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Kulturhaus Romno Kher

Kultur und Widerstand

Kulturhaus Romno Kher: Kultur und Widerstand
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 Fotos: Jens Volle 

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Wo sich Minderheit und Mehrheitsgesellschaft auf einzigartige Weise begegnen: Das Kulturhaus Romno Kher der Sinti und Roma in Mannheim ist ein Ort des Lernens und des Gedenkens. Um an den Aufstand in Auschwitz zu erinnern, wird am 16. Mai der Resistance Day gefeiert.

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Ein schöner, denkmalgeschützter Altbau am Westrand der Mannheimer Planquadrate. Direkt hinter dem Kulturhaus Romno Kher führt eine Auffahrt auf die B 44, die Hafen und Rhein überquert nach Ludwigshafen. Das Hafengelände beginnt gleich gegenüber, auf der anderen Seite des viel befahrenen Parkrings. Im Inneren des Zentrums ist es ruhig. Im langen, glasüberdachten Hof befindet sich die Dauerausstellung zur Geschichte der Sinti und Roma. Hier ist Platz für gut 100 Sitzplätze bei Veranstaltungen.

Romno Kher ist Romanes und bedeutet nichts anderes als Kulturhaus. Das Haus versteht sich als ein Ort des Lernens, des Gedenkens und der Begegnung. Bildung meint hier nicht nur, Kinder auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen, sondern auch, Materialien zur Geschichte und Situation der Sinti und Roma bereitzustellen, für Schulen und für die Mehrheitsgesellschaft. Etwa anhand der Ausstellung über die gesamte, 600-jährige Geschichte, seit die Sinti im 15. Jahrhundert zum ersten Mal in Deutschland dokumentiert wurden: Eine Geschichte der Diskriminierung, die im nationalsozialistischen Völkermord ihren grausamen Höhepunkt fand. Die Ausstellung erzählt aber auch von Überlebensstrategien, von Berufen, Musik, Erzählkunst, bis hin zu heutigen Themen wie dem Staatsvertrag und dem Berliner Denkmal.

Hell und freundlich präsentiert sich das Haus, Sitz des Landesverbands der Sinti und Roma, an einem der ersten sonnigen Frühlingstage. Schöne alte Möbel verbreiten eine wohnliche Atmosphäre. An einem großen Tisch hat Tim Müller, der wissenschaftliche Leiter des Hauses, Kaffee bereitgestellt. Christine Bast, Referentin der Beratungsstelle und Koordinatorin der Bildungsprojekte, kommt dazu. An der Wand hängt ein riesengroßes Porträt der im Oktober im Alter von 98 Jahren verstorbenen Zilly Schmidt vom Fotografen Luigi Toscano, an anderer Stelle fünf Zeichnungen vom Künstler Emanuel Barica.

Zehn Jahre Staatsvertrag

Seit fünfzehn Jahren gibt es das Kulturhaus. Es war einmal Kokosnussbutterfabrik und lange Zeit Weinhandlung, erzählt Historiker Tim Müller, der bis 2018 am Hamburger Institut für Sozialforschung gearbeitet hat. Die jüdischen Besitzer der Weinhandlung mussten 1938 emigrieren, der deutsche Teilhaber übernahm und führte den Weinhandel bis 1988 weiter. Das Haus stand leer, bis der Landesverband übernahm. Zudem ist es heute Sitz der Hildegard-Lagrenne-Stiftung für Bildung, Inklusion und Teilhabe von Sinti und Roma in Deutschland. Lagrenne wurde durch ihre Arbeit im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und ihren Einsatz für Menschenrechte überregional bekannt.

Vieles hat der Landesverband in den letzten Jahren bewegt. So hat der wissenschaftliche Leiter Tim Müller am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, im Landtag gesprochen. Am 15. März, dem Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma vom Stuttgarter Nordbahnhof, lud Ministerpräsident Winfried Kretschmann zur zentralen Gedenkveranstaltung ins Neue Schloss. In der Landespolitik sind die Sinti und Roma angekommen.

