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Premiere "Life" im Theater der Altstadt Stuttgart

Die Welt bleibt stehen

Premiere "Life" im Theater der Altstadt Stuttgart: Die Welt bleibt stehen
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Die Performance "Life" im Stuttgarter Theater der Altstadt wirft einen Blick mitten ins Leben, wo der Tod ist. Ein aufrichtiges Stück über das Sterben der krebskranken Schülerin Maja.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog künftig um eine spannende Facette erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, Premierenberichte verschwinden aus den Feuilletons und die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten.  (lee)

Wie ist das, wenn das Leben plötzlich relativ wird? Relativ einsam, weil man einen Weg vorgezeichnet bekommt, den man allein gehen muss. Oder relativ kurz. Weil man kein Kind mehr ist und schon vieles weiß, vor allem, dass man die Volljährigkeit nicht erleben wird. Wie ist das, wenn einem das todsichere, aber ferne Ende plötzlich unzeitig nahe kommt? Wenn ein anderer in einem wohnt und der ungebetene Gast einen aus dem eigenen Körper schmeißt? Es ist furchtbar und unspektakulär, herzzerreißend und bürokratisch, surreal und manchmal verdammt vital.

In einem lapidaren Satz bringt die elfjährige Maja auf den aussagekräftigen Punkt, wie ihr nach der Knochenkrebsdiagnose alles vorkam: "Die Welt schien weiterzugehen, obwohl meine stehengeblieben war." Sie blickt wie von außen ins fremd gewordene Vertraute, fühlt sich wie "von einem anderen Planeten".

Wie ein anderes Planetensystem hängt eine Konstellation kugelrunder Leuchten, globusgroßer reflektierender Murmeln über der Bühne des Stuttgarter Theaters der Altstadt (Bühnenbild von María Martínez Peña): vieldeutig, kalt und tröstlich zugleich. Unter diesem Firmament glimmt sterile Klinikatmosphäre, aber auch die vage Zuversicht, dass einem das kosmische Licht nicht mit dem irdischen ausgeht. Ähnliches signalisieren die auf den Fransenvorhang an der Rückwand projizierten Bilder von herbstlichen Blättern und anderem vergehend-entstehenden Pflanzenwerk. In diesen Symbol- und Bedeutungsraum zwischen ewigen Zyklen der Natur und transzendentalem Zwielicht stellt Altstadt-Chef Christof Küster keine Inszenierung, sondern ausdrücklich eine Performance nach dem Buch "Life. Lebenszeit und Augenblick" von Maja und Daniela Aldinger. Premiere war exakt an Majas zehntem Todestag.

Sprachlosigkeit und geheucheltes Mitleid

Maja und ihre alleinerziehende Mutter dokumentieren in dem Buch ihr gemeinsames Leben vom November 2011 bis zum 18. März 2016, von der Krebsdiagnose bis zum Tod mit 16 Jahren: ein Protokoll der extremen Ausschläge, der Höhen und Tiefen, der niederschmetternden Befunde und der unsterblichen Hoffnung, der qualvollen Therapien und der Sehnsucht nach Normalität, die sich unter der Last solchen Schicksals in schiere Utopie verwandelt. Der Titel "Life" ist Programm: kein Buch über den Tod, sondern über das Leben – freilich ein zu extremer Intensität komprimiertes Leben im Angesicht eines Todes, der sich in keine ferne, ordnungsgemäß gealterte Zukunft wegschieben lässt. 

Alltägliches wird zur Katastrophe – oder zur Sensation. Zum Beispiel Erdbeeren, Majas Leibspeise. Sie darf sie nicht mehr essen. Vielleicht wieder nach der Chemo. Die Mutter wird sie ihr aufs Grab pflanzen. Oder dieser "Hubbel" auf dem linken Bein, der nur ein bisschen weh tut. Warum ist die Orthopädin nach dem Röntgen so "unfreundlich und schockiert"? Man verkündet als Ärztin nicht so gern Todesurteile.

So bricht sich mitten in der Weißkittel-Wissenschaft Archaisches Bahn. Ein Fluch haftet an den Todgeweihten, Aussätzige sind sie, man will nichts mit ihnen zu tun haben. In den sozialen Reflexen kehrt das uralte, zivilisatorisch nie bewältigte Tabu wieder. Jetzt, wo sie Krebs hat, scheuen viele aus Majas Klasse den Kontakt, brechen ihn sofort ab oder kommen nach einem Pflichtbesuch nie wieder. Sie sieht es ihnen nach und zieht sich selbst zurück, als wäre sie schon tot, eine Zumutung für die Lebendigen.

