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Neues Album von Die Konsequenz

Mit der U4 durch Stuttgart

Neues Album von Die Konsequenz: Mit der U4 durch Stuttgart
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Karoline Brombach lebt am Hölderlinplatz und hat mit ihrer Band Die Konsequenz ein Album aufgenommen: "Innenstadtrandlage" porträtiert mit geschultem Blick und freundlicher Ironie Stuttgart und seine Bewohner:innen.

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In 30 Jahren ist Karoline Brombach wohnend durch die Stadt gewandert. Sie hat Stuttgart betrachtet und sich ihre Gedanken gemacht. Nun hat sie mit ihrer Band ein Album aufgenommen, das von Stuttgart erzählt. Die Konsequenz heißt die Band, "Innenstadtrandlage" das neue Album. Das ist kein Zufall: "Innenstadtrandlage", sagt die Songwriterin, "ist ein Begriff, der geprägt wurde vom Institut für Soziologie an der Universität Stuttgart. Er steht für die fünf Innenbezirke der Stadt, für Mitte, West, Ost, Nord und Süd. Ich habe in jedem von ihnen schon einmal gelebt."

Heute lebt Karoline Brombach im Westen, nicht weit von der Endhaltestelle der U4. Als sie vor vier Jahren ihr erstes Album aufnahm, spielte das eine wichtige Rolle. "Sage ja zum Nein", heißt dieses erste Album, sein Thema sind die Sorgen und Probleme junger Eltern, besonders der jungen Mütter. Karoline Brombach studierte an der Universität Stuttgart Architektur und promovierte. Dann kam der Ruhestand für ihren Doktorvater und die Arbeitslosigkeit für seine wissenschaftliche Mitarbeiterin. Die Pause gab ihr Gelegenheit, über all die Songs nachzudenken, die sich in ihrer Schublade gesammelt hatten. "Mir war so langweilig, dass ich einfach die ganzen Sachen für die erste Platte zu Hause aufgenommen habe", erzählt sie. "Die meisten Tracks sind kürzer als drei Minuten, sonst würde man die Bahn auf ihnen hören."

Ein wenig bestimmte das Leben in der Stadt also schon das erste Album. Sein Nachfolger streift hierhin und dorthin in dieser Stadt, liest Erinnerungen auf, zeigt Situationen, beobachtet die Menschen, all das verpackt in einen heiteren, schlauen, schlichten und melodischen Indie-Pop. Max Braun, der selbst einige schöne Alben aufnahm, die Stuttgarter Band BRTHR stilvoll in Szene setzte und schon bei "Sage ja zum Nein" half, mischte das Album ab, brachte Musiker mit. Philippe Frowein, Gitarrist auch bei der Band Geschmeido, ist mit dabei als alter Stuttgarter Studienkollege von Karoline Brombach. Axel Krause spielt auf dem neuen Album Schlagzeug, Alexander Wäsch den Bass. Manchmal ist Stephanie Wohlgemuth an der Geige zu hören. Im Mai stellte Die Konsequenz ihr neues Werk vor im Theater Rampe. Charlotte Brombach, Karolines Schwester, spielte bei diesem Konzert die Tuba. Karoline Brombach selbst spielte Gitarre und sang: "Ich armer kleiner Hipster / bin müde vom Zitieren".

Nicht alle sind nach Berlin gegangen

"Bei der neuen Platte", sagt sie im Gespräch mit Kontext, "wollte ich mich auf einen bestimmten Raum konzentrieren und sehen, was dort geschieht, wie sich alles verändert." Später fügt sie hinzu: "Manchmal, wenn ich die Platte nun so anhöre, habe ich das Gefühl, sie handelt auch von den verschiedenen Generationen. Davon, was die einen für wichtig halten und die anderen eher nicht." Blickt sie aus ihrem Fenster am Hölderlinplatz, sieht sie den Foodsharing-Shop gegenüber, sie sieht den "alten Mann in Chucks", von dem sie singt: "Was blieb von Sex and Drugs? / Es sind die Schuhe die Schuhe die Schuhe / die trägt er nun ganz in Ruhe".

"Diesen alten Mann", sagt Karoline Brombach, "den gibt es wirklich. Er sitzt dort und wird älter und trägt noch immer seine Band-T-Shirts. Manchmal machen wir uns ein bisschen lustig über ihn, aber eigentlich finden wir es sehr cool, dass es ihn gibt. Eine Frage, die ich mir stelle, ist: Wie kann man mit Würde altern, in einer Subkultur? Geht das überhaupt? Ich bin froh um jeden, der hier geblieben und nicht nach Berlin verschwunden ist."

Auch Karoline Brombach und ihre Familie sind nicht verschwunden. Sie sind noch immer dort, im Westen, auch wenn viele andere weitergezogen sind. Die einen gingen, weil sie zu viel Geld hatten, die anderen, weil sie zu wenig hatten. Fortziehen in eine bessere, leisere Gegend, hieße für Karoline Brombach, sich noch mehr einfügen ins kapitalistische System. Sie zieht den alten Mann vor und das lärmige Airbnb nebenan, den Foodsharing-Laden und die U4. "Ich kann mir gut vorstellen", sagt sie, "dass ich im Alter noch hier am Fenster hänge und einfach nur rausschaue. Hier wird immer eine gute Show geboten."

