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Filmkritik "Der Schein trügt"

Zeichen und Wunder

Filmkritik "Der Schein trügt": Zeichen und Wunder
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In der dreiteiligen Komödie "Der Schein trügt" geht es um einen lästigen Heiligenschein, ein göttliches Handy und um sehr nahrhafte Kunst. Und darum, ob rustikale Balkan-Folklore dazu taugt, von drei Jahrzehnten ex-jugoslawischer Geschichte zu erzählen.

Achtung: Triggerwarnung! Dieses serbische Film-Triptychon zeigt auf handfeste Art Armut, Dreck, Prassereien, Prügeleien, Seitensprünge, Kriminalität, Kapitalismus, Korruption, Mord, Hinrichtungen und dazu einige Wunder. Das erste passiert dem gutmütigen Stojan (Goran Navojec), einem melancholisch guckenden Simpel, der mit seiner resoluten Frau Nada (Ksenija Marinkovic) und seiner kleinen Tochter in einer vermüllten Barackensiedlung haust. Es ist das Jahr 1993, Stojan und die Seinen sind, ohne dass dies genauer erklärt würde, von den Balkankriegen an den Rand gedrängt worden. Dahin, wo zerlumpte Kinder über Pfützen springen und Puppen grillen – mein Gott, ist das ein Jesuskind? – und der glatzköpfige Goldkettchen-Nachbar Schiebergeschäfte betreibt, die ihm einen Benz eingebracht haben. Und dort trottet Stojan nun zur Waschhütte, in die man seine eigene Glühbirne mitbringen muss, und kriegt per Stromschlag einen Heiligenschein verpasst.

Wie ein leuchtender Neonring schwebt dieses Ding über Stojans Kopf. Und es geht nicht mehr weg! "Was sollen die Leute sagen?", kreischt Nada empört. Dieses Wunder ist lästig, es wird vom Auserwählten nicht angenommen, es passiert zur falschen Zeit am falschen Ort dem falschen Mann. Als alle Versuche, den Heiligenschein runterzureißen, ihn wegbeten zu lassen oder unter einer Pelzmütze zu verstecken, nichts fruchten, befiehlt Nada ihrem Stojan, ausgiebig zu sündigen. So haut der Regisseur Srdjan Dragojevic nun erst recht hinein ins volle Balkanleben, führt also jene Art von derber Folklore auf, mit der auch mal sein serbischer Landsmann Emir Kusturica Filme wie "Underground" (1995) oder "Schwarze Katze, weißer Kater" (1998) spickte.

Macho-Balkan-Brachialhumor, aber richtig böse

Steckt in "Der Schein trügt" eine Sehnsucht nach alten Zeiten? Blüht in diesem Film der alte Balkan oder jedenfalls das Klischee von ihm wieder auf? Wenn Stojan bei seiner Wie-werde-ich-den-Heiligenschein-los-Therapie so frisst, dass ihm halbe Schnitzel aus dem Maul hängen, wenn er Nada schlägt, dass es schon beim Zuschauen weh tut ("Härter!", schreit sie), und wenn er die Nachbarin schließlich so vögelt, dass die Schwarte kracht, dann ist das vielleicht nicht nur eine Satire, sondern auch eine Hommage an eine Macho-Welt des Balkan-Brachialhumors. In diesem lauten und extrem physischen Film, der manchmal zur Feinripp-Unterhemden-Show wird, hängen Menschen (jawohl, auch Frauen!) dick und schwer in ihrem Fleisch, schwitzen vor sich hin, suhlen sich in ihrer durch Armut und schlechten Geschmack verunstalteten Umgebung.

Aber Stojans Geschichte, in der auch seine Suizid-Versuche kläglich scheitern, wird immer schlimmer. So schlimm, dass sie aus dem vom bunt-fröhlichen Filmplakat versprochenen Komödien-Genre fast aus- und ins Düster-Schwarze hinabsteigt. Stojan wird vom armen Naiven zum mörderisch-gewalttätigen Clubbesitzer, der die eigene Tochter auf den Strich schicken will. Das sprengt dann jede Balkan-Folklore auf, das ist jetzt richtig böse. Und es ist nur der erste Teil eines Triptychons, das auf seine Weise die letzten drei Jahrzehnte des auseinandergerissenen und zerfallenen jugoslawischen Raums widerspiegelt.

Orgiastisches Happening in der schicken Gesellschaft

Ein Zeitsprung führt zunächst in den zweiten Teil und ins Jahr 2001. Der schizophrene Gojko (Bojan Navojec) hat gemordet – vielleicht auf Befehl von ganz oben? Denn es passiert hier wieder ein Wunder in Gestalt eines göttlichen Handys voller Eingebungen, und im Gefängnis, dessen Direktor unser schon bekannter Stojan geworden ist, passiert ein weiteres, welches zur Frage führt, ob man Babys exekutieren darf. Was ist das bloß für ein Film?

Eine Satire, klar. Auch ein düsteres Märchen und eine Allegorie. Und alles beschäftigt sich, wie gesagt, mit den Hinterlassenschaften und Zerfallsprodukten des früheren Jugoslawiens und mit dem Neuen, das in diesen Raum eingedrungen ist und sich ausgebreitet hat. Als groteske Mischung aus Tradition, Religion, Kommunismus und Kapitalismus zeigt Srdjan Dragojevic diese Welt, die er, anders als noch vor zehn Jahren in seiner Erfolgskomödie "Parada", nicht mehr zusammenführen kann und will. Damals führte der Regisseur, übrigens ausgebildeter Psychotherapeut, vier Veteranen der Balkan-Kriege zusammen – einen Serben, einen Kroaten, einen Bosnier und einen Albaner – und ließ die Ex-Feinde gemeinsam eine Belgrader Schwulen-Parade vor homophoben Aggressoren beschützen.

Der dritte Teil von "Der Schein trügt" führt dann ins Jahr 2026 und in die Kunst. Gojko ist inzwischen nämlich Maler geworden und die Tochter Stojans betreibt eine Galerie. So könnte also die Kunst das versöhnen, was Tradition, Religion, Kommunismus und Kapitalismus auseinandergebracht haben? Aber weil Stojan selbst zum Staatspräsidenten aufgestiegen ist, hat man doch seine Zweifel. Gojkos Bilder werden in dieser Geschichte übrigens geerdet, die auf die Leinwand gepinselten Nahrungsmittel lösen – welch Wunder! – solche Hungergefühle aus, dass der Betrachter schon Kaubewegungen macht. Und noch ein schön satirisches Kunstbild inszeniert der Film: nämlich eine schicke Gesellschaft, die sich in der Galerie sattgesehen hat und plötzlich orgienhaft Farben kotzt, so dass der Boden aussieht wie ein Drip-Painting von Jackson Pollock.

Srdjan Dragojevics "Der Schein trügt" läuft an diesem Donnerstag, 16. Dezember in deutschen Kinos an. Und außerdem, so als sei der Film letztlich doch ein Appell an eine gemeinsame Vergangenheit, in den Kinos von Serbien, Mazedonien, Kroatien, Slowenien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina.


Welche Spielstätte den Dreiteiler in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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