KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

"Kassandra und die Frauen Trojas" in Esslingen

Die Welt im Fall

"Kassandra und die Frauen Trojas" in Esslingen: Die Welt im Fall
|

 Fotos: Julian Rettig 

|

Datum:

Die Württembergische Landesbühne Esslingen bringt pünktlich zum Frauentag den Kassandra-Mythos auf die Bühne – modern, lebendig und aus feministischer Sicht.

Die alten Griech:innen haben ein Wort erfunden für die auf Hochmut, Realitätsverlust und Machtgier aufbauende grenzenlose Selbstüberschätzung von Regenten: die Hybris. Heißt: Lieber alles zerstören und töten, als miteinander zu reden und Kompromisse und Bündnisse auszuhandeln; lieber die anderen auslöschen, als Mitleid und Menschlichkeit zu zeigen oder gar Gnade – ob aus Rache, Machtgier, Bereicherung, Dummheit, Langeweile. Da hat sich bis in unsere Zeit nicht viel geändert. Das Patriarchat hat Bestand.

Ein Hybrist wie er im Buche steht – nämlich in Homers "Ilias" oder Aischylos' "Orestie" – war Priamos, König von Troja. Glaubte wirklich, die Griechen hätten ihm das große Holzpferd als Geschenk dagelassen. Der Rest ist Geschichte. Seine Tochter Kassandra hatte ihn lange schon vor der strategischen Intelligenz der Griechen gewarnt. Der trojanischen Prinzessin war wegen ihrer Schönheit von Gott Apollon die Gabe der Weissagung verliehen worden. Aber weil sie sich gegen seine sexuellen Übergriffe wehrte, belegte er sie mit einem Fluch: Niemand glaubte fortan ihren Prophezeiungen.

Kassandras Schicksal wird jetzt auf der Hauptbühne der Württembergischen Landesbühne Esslingen verhandelt, in einem bemerkenswerten Stück der österreichischen Autorin Magda Woitzuck: "Kassandra und die Frauen Trojas". Nach der österreichischen Uraufführung 2023 sah man in Esslingen jetzt die deutsche Erstaufführung. Woitzuck folgt darin dem Perspektivenwechsel, den schon Christa Wolf mit ihrer populären Erzählung "Kassandra" – veröffentlicht 1983 im Jahr des Nato-Doppelbeschlusses – vollzogen hatte, die darin der männlichen Mythendeutung die Sicht der Königstochter entgegenstellte. Kassandra wird seither als feministische Symbolfigur gelesen, als politische Denkerin im Widerstand gegen patriarchale Macht.

In Woitzucks Stück steht Kassandra aber erst einmal als pubertäres Wesen auf der Bühne: wütend, aggro, schlau, aufmüpfig. Denn der Plot entwickelt sich theaterwirksam aus der toxischen Familienstruktur des trojanischen Herrscherhauses. Die Regisseurin Jenke Nordalm lässt Kassandra gleich zu Beginn voller Energie auf die Bühne stürzen: im Würgegriff ihre Schwester Polyxena (Eva Dorlaß), ihre Konkurrentin, die als Älteste den Posten der königlichen Seherin erwarten darf. Im Quizbattle, den Vater Priamos von seinen beiden Töchtern einfordert, wird die schlecht vorbereitete Polyxena allerdings scheitern und Kassandra mit Alexa-Wissen auftrumpfen. So bekommt die Schlaue den privilegierten Job, während Polyxena die machtsichernde Zwangsverheiratung droht.

Einen offiziellen Fluch braucht es gar nicht

Weil der Glaube an Götter und Göttinnen hier bloß noch Lippenbekenntnis ist, muss Kassandra offiziell gar nicht mehr mit einem Fluch belegt werden. Die Familie ist schon so von ihrem widerständigen Wesen genervt – ob es nun den vermeintlichen Familienfrieden stört, mit unangenehmen Wahrheiten belästigt oder sich der Hofetikette verweigert.

Auf der Bühne – einem praktikablen Wandelbild mit Treppenaufgängen auf Rollen – agiert das gesamte siebenköpfige Frauenensemble des Hauses: als Mutter Hekabe, ihre Töchter und Schwiegertöchter und – außer Kassandra – auch in weiteren Rollen. Der männliche Teil des Hofstaats befindet sich in Kriegsbereitschaft. Einziger Mann auf der Bühne deshalb: König Priamos, der seine Familie fest im Griff hat. Wenn er auftritt, stehen sie alle stramm, halten Weinkelche in die Höhe wie Fackeln. Die einen ängstlich, die anderen aus Berechnung oder Gewohnheit. Eine verkrampfte Zeremonie, in der sich das in klebriger Tumbheit erstarrte System widerspiegelt. Mutter Hekabe mag mal ein Herz gehabt haben, aber das hat sie längst an die Macht verkauft. Kristin Göpfert verleiht ihr eine sehr hartherzige, erbarmungslose Stimme. Wenn Priamos gegen Ende befiehlt, Kassandra die Augen auszustechen, übernimmt Hekabe das höchstpersönlich.

Martin Theuer spielt Priamos als einen richtig fiesen Hybristen: latent gewalttätig, übergriffig, beschränkt, cholerisch, hartherzig, gelegentlich mit verlogen-freundlicher Fassade. Die Söhne schickte er mitleidlos in die blutige Gewaltspirale des Kriegs, der weibliche Nachwuchs dient vor allem dem Machterhalt durch Verheiratung, als "Zuchtschaf" für Waffenfutter oder als repräsentative "Augenweide". Priamos nennt die Frauen "ganz besondere Juwelen" seiner "Sammlung" – besonders die später auftauchende schöne Helena, die Franziska Theiner als Melancholikerin spielt, deren Schultern viel Unglück zu tragen scheinen.

