Illustrationen: Oliver Stenzel

Illustrationen: Oliver Stenzel

Ausgabe 403
Kultur

Zehn Leute schauen herab von hohen Türmen

Von Ruprecht Skasa-Weiß
Datum: 19.12.2018
Das Rätsel zum Fest. Hier dreht sich alles um die ausdrucksstärkste Form der Baukunst, den Turm. Türme sind Orientierungshilfen im Straßengewirr, Symbole der Macht, Schutz- und Denkmalbauten gleichwie Orte der Gefangenschaft. Aufeinander türmen lässt sich viel – Steinquader, Bücherstapel, Rechnungen. Am Ende türmen sich sogar die legendären Weihnachtsrätsel, deren jüngstes, im fünfzigsten Jahr, bei Kontext erscheint.

Pagoden, Minarette, Zikkurate, Glockentürme, Wehr-, Wacht-, Schuld-, Leucht-, Hungertürme, Wassertürme, Bismarcktürme, Kaisertürme, Bohrtürme, Funktürme, Raketentürme. Türme, redensartlich elfenbeinern, oft auch aus Holz, Kunststoff, Onyx (fürs Schachfigurenset), dann wieder derbwuchtig aus Stein, Stahl, Beton: Schier unabsehbar türmen sich die Türme, klein wie groß, und immer kecker kratzen sie an den Wolken. Vor, an, in, auf Turmbauten treiben die Menschen die spektakulärsten, kriminellsten, verdienstvollsten Dinge, man denke nur an den unlängst verbarrikadierten Eiffelturm in Paris. Was sonst noch passiert in den erhabenen, nur selten noch von Türmern bewohnten Gehäusen – die zehn folgenden Rätsel sollen davon erzählen.

Vom weltwunderlichen Pharos bis zum Kirchturm eines Sternguckers

Hoch hinaus zu wollen, ob mit sich selber oder mit einem Bauwerk oder mit beidem, liegt in der Menschennatur. Dementsprechend sieht auch unser Globus aus, zernadelt von Wolkenkratzern, Wohn-, Leucht- und Fernsehtürmen sonder Zahl – Rekord momentan: der Burj Khalifa in Dubai (828 Meter). Frank Lloyd Wright indes, Amerikas berühmtester Architekt, trieb's auf die Spitze: Sein "Illinois", ein dreikantiger Riesenstachel, cityzermalmend hineinplatziert in Chicagos Mitte, sollte exakt eine Meile hoch werden – 1609 Meter mit 528 Etagen. Doch weil er keine überzeugende Lösung parat hatte, wie allein die 76 Fahrstühle unterzubringen seien nebst allen Nottreppen und Leitungsschächten, ist aus dem Plan nichts geworden. Wright starb darüber 1959.

"The Illinois" war, wie man so sagt, ein Leuchtturmprojekt. Der erste wirklich gebaute Leuchtturm der Welt – Pharos, der Alexanderturm – stand allerdings in Ägypten. Alexandria, die junge Hauptstadt des Hellenismus zuunterst am Nil, rief sich mit diesem strahlenden Klotz zum neuen Zentrum der alten Welt aus, und Aristoteles, Euklid, Ptolemäus, sie alle schufen im Geiste daran mit. Gut 1800 Jahre später lugte ein andrer gewitzter Kopf, ein Domherr, aus dem Fenster seines ermländischen Pfarrkirchturms angestrengt ins Firmament – und nun, nach ebendem, was dieser profilierteste aller Sterngucker erspähte und erspekulierte, ging der Menschheit endlich ein Licht auf, sonnenhell, weltbilddurchleuchtend. Die Astronauten mit ihren turmhohen Weltraumraketen (fast so hoch wie das Freiburger Münster: Saturn V) zehren noch heute vom Wissen des geistlichen Herrn.

Glockengetön, schweres Bimbam, dazu die Posaunen eines Piffaro

"Hört ihr's wimmern hoch vom Turm? Das ist Sturm!" Der hohe wie der tiefe Ton, beide erfüllen Schillers Lied von der Glocke: "Von dem Dome, schwer und bang, tönt die Glocke, Grabgesang." Kirchturmgeläut: Memento für alle Frommen, unüberhörbar – und Ärgernis für all jene, die dieser grobe Lärm in ihrer Ruhe stört. Nebenbei, die größte schwingende Glocke der Welt wummert im südlichen Kölner Domturm: wumm-bumm! Entsetzlich. So hätten deshalb vielleicht die Italiener extra Glockentürme gebaut, seitab von den Kirchen – die Campanili? Dass man Läutwerk auch verfeinern kann, bewiesen flandrische und niederländische Turmbauer beizeiten mit ihren Glockenspieltürmen: Amsterdam, Brügge, Haarlem, Leyden sind durchheitert von melodiösem Gebimmel; nach der Tonleiter aufgehängt, schwingen die Glocken allerliebst über den Häuptern des staunenden Volks.

