Im Beisein von Rätselmeister Skasa-Weiß (links) begutachtet Kontext-Finanzvorstand Johannes Rauschenberger ein Siegerkärtchen. Foto: Jens Volle

Im Beisein von Rätselmeister Skasa-Weiß (links) begutachtet Kontext-Finanzvorstand Johannes Rauschenberger ein Siegerkärtchen. Foto: Jens Volle

Ausgabe 407
Kultur

Runter vom Turm – und alle schnaufen auf

Von Ruprecht Skasa-Weiß
Datum: 16.01.2019
Die Bauklötze, die wir staunten, türmten sich bis in den Himmel hinauf: Zum diesjährigen Weihnachtsrätsel erreichten die Kontext-Redaktion mehr als doppelt so viele Lösungsversuche wie beim vorigen Mal. Der Rätselmeister und ein Glückskobold haben die GewinnerInnen gezogen.

Geneigte Rätselleser und -löser,

einigen unter Ihnen – wie viele mögen es sein? – ist diese Anrede vertraut seit Jahrzehnten, einigen wenigen vielleicht seit einem halben Jahrhundert. Denn damals, 1969, hatten wir angefangen mit dem scrabblegestützten Rätsel um zehn zu suchende Personen, wechselnd in der Thematik von einer Weihnacht zur nächsten: Esel, Glocke, Schlittschuh, Engel, Kerze, Schnee – all dies kam hinein in unsre Knobelkrippe, dazu Brot, Apfel, Stroh, Gold, Rose, Stein, Salz, Tränen undundund. Tja, und zuletzt gar ein Pups. Doch dieses Tönchen, obgleich kulturgeschichtlich durchaus von Belang, war der "Stuttgarter Zeitung" plötzlich zu degoutant – sie kniff es fort mitsamt dem Rätsel, und Sie, die Kontext-Leser, hatten zu Ostern erstmals davon den Profit. Und jetzt, zum Jahreswechsel 2018/2019, entsteht bereits ... na, was? Man könnte sagen, eine klitzekleine neue Tradition. Denn die Kontext-Truppe sorgte dafür, dass Ihnen auch das jüngste Weihnachtsrätsel zufiel, das fünfzigste, gewidmet diesmal dem Thema Turm.

Gerührt nimmt der Rätselbauer zur Kenntnis, wie dankbar viele Leser das Engagement der Online-Wochenzeitung quittierten. "Dass Sie dem Weihnachtsrätsel Asyl gewährt und damit eine neue Heimat geboten haben, das hat mich sehr gefreut", ließ ein Ludwigsburger wissen; ähnlich dachte man darüber auch in Kirchheim ("Toll, dass es dieses Rätsel noch/wieder gibt!!!!!!!"), in Illingen ("Vielen Dank,dass Sie der verwaisten Rätselgemeinschaft die Freude machen, das Weihnachtsrätsel in bewährter Form fortzuführen"), in Weissach im Tal ("Dank für unbeirrtes Weitermachen"), in Odenthal ("Welche Freude, bei der Lektüre der in Berlin erscheinenden ,taz' am nordrhein-westfälischen Küchentisch völlig unverhofft das Stuttgarter Weihnachtsrätsel zu finden, das meine Eltern und ich langjährig zu lösen pflegten!"), ein bisschen grimmiger dann wiederum in Waiblingen ("...möchte mich herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie die jahrelange Tradition des StZ-Weihnachtsrätsels nach dem schmählichen Ende, das diesem und seinem Verfasser dort bereitet wurde, übernommen haben") und am allergrimmigsten in Winnenden ("Es ist eine große Freude, dass die StZ-Redaktion und/oder Herr Dorfs sich mit ihren verklemmten Ansichten zum Thema Furz nicht durchsetzen konnten. Aber wer glaubt denn auch daran, dass dies der wirkliche Grund fürs Absetzen des Weihnachtsrätsels nach 49 Jahren war? Zum Niveau der StZ scheint es zunehmend zu passen, die Leser – oder vielmehr die Schreiber? – nicht mit Artikeln zu überfordern, die ein Mindestmaß an Nachdenken erfordern. Schön, dass ,Kontext' hier einen ,Ausweg' wusste...")

