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Kampf ums Wasser

"Katastrophe in Zeitlupe"

Kampf ums Wasser: "Katastrophe in Zeitlupe"
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Der Filmemacher Daniel Harrich will für sorgsamen Umgang mit "der eisernen Reserve" Wasser sensibilisieren und hat für die ARD einen Film über das seltener werdende Gut gedreht. Es geht auch um Mineralwasser. Wie sehen die großen Mineralbrunnen in Baden-Württemberg das Problem?

Nur ein Film?

Der Münchner Investigativ-Journalist, Filmemacher und Grimmepreisträger Daniel Harrich (Foto oben) hat sich mit fiktionalen Spielfilmen einen Namen gemacht. Zuletzt verfilmte er illegale Waffengeschäfte deutscher Waffenhersteller ("Meister des Todes"), zugrunde lag die illegale Exportpraxis der Oberndorfer Waffenfirma Heckler und Koch. Im fränkischen Weikersheim drehte er vergangenen Sommer eine Art "Heimat-Western", der unter dem Titel "Bis zum letzten Tropfen" am Mittwoch, 16. März um 20.15 Uhr in der ARD läuft. Der Plot: Die Kleinstadt am nordöstlichen Rand von Baden-Württemberg grenzt unmittelbar an Bayern. Es geht, fiktional zugespitzt, aber auf realistischen Fällen basierend, um die geplante Entnahme von Grundwasser durch einen Getränkekonzern. Der Film ist hochkarätig besetzt mit Schauspielern wie Ulrich Tukur, Sebastian Bezzel, Karoline Schuch und Michael Roll, Michaela May und Neda Rahmanian. Die Doku dazu kommt direkt im Anschluss um 21.45 Uhr.  (ana)

Bei Recherchen und Dreharbeiten zu seinen früheren Filmprojekten in Indien, Mexiko und in Ländern Afrikas stieß der Filmemacher Daniel Harrich auf einen oft bedenklichen Umgang mit einem kostbaren Gut: dem Wasser. "Da kann man schon sehen, wie die ersten Verteilungskämpfe stattfinden", sagt Harrich. In den besagten Kontinenten hätten sich Global Player, wie etwa Coca-Cola, frühzeitig die Nutzung wertvoller Grundwasserressourcen gesichert. Auch der Konzern Nestlé Waters stand schon mehrfach in der Kritik. Probleme sieht Harrich zusehends auch auf Deutschland zukommen. Nun hat er darüber einen fiktionalen Film gedreht, der am 16. März in der ARD läuft.

Der Umgang mit der Ressource Wasser ist wohl spätestens seit den drei aufeinanderfolgenden Hitzesommern der Jahre 2018, 2019 und 2020 auch hierzulande in den Köpfen angekommen. Wasser steht mitten in den Diskussionen um den Klimawandel. Dabei gerät auch das Trinkwasser in den Fokus. Während in vielen Ländern Wasser oft aus dem Wasserhahn bezogen wird, überwiegt in Deutschland der Gebrauch aus der Produktion von Mineralwasserfirmen. Dass die besonders günstig erhältlichen Mineralwässer – vertrieben über Discounter – von wenigen großen Herstellern wie etwa Vittel, Volvic oder ViO (Coca Cola) stammen, findet dabei nur wenig Beachtung. Umstritten ist hier vor allem die Nutzung aus Tiefengrundwasser. Es wird von großen Playern meist in abgelegenen Dörfern in großen Mengen abgezapft.

Für Harrich steht das Thema Wasser schon länger auf der Agenda. Man könne in einer Art "Katastrophe in Zeitlupe" sehen, wie sich in den vergangenen 20 Jahren in gewissen Regionen die Situation bei der Wasserversorgung und Wasserverfügbarkeit massiv verändere, glaubt er. Alle, mit denen er für seinen Film gesprochen habe, auch Umwelt- und Naturschützer, seien sich vor allem in einer Sache einig: "Es ist ein völliger Irrsinn dafür Tiefengrundwasser abzupumpen. Das ist die eiserne Reserve, um die zukünftigen Generationen abzusichern", sagt Harrich.