Als die Tochter gestorben ist, muss sich Majas Mutter, eine Erzieherin, fragen lassen, ob sie überhaupt noch arbeiten könne – und dann auch noch mit Kindern. Unverkennbar die doppelte Heuchelei der Frage: Als ob es um Fürsorge ginge und nicht ums Loswerden, und als ob es um Fürsorge für sie ginge und nicht für die Kita-Kinder, die man vor einer solchen Frau schützen zu müssen glaubt.

Die ungeschriebenen, unausgesprochenen Regeln der sozialen Ausgrenzung werden deutlich, aber nicht mit Anklägerrot markiert: Was den Text stärker, den Befund eindringlicher macht. Wie überhaupt in diesem Buch Trauer nicht mit Larmoyanz verwechselt wird. Emotionaler als emotionalisierender Tränendrüsendruck lassen Klarheit des Befindens und Nüchternheit des Berichtens den Schmerz zutage treten. Ebenso die Freude und die Schönheit, selbst im Widersprüchlichen, scheinbar Unpassenden wie der Faszination durch den toten, sich immer noch erwärmenden Körper.

Maja hat entschieden, auf weitere Chemo-Pein zu verzichten. Sie will sofort ihr Leben zurück, statt es um ein paar Monate zu verlängern. Und sie bekommt es: auf einer USA-Reise, beim Shopping in New York, als gäbe es eine Zukunft. Sie fragt nicht nach ihr, sondern erlebt überschwängliche Moment im Jetzt. Und ja: Es gibt nicht nur Ausgrenzung, es gibt auch Solidarität. Eine private Spendenkampagne hat den Trip erst möglich gemacht. 

Die Musik sagt, was Worte nicht können

Am Ende ist Maja, in den Worten ihrer Mutter, "ein sehr gereifter Mensch, ein Kind, eine Jugendliche, die ihr Leben lebt, es genießt, so lange es möglich ist, um dann zu gehen, in Frieden". Den Frieden mit Gott und der Welt hat sie gefunden bei einer Evangelischen Freikirche. Zehn Tage vor ihrem Tod ließ sie sich taufen. Der Mutter bleibt die bitterste aller Freiheiten – die Leere: "Ich kann jetzt tun und lassen, was ich will." Nur "wird mich niemand mehr Mami rufen – niemand". Den geistlichen Beistand, den ihr die Tochter mitgibt ("Ach Mama, wir sehen uns eh da oben wieder"), hat sie auf ihre Weise geerdet: "Ich vermisse Maja nicht allzu sehr, da sie ein Teil von mir ist und immer bleiben wird."

Der Silberstreif am Jenseitshorizont hat nichts missionarisch Aufdringliches, vielmehr etwas existenziell Natürliches in dieser Extremsituation der Existenz. Und deshalb darf Maja ausgerechnet zum Sakro-Pop-Ohrwurm "Laudato si" noch einmal so gelöst durchs Leben schwingen, wie sie es sich immer gewünscht hat. Es war Küsters Idee, Tochter und Mutter auf der Bühne die Klarinettistin Hannah Maria Humpert als non-verbale Dritte zur Seite zu stellen und manchmal verbal in den Text einsteigen zu lassen. In der Musik klingt, was Worte nicht sagen können – oder wollen: die als Signalhupen persiflierten Ärztekommandos bei der Visite.

In Küsters Performance geht es nicht um die Darstellung von Rollen, sondern von Texten. Zwar steht Britta Scheerer für Mutter Daniela und Christina Uhland für Tochter Maja. Doch die Balance von Erzähltheater und Sprechoratorium, zu der Scheerer sofort findet und in die sich Uhland etwas hineintasten muss, entwickelt eine eigene, fesselnde Rhythmik von Text und Aussage, die nicht auf Dialog und Verkörperung zielt. Dass einzelne Worte oder Passagen im Trio gesprochen werden, bricht obendrein das Rollenkorsett auf. 

Was die exemplarische Bedeutung dieser völlig unfiktionalen Chronik eines angekündigten Todes unterstreicht. Vor ihr selbst sterben Maja Freunde und Freundinnen aus Kliniken und Rehas weg. "Life" wirft einen Blick in diese Lebens- und Sterbenswelt der Kinderonkologien, von der wir nichts wissen wollen, einen Blick mitten ins Leben, wo der Tod ist. Aber die Theaterperformance huldigt keiner Vergänglichkeitsästhetik, sondern bewirkt mit ihrer emotionalen Aufrichtigkeit und Präzision sehr Reelles: Verständnis. Es kann jederzeit jede und jeden angehen.


Das Stück "Life" im Theater der Altstadt, Rotebühlstraße 89, Stuttgart-West, ist noch am 3. und 30. April sowie am 1. und 2. Mai zu sehen.

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