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Symposium "Kultur sanieren"

Interim für zwanzig Millionen

Symposium "Kultur sanieren": Interim für zwanzig Millionen
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Auf ein bis zwei Milliarden Euro wird die Stuttgarter Opernsanierung geschätzt. Dazu kommt ein Interim, das bei 289 Millionen angekommen ist. Ein Symposium an der Hochschule für Technik macht deutlich: Es gibt Alternativen. Wie Nürnberg und Kassel zeigen.

Ein plakativer, wenn auch nicht ganz eindeutiger Titel: "Kultur sanieren" war ein Symposium der Hochschule für Technik Stuttgart (HfT) am vergangenen Freitag überschrieben. Streng genommen ging es um Orte der Kultur, gemeint war die kostspielige Sanierung von Theater- und Opernbauten, ein Thema, das nicht nur in Stuttgart heiß diskutiert wird. In seiner Ankündigung traf der Verein aed (Architektur, Engineering, Design) den Nagel auf den Kopf: "Die Sanierung der deutschlandweit in die Jahre gekommenen Häuser ist unausweichlich, gleichzeitig sind die Kassen vieler Kommunen leer. Was tun?"

Max Haug, seit einem Jahr als Professor der HfT und zuvor selbst in das Projekt der Stuttgarter Opernsanierung involviert, hatte dazu eingeladen. Mit dem Symposium wollte er Fachleuten, die mit der Sanierung und dem Bau von Theater- und Opernhäusern zu tun haben, eine neutrale Plattform bieten, um "Perspektiven zum strategischen Aufsetzen und Verwirklichen von Kulturbauprojekten" zu diskutieren. Mit anderen Worten: um zu sehen, wie verschiedene Städte mit dem Problem umgehen, und wo möglich vorbildliche oder neue Wege aufzuzeigen.

Stuttgart: von 18 Millionen auf 1,5 Milliarden

Zunächst zu Stuttgart: Ganz am Anfang, vor fast zwanzig Jahren, wurde der Sanierungsbedarf für die Spielstätte der Staatsoper im Littmannbau mit 18 Millionen Euro beziffert. Dann kam vor zwölf Jahren das Gutachten des Büros Kunkel, das den Betrag auf 300 Millionen korrigierte. Daraus wurden bald 500 Millionen, dann fast eine Milliarde, die aber wirklich die Obergrenze sein sollte. Mit den inzwischen eingetretenen Baukostensteigerungen sind das mindestens 1,5 Milliarden.

Dazu kommt die Interimsspielstätte, die vom Eckensee vor der Oper an das frühere Bahnpostamt wandern sollte. Womit Opernintendant Viktor Schoner gut hätte leben können, denn er inszenierte sofort in den rohen Hallen den "Blaubart" von Bela Bartók (Kontext berichtete). Doch dann sollten die veranschlagten 116 Millionen Euro zu teuer sein, während derselbe Bau an der Wagenhalle nur 89 Millionen kosten sollte. Oder besser, hätte sollen. Inzwischen ist auch diese Lösung bei 289 Millionen angekommen.

Köln: von 253 Millionen auf 1,5 Milliarden

Köln hat das Debakel schon fast hinter sich. 2012 in Angriff genommen, sollte die Opernsanierung drei Jahre später beendet sein. Dann stiegen die Kosten, und es dauerte alles immer länger. Vor zwei Jahren übernahm Jürgen Marc Volm, der Vorgänger von Max Haug an der HfT Stuttgart. Er stieß auf ein heilloses Durcheinander, sagt er im Symposium: zu viele Beteiligte, zu viele Schnittstellen, die Verantwortlichkeiten waren nicht klar. Er musste Vertrauen aufbauen. Das scheint ihm gelungen. Das Haus wird am 20. September wieder eröffnen.

Die Kosten sind indes von 253 Millionen auf rund 1,5 Milliarden gestiegen: die bisher wohl teuerste Opernsanierung. Doch Stuttgart ist jetzt schon dabei, Köln den Rang abzulaufen. Dabei hat die Sanierung noch gar nicht begonnen. Und das Interim kostet zusätzlich – und zwar nicht wenig, während in Köln die Einrichtung wechselnder Ausweichstandorte schon eingerechnet ist.