Karikatur: Oliver Stenzel
Karikatur: Oliver Stenzel

In ähnlicher Tonlage gab es noch mehrere Schreiben. Jetzt aber wird es Zeit, neben der Leser- endlich auch die Löserpost zu würdigen! Verehrte Rategemeinde, die Bauklötze, die wir bei dieser Gelegenheit staunen, stapeln sich empor zu einem wahren Turm. 203 Einsendungen erreichten die Redaktion, mehr als doppelt soviel wie im Vorjahr, und nur zwölf waren bröselig, hohl, schiefgebacken. Kurzum, den Höhengewinn, den Sie binnen weniger Monate erzielten, darf man mit Fug erheblich nennen – wobei es durchaus Leser gab, denen die ganze Turmbesteigerei zu simpel, und andere, denen sie viel zu beschwerlich war. Aber egal wie der Kompositeur auch verfährt – ist das Rätsel zu leicht ("ein Jahr lang darauf gefreut, in einer halben Stunde gelöst"), ist der Ärger womöglich noch größer, als wenn sich das Rätsel komplett als unknackbar erweist. Zumindest hätte man, zwar scheiternd, ein bisschen was hinzugelernt. Zum Hauptbedacht des Kompositeurs gehört daher auch, das Rätselpersonal von Jahr zu Jahr zu erweitern: Kein Kaiser, kein Dichter, keine Figur der Zeitgeschichte sollte gefälligst zweimal auftauchen in all den 500 Rätseln. Andernfalls könnte man – wurscht, welches Thema grad ansteht – immerfort den Herrn Geheimrat Goethe bemühen, der selbstverständlich auch beim Stichwort Turm mit seinen verrätselungstauglichen Qualitäten parat steht ("Der Türmer schaut zu Mitten der Nacht / hinab auf die Gräber in Lage") ...

Also Goethe beiseite. Wer aber waren dann die Gesuchten im Turm-Weihnachtsrätsel 2018? Sehen wir zu!

Nikolaus Kopernikus, so hieß der profilierteste aller Sterngucker, dessen astronomische Beobachtungen ein ganzes Weltbild neu durchhellten. Weit weniger forschender Witz ist vonnöten, im Namen Kopernikus die neunte Letter zu erspähen: U.

Johann Christoph Pezel, ein Komponist der Barockzeit, verstand‘s, sich auf allerlei sächsischen Türmen blasmusikalisch grandios zur Geltung zu bringen. Als Piffaro hörte er auch auf den Zuruf Bässel, doch der zweite Ton in seinem Namensklang, soviel steht fest, war ein posaunenhelles E.

Kaiser Hadrian – wo sollte seine letzte Ruhestätte sein? Natürlich in Rom, in einem Grabmalturm von exorbitanter Mächtigkeit, jedem Rombesucher bekannt als die Engelsburg. Wusste man dies, dann war der Rückschluss auf den Kaiser und dessen siebte Namensletter ein Leichtes: N.

Dan Goodwin, das ist der Amerikaner, der mit sich selber am allerhöchsten hinauswill. Unter dem Spitznamen "SpiderDan" hat er viele verrückte Kletterrekorde geschafft, kein Wolkenkratzer ist vor ihm sicher. Voranhangelnd an seinem Namensgebilde, bleiben wir mittendrin hängen: beim D.

Sinan – jawohl, so hieß er, der türkische Gröbaz, der größte Baumeister aller Zeiten, dieser "Euklid seiner Epoche" und "Michelangelo der Osmanen". Aus den Letterntrümmern seines Namens retten wir eilig das zweite Trumm, das minarettdünne I.

Alice Schwarzer lebt, wenn man (Mann?) so will, in einem Phallussymbol, im schönen Kölner Bayenturm am Rhein. Sie will‘s ganz anders, für sie ist das der Turm der Frauen. Und selbstverständlich soll es auch keine Beschneidung sein, wenn wir von ihrem Namen etwas abzwacken: S.

Louis-Sébastien Lenormand, seines Zeichens Physiker, Erfinder und Pionier der Fallschirmspringerei, sprang anno 1753 turmab einem Schaf hinterher – und kam lebend davon. Ihn hätte auch kaum geschmerzt, dass Rätselfreunde nun seinem Namen die fünfte Letter entsteißen: R.

Anne Boleyn, die zweite der sechs Ehefrauen Heinrichs VIII., wurde am 9. Mai 1536 im Londoner Tower enthauptet – angeblich wegen Hochverrats und Ehebruchs. Ihr jetzt die sechste Namensletter abzuhacken, ist verglichen mit jenem grausigen Killing eigentlich nur noch ein Klacks: N.

Charles Joseph Whitman, so hieß jener texanische Marineinfanterist, der sich unter Amerikas waffensüchtigen Amokläufern 1966 als Ausnahmekiller hervortat: Zwei Anverwandte erstochen, 17 Fremde erschossen – welch grauenhafte Bilanz! Bei uns verliert Whitman nur das vierte Glied von seinem Namen: T.

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg war's, der 1768 in seiner Tragödie "Ugolino" eine Leidensgeschichte aufgriff, welche er Dantes "Inferno" entnahm: das schreckliche mähliche Sterben im Hungerturm. Desto geschwinder jetzt unser Griff nach Gerstenbergs erstem Buchstaben: G.