Der Weg zum Lösungswort

Zehn Leute in, auf, unter Türmen sind gesucht. Es gilt, aus ihren Namen Letterntrümmer zu brechen und diese wie folgt aneinander zu stückeln:

vom 1. Namen das 9. Stück
vom 2. Namen das 2. Stück
vom 3. Namen das 7. Stück
vom 4. Namen das 4. Stück
vom 5. Namen das 2. Stück
vom 6. Namen das 1. Stück
vom 7. Namen das 5. Stück
vom 8. Namen das 6. Stück
vom 9. Namen das 4. Stück
vom 10. Namen das 1. Stück

Aber Achtung, die zehn Trümmer sollten Sie nun derart ineinanderfügen, dass etwas Fundamentales entsteht – etwas, worauf letztlich auch jeder Turmbau beruht. Das ist Ihr Lösungswort.

Weck- und Warnsignale herauszuposaunen, ja ganze Choräle zu blasen hoch auf der Zinne, zählt seit je zu den Hauptobliegenheiten der Türmer. Speziell groß in Mode kam das Musizieren auf Türmen in der Barockzeit, so zwischen 1650 und 1730: Der Leipziger Gottfried Reiche und, weit vor ihm, Meister Wannenmacher aus Bern reüssierten mit ihren Kompositionen buchstäblich überregional. Ein dritter Kollege, wieder aus Leipzig, schickte seinen Turmsonaten für zwei Hörner und drei Posaunen rhetorisch clever diese Erwägung voraus: "Worum solte nicht ein Christlich-gesintes Gemüth durch den Zincken- und Posaunenklang zu Gottes Ruhm und Ehre sich anfeyern lassen? Ich erinnere mich aber hierbey der Türcken Gewonheit. Diese pflegen noch heutigen Tages alle Morgen auff hohen Thürmen einander zuzuruffen: La alla elle alla, das ist der einzige warhafftige Gott. Wievielmehr will uns Christen zustehen, alle Tage ja alle Stunden auff Gottes Ehre zu dencken?"

Der Komponist, ein Mann mit zwei christlichen Vornamen und biermöslblosnhaften Talenten, war in Leipzig als Stadtpfeifer angestellt. Piffaro, so nannte man seinesgleichen. Die Piffari spielten auf allem, was gassenweit zu hören war, Naturtrompeten, Posaunen, Rauschpfeifen, Dulzianen, Pommern, Krummhörnern, Flöten, Schlagwerk. Ja, auf dem Turm war dieser Piffaro der Größte. Nur fürs Thomaskantorat hat's bei ihm leider nie gelangt.

Wo aus Päpsten Killer wurden und ein Kaiser seine Ruhe fand

Und zur Länge sagen Sie gar nichts? Diese zotige Bemerkung, bekannt aus dem Witz mit eines Frischluftpinklers "starkem Stück", kommt jedem Verständigen unweigerlich in den Sinn, hört er vom dicksten Turm der Weltgeschichte (Türme sind Phallussymbole, das wusste schon Sigmund Freud). Besagtes starke Stück – Durchmesser: 64 Meter, Länge: 20 Meter – wurde erbaut unweit vom Tiber in Rom, als Grabmalturm für einen Kaiser und dessen Familie. Was man dem heutigen Ziegelrundbau, so glatt und rotbraun wie er dasteht, kaum zutrauen mag, ist seine einstige Erscheinung, geschmückt mit feinsten Marmorplatten, zahllosen griechischen Statuen und – wahrhaft wundersam – einem Rundtempel auf dem Dach, wäldchenbildend umzirkt von Zypressen. Die krönende Engelsfigur, die dem Bauwerk den italienischen Namen gab, stammt aus den Tagen der großen Epidemien, als dem Papst Gregor, so die Legende, der Erzengel Michael erschien, schwebend über dem Grabmal und prophezeiend das baldige Ende der Pest.