Zudem verändere der Klimawandel alles. "Wir brauchen mehr Wasser in den Lebenswelten, für die Menschen, in der Natur und für die Wirtschaft. Die Grundwasserspiegel drohen gleichzeitig zu sinken, das Wasserangebot wird geringer." Filmemacher Harrich baute in seinem Film reale Geschehnisse aus den Quell-Orten der beiden französischen Mineralwassermarken Vittel oder Volvic, Teile der großen Lebensmittelkonzerne Nestlé und Danone, mit ein. Aber auch der aktuelle Streit um Wasserentnahme in der Lüneburger Heide stand Pate. Dort betreibt Coca-Cola seit vierzig Jahren Brunnenanlagen, mit denen das bundesweit in zahlreichen Ladenregalen zum Verkauf stehende Produkt Vio abgefüllt wird – "besonders reines Wasser" wirbt die Firma.

Proteste gegen den Wasserverbrauch von Coca-Cola

Der Filmemacher sieht es als besonders kritisch an, wie Entnahmerechte für derartige Brunnen momentan geregelt sind: In Deutschland sind die Landratsämter dafür zuständig, die Aufsicht liegt bei den Regierungspräsidien. Die Vergabe dieser Rechte ist festgelegt auf Zeiträume von 25 bis 30 Jahren. Laut den Recherchen von Harrich basiere das Genehmigungsverfahren noch auf dem Erkenntnisstand der 1990er-Jahre. "Irgendein Landrat in einer Region in Deutschland kann derzeit entscheiden über die Entnahme von Milliarden von Litern Wasser. Ohne dabei wirklich den Klimawandel mit einzubeziehen, ohne die genauen Fakten zu kennen", sagt er. Auch ein Absinken der Grundwasserspiegel "sei da kein Thema". Gleichzeitig würden "Stakeholder", die an Wasserrechte kommen wollen, wie Tesla, BASF, VW und genauso die Unternehmen, die Wasser in Flaschen abfüllen, derzeit verstärkt versuchen, sich aufs Neue die Rechte für Tiefengrundwasser zu sichern.

Im französischen Vittel war der Brunnen ursprünglich im Familienbesitz, wurde 1992 vollständig von "Nestlé Waters" übernommen – und ganz groß gemacht. Es gibt dort einen Bauern, unter dessen Land Wasser abgepumpt wird. Mit ihm liegt die Mineralwasserfirma in Vittel bereits jahrzehntelang in Konflikt. Nestlé räume inzwischen ein, dass der Grundwasserspiegel über die Jahre um etwa 30 Zentimeter abgesunken ist. In dem 4.800 Einwohner zählenden Dorf in den Vogesen, 80 Kilometer südlich von Nancy, müssen die Bewohner inzwischen ihr Hahnenwasser aus Nachbarorten beziehen: "Weil das eigene, natürliche Grundwasser nicht mehr in ausreichender Menge verfügbar ist", berichtet Harrich.

In Reppenstedt bei Lüneburg wird derzeit um einen dritten Brunnen gestritten. Das von Coca-Cola beantragte Verfahren läuft seit 2015, wurde aber von dem Konzern im Januar 2021 erst mal ausgesetzt: aufgrund der öffentlichen Proteste. In Lüneburg, sagt Harrich, sei die Situation vergleichbar mit der in Vittel. Aufgerüttelt von ein paar engagierten Bürgerinnen – "vor allem Frauen vorneweg, Ärztinnen und Omas" – werde auf sinkende Grundwasserspiegel verwiesen. In der Kleinstadt Reppenstedt bei Lüneburg ist das etwa die pensionierte Ärztin Marianne Temmesfeld, Sprecherin einer im Jahr 2020 gegründeten Bürgerinitiative. Bereits 2016 hatte Coca-Cola sich die Nutzung der bestehenden beiden Brunnen für weitere 25 Jahre gesichert. Das kostbare Wasser entnimmt Coca-Cola für 18 Cent pro Kubikmeter – der Grundpreis für den Bürger am Wasserhahn liegt in Reppenstedt bei 2,73 Euro für dieselbe Menge.