Die Ausstatterin Vesna Hiltmann hat die Frauen am Hof entsprechend chic ausstaffiert: Trotz Springerstiefeln und Hosen sorgen Schärpen, Bauchbinden und Umhänge in satten Farben für absichtsvoll übertriebenen Modeprotz. Priamos dagegen trägt einen schlabbrigen schwarzen Anzug; später, wenn der trojanische Krieg voll entbrennt, wird er sich eine Krone aus goldenen Patronenhülsen aufsetzen. Die Frauen machen das Spiel nolens volens mit. Aus purer Angst vor dem unberechenbaren Regenten und vor dem Verlust ihrer Privilegien: der Hygge des Wohlstands (Priamos: "Es ist meine Macht und mein Reichtum, der euch Weiber mit einem steten Strom aus Datteln und Gold versorgt"). Also sich lieber anpassen und eingliedern wie Andromache (Elif Veyisoglu), die sich durch ihre Schwangerschaft Vorteile erhofft.

Die, die sich dem Einfluss des Königs entziehen wollen, wie Briseis (Feline Zimmermann), werden den Griechen zum Fraß vorgeworfen. Priamos wird mitleidlos die Verschleppung, den Missbrauch und den Tod von Frauen Trojas in Kauf nehmen. Ohnehin hat er mit mehreren Frauen so viel Nachwuchs gezeugt, dass er die Übersicht verloren hat. Kassandra klärt ihn auf: "51."

Genau so isses

Lily Frank hat als Kassandra einen komplexen Reifeprozess zu durchleben: vom aufmüpfigen, sehr schlagfertigen Teenager zur erwachsenen Wissenden, die sich verantwortlich fühlt und verzweifelt Leben retten will. Sie spielt das glaubwürdig, anrührend und differenziert – diese Wandlung, die sie in ihren drei Lehrjahren außerhalb des Hofs durchmacht. Angewiesen wird Kassandra dabei von drei Weisen: unheimliche, gesichtslose, Würfel werfende Wesen, die mit verhallter Gespensterstimme flüstern. Der vielgestaltige Soundtrack von Ulf Steinhauer wird hier besonders wirksam: in seinem finsteren Röhren und seinem rauschenden Klackern unsichtbar fallender Würfel.

Außerhalb des Hofs muss Kassandra ihre Privilegien aufgeben, von denen sie bisher profitierte, verbringt ihr Leben bei den Armen und Bedürftigen. Sieht, wovor ihre Familie die Augen verschließt: Dürren, Hunger, Armut und Ungerechtigkeit. Lernt Mit- und Verantwortungsgefühl, verliebt sich in Penthesilea, die erst einmal mit den Amazonenmythen aufräumt: "Bevor ich mir eine Brust abschneide, ändere ich den Bogen." Nicht kriegerisch ist sie, sondern eine soziale, verantwortungsvolle Anführerin ihres Stammes. Gesine Hannemann spielt sie als geerdete, in sich ruhende, aber auch liebesbedürftige Persönlichkeit.

Gewandelt kehrt Kassandra zurück nach Hause. Und muss dann miterleben, wie Troja seinem Untergang entgegengeht, derweil der Krieg in Gestalt der klassischen Mauerschau quasi live berichtet wird: Die Familie beobachtet und kommentiert erschauernd das Gemetzel, muss miterleben, wie Brüder, Ehemänner, Söhne abgeschlachtet werden oder selbst abschlachten.

Derweil Kassandra warnt und warnt und warnt. Sie hört überhaupt nicht mehr auf, zu warnen. Bei allen Redundanzen im Stück, in dessen 41 Szenen durchaus schon ein Drittel gekürzt wurde: Man denkt die ganze Zeit "Ja, so isses". Prophet:innen im eigenen Land zählen nichts. Ihre Kassandra-Rufe verhallen ungehört. Bis heute: Ob es die Finanzkrise 2008 betrifft, die drohenden Folgen des Klimawandels oder jetzt die erneute Eskalation in Nahost. Und der Epstein-Skandal steht im Raum, besonders wenn Priamos zu Polyxena sagt: "Es will einfach nicht in euren Schädel, dass es euer Fleisch ist, das ein Mann begehrt, und nicht eure Gedanken."

Gut, dass der Theaterabend offen endet, ein bisschen Hoffnung muss sein. Kassandra: "Es gibt nicht die eine Zukunft, es gibt viele. Wir können uns für eine entscheiden." Zusammenhalten, aktiv werden, sich wehren und kämpfen: Das ist ihr Appell an die Frauen. Noch steht das Pferd am Strand, als Kassandra ruft: "Lass uns einen Anfang machen, Schwester. Lass uns ein Feuer entfachen. Ich kann das nicht alleine." Und dann stürmen die sieben Frauen in geschlossener Reihe mit einem wütenden Befreiungsschrei an die Rampe.


Die nächsten Vorstellungen von "Kassandra und die Frauen Trojas" im Esslinger Schauspielhaus sind am 8., 14., 19. und 27. März. Für die Vorstellung am Internationalen Frauentag (8. März, 18 Uhr) gibt es für Frauen 50 Prozent Rabatt. Karten und weitere Termine hier.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!