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Filmkritik "Alles ist gutgegangen"

André will sterben

Filmkritik "Alles ist gutgegangen": André will sterben
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In François Ozons exzellentem Film "Alles ist gutgegangen" spielt Sophie Marceau eine Frau, die für ihren kranken Vater Sterbehilfe leisten soll. Scheinbar sachlich inszeniert, aber unter der Oberfläche bebt es.

Ein bisschen Distanz! Durch eine Tür hindurch sieht die Kamera der Schriftstellerin Emmanuèle (Sophie Marceau), einer Frau Mitte fünfzig, bei der Arbeit zu. Sie trägt Turnschuhe und ein Kapuzenshirt, sitzt konzentriert am Schreibtisch und tippt in ihren Computer. Als der Anruf kommt – und immer sind es diese Anrufe! – bleibt sie auf schockverdrängende Art ruhig und sagt: "Ich komme". Auf der Treppe spürt sie einen leichten Schwindel, sie eilt in die Wohnung zurück, geht ins Bad und setzt ihre Kontaktlinsen ein. Und immer wieder wird Emmanuèle sich in diesem Film im Spiegel betrachten, aber ihre Blicke sind keine der eitel-koketten Selbstbestätigung, sondern eher solche der neugierig-kritischen Selbstinspektion. Was machen die Jahre mit einem? Wie schreiben sie sich ein?

Was das Leben anrichten kann, sieht Emmanuèle jetzt an ihrem Vater André (André Dussollier). Nach dem Anruf ist sie zum Hospital gefahren, hat dort ihre Schwester Pascale (Géraldine Peilhas) getroffen, zusammen stehen sie in der Notaufnahme. André hatte einen Schlaganfall, er ist an Schläuchen angeschlossen, liegt hilflos und verzweifelt wimmernd da, mit ruckendem Kopf, verdrehten Augen, schiefem Mund. Die Worte wollen nicht mehr so kommen, wie er will, sind verschliffen und fast unverständlich, einen grimmigen Befehl aber kann er gegenüber seinen Töchtern noch artikulieren: "Geht!" Später, als es mit ihm eigentlich schon wieder aufwärts geht, hat er noch einen speziellen Befehl für Emmanuèle: "Hilf mir, es zu beenden!"

François Ozons Film "Alles ist gutgegangen" basiert auf den 2013 erschienenen Erinnerungen der Autorin Emmanuèle Bernheim an das problematische Verhältnis zu ihrem Vater, einem bekannten Industriellen und Kunstsammler, und an dessen durch Sterbehilfe herbeigeführten Tod. Zunächst wollte Alain Cavalier den Stoff verfilmen, als Emmanuèle Bernheim jedoch 2017 starb, arbeitete er dies zwei Jahre später in seiner Doku "Être vivant et le savoir" mit ein. Auch für Ozon, der den Bestseller nun als Spielfilm adaptiert hat, ist dies eine Geschichte, die ihm nahegehen muss, schließlich hat Emmanuèle Bernheim an den Drehbüchern mehrerer seiner Werke mitgearbeitet, unter anderem an "Swimming Pool" (2003). Ob Ozon sich gerade deshalb dafür entschieden hat, nicht hochemotional zu inszenieren, sondern sich zurückzunehmen?

Selbst der Tod kostet 10.000 Euro

Der Regisseur übernimmt also die sachliche Haltung von Emmanuèle, die sich nicht gehen lassen, nicht fallen lassen will in den Schmerz. Wie selbstverständlich kümmert sie sich um den Vater, besucht ihn täglich, lehnt zwar zunächst seinen Wunsch ab, ihm beim Sterben zu helfen, informiert sich dann aber doch, wie das ginge. In Frankreich ginge es nicht, jedenfalls nicht legal, aber in der Schweiz. So spricht sie mit einer älteren und mütterlich wirkenden Frau (Hanna Schygulla), die ihr ebenso sanft wie detailliert erklärt, wie vorzugehen wäre. Mit einem Mittel gegen den Brechreiz etwa, weil der Todestrank so bitter schmeckt. Und noch was: Der Vater muss selber trinken. Einmal will André wissen, wieviel das alles kostet. "10.000 Euro", sagt Emmanuèle. "Plus die Fahrt mit dem Krankenwagen." Was denn die armen Leute machen würden, fragt André, und seine Tochter antwortet: "Die warten auf ihren Tod!"

Doch so unaufgeregt-genau in diesem Film auch von der Sterbehilfe und ihren juristischen Hindernissen und Komplikationen erzählt wird: Ozon will das Thema nicht durchdiskutieren, er hat keine Mission, es geht ihm nicht um Politik, sondern um einen individuellen Fall, um eine persönliche Entscheidung. Vor allem aber geht es um eine Vater-Tochter-Beziehung. Der Vater herrisch, die Tochter in jedem Sinn beherrscht. Der eine nimmt, die andere gibt. Emmanuèle konstatiert, so als sei da eben nichts zu machen: "Er ist ein mieser Vater, aber ich liebe ihn."

