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Spucke im Saal

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An der Württembergischen Landesbühne in Esslingen wird seit dem 11. Mai wieder geprobt. Mit Abstand. Ein Gespräch zwischen der Schauspielerin Gesine Hannemann und dem Schauspieler Christian A. Koch über das Theaterspielen in Corona-Zeiten.

Der Spielbetrieb an der Esslinger WLB wird am 20. Juni wieder aufgenommen. Am 11. Juli haben dann "Die Mitwisser" von Philipp Löhle Premiere: in einer Inszenierung von Christof Küster, die zum Zeitpunkt des Corona-Theater-Shutdowns am 13. März schon fast fertig war und jetzt in einem neuen Probegang den Corona-Hygienevorschriften – sprich: dem SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard – angepasst wurde.

Gesine Hannemann: Wir haben vor einer Woche "Die Mitwisser" komplett umgekrempelt. Das Konzept und die Inszenierung sind jetzt völlig anders. Aber sehr stimmig, nicht einfach nur eine amputierte Version.

Christian A. Koch: Wir hatten ursprünglich die Drehbühne in unser Spiel integriert: Wir sind zum Beispiel stehengeblieben, um auf der Scheibe zu SpielpartnerInnen hinzufahren, haben über sie Nähe oder Distanz gesucht, oder wir sind schnell mit oder gegen die Drehung der Bühne gegangen. Jetzt ist das Stück statischer geworden.

GH: Wir haben in der Ursprungsversion total unseren Spieltrieb ausleben können und hatten eine tolle Choreographie gefunden. Die fällt nun komplett weg.

CAK: Die Drehbühne ist praktisch nur noch eine Bühne auf der Bühne. Darauf stehen nun Stühle im vorgeschriebenen Abstand. Es gibt keine inszenierten Gänge mehr, sondern verabredetes Aufstehen und Hinsetzen. Alles sehr minimalistisch.

GH: Nähe, Körperlichkeit, Berührungen, das fällt alles weg. Auf- und Abgänge sind reglementiert, weil man sich dabei nicht begegnen darf. Wegen der Desinfektionsregeln dürfen wir keine Requisiten mehr auf der Bühne übergeben.

CAK: Wir hatten ursprünglich viele Slapsticks im Stück. Jetzt konzentrieren wir uns ganz auf den Text. Das ist eine interessante Erfahrung. "Die Mitwisser" leben ja sehr von Wortwitz, von Timing und Rhythmus – wie eine Partitur. Der Text wird jetzt nicht mehr so sehr "zergangen", die Pointen sind einfacher herauszuarbeiten. Alles ist sehr konzentriert, auch auf die inneren Vorgänge.

GH: Das hat was. Das gefällt mir.

CAK: Das szenische Spiel ist natürlich weitgehend weg. Und was echt komisch ist, ist diese ständige Selbstkontrolle auf der Bühne. Wir müssen ja immer bestimmte Abstandsparameter im Kopf haben. Mindestens 1,5 Meter, aber drei Meter, wenn wir etwas lauter reden, und sechs Meter, wenn wir schreien.

GH: Da kommen skurrile Probesituationen zustande: etwa, wenn man einem Kollegen Platz machen muss, damit er brüllen und seine Spucke in den Raum schicken kann ­­– ohne sich bremsen zu müssen. Es ist sehr ambivalent. Und es hat etwas Schizophrenes. Einerseits bin ich froh, dass ich endlich wieder spielen darf, andererseits habe ich latent was Aggressives in mir, weil es nicht so geht wie bisher.

CAK: Zwar können wir uns besser auf den Text konzentrieren, auf der anderen Seite fehlt aber das, was Theater eigentlich ausmacht: dass man sich austoben darf.

GH: Genau! Mein Kernsatz ist: Das, wofür uns unser Publikum liebt, ist eigentlich, dass wir uns auf der Bühne distanzlos, unverschämt, grenzüberschreitend verhalten. Klar, die Komik entfaltet sich jetzt ganz anders, weil wir ganz straight am Text bleiben und uns nicht in die Szenen ausbreiten können.

CAK: Weil du das gerade sagst: Schön ist natürlich, dass dadurch dieses Stück und seine Verortung viel mehr in den Köpfen der Zuschauer stattfindet. Die Fantasie der Zuschauer ist viel mehr gefordert. Das finde ich immer sehr spannend, wenn nicht alles gezeigt wird.

GH: Es ist schön, dass wir wieder arbeiten dürfen.

CAK: Ja!


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