Ach, aber die Päpste! Was gedacht war als Mausoleum für einen offenherzig homosexuellen Kaiser, nutzten sie ungeniert sadistisch als Gigantgefängnis. Unzählige Menschen verloren ihr Leben in den Verliesen des düsteren Klotzturms, verschmachtend, weil päpstlicher Richtspruch es so wollte – am Ende gerieten die Päpste höchstselbst in den Strudel der Krudelitäten, zwei fand man erwürgt vor, einen dritten verhungert. Heute dient das starke Stück als Museum für Militaria und obenauf als letzte Ruhestätte jenes hier gesuchten Kaisers, der am Golf von Neapel gestorben und dessen Asche womöglich vorübergehend auf Ciceros einstigem Landsitz beigesetzt worden war.

Immer triumphierend obenauf: er, der Fassadenkletterer

Runter vom Turm geht es schnell, tripptripp – oder wumms, unglücksbedingt, respektive klatschbumm in selbstauslöschender Vorsätzlichkeit (mit beiden Möglichkeiten spielt Hitchcocks "Vertigo"-Film, raffiniert so viel Suspense wie Schwindel erregend). Wie aber kommt man hinauf auf den Turm? Da gibt's die flinken Wendeltreppenflitzer, getrimmt auf immer neue Höchstgeschwindigkeitsrekorde – derweil sich an der Außenwand des Turms, wo nirgends mehr Rapunzels hilfreich märchenhaftes Haar herunterhängt, die Spidermänner hoch und höher ziehen, mit Saugnäpfen, "Himmelshaken" und speziellen Nockenarmaturen als Haar-Ersatz.

Türme sind des Akrobaten Lieblingsspielzeug, wer zuoberst im eisigen Gipfelwind noch die Balance hält, fühlt sich sämtlichen Klettergefährten der Welt überlegen, turmhoch. Auch Drahtseile werden immer mal wieder bestiegen, getreu der Poetenmaxime des Arthur Rimbaud: "Ich habe Seile gespannt von Turm zu Turm, und Girlanden von Fenster zu Fenster, und goldene Ketten von Stern zu Stern, und ich tanze." Als das World Trade Center noch stand, ja noch nicht mal eröffnet war, balancierte der Hochseilartist Philippe Petit, ein Franzose, zum Ingrimm der New Yorker Polizei zwischen den Twin Towers fröhlich belustigt hin und her – Robert Zemeckis' Kinospektakel "The Walk", 2015 gedreht, führt uns die ganze Aktion als hochdramatische Posse vor Augen.

Und dann war da ein Fassadenkletterer, der wollte tatsächlich am allerhöchsten hinaus und hinauf. So erklomm er – just an einem Memorial Day – das seinerzeit höchste Gebäude der Welt, im dünnen Spiderman-Kostüm sieben Stunden lang ankämpfend gegen die Höhenwinde, das rutschige Glas und wiederholte Versuche der Feuerwehr, ihn aufzuhalten. Noch im selben Jahr erklomm er den Renaissance-Tower in Dallas und Chicagos hundertstöckiges John-Hancock-Center – als Motiv für seine Hochmögenheit gab er an, er wolle bloß alle Welt aufmerksam machen, wie unfähig doch die US-Behörden seien, Brände in Hochhäusern erfolgreich zu bekämpfen. In den folgenden Jahren sah man ihn – stets mit variierten Begründungen, weshalb – herumkraxeln am CN-Tower in Toronto, am Millennium-Turm in San Francisco und schließlich, vor knapp fünf Jahren, an Santiagos Telephonic Building. Aber seltsam: Auch wenn er selber nie abgerutscht ist, das Interesse der Weltöffentlichkeit scheint doch geschwunden.

Ein Euklid seiner Epoche, ein Michelangelo der Osmanen

Wie der Turm, so der Mensch – seine Bedeutung ermisst sich an seiner Größe. Nun aber: Der größte türkische Baumeister, herausragend, emporragend über alle Architekten seiner Zeit, wer war dann der? Kaum weiß man genau, wann er zur Welt kam (ums Jahr 1490, bei Kayseri in Kappadokien), allein was er geschaffen hat, das kann der staunende Tourist bereits von Weitem sehen in Edirne: die Moschee Selims II. mit ihrer riesigen Kuppel und den vier raketenhohen Minaretten! Ein Anblick, der schier unvergesslich im Gedächtnis haftet. Das imposante Bauwerk, entstanden in der kurzen Spanne von sechs Jahren, ist nur eines unter den 312, die dieser ungeheuer produktive Steinauftürmungs-Künstler schuf – allein 73 Moscheen entstanden nach seinen Plänen, zu schweigen von dem gigantischen, die Donau überspannenden Militärbrückenbau, mit dem er seinen Ruf begründete. "Euklid seiner Epoche", diesen Beinamen gab ihm die Nachwelt. Prompt erhob ihn Sultan Suleiman anno 1539 in den Rang eines Hofarchitekten. Dieser Sultan, nebenbei gesagt, galt selber als überragender Kopf, man nannte ihn wie? Erraten, Suleiman den Großen. Aber der Architekt, dieser "Michelangelo der Osmanen", war ganz gewiss noch viel, viel größer.