Was André sich von ihr wünscht, ist ja ungeheuer – aber er erkennt das nicht mal. Und sie bewundert ihn fast für sein Talent, das Leben ohne Selbstzweifel zu genießen respektive genossen zu haben. "Mein Vater hat immer alles überstanden," sagt sie zu dessen Bettnachbarn. Aber jetzt will André nicht mehr ("Das bin nicht mehr ich!"), und er bleibt bei seinem Entschluss, als seine Töchter schon glauben, er habe ihn vergessen. Dass er nicht Pascale um Sterbehilfe gebeten hat, kommentiert Emmanuèle so: "Ein Mistkerl, bis zum Ende". In kleinen, dichten Rückblenden ist sie als pummeliges Mädchen zu sehen, gerügt vom Vater: "Schon wieder am Futtern!" Einmal träumt sie, dass sie ihn erschießt.

Ozon buchstabiert nicht alles aus, was sich in dieser Familie an Problemen angesammelt hat. Seine Schauspieler aber haben sich ihre Charaktere so angeeignet, dass sie uns immer mehr erahnen lassen, als eigentlich gezeigt wird. Die schweigsam-verhärtete Mutter etwa, Bildhauerin und Ex-Frau von André, am Stock gehend und von Depressionen geplagt: Charlotte Rampling spielt sie mit Kurzhaarfrisur, und ein einziger bitterer Blick lässt die Abgründe einer Ehe aufscheinen. Oder Geraldine Peilhas als Pascale, in deren Miene und Gesten manchmal eine Eifersucht auf Emmanuèle aufscheint, die aber immer wieder weggewischt wird von der innig-schwesterlicher Liebe. Und schließlich Grégory Gadebois als Gérard, ein massig-schwerer und verwirrter Mann, von Emmanuèle und Pascale immer nur das Riesenarschloch genannt. Der will zu André ins Krankenzimmer vordringen, weil er nämlich ... – nein, man muss nicht alles vorwegnehmen.

Éric Caravaca lässt das Herz aufgehen

Dann ist da André Dussollier, der so vieles kann und so vieles gespielt hat, vor allem aber bekannt ist als der große Freundliche, Schüchterne und ein wenig Linkische. Hier spielt er nicht nur einen Egoisten, der bis zum Schluss will, dass sich ihm alles unterordnet, sondern auch einen Kranken in verschiedenen Stadien und dies so, dass daraus eben keine nach Preisen gierende Performance wird, sondern ein klinisch genaues Porträt. Und schließlich Sophie Marceau: In den frühen Achtzigern ist sie Teeniestar der "La Boum"-Filme, später in sehr erwachsenen Rollen zu sehen. Wie sich ihre Emmanuèle anstrengt, aber nicht möchte, dass das jemand erkennt; wie sie Stimmungsaufheller schluckt, damit das funktioniert; wie sie sich auf dem Laufband und im Boxtraining abrackert oder auf der Couch Slasher-Filme reinzieht; wie sie doch mal zusammenbricht, sich aber sofort wieder im Griff hat. Und wie ihr (und uns) das Herz aufgeht, wenn ihr Mann Serge (Éric Caravaca) zur Tür hereinkommt!

Auch wenn die großen Gefühle sich nicht im Hollywood-Stil über die Leinwand ergießen, so sind sie doch, hinter der nur scheinbaren Sachlichkeit der Inszenierung, als leises Beben stets zu spüren. Am Ende fährt diese Geschichte, in welcher der Vater seine Töchter nicht als "Heulsusen" erleben will, per Krankenwagen noch in eine Art Krimi hinein, und am Ende wissen wir: Wir haben einen Film gesehen, der auch so etwas wie eine Trauerfeier und eine Nachrede ist, vielleicht auch ein Kaddisch, den André, sonst säkularer Jude, sich gewünscht hat. Eine Geschichte über das Leben, das Sterben und den Tod, in der trotz allem etwas Heiteres und Tröstliches mitschwingt. Und ein Filmtitel, der eben doch nicht nur ironisch gemeint ist: Es ist alles gutgegangen.


François Ozons "Alles ist gutgegangen" kommt am Donnerstag, 14. April in die deutschen Kinos. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.
 


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1 Kommentar verfügbar

  • Gerald Fix
    am 19.04.2022
    Antworten
    Ich kann mich dem Lob nur anschließen: Ein wirklich großartiger Film.

    "Ozon will das Thema nicht durchdiskutieren" - ja, es ist kein Film über Sterbehilfe, es ist ein Film über eine Familie, die mit diesem Thema konfrontiert wird. Und an Marceaus Qualitäten gibt es ja inzwischen wohl keine…
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