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Tops im Film-Business

Ränke, Ranking und ein Kuss

Tops im Film-Business: Ränke, Ranking und ein Kuss
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Jeff Bezos hat jetzt Munition gegen Donald Trump im Archiv. "Citizen Kane", das verkappte Biopic über einen Medienmagnaten, wurde als bester Film abgelöst von der Screwballkomödie "Es geschah in einer Nacht". Und Disneys "Schneewittchen" könnte bald kürzer werden.

Amazon essen Filme auf. Genauer gesagt: Jeff Bezos hat gerade MGM eingesackt, die Produktionen des Löwen-Gebrüll-Studios können nun vom Streaming-Anbieter Amazon Prime Video ausgewertet werden. Wie bitte? Jawohl, James Bond in all seinen Verkörperungen von Connery bis Craig rettet die Welt nun im Auftrag des reichsten Mannes derselben. Und auch das noch: Der englische Geheimagent wird also von einem US-Amerikaner herumschikaniert, der schon 2014 den vom Internationalen Gewerkschaftsbund vergebenen Titel des "schlechtesten Chefs der Welt" errungen hat. Und das ist immer noch nicht alles, denn das "größte Skandalpotenzial" bei diesem Deal, so schreibt der "Stern", hat mit jenem Mann zu tun, der mindestens der zweitschlechteste Chef der Welt war: Donald Trump.

Und das kam so: Jeff Bezos liegt mit Trump schon lange im Clinch, unter anderem hat sich der Amazon-Chef 2013 die "Washington Post" gekauft und mit ihr gegen seinen Intimfeind anschreiben lassen. Trump wiederum hat in dieser mit Verschwörungsvorwürfen angereicherten Wie-du-mir-so-ich-dir-Hauerei vielleicht nicht nur schadenfroh zugesehen, wie Bezos mittels Nacktfotos erpresst wurde, sondern … Aber zur Sache: Jeff Bezos, der übrigens 2018 mit dem Axel Springer Award ausgezeichnet wurde, hat mit MGM auch das Rohmaterial zu Trumps Reality-TV-Show "The Apprentice" erworben, in welcher der spätere Präsident Jobbewerber begutachtete und den Satz "You're fired" zu seinem Markenzeichen machte. Während der Aufzeichnungen soll er, so der "Stern", extrem ausfallend geworden sein: "Immer wieder seien sexistische, schwulenfeindliche und rassistische Angriffe aus der Sendung geschnitten worden, berichteten ehemalige Mitarbeiter."

Machtmittel von Egomanen und Medienmogulen

Was mit dem Material nun passiert? Ob es unter Verschluss bleibt als Drohmittel oder ob es "unabsichtlich" in die Öffentlichkeit sickert? Die Machtmittel der beiden Ego- und Megalomanen Trump und Bezos sind in diesem Kampf allerdings nicht ganz so ungleich verteilt wie damals, im Jahr 1941, als der Medienmogul William Randolph Hearst den Orson-Welles-Film "Citizen Kane" vernichten wollte. Weil in diesem von Welles selbst gespielten Kane, der sich skrupellos nach oben arbeitet, eben sehr, sehr viel Hearst steckt. Dessen Imperium war damals so mächtig, dass ihm in seiner Rufschädigungs-Verhinderungs-Kampagne "freiwillig" viele Größen der Filmindustrie beisprangen, an vorderster Front Louis B. Mayer, damals Chef der jetzt von Bezos aufgekauften MGM-Studios.

Mister Mayer also bot den RKO-Studios, die "Citizen Kane" produziert hatten, die Summe von 842.000 Dollar an, wenn alle Filmrollen und das Negativ zerstört würden. Als RKO dieses Angebot ablehnte, drohte das Hearst-Imperium mit allen möglichen Maßnahmen, seine publizistischen Giftschleudern, etwa die gefürchtete Klatsch-Kolumnistin Louella Parsons, arbeiteten auf Hochtouren, auch wurden Kinos so drangsaliert, dass sich nur wenige trauten, den Film zu spielen. "Citizen Kane" wurde an der Kasse kein Erfolg, aber nach und nach zur Legende. Die traditionelle Kritikerumfrage des renommierten Filmmagazins "Sight & Sound" führte Orson Welles Geniestreich fünf Jahrzehnte lang als besten Film aller Zeiten. Erst im Jahr 2012 wurde er von 846 befragten Kritikern auf Platz 2 gesetzt, hinter Hitchcocks "Vertigo" als neuem Spitzenreiter.

