KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Truppenübungsplatz Münsingen

Metamorphose des Militärischen

Truppenübungsplatz Münsingen: Metamorphose des Militärischen
|

 Fotos: Joachim E. Röttgers 

|

Datum:

Ein Ort als Chronist des Wandels: Bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb wurde das Töten gelehrt. Seit das einstige Militär- als Biosphärengebiet anerkannt ist, gewinnt der Tourismus dort an Zulauf. Mit der TrÜP-Guide auf Spurensuche.

ZurückWeiter

Die Vergangenheit versteckt sich zwischen Hügeln und Wäldern. Rita Goller zeigt aus dem Fenster: Panzerspuren im Gras erinnern an früher. Sie steuert den Wagen durch das Biosphärengebiet, ihre wachen Augen scannen die Umgebung. Nur wer genau hinschaut, erkennt die Narben der Natur, die der Mensch hier eingekerbt hat. "Die Menschen ächzen nach Ruhe, und hier können sie aus dem Hamsterrad ausbrechen", sagt die 62-Jährige. Für sie gibt es keinen Ort wie diesen, so voll von Geschichte, Wandel und Gelassenheit. Endloses Grün in allen Intensitäten, eine hörbare Ruhe, kein Plastikmüll, kein Lärm. Münsingen auf der Schwäbischen Alb ist eine Einladung zur Flucht vor der beschleunigten Gesellschaft.

Ganz so paradiesisch ging es auf diesem Fleckchen Erde nicht immer zu. Heute bieten Alb-Natur- und Fremdenführerin Rita Goller und 29 weitere "TrÜP-Guides" Touren an, um Interessierten dieses Fleckchen näherzubringen, auf dem Menschen einst lernten, ihresgleichen möglichst effizient zu töten. 1895 wurde das Gelände zum Truppenübungsplatz erklärt, 1937 während des NS-Regimes für Aufrüstungszwecke erweitert. Vor 16 Jahren fuhr der letzte Stahlkoloss, fiel der letzte Schuss. Zwei Jahre später wurde das Areal für die Öffentlichkeit freigegeben. Dennoch erholt sich die Natur nur langsam. Die kleinen, betongrauen Beobachtungsbunker taxieren vorbeifahrende TouristInnen.

Kasernen zu Event-Räumen

Goller erzählt, dass sich wohl eine halbe Million Blindgänger auf dem Gelände verstecken – nach wie vor. 100 Jahre lang übte man hier Bombenwerfen, Häuserkampf und Zielschießen. Die Belastung ist so hoch, dass die Fläche wohl nie wieder genutzt werden kann. Landwirtschaft? Undenkbar. Regelmäßig erinnern Hinweisschilder ("Lebensgefahr!") die BesucherInnen, dass man sich hier nicht frei bewegen kann. Sie erinnern auch an die Sinnlosigkeit und die Zerstörungswut, die Krieg und Militär mit sich bringen. In Münsingen zeigt sich, wie langsam und mühevoll die Überwindung der Vergangenheit sein kann. Seit zehn Jahren ist das Terrain als Biosphärengebiet anerkannt. "Früher hieß es über Münsingen: lieber schnell durchfahren", erzählt Goller. Doch innerhalb eines Jahrzehnts hat das Gebiet eine Metamorphose zu einer touristischen Attraktion hingelegt.

Zentral für den ehemaligen Truppenübungsplatz ist das sogenannte Alte Lager. Weitläufige Wiesen mischen sich mit Backstein-Baracken. 2012 spielte Götz George hier für sein SWR-Doku-Drama "George". Die Geschichte des Ortes – ebenfalls nur auf den zweiten Blick erkennbar. Rita Goller zeigt auf die marmorverzierte Eingangstür eines Hauses. Über der Tür prangt die Form des Reichsadlers, verblasst wie die Erinnerung. Eine Schulklasse schlurft durch das Areal und lauscht Erklärungen über eine längst vergangene Zeit. Die Allee auf der Zufahrtsstraße legten die Franzosen noch während der Besatzungszeit an. 1992 zogen sie ab. Jetzt heißt der Chef dieser historischen Stätte Franz Tress. Er kaufte vor fünf Jahren das Gelände auf. Der Unternehmer wuselt auf einer der zahlreichen Baustellen umher.