Der wichtigste Schritt dahin war der Staatsvertrag vor zehn Jahren, betonen Müller und die Referentin Bast. Dadurch wurden die deutschen Sinti und Roma offiziell als nationale Minderheiten in Baden-Württemberg anerkannt. Seitdem trifft sich mindestens zweimal im Jahr ein Gremium, paritätisch besetzt aus Mitgliedern des Staatsministeriums und des Landesverbands, das auf sensible Vorgänge schnell reagiert. So sind Sinti und Roma seit dem antiziganistischen Vorfall in Singen vor zwei Jahren, als Polizisten einen Elfjährigen in Handschellen abführten, Thema der Polizeiausbildung.

Leben, "wo der Asphalt endet"

Antidiskriminierungsarbeit – so lässt sich die Tätigkeit des Landesverbands in einem Wort beschreiben. Es geht um Beratung, Bildung, Empowerment. Die Sinti und Roma, die seit langer Zeit in Deutschland leben, haben zumeist von der Schule an viel Diskriminierung erlebt. Vor zwei Jahren hat der Landesverband zum zweiten Mal eine Studie zur Bildungssituation vorgelegt. Ergebnis: Nach wie vor hat nur knapp jede:r Zehnte einen höheren Schulabschluss, immerhin einige studieren.

Verleugnete Identität

Wenn man heute von Sinti und Roma spricht, um das diskriminierende Z-Wort zu vermeiden, ist zu bedenken, dass die seit Jahrhunderten in Deutschland ansässigen Sinti wenig mit den aus Osteuropa neu zugewanderten Roma verbindet. Wie viele es sind, weiß keiner so genau. Viele geben sich nicht zu erkennen, da sie Nachteile befürchten. Der Historiker Tim Müller schätzt die Zahl der altansässigen Sinti und Roma in Baden-Württemberg auf 12.000, ein Drittel davon in Mannheim und Umland, "dazu eine vermutlich nicht kleinere Zahl neuerdings zugewanderter und geflüchteter Roma".  (dh)

Bei den neu Zugewanderten sind die Probleme wesentlich gravierender. In einigen osteuropäischen Ländern lebten sie bisher buchstäblich am Rand der Gesellschaft, "dort, wo der Asphalt endet", wie der Grüne Europaabgeordnete Romeo Franz sagt, der unermüdlich den Staatsvertrag als Modell für ganz Europa empfiehlt. Kürzlich ist Franz mit Mehmet Daimagüler, dem Antiziganismus-Beauftragten der Bundesregierung, in die Ukraine gereist, um sich vor Ort von der Lage der Roma ein eigenes Bild zu verschaffen. Sie bemerkten, wie verbreitet Antiziganismus dort ist. In der westukrainischen Stadt Lviv etwa gibt es zwölf Lager, in denen aus der Ostukraine geflüchtete Roma ohne fließendes Wasser und ohne Elektrizität leben. Die gesellschaftliche Teilhabe wird ihnen verwehrt.

Dabei ging es der Minderheit in der Ukraine schon einmal besser. 500 Familien erhielten 1927 von der Sowjetunion Land, das sie in neun genossenschaftlich organisierten Betrieben beackerten – seit 1922 war die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik offiziell Teil der Sowjetunion. 1926 hatte sich in Moskau eine "Allrussische Zigeunerunion" gegründet: Der erste Roma-Verband weltweit, erklärt Müller. Noch heute gibt es dort das "Teatr Romen", das älteste Roma-Theater der Welt. Doch die stalinistische Politik machte alles wieder zunichte. Bis heute sind gerade in der Ukraine viele antiziganistische Übergriffe zu beklagen – auch mit tödlichem Ausgang.

Wenig Vertrauen in die Behörden

Roma, die aus Ländern wie Rumänien oder der Ukraine nach Deutschland kommen, sind aufgrund schlechter Erfahrungen oft misstrauisch gegenüber Behörden und gewöhnt, sich selbst helfen zu müssen. Einzelfallbearbeitung reiche hier nicht aus, erklärt Christine Bast, die 2017 das Mannheimer Antisdiskriminierungsbüro mitgegründet hat und später zum Landesverband der Sinti und Roma wechselte.