Eines ihrer Lieder handelt von einer Fahrt mit der U4 . Es hat viele Strophen, es zählt viele Stationen auf, die Stuttgarter kennen sie: "Freund und Kupferstecher / Bollwerk und Kebab / Es nähert sich die Mitte / Im Tunnel steil bergab". Aufzählungs-Pop nennt Karoline Brombach den Stil. "Die U4", sagt sie, "fasziniert mich, weil sie durch viele Stuttgarter Welten führt, vom gutbürgerlichen Westen der Gründerzeit über den Osten, der viel proletarischer geprägt ist, bis hinaus ins Gewerbegebiet, um dann in Untertürkheim in einem Weinbauort zu enden, der aber auch ganz überformt ist."

Auch auf der Halbhöhe leben einfach nur Menschen

Karoline Brombach wurde in Stuttgart geboren, wuchs auf in Bad Mergentheim, kehrte 1994 in ihre Geburtsstadt zurück. In New York hat sie ein Jahr Urban Planning studiert, beschäftigte sich auch in Stuttgart schwerpunktmäßig mit Stadtplanung, schrieb ihre Diplomarbeit über Gentrifizierung. Die 49-Jährige weiß, wie die Stadt ihre Bewohner formt, kennt ihre Schichten, ihre Soziologie, ging umher in ihren Straßen und singt davon. Ironie ist ihr Vehikel, Empathie ihr Anliegen. "Mein wissenschaftlicher Überbau", sagt sie, "beeinflusst natürlich meine Lieder. Aber ich versuche bewusst, alles sehr persönlich zu sehen, auf das Alltägliche zu schauen."

Auch auf den berühmten Staffeln, den Treppen am Hang, war sie unterwegs. "Man sagt ja, dass die soziale Stellung in Stuttgart mit jedem Höhenmeter steigt. Es ist spannend zu sehen, wie die Reichen sich hier abschotten. Manchmal erinnert das fast an eine Gated Community. Aber Stuttgart ist halt ein Dorf, da lernt man irgendwann auch reiche Leute kennen, einfach, weil die hier wohnen, und das sind dann auch einfach nur Menschen. Ich habe einige Gespräche geführt, und ich plädiere weiterhin für Empathie. Es gibt auch Reiche, die ein Kackleben haben."

Von den armen und reichen Leuten, den jungen Menschen und ihren Geschäftsmodellen singt Karoline Brombach, und von den Orten, an denen sie sich begegnen, in der Stadt, auf dem Wochenmarkt. Eines ihrer Lieder hat sie dem Stadtgarten am Campus gewidmet, bei dem sie lange studierte und arbeitete: "Ein schön vernachlässigter Ort. Das liegt wohl auch daran, dass es eine Landesliegenschaft ist. Außer den Studierenden wohnt da ja keiner."

Viel hat sich in Stuttgart verändert, findet Karoline Brombach, nicht alles zum Schlechten. Weniger provinziell als 1994 sei die Stadt heute, aber dass ihre Entwicklung vor allem von Kapitalinteressen vorangetrieben wird, bedauert sie. Und manche Orte, die deshalb verschwunden sind, vermisst sie. Die alte Post in der Königstraße zum Beispiel.

Acht Konzerte hat Die Konsequenz bislang gegeben – im Merlin, in der Rampe, im Böblinger Fleischermuseum, im Hamburg G. Süd Trafik Café in Ostfildern-Kemnat. "Ich würde jede Gelegenheit wahrnehmen, um Konzerte zu spielen", sagt Karoline Brombach. Auf Tournee wird Die Konsequenz dennoch nie gehen – zur Band gehören zu viele Musiker:innen mit Familie. Aber ein neues Album kommt. Davon, wie es ist, Musik zu machen, wird es handeln. Es soll das letzte Album für Die Konsequenz sein, sagt Brombach.

Von einem Ort in Stuttgart fühlt Karoline Brombach sich magisch angezogen. Es ist ein Ladengeschäft in der Leuschnerstraße, "Second Hand Records". Auch über diesen Ort hat sie ein Lied geschrieben, über die Unsicherheit, die sie empfindet, wenn sie den Laden betritt. "Ich glaub die Welt ist eingeteilt / in unterschiedliche Sphären", singt sie. "Nur weil eine sich seltsam anfühlt / heißt das nicht, dass wir nicht gern dort wären." Und selbstverständlich kann man ebendort nun auch die Konsequenz-Alben kaufen. Und am 20. Juli kann man die Band live erleben – als Headliner beim Kulturbiotop West im Paul-Gerhardt-Zentrum in der Rosenbergstraße.

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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 1 Woche
    Antworten
    Selbst bin ich im Mai 1954 in Stuttgart geboren, von S-Ost Steubenstraße nach S-Zuffenhausen Seedamm 25c im Jahr 1957 umgezogen und weiter … [Fn_1] – überaus reichhaltig meine abrufbaren Erinnerungen an die "Stadtentwicklung".
    Auch die Einweihung der U15 Strecke bis S-Stammheim Sa. 10.12.2011 ist…
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