Auf der Ranking-Liste der Internet-Seite "Rotten Tomatoes" freilich, die keine Kritiker befragt, sondern deren Kritiken auswertet, blieb "Citizen Kane" weiter die Nummer 1. Und Netflix, Hauptkonkurrent von Amazon Prime, hat sogar David Finchers zehnfach oscarnominierten "Mank" im Angebot, eine Eigenproduktion des Streamingdienstes und eine Hommage an "Citizen Kane", allerdings nicht erzählt aus der Perspektive des Regisseurs Orson Welles, sondern aus jener des von Gary Oldman gespielten Drehbuchautors Herman Mankiewicz, der seine sarkastische Zunge auch bei Dinnerpartys im Hearst-Schloss nicht im Zaum halten konnte. Der brillante Schwarzweißfilm "Mank", der immer wieder Szenen aus "Citizen Kane" zitiert, würdigt Mankiewicz' Anteil an dem Meisterwerk, so wie dies Pauline Kael schon 1971 in ihrem "Citizen Kane Book" getan hatte. Trotzdem wird der Film wohl weiter dem Wunderkind Welles zugeschrieben werden.

Aber "Citizen Kane" ist nun auch bei "Rotten Tomatoes" von Platz 1 verdrängt worden, überraschenderweise aber nicht von einem Action-Kracher aus dem neuen Jahrtausend, sondern von der 1934 entstandenen Frank-Capra-Screwball-Komödie "Es geschah in einer Nacht", die also noch sieben Jahre älter ist als der Welles-Film. Na gut, die Geschichte vom frechen Sensationsreporter (Clark Gable) und der ausgebüxten Millionenerbin (Claudette Colbert) wurde damals mit fünf Oscars in den Hauptkategorien ausgezeichnet, und sie ist, wir schauen mal rein, immer noch sehr spritzig. Dieses Dialogfeuerwerk, mit dem sich die beiden beschießen! "Ach, ist da sogar ein Hirn hinter ihrem Gesicht?!", sagt sie mal scheinbar erstaunt. Er aber ist auch für handfeste Aktionen gut, nimmt sie locker auf die Schulter, um mit ihr einen Bach zu durchwaten, und als sie sich dabei weiter mit ihm kabbelt, haut er ihr auf den Hintern.

Und Schnitt!

Jawohl, er haut ihr auf den Hintern! Und natürlich zuckt man bei einer solchen Szene zusammen, wenn man sie im Jahr 2021 anschaut. So wie man inzwischen ja, egal wie man zu Metoo-, Gender- oder Diversitäts-Diskussionen steht, alle alten Filme, ob man das will oder nicht, mit neuen Augen ansieht. Könnten die Übergriffigkeiten von damals respektive die jetzt als übergriffig empfundenen Szenen zu Konsequenzen im Heute führen? Aber ja! So dass die Wahl von "Es geschah in einer Nacht" zur neuen Nummer 1 fast ein bisschen trotzig wirkt. Im Hause Disney setzt man sich schon seit Längerem mit neuen Sensibilitäten auseinander, Zeichentrickklassiker wie "Peter Pan", "Dumbo" oder "Fantasia" sind angreifbar geworden, sie werden im Streamingdienst mit Anmerkungen versehen oder zusammengeschnitten.

Auch Disneys 1937 entstandenes "Schneewittchen", das es in der Zeitschrift "Cinema" gerade auf Platz 10 der "101 größten Momente der Filmgeschichte" geschafft hat, ist nun in die Kritik geraten. Ein Kuss ist nämlich nicht einfach, wie das 1942 von Dooley Wilson im "Casablanca"-Song "As Time goes by" behauptet wird, ein Kuss. Es muss ein Einwilligen des potenziellen Kusspartners oder der Kusspartnerin vorliegen, und das, so haben jetzt die Kritikerinnen Katie Dowd und Julie Tremaine festgestellt, ist in "Schneewittchen" nicht vorhanden. Der Prinz küsst Schneewittchen "ohne ihre Zustimmung, während sie schläft, was auf keinen Fall echte Liebe sein kann, wenn nur eine Person weiß, was gerade passiert." Hmm. Wie könnte man das Problem lösen? Schneewittchen einfach weiterschlafen lassen? Oder eben auch diese Szene rausschneiden? Der "Guardian" jedenfalls hat prophezeit, "dass bis zum Jahr 2050 – weil kulturelle Empfindlichkeiten sich weiterhin verschieben – alle alten Disney Filme 26 Sekunden lang sein werden."


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1 Kommentar verfügbar

  • Tanja Tasche
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Zitat: "Jawohl, er haut ihr auf den Hintern! Und natürlich zuckt man bei einer solchen Szene zusammen, wenn man sie im Jahr 2021 anschaut."

    Bei solchen Szenen habe ich innerlich schon immer zusammen gezuckt.

    Es ist verdammt noch mal Mist, wenn Menschen erniedrigt werden. Was dort in…
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