Und damit hätten wir sie vollzählig beisammen, die gesuchten Buchstabenbrocken: U-E-N-D-I-S-R-N-T-G. Daraus ergibt sich, klug und bedachtsam zusammengesetzt, am Ende ein GRUNDSTEIN, der, wie wir angedeutet haben, allen Türmen dieser Welt im wahrsten Sinn des Worts "zu Grunde" liegt. Leider türmten nun aber einige wenige Leser (zwölf von den insgesamt 203, um ganz genau zu sein) völlig unbrauchbare Letterntrümmer auf bedenklich schiefe Weise aufeinander, so dass sie schließlich zu Sachen gelangten, welche ein Turmbaumeister sofort verwerfen oder zumindest herzlich beschmunzeln würde: STEINLEGUNG, GRAUENSTEIN, STEINMAUER, GRUNDSEITE, BEINGEBURT, SIGNATUREN, SINNGETREU, STEIGERUNG, STRENGSEIN und, last not least, EINTRAGUNG, verbunden mit der Anmerkung eines Lesers aus Calw: "Dank Internet ist das recht leicht zu lösen gwä."

Hoch hinaus

Als Hauptgewinn gibt es, passend zum Motiv, ein Essen im Restaurant Leonhardts. Hoch oben im Stuttgarter Fernsehturm. Für zwei Personen, mit traumhaftem Ausblick auf die Landeshauptstadt. Darauf kann sich nun ein Rätsellöser aus dem hessischen Mörfelden freuen.

Unter allen richtigen Einsendungen haben wir außerdem zehn Buchpreise verlost: Jeweils ein Exemplar aus der Serie „5 Minuten Mediendeutsch“ von Ruprecht Skasa-Weiß. Die GewinnerInnen aus Köln, Vaihingen/Enz, Marburg, Burscheid, Göppingen, Konstanz, Stuttgart, Sindelfingen, Heidelberg und Genf (CH) bekommen in den nächsten Tagen Post von der Redaktion. (min)

Wie granatenmäßig leicht, ha no, gibt die obige Eintragung zu erkennen. Aber im Ernst – was das Internet mitsamt dem hochpatenten und bequemen Googeln anlangt, hat jeder Leser wohl seine eigene Löser-Moral. Noch immer gibt es die Anhänger der reinen bücherwälzenden Lexikonschmökerei, die den Griff nach den wohlfeilen Suchmaschinen verschmähen wie der Korallentaucher die Sauerstoffflasche, und andere, die ungeniert drauflosgoogeln und jeden überflüssigen Nachdenksport perhorreszieren. Beide Verfahrensweisen sind freilich erlaubt – und am Ende steht noch immer die verflixte Scrabbelei, an der oft die Schlauesten scheitern, während dem Bildungsschwachen oft schon drei Buchstaben reichen, das Lösungswort zu ertüfteln. Klar, das Internet ist ein Segen, leicht zu ermessen beispielsweise schon daran, dass es sonst keine Online-Zeitung gäbe. Einen getreuen alten Rateherrn aus Sindelfingen brachte exakt dieser Umstand schier aus dem Häuschen: "Welche Freude", schrieb er begeistert, "ein neues Weihnachtsrätsel kommt elektronisch ins Haus!"

Doch mit dem elektronischen Rätsel kommt, wie gesagt, auch die elektronisch aufzuspürende Lösung. Den klugen Hauptgewinner des österlichen Pupsrätsels stimmt dieser Sachverhalt, wenn er aufs jüngste Turmrätsel blickt, einigermaßen bedenklich – so sehr, dass er, geleitet vom Umstand, dass "Google derzeit das Wissen der Welt am besten organisiert", sich daranmachte, "des Rätsels Lösung mal anhand von Suchbegriffen wiederzugeben, mit denen man mit dem ersten Google-Treffer jeweils bereits die gesuchte Person erhält". Im Fall des Nikolaus Kopernikus etwa waren dies für ihn die Wörter Domherr, Weltbild, Ermland. Indes, unterm Eintrag Domherr kommt bei Wikipedia kein Kopernikus vor; und die beiden anderen Suchbegriffe kommen in dieser Form im Weihnachtsrätsel nicht vor, man musste sie vielmehr extrapolieren aus "ermländisch" und "weltbilddurchleuchtend", was schon ein bisschen Übereckdenken voraussetzt. Und außerdem – neben aller Knobelei sollte das Rätsel ja auch Spaß bereiten. Unterhaltsam sollte es sein und, wie man früher so sagte, lehrreich. Hätten wir das geschafft, wären wir froh.


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