Tress hat zwei Lebensprojekte: die Produktion von Nudeln und Münsingen nach seiner Vision gestalten. "Münsingen entwickelt sich zu einem Erholungsort", sagt der 70-Jährige. Die Nudel-Firma hat er seinem Sohn übertragen, doch zur Ruhe kommt er nicht. Aus den ehemaligen Kasernen-Gebäuden formt er eine Erlebnis-Meile: Gastronomie, ein interaktives Alb-Museum, auch Heiraten kann man hier. Hackschnitzel-Anlagen sind das Projekt der Stunde, weg vom Öl wolle er kommen. "Ich wollte eine Spur hinterlassen", sagt der Nudel-Patriarch und huscht schnell wieder fort zu seinen Baustellen.

Schafe als einzige Konstante

Egal ob Infanteriedivision der Nazis, französische Streitkräfte oder Bundeswehr – die Schafe in Münsingen grasen, als wäre hier nie ein Schuss gefallen. Von ihnen gibt es hier mehr als Menschen. Sie sind der antike Rasenmäher, der die Landschaft schnittig und gepflegt aussehen lässt. Militärische Übungen wurden irgendwann zur Normalität für sie. Versteckt zwischen Eschen tauchen plötzlich zwei Gebäude auf. Das hier sei das Dorf Gruorn, erklärt Rita Goller, oder zumindest das, was davon übrig sei. Nur die Stephanus-Kirche und das ehemalige Schulhaus stehen noch. Gruorn gilt als "aufgegebenes" Dorf. Mit der Erweiterung des Truppenübungsplatzes durch die Nazis haben diese alle BewohnerInnen bis 1939 umgesiedelt. Dann übten sie dort den Häuserkampf. Die moosbewachsenen Ruinen könnten als Filmkulisse dienen.

Dabei hörte der Schrecken auch nach dem Krieg nicht auf: Immer wieder kam es auf dem Gelände zu tödlichen Unfällen. Goller erzählt von Soldaten, die sich in einer kalten Nacht mit einem Feuer wärmen wollten – und starben. Alte Kampfmittel entzündeten sich und explodierten. Auch ein Schäfer kam bei einem ähnlichen Unfall ums Leben. Laut Goller gab es viele solcher Fälle, die man aber oft zu vertuschen versucht habe. 1983 allerdings klappte das nicht: Am 3. Oktober feuerte die Heimatschutzbrigade 56 der Bundeswehr mit einem Mörser auf eine ungesicherte Stellung. Bei diesem "Schauschießen" starben zwei Soldaten, 25 weitere wurden verletzt, zum Teil schwer – darunter auch Zivilisten. Misslungene Kommunikation hatte dazu geführt, dass statt mit Nebelgranaten mit scharfer Munition geschossen wurde.

Rita Goller sorgt mit ihren Touren dafür, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Dass die Menschen konstant daran erinnert werden, was Krieg und Militär bedeuten. Wandel zeichnet diesen Ort seit jeher: Postkutschen, dann Panzer, dann Postkartenidylle. Das aktuellste Projekt im Biosphärengebiet hat zwei lange Ohren und einen friedlichen Blick. Eine Kooperation von Bundesforst, Biosphärengebiet und Landratsamt setzt Esel ein, um das Gras zu mähen, das für die Schafe zu lang ist. Rita Goller zeigt aus dem Fenster, weist auf schwarze Spuren auf der Straße. Tiefflieger, denen wohl noch Übung fehlte, schlitterten dort einst über den Boden. Goller lässt die Augen über die Hügel des ehemaligen Militärgeländes schweifen. Wer die Vergangenheit überwinden will, muss an sie erinnern.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!