Rund 30 Mineralbrunnen allein in Baden-Württemberg

Die Thematik Tiefengrundwasser ist in der Fachwelt durchaus umstritten. Das herkömmliche Grundwasser, das von lokalen Stadtwerken entnommen und aufbereitet in die Haushalte geleitet wird, entstammt meist aus Tiefen zwischen zehn und 70 Metern. Oft Jahrhunderte alt ist dagegen die Nutzung von Mineralwässern aus sehr viel tieferen Erdschichten. Tiefengrundwasser war schon im Mittelalter gefragt, den mineralienreichen Wässern wird auch Heilwirkung nachgesagt. Es ist frei von anthropogenen – also rein von Menschen gemachten – Verunreinigungen und die Geschäftsgrundlage zahlreicher Mineralbrunnen. In Baden-Württemberg gibt es davon rund 30, die im Verband Deutscher Mineralbrunnen organisiert sind. Die Mineralbrunnen im Südwesten sehen freilich keinen Zusammenhang ihrer Wasserentnahme mit den allgemeinen Auswirkungen des Klimawandels.

Viele der Betriebe nehmen für sich in Anspruch, besonders nachhaltig zu arbeiten. Sie werben für Mineralwasser "als wertvollen und sensiblen Schatz der Natur", mit dem sie – staatlich kontrolliert – "verantwortungsbewusst umgehen". Sie setzen auf regionalen Vertrieb und reichen von Alwa Mineralbrunnen im Kreis Ludwigsburg über Bad Dürrheimer, Griesbacher und Peterstaler in der Ortenau bis hin zu Aqua Römer, Krumbach, Wiesentaler, Randegger oder Teinacher im Kreis Calw. Als teilweise über viele Jahrzehnte oder gar mehr als ein Jahrhundert fest etablierte Marken.

"Wir sind klein und innovativ", sei das Motto der Randegger Ottilien-Quelle, sagt Clemens Fleischmann, der Geschäftsführer. Unweit vom Hohentwiel bei Singen an der südlichen Landesgrenze und schon seit 1892 in Familienbesitz. Vertriebsgebiet ist die Bodenseeregion westlich von Konstanz, zu 80 Prozent werden die Produkte innerhalb eines Radius von 40 Kilometern verkauft. Das Mineralwasser der Randegger Ottilienquelle stammt aus 118 Meter Tiefe. Standard ist für Randegger die Auslieferung in Glasflaschen – es ist aus Sicht der Deutsche Umwelthilfe (DUH) einer der Vorzeigebetriebe bundesweit.

Die Mineralwasserfirma Alwa macht sich keine Sorgen

Die Alwa Mineralbrunnen – als derzeit wohl größtes Unternehmen im Südwesten, Hauptsitz in Sersheim im Kreis Ludwigsburg – zählt heute mehr als 900 Mitarbeiter. An vier Brunnenstandorten bewirtschaftet die Winkels Gruppe insgesamt 14 Quellen, die zwischen 40 und 500 Metern tief liegen – mit Eigenmarken wie Alwa, Griesbacher, Fontanis, Rietenauer und Markgrafen. Denise Kaufmann ist die geschäftsführende Gesellschafterin. "Nachhaltigkeit im Umgang mit unseren Ressourcen ist für uns als familiengeführter Betrieb in vierter Generation Teil unserer Unternehmensphilosophie", sagt sie. Das Mineralwasser aus Tiefenquellen nennt sie "einen Schatz der Natur, ein ursprünglich reines Naturprodukt, reich an Mineralien."

