KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Nervensägen im Netz

|

Datum:

Mit unseren Artikeln wollen wir aufklären, aber auch Debatten anstoßen. Deshalb lieben wir unsere KommentatorInnen. Meistens jedenfalls. Wenn die Trollerei allerdings zu doll wird, hauen wir die Bremse rein. Und ab sofort gilt außerdem: Wer ohne Mail-Adresse kommentiert, fliegt. Da kennen wir kein Pardon.

Die Netiquette ist so alt wie Diskussionsforen im Internet – und hat doch die Streitkultur um keinen Deut verfeinert. Gelesen wird der Umgangsknigge im Netz so wenig wie die Beipackzettel von Medikamenten. Und falls doch, hält sich kaum einer dran. Es nützt also nix, zu sagen: keine antisemitischen und rassistischen Aussagen, keine Beleidigungen oder sexuelle Belästigungen, keine Verleumdung oder rufschädigenden Inhalte, sonst landet der Kommentar nicht im Netz, sondern im Papierkorb. Und das sind noch nicht mal die Feinheiten. Denn außerdem schadet ein Minimum an Fakten keineswegs. Und auch eine gewisse Kenntnis der Rechtschreibung tut einer Meinungsäußerung keinen Abbruch. Doch das scheint sich bei einigen noch nicht rumgesprochen zu haben.

Wie gesagt: Meistens lieben wir unsere KommentatorInnen. Etwa, wenn sie sich argumentativ ausgefeilt, süffisant spitz oder argumentativ kämpferisch an der Position von Peter Conradi abarbeiten, wie in der vergangenen Ausgabe. Okay, das ist nicht allen gelungen, Schwamm drüber. Aber doch den meisten. So gefällt uns das. Doch auch bei Kontext trollen die Nervensägen. Reagieren Freikirchen auf Artikel mit einer Flut organisierter Empörungsbekundungen. Machen sich die Rechten stark, wenn ihre Haus- und Magenband Böhse Onkelz kritisiert wird. Versuchen Provokateure, sich unter verschiedenen Namen einzuloggen. Und auch bei uns gibt es Menschen, die ihren Kommentar im ersten Furor raushauen und ihn später wieder zurückholen wollen.

So hübsch durchgeknallt wie in Springers "Welt" argumentieren unsere LeserInnen allerding nicht. Dort müssen sich Journalisten mit Beleidigungen rumschlagen wie solchen: "Aber auf der Titelseite Scheiss Pegida schreien. Reicht es bei der Welt Abgangszeugnis 5. Klasse zu haben um Redakteur zu werden?" Original-Zeichensetzung! Die Antwort des Facebook-Teams: "Nein, man muss gar keine Schule besucht haben. Aber dafür muss man seinen Namen mit einer Stange Lauch im Mund rückwärts buchstabieren können." Ironie statt Verzweiflung.

Dabei haben sich von "Süddeutscher Zeitung" bis zu "Spiegel" schon viele Mahner daran versucht, die größten Meinungs-Talibane einzufangen. Da gab es serienweise kluge Beiträge für eine öffentliche Streitkultur. Da wurden besonnene Mails an die größten Krakeeler geschrieben. Geholfen hat es wenig. Nun trollen Journalisten zurück. Und das macht ganz offensichtlich mehr Spaß.

Die "Welt" macht es seit ein paar Wochen vor. Ironisch, frech, witzig. Auf Facebook kann man den Schlagabtausch mit notorischen Netzbeschmutzern nachvollziehen, und das ist lustiger als die Bemühungen manches Humoristen. Inzwischen hat das journalistische Anti-Troll-Team schon eine Unterstützergruppe im Netz. "Fans des gleichgeschaltet-ironischen Journalistenzirkels" nennen sie sich, und ihre Devise lautet: "Als Fans lieben wir gleichgeschaltete Medien, Ironie und Sarkasmus und subtile Komplimente für fehlende Kopfkapazitätseffektivität."

Verunglimpfungen und persönliche Beleidigungen gibt es nicht erst, seit es das Netz gibt. Wer, völlig analog und mit der guten alten Post, schon einmal den eigenen Artikel zugeschickt bekam, mit dem sich ein besonders pfiffiger Anonymus den, pardon, Arsch abgewischt und mit dem sinnigen Spruch "Ausländerhure" versehen hat, der versteht, dass Zurückkoffern Spaß macht. Zumal sich die Sekretärin ab sofort weigerte, weitere Post zu öffnen. Im Netz ist die Beleidigung auf Fäkalniveau wenigstens geruchsfrei.

Wir bei Kontext können leider kein Journalistenteam zur kreativen Trollabwehr finanzieren. Wir können nur sagen: Liebe KommentatorInnen, wir unterstützen die im Internet leider sehr vernachlässigte Tendenz zum Zweitgedanken.

Das dient der Schärfe des Gedankens. Außerdem fördert es die Lesbarkeit, wenn man die Argumente nicht unter dem Müll von 30 Rechtschreib- und Satzfehlern suchen muss. Das Netz mag schnell sein, aber wir sind nicht auf der Flucht. Und mit dem Kopf denkt es sich nun mal besser als reflexhaft übers Rückenmark.

Und noch etwas machen wir ab heute. Wer in Zukunft keine E-Mail-Adresse angibt, wird grundsätzlich nicht mehr freigeschaltet, auch wenn seine Gedanken in die intellektuellen Höhen einer Simone de Beauvoir fliegen. Denn nur über eine E-Mail-Adresse haben wir überhaupt die Möglichkeit, Kontakt mit KommentatorInnen aufnehmen und sie wenigstens ansprechen, wenn auch meist nicht unter dem richtigen Namen. Hallo Herr oder Frau Schwabe, Lieber Invinoveritas, Sehr geehrter rainbow-warrior  mancher hat schon Post von uns bekommen. 

Es gibt tatsächlich Kontext-KommentatorInnen, die haben den Mut, mit ihrem Echtnamen zu ihrer Meinung zu stehen, wie etwa Heike Schiller, Uli Scheuffele oder Bruno Bienzle. Die mögen wir, die wir jede Woche mit unserem Namen unsere Artikel verantworten, besonders gern. Wer sich weiter hinter anonymen Alias wie Umländer, A. Gramsci oder Hans Dampf verstecken will, mag das mit sich selber, seinem Stolz und seinem aufrechten Gang ausmachen. Aber ohne E-Mail-Adresse läuft in Zukunft nichts mehr.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


13 Kommentare verfügbar

  • Richard Schönfeld
    am 17.01.2015
    Antworten
    Wer sich an einem echten Meinungsaustausch beteiligt, mit dem Interesse, seine Meinung zu bilden oder zu ändern, braucht sich nicht zu verstecken. Wer seine unveränderliche Meinung dort nur ver- oder austeilen will und anonym bleibt, beansprucht zuviel Raum, hintertreibt den Sinn des Forums,…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!