Dort entwickelte sie mit Kollegen das Modellprojekt ReFIT (Regionale Förderung von Inklusion und Teilhabe), das sich gezielt an die Kommunen, an städtische Ämter wie das Jugendamt sowie an Schulen richtet, um zu sensibilisieren, aufzuklären, Vertrauen aufzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Bei den neu Zugewanderten ist dies ein weiter Weg, der mit elementaren Dingen wie Spracherwerb, Hilfe im Umgang mit den Behörden und Zugang zu Bildung anfängt und dort noch lange nicht aufhört. "Eigentlich haben wir unsere Arbeit getan, wenn es keine Beratungsstelle mehr braucht", resümiert Bast.

Widerstand statt Opferrolle

Tim Müller zögert ein wenig bei seiner Hausführung, der Keller im Kulturhaus Romno Kher, der umgebaut werden soll, sei im Moment ziemlich unaufgeräumt. Für den Umbau des 400 Quadratmeter großen Veranstaltungs- und Ausstellungsraums hat der Bundestag einen Zuschuss von 200.000 Euro bewilligt. Spuren einer Nähwerkstatt mit geflüchteten Frauen und eines Theaterprojekts mit Jugendlichen sind zu sehen. An den Wänden hängen Fotos von Berühmtheiten wie Charlie Chaplin, Michael Caine, Anna Netrebko oder Ron Wood, die sich einmal als Angehörige der Minderheit geoutet haben. Und ein Kunstwerk, ein großformatiges Gemälde der katalanischen Künstlerin Lita Cabellut.

Solche positiven Beispiele sollen Mut machen. Denn lange Zeit war die nationalsozialistische Vernichtungspolitik das dominierende Thema der Minderheit. Die Anerkennung des Porajmos, des Völkermords an 500.000 Sinti und Roma, durch Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) 1982 war zwar für die Überlebenden, die nach dem Krieg oft vergeblich um Entschädigung gekämpft hatten und lange beschuldigt wurden, als Asoziale für ihre Lage selbst verantwortlich zu sein, ein wichtiger Schritt. Und ein großer Erfolg für den damals noch ganz neuen Zentralrat.

Die nachfolgende Generation, deren Anliegen der Landesverband unterstützt, will sich jedoch nicht länger auf die Opferrolle festlegen lassen. In ganz Europa, unterstreicht Müller, stehe derzeit Widerstand hoch oben auf der Agenda: Anschließend an die Gedenkstunde im Landtag fand im Januar in Stuttgart eine zweite Veranstaltung zu diesem Thema im Erinnerungsort Hotel Silber statt. Auch im Romno Kher wird man den Widerstand feiern: am 16. Mai, dem Resistance Day. An diesem Tag wagten Sinti und Roma 1944 im "Zigeunerlager" von Auschwitz-Birkenau den Aufstand. Junge Männer wurden daraufhin in andere Lager versetzt und konnten so überleben.

Einer von ihnen war Heinz Strauß, der Vater des Landesvorsitzenden Daniel Strauß. Der hat nicht viel Zeit, kommt aber zum Fototermin aus seinem Büro und freut sich über den Besuch. Sein Vater hat über das Erlebte nicht geredet, sagt er. Er hat stets versucht, ein möglichst unauffälliger, guter Bürger zu sein. Wie kam der Sohn dazu, sich für die Rechte der Sinti und Roma einzusetzen? "Ich hatte keine Wahl", erklärt Strauß. Als er im Alter von 18 Jahren mit seiner jungen Frau, frisch verheiratet, eine Wohnung suchte, erhielten sie nur Absagen.


Der Resistance Day am 16. Mai im Kulturhaus Romno Kher beginnt um 17 Uhr mit einen "Forum junger Stimmen". Anschließend ist die erste Staffel einer Reihe dokumentarischer Kurzfilme zu sehen, die Tim Müller konzipiert hat und die sich in diesem Fall mit dem Widerstand gegen das faschistische Ustascha-Regime in Kroatien beschäftigt. Filme zu anderen Ländern sollen folgen.


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