Auch die Mineralbrunnen Überkingen-Teinach GmbH, Sitz in Bad Teinach/Zavelstein, Kreis Calw, relativiert aufkommende Besorgnisse. Mineralwasser habe einen Anteil von etwa 3,5 Promille an der Gesamtentnahme aus Grundwasser aller Wassernutzer in Deutschland. Verbrauchswasser liegt um ein Vielfaches höher: Für die tägliche Versorgung der Menschen würden, sagt Geschäftsführer Andreas Gaupp von der öffentlichen Wasserversorgung, rund 4,5 Mrd. Kubikmeter Trinkwasser pro Jahr zur Verfügung gestellt. Durch den zunehmenden Klimawandel sei der Schutz dieser wertvollen Ressource und einer dezentral vorzuhaltenden, flächendeckenden Brunnenstruktur gleichwohl noch wichtiger geworden, meint Gaupp.

Sein Mineralbrunnen wurde 1923 gegründet. Heute zählen Marken wie Teinacher, Krumbach, Hirschquelle und die Markenrechte an Bluna und Afri Cola dazu. Firmen-Leiter Gaupp versichert: "Eine Absenkung des Grundwasserspiegels durch die Entnahme von Mineralwasser ist in Deutschland ausgeschlossen: Es finden sorgfältige Kontrollen statt und es sind geringe Mengen." Einer Nutzung von Mineralwasser in bestimmten Grenzen und unter strengen Auflagen stehe dem Schutz desselben per se nicht entgegen.

Bayrischer Umweltminister sagt Großproduzent ab

Etwas anders sieht die Situation wohl bei den ganz großen Playern aus. In Lüneburg stellte Coca-Cola einen Genehmigungsantrag für eine dritte Brunnenbohrung – und weitere 350.000 Kubikmeter Fördermenge im Jahr. Das sind Abflussmengen von 23,6 Liter pro Sekunde und Größenordnungen, die mittlerweile für Nachdenklichkeit sorgen. Etwa auch bei Behörden im bayerischen Treuchtlingen, nur rund 50 Kilometer östlich der baden-württembergischen Landesgrenze. Dort hatte Großproduzent "Altmühltaler", der unter diesem und anderen Namen bei Discountern wie Lidl, Aldi oder Netto vertreibt, mehrfach eine zusätzliche Quellfassung und -förderung beantragt. Zuletzt 800.000 Kubikmeter. Das wurde vom bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) abschlägig beschieden. Altmühltaler betreibt seit den 1990er-Jahren auch Brunnen in der Mark Brandenburg.

Der Vergleich zu beispielsweise der kleinen Randegger Ottilien-Quelle ist frappierend: Diese entnimmt derzeit 34.000 Kubikmeter pro Jahr und darf 6,5 Liter pro Sekunde abpumpen. 19 Millionen Flaschen Mineralwasser setzt Randegger im Jahr um. Randegger, Alwa oder auch Teinacher haben dabei seit Jahren mit dem von den Discountern losgetretenen Preisdumping zu kämpfen: Bereits ab 19 Cent je 1,5-Liter Flasche sind die Mineralwässer der großen Player "als Billig-Ramschware" erhältlich – bei einem Flaschenpfand von gleichzeitig 25 Cent. Das habe "die Marktsituation der ansonsten überwiegend durch regionale Familienunternehmen geprägten Mineralbrunnen bereits vor Jahren verschärft", klagt nicht nur Alwa-Chefin Denise Kaufmann.


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1 Kommentar verfügbar

  • Gerald Wissler
    am 17.03.2022
    Antworten
    Auch wenn es im Artikel erwähnt wird, der entscheidende Aspekt kommt zu kurz:
    Warum bekommt ein internationaler Konzern Allgemeingut für 18 Cent pro Kubikmeter, während die ortsansässigen Bürger 2,73 Euro für dieselbe Menge zahlen müssen ?
    Das ist doch absurd.
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