Wie ist das, wenn das Leben plötzlich relativ wird? Relativ einsam, weil man einen Weg vorgezeichnet bekommt, den man allein gehen muss. Oder relativ kurz. Weil man kein Kind mehr ist und schon vieles weiß, vor allem, dass man die Volljährigkeit nicht erleben wird. Wie ist das, wenn einem das todsichere, aber ferne Ende plötzlich unzeitig nahe kommt? Wenn ein anderer in einem wohnt und der ungebetene Gast einen aus dem eigenen Körper schmeißt? Es ist furchtbar und unspektakulär, herzzerreißend und bürokratisch, surreal und manchmal verdammt vital.
In einem lapidaren Satz bringt die elfjährige Maja auf den aussagekräftigen Punkt, wie ihr nach der Knochenkrebsdiagnose alles vorkam: "Die Welt schien weiterzugehen, obwohl meine stehengeblieben war." Sie blickt wie von außen ins fremd gewordene Vertraute, fühlt sich wie "von einem anderen Planeten".
Wie ein anderes Planetensystem hängt eine Konstellation kugelrunder Leuchten, globusgroßer reflektierender Murmeln über der Bühne des Stuttgarter Theaters der Altstadt (Bühnenbild von María Martínez Peña): vieldeutig, kalt und tröstlich zugleich. Unter diesem Firmament glimmt sterile Klinikatmosphäre, aber auch die vage Zuversicht, dass einem das kosmische Licht nicht mit dem irdischen ausgeht. Ähnliches signalisieren die auf den Fransenvorhang an der Rückwand projizierten Bilder von herbstlichen Blättern und anderem vergehend-entstehenden Pflanzenwerk. In diesen Symbol- und Bedeutungsraum zwischen ewigen Zyklen der Natur und transzendentalem Zwielicht stellt Altstadt-Chef Christof Küster keine Inszenierung, sondern ausdrücklich eine Performance nach dem Buch "Life. Lebenszeit und Augenblick" von Maja und Daniela Aldinger. Premiere war exakt an Majas zehntem Todestag.
Sprachlosigkeit und geheucheltes Mitleid
Maja und ihre alleinerziehende Mutter dokumentieren in dem Buch ihr gemeinsames Leben vom November 2011 bis zum 18. März 2016, von der Krebsdiagnose bis zum Tod mit 16 Jahren: ein Protokoll der extremen Ausschläge, der Höhen und Tiefen, der niederschmetternden Befunde und der unsterblichen Hoffnung, der qualvollen Therapien und der Sehnsucht nach Normalität, die sich unter der Last solchen Schicksals in schiere Utopie verwandelt. Der Titel "Life" ist Programm: kein Buch über den Tod, sondern über das Leben – freilich ein zu extremer Intensität komprimiertes Leben im Angesicht eines Todes, der sich in keine ferne, ordnungsgemäß gealterte Zukunft wegschieben lässt.
Alltägliches wird zur Katastrophe – oder zur Sensation. Zum Beispiel Erdbeeren, Majas Leibspeise. Sie darf sie nicht mehr essen. Vielleicht wieder nach der Chemo. Die Mutter wird sie ihr aufs Grab pflanzen. Oder dieser "Hubbel" auf dem linken Bein, der nur ein bisschen weh tut. Warum ist die Orthopädin nach dem Röntgen so "unfreundlich und schockiert"? Man verkündet als Ärztin nicht so gern Todesurteile.
So bricht sich mitten in der Weißkittel-Wissenschaft Archaisches Bahn. Ein Fluch haftet an den Todgeweihten, Aussätzige sind sie, man will nichts mit ihnen zu tun haben. In den sozialen Reflexen kehrt das uralte, zivilisatorisch nie bewältigte Tabu wieder. Jetzt, wo sie Krebs hat, scheuen viele aus Majas Klasse den Kontakt, brechen ihn sofort ab oder kommen nach einem Pflichtbesuch nie wieder. Sie sieht es ihnen nach und zieht sich selbst zurück, als wäre sie schon tot, eine Zumutung für die Lebendigen.
Als die Tochter gestorben ist, muss sich Majas Mutter, eine Erzieherin, fragen lassen, ob sie überhaupt noch arbeiten könne – und dann auch noch mit Kindern. Unverkennbar die doppelte Heuchelei der Frage: Als ob es um Fürsorge ginge und nicht ums Loswerden, und als ob es um Fürsorge für sie ginge und nicht für die Kita-Kinder, die man vor einer solchen Frau schützen zu müssen glaubt.
Die ungeschriebenen, unausgesprochenen Regeln der sozialen Ausgrenzung werden deutlich, aber nicht mit Anklägerrot markiert: Was den Text stärker, den Befund eindringlicher macht. Wie überhaupt in diesem Buch Trauer nicht mit Larmoyanz verwechselt wird. Emotionaler als emotionalisierender Tränendrüsendruck lassen Klarheit des Befindens und Nüchternheit des Berichtens den Schmerz zutage treten. Ebenso die Freude und die Schönheit, selbst im Widersprüchlichen, scheinbar Unpassenden wie der Faszination durch den toten, sich immer noch erwärmenden Körper.
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