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Ausgabe 386
Schaubühne

Na, dann gute Nacht!

Von Claudia List
Fotos: Jens Volle
Datum: 22.08.2018
Es ist Sternschnuppen-Zeit. Doch nicht überall. Stadtkinder haben die Sternlein heute schnell gezählt. Das dunkle Himmelszelt über ihnen ist leer. Nachts strahlen zahllose Lampen und stehlen den Sternen die Schau.

"Die Menschen sind eitel und müssen ihre Bauwerke Tag und Nacht beleuchten!", sagt Hans-Ulrich Keller. Über 30 Jahre lang war er Direktor des Planetariums in Stuttgart. Er bedauert es, dass die Nacht zum Tag wird und Jüngere die Milchstraße nur vom Hörensagen kennen. Dabei erzählt er gerne die Geschichte, als er auf einer Ägyptenreise an einem Nachtausflug in die Wüste teilnahm und eine junge Frau zu ihrer Freundin sagte: "Schau mal: die Milchstraße! Wie im Stuttgarter Planetarium!"

Der weiße Schleier am Himmel ist übrigens unsere Galaxie. Sie besteht aus über 100 Milliarden Sternen und im Welzheimer Wald kann man sie noch sehen. Hier mit Sternschnuppe.

Auf der Schwäbischen Alb und im Nordschwarzwald liegen die letzten dunklen Flecken in Baden-Württemberg. Sagt Andreas Hänel, der das Planetarium Osnabrück und die Fachgruppe Dark Sky leitet, die zur Vereinigung der Sternfreunde gehört. Und so ist auch der Stuttgarter Hobbyastronom Matthias Engel auf den Truppenübungsplatz Münsingen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb gestoßen, als er einen guten Teleskopstandort suchte. Dann hat er von den Dark Sky Parcs gehört: Die Idee dazu stammt von der amerikanischen Dark Sky Association, die sich dem Kampf gegen Lichtverschmutzung verschrieben hat. Die ersten Sternenparks hat sie bereits ernannt, die meisten liegen in der Vereinigten Staaten, aber es gibt auch einen in Schottland und in Ungarn. Bald war Engels Idee geboren: ein Schutzgebiet der Nacht im Biosphärengebiet. Der Bürgermeister von Münsingen war begeistert, aber Engel ist klar, dass es ein weiter Weg bis dorthin sein wird.

Keine Sternschnuppen: Flugzeuge erschweren die Nachtaufnahmen zusätzlich. Burgruine Reußenstein auf der Schwäbischen Alb bei Neidlingen.

Vielerorts ärgern sich Astronomen über das Licht, das die Sternenbeobachtung unmöglich macht. Die Experten sind sich einig: In Deutschland strahlt das Ruhrgebiet am stärksten. Doch auch in Baden-Württembergs Ballungszentren gehen die Lichter nie aus. Straßenlaternen brennen Stunden, obwohl niemand unterwegs ist. Neubaugebiete, in denen die Wohnungen leer stehen, sind hell erleuchtet. Kirchen, Schlösser und Firmengebäude strahlen um die Wette. Ganz zu schweigen von den Skybeamern, mit denen Diskotheken kilometerweit für sich werben. Tendenz steigend: Der Naturschutzbund (NABU) spricht davon, dass der Lichtsmog jährlich um fünf Prozent zunimmt.

Wer sich anstrengt, entdeckt hier vielleicht einen Stern. Kleiner Scherz. Heilbronner Straße in Stuttgart.

Er stört nicht nur Astronomen: Insekten fliegen ins Licht. Sie verbrennen, sterben beim Aufprall oder flattern so lange drum herum, bis sie zu Tode erschöpft sind. Große, hell erleuchtete Tankstellen heißen bei NABU-Mitarbeitern "Insektenstaubsauger", denn sie locken Tiere von weit her an. Auch Vögel sind bedroht, weil sie wiederum die Insekten zum Überleben brauchen. Außerdem kann das Licht den Flug der Zugvögel stören.

Niemand da zum Einkaufen: In der Stuttgarter Innenstadt leuchten Läden sinnlos um die Wette.

Nicht zuletzt leidet der Mensch: Nur bei Dunkelheit wird das Hormon Melatonin ausgeschüttet, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. "Melantonin kann vor Krebs schützen. Wenn künstliches Licht die Produktion unterbricht, steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken", erklärt Andreas Hänel. Der Lichtverschmutzungs-Experte bringt sein Wissen im Internet und in Vorträgen unter die Leute. Auch bei der Umweltakademie Baden-Württemberg hat er von den schädlichen Folgen für Mensch und Tier erzählt, aber auch davon, was man ändern kann. Bei der Straßenbeleuchtung zum Beispiel Natriumdampf-Hochdrucklampen oder LEDs einsetzen. Das Licht nicht nach oben richten, sondern nach unten, wo es schließlich hell sein soll. Bewegungsmelder anbringen. Oder einfach mal abschalten.

Die Stuttgarter Oper am Eckensee leuchtet in der Nacht. Der Himmel nicht.

Das Thema Lichtverschmutzung führt allerdings ein Schattendasein. Vielleicht, so hoffen die Kämpfer für die Nacht, kann die Energiedebatte etwas daran ändern. Wo man doch so viel sparen könnte: Der Nabu geht von 30 bis 50 Prozent weniger Energieverbrauch aus, wenn man intelligente Lichtplanung und Beleuchtungstechnik einsetzt. Das kommt nicht nur der Umwelt, sondern auch der Stadtkasse zugute. Wie zum Beispiel in Auenwald am Fuß des Schwäbischen Waldes. Nachts liegen die Straßen für einige Stunden im Dunkeln. Dadurch hat die 7000-Einwohner-Gemeinde im Jahr rund 17 000 Euro Stromkosten gespart.

Auch Stuttgart rüstet Lampen auf die neue Technik um, testet LEDs und schaltet an manchen Stellen das Licht nachts aus. Das Ergebnis: "Seit 1990 ist der Energieverbrauch für die Straßenbeleuchtung in der Stadt um 23,6 Prozent gesunken", sagt Jürgen Görres, Abteilungsleiter Energie im Amt für Umweltschutz. Ganze Straßenzüge liegen aber nicht im Dunkeln: "Die Anwohner haben geklagt, als wir das mal getestet haben", bedauert Görres. Im Gegensatz zu den Astronomen fürchten viele das Dunkel und haben Angst um ihre Sicherheit. Ein Irrglaube, meint Hans-Ulrich Keller: "Untersuchungen von Scotland Yard haben gezeigt, dass Einbrecher dort zuschlagen, wo der Fluchtweg gut beleuchtet ist und sie sehen, was zu holen ist." Und er fügt hinzu: "Schon Goethe wusste: Wo viel Licht ist, ist starker Schatten."

Für Stadtkinder: So kann ein Nachthimmel aussehen. Aufgenommen am Ebnisee im Welzheimer Wald.

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