PR, für Denunziation also, für Verdächtigungen oder Gerüchte. Einige PR-Agenturen organisieren das durchaus geschickt, wenn derjenige, der ein Interesse an der Verleumdung des anderen oder an der Herabsetzung von dessen Produkt hat, gut honoriert. Pfiffige Spin-Doctors versprechen für solches Entgegenkommen der Journalisten dann eine Exklusivgeschichte.

Und den Scoop braucht man offensichtlich heute, wenn man nicht gerade für die "Neue Zürcher Zeitung" oder die "International Herald Tribune" schreibt. "Effiziente" PR ist, wenn Kampagnen so organisiert werden, dass für das Publikum nicht ersichtlich ist, wer dahintersteckt. Vogelgrippe (Profiteur Pharmagigant Roche), Schweinegrippe (Profiteur GlaxoSmithKline). Hervorragende Beispiele für Lehrbücher der PR, fraglos. Und die Rolle der Journalisten dabei? Ein Scoop ist immer stärker als die eigene Skrupel.

Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben

"Wenn ein Journalist einmal etwas Genaueres über seinen Beruf erfahren möchte, sollte er vielleicht versuchen, selbst zum Gegenstand von Journalismus zu werden. Das könnte ihn ernüchtern, und sogar der Kater danach wäre womöglich gesund." Herbert Riehl-Heyse, einer der angesehensten deutschen Journalisten, schrieb diese wahren Sätze, als es der "Süddeutschen Zeitung" wirtschaftlich elendig ging und sie die Häme der konkurrierenden Medien zu spüren bekam. Dabei ist das, was der "Süddeutschen" widerfahren ist und Riehl-Heyse so aufgeregt hat, alltägliche Praxis in den Medien. Es ist ja auch klar: Der Anspruch, dem Journalisten gerecht werden sollen, nämlich aufzuklären, die Welt erklären, unabhängig zu sein und objektiv zu berichten, verleitet eben zu Selbstgerechtigkeit. "Tut mir leid", so der Schweizer Journalist und Autor Constantin Seibt, "so etwas wie Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben."

Gegenlesen? Ach ja. Man lässt journalistische Beiträge nicht gegenlesen. Punkt. Und man lässt Wortlaut-Interviews autorisieren, weil sie sonst an Wahrhaftigkeit und Bedeutung verlieren. Man möchte den Journalisten zurufen: Begegnet denen, die euch kujonieren wollen und denjenigen der gleichen Sorte, die euch mit Scoops füttern, auf Augenhöhe. Und beklagt euch nicht, wenn euch das nicht gelingt. "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr", fasste Martin Walser das Grundproblem der zivilisatorischen Auseinandersetzung zusammen. Und dabei hatte er noch nicht einmal die Presseszene im Auge. Man kann es auch, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, deutlicher sagen: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners."

 

Anton Hunger ist Mitglied des Beirats von Kontext. Er ist Journalist und war 17 Jahre lang Pressechef bei Porsche.


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