Ist es eigentlich unvermeidlich, dass die Kosten steigen und steigen und die Bauzeiten sich immer weiter in die Länge ziehen? Die Antwort lautet: nein. Das Münchner Volkstheater, in drei Jahren erbaut, blieb genau im Zeit- und Kostenrahmen. "Das Wunder von München" titelte die Süddeutsche Zeitung: "Pünktlich, skandalfrei und auch noch schön." Architekt war der 2023 verstorbene Stuttgarter Arno Lederer, der mit seinem Büro LRO eng mit dem Bauunternehmen Georg Reisch aus Bad Saulgau zusammenarbeitete.

Nürnberg: ähnliches Vorhaben, andere Umsetzung

Ein Theater ist keine Oper und ein Neubau etwas anderes als eine Sanierung. Mit dem Stuttgarter Interim eher vergleichbar ist der Ergänzungsbau der Nürnberger Staatstheater, an dem Reisch und LRO seit zwei Jahren arbeiten. Er soll schon im kommenden Jahr fertig sein und 2028 eröffnen. "Nürnberg ist ein spezielles Projekt", stellte Katja Pütter, geschäftsführende Gesellschafterin bei LRO, auf dem Symposium fest. Nach Beschluss des Gemeinderats 2021 entsteht der Bau in der unvollendeten Kongresshalle des Reichsparteitagsgeländes. Die NS-Architektur steht unter Denkmalschutz, der historische Eindruck soll möglichst wenig beeinträchtigt werden.

Das Nürnberger Staatstheater ist ein Dreispartenhaus wie in Stuttgart, nur etwas kleiner. Der Ergänzungsbau soll als Ausweichspielstätte für das 1905 erbaute Opernhaus und für das Theater von 1959 dienen. Dass sie Ergänzungsbau und nicht Interim genannt wird, liegt daran, dass der Freistaat Bayern nur Bauten fördert, die auf Dauer angelegt sind, erklärt Wolfgang Müller, der Projektleiter des Bauunternehmens, neben Hans-Jörg und Andreas Reisch auch einer der drei Geschäftsführer der Georg Reisch GmbH.

Der Ergänzungsbau ist außen komplett begrünt. Er enthält nur die Spielstätte, die für 800 Zuschauer:innen ausgelegt ist, während Werkstätten, Umkleiden, Übungsräume und alles Weitere in drei Segmenten des historischen Ovals untergebracht sind. Die Spielstätte soll 90 Millionen Euro kosten, für die Nebenräume, die separat ebenfalls an Reisch vergeben wurden, sind ungefähr weitere 50 Millionen zu veranschlagen. Das ergibt 140 Millionen: weniger als halb so viel wie das Stuttgarter Interim. Selbst wenn man berücksichtigt, dass der Zuschauerraum in Stuttgart um ein Viertel größer werden soll, kämen kaum mehr als 160 Millionen Euro heraus.

"Das war ein verbindliches Angebot", betont Wolfgang Müller. Früher habe man für Baukostensteigerungen nur einen geringen Betrag in Höhe der Inflationsrate ansetzen müssen. In den heutigen "unruhigen Zeiten", von der Finanzkrise 2008 bis zum Ukrainekrieg und darüber hinaus, habe sich dies geändert. Dennoch: "Bei zwei bis drei Jahren Bauzeit kann ich die Aufträge schon jetzt so vergeben, dass es dabei bleibt."

Hilfreich ist, wenn der Bauherr sagt, was er will

Reisch und LRO sind ein eingespieltes Team. Sie arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Mit dem Kunstmuseum Ravensburg sorgten sie schon 2012 für Aufsehen. Dass sie bei Projekten wie dem Volkstheater den Kostenrahmen einhalten, liegt am "Planen-Bauen-Verhandlungsverfahren", wie Müller es nennt: Der Bauherr schreibt einen Wettbewerb aus, der sich an Teams von Architekten und Bauunternehmen richtet, die sofort ein verbindliches Angebot einreichen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass der Bauherr genauestens sagt, was er haben will: Auf 789 Seiten war dies im Fall des Münchner Volkstheaters festgehalten.

Der Bauherr hat also im Vorfeld viel mehr Arbeit, kann sich dann aber auf das Angebot verlassen. In einem gewöhnlichen Verfahren spielen dagegen ökonomische Gesichtspunkte zunächst keine Rolle. Auf der Basis eines Architekturwettbewerbs werden alle Arbeiten europaweit ausgeschrieben. Die Anbieter versuchen sich zu unterbieten, um den Zuschlag zu erhalten, und anschließend dennoch ihren Schnitt zu machen. Preissteigerungen und gegenseitiges Misstrauen sind die Folge, bis hin zu Insolvenzen. Anders bei einem Generalübernehmer: Er kennt seine Partner und kann verlässlich planen.

Während sich Nürnberg auf seinen Ergänzungsbau freut, der in zwei Jahren eröffnen soll, mag im Moment allerdings niemand daran denken, inwieweit sich die Stadt die Sanierung ihrer historischen Spielstätten überhaupt noch leisten kann. Ein Präzedenzfall ist Ingolstadt: Das Stadttheater ist nicht mehr betriebssicher. Die Aufführungen finden an wechselnden, kleineren Standorten statt. Die Sanierung ist auf unbestimmte Zeit vertagt. Kosten von 180 Millionen Euro steht ein Haushaltsloch von 66 bis 80 Millionen gegenüber.

Kasseler Interim erschloss neue Besucherschichten

Solche Probleme hat Kassel nicht. Das dortige Operninterim mit 850 Plätzen, im vergangenen Herbst nach nur 15 Monaten Bauzeit eröffnet, hat nur rund 20 Millionen Euro gekostet, den Rückbau in fünf bis sechs Jahren mitgerechnet, mögliche Einnahmen durch eine Wiederverwertung an anderen Orten noch nicht. "Außen Fabrikhalle, innen Hochkultur", titelte die Nachrichtensendung "Hessenschau". Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne), zugleich Kulturdezernent, drückte aufs Tempo: um eine Unterbrechung des Spielbetriebs zu vermeiden und seine Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Dahinter steht aber auch eine Haltung. Beim Theater gehe es um "die gesellschaftlichen Belange", diagnostiziert der Ingenieur Bjørn Most, der das Projekt auf dem Symposium vorstellt. Das Theater solle die Gesamtgesellschaft ansprechen, doch bei näherem Hinsehen sei dies überhaupt nicht der Fall. Diejenigen, die sich bis dato nicht trauten, die heiligen Hallen der Hochkultur zu betreten, fühlten sich aber von einem schlichten, äußerlich anspruchslosen Bau angezogen.

Während Marc-Oliver Hendriks, der geschäftsführende Intendant der Stuttgarter Staatstheater, immer betont, jeder Abstrich am Interim in der Größe, in der Ausstattung oder im repräsentativen Aufwand würde unweigerlich zu einem Besucherrückgang führen, lehrt die Erfahrung aus Kassel also das genaue Gegenteil: Mit einem unspektakulären, schnell errichteten Bau lassen sich neue Besucherschichten erschließen.

Wer fehlte, war die Stadt Stuttgart

In einer zentralen Fishbowl-Diskussion hatten die ständig wechselnden Teilnehmer:innen des Symposiums noch eine Vielzahl weiterer Anregungen parat, augenblicklich in Wort und Bild festgehalten von einem Team um den Moderator Andreas Fuchs. 60 Blätter hingen anschließend an drei Stellwänden, auf denen Sätze standen wie: "Interim als Testfeld nutzen", "In der Beschränkung liegt die Chance" oder "Interimsbauten werden länger stehen". Ein Paradebeispiel dafür ist das Interim für das Münchner Kulturzentrum Gasteig: Die viel gerühmte "Isarphilharmonie", im Oktober 2021 eröffnet, hat wohl noch eine glänzende Zukunft vor sich.

Eine anregende Diskussion. Wer fehlte, war nur die Stadt Stuttgart, die Verwaltung ebenso wie der Gemeinderat, wie der Organisator des Symposiums Max Haug bedauernd feststellte. Als ob sie das Thema nichts angehe. Sara Dahme von der SPD war die einzige anwesende Stadträtin, betonte aber, sie sei als kulturinteressierte Bürgerin da. Sie hat den Eindruck, Stadt und Land hätten ohnehin alles längst beschlossen.

"Sagt uns doch endlich mal, was ihr euch leisten könnt", schlug Thomas Lüdicke, Eigentümer der Agentur theapro vor, "dann sehen wir, was wir damit anfangen können." Die allermeisten Kultuinstitutionen können sowieso nicht anders handeln, wie sich gerade auch angesichts der allgegenwärtigen kommunalen Kürzungen zeigt. Nur für die Stuttgarter Staatstheater sollen andere Regeln gelten. Wie das bei einem Milliardenloch im Haushalt funktionieren soll, bleibt unerfindlich.

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