Zeichen der Macht und der Potenz, endlich erobert von Frauen

Sie lebt in einer an Türmen schier unerschöpflichen Stadt, der kurioseste und ganz gewiss der malerischste stand einst an der Ulrepforte, der Mühlturm. Rund tausend Meter entfernt steht der ihre, ein trutziger, 35 Meter hoher Wehrturm am Ufer des Rheins. Seit dem frühen dreizehnten Jahrhundert hat der Turm zur Stadtbefestigung gehört, doch war er nach Hitlers Ruinen produzierendem Krieg derart zerstört, dass er neu aufgebaut werden musste. Die Dame, die darin ihr Büro unterhält, stand nicht an, den Turm zu verewigen in einem Erinnerungswerk, herausgegeben unter einem vielsagenden Titel. Tatsächlich beherbergt das Gemäuer ein Archiv, ein Dokumentationszentrum, eine gemeinnützige Stiftung nebst einer Redaktion, die allesamt nur dieses eine Thema in den Blick fassen: die Frauen. "Wer den Turm hatte", erklärt die Dame bekräftigend, "hatte die Macht. Hier erscholl, so will es die Legende, 1262 erstmals der Ruf: Kölle alaaf! Kölner voran. Heute gehört der Turm den Frauen."

Und nicht erst seit heute interessiert sie vor allem, was mit Türmen zum Ausdruck gebracht wird: Macht. Sexualität zum Beispiel ist für sie, die mit einer Fotografin verheiratet ist, der "Angelpunkt der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und der Unterdrückung der Frauen". Der Turm ein Phallussymbol? Nicht, wenn sie darüber zu bestimmen hat.

Menschen am Bungee-Seil und ein am Fallschirm baumelndes Schaf

Hoch auf dem Turm wirkt der Sog der Tiefe am stärksten. Wer sich im Schwimmbad aufs Brett des Zehnmeterturms wagt, lernt schnell das Grausen. Solche Turmsprünge sind Mutproben allemal, auch droht Verletzungsgefahr, wie Stefan Raab und der Schauspieler Stephen Dürr bezeugen können. Trotzdem behaupten viele, der Kitzel, sich in die Tiefe zu stürzen, habe für sie geradezu unwiderstehlichen Reiz. "Auch wenn alle Stricke reißen, ich spring' für dich vom Bungee-Turm!", sang der Schlagerstar Michael Wendler, bevor er sich beim Action-Dreh für RTL die Wirbelsäule prellte und die rechte Hand brach. Im Freizeitpark Fraispertuis City, nahe des Vogesenstädtchens Jeanménil, wartet auf seinesgleichen der höchste Freifallturm Europas, der "Golden Driller" – Höhe: 66 Meter. Am Gummiseil pendeln, welch zweifelhaftes Vergnügen! Die Idee, sich per Fallschirm von Türmen zu stürzen, lag eigentlich näher. Etwa zur selben Zeit, als Leonardo da Vinci schon über die Konstruktion eines Fluggeräts nachsann (1483), ließ der Maharadscha von Bhopal Diebe, welche sich "beschirmen" durften, von hohen Türmen in die Tiefe springen. Wer den Sturz heil überstand, wurde begnadigt. Absolut kein Glück hatte ein Fallschirmspringer in Soest, der sich anno 1582 – freiwillig! – vom Turm der Petrikirche stürzte: Er brach sich sämtliche Knochen.

All dies ließ einen französischen Physiker und Erfinder nicht ruhen, und ermutigt durch seinen ersten Versuch mit einem Schaf, das er 1783 an einem übergroßen Regenschirm vom höchsten Turm das Päpstlichen Palastes in Avignon hinabgleiten ließ (das Schaf überlebte), probierte er dieselbe Chose mit sich selbst als Unterpfand: Hineingekrallt ins Gestänge eines Spezialschirms – Spannweite 14 Fuß, 4,3 Meter – sprang er beherzt vom Turm des Observatoriums in Montpellier und landete unverletzt, gütiger Gott! Kaum drunten, strebte er zurück zu Höherem: Er ging ins Kloster als Kartäusermönch.

Vor der Kathedrale staunende Spione, im Tower eine todgeweihte Queen

Turmuhren zeigen, was die Stunde schlägt – und wem. Karl Valentin, in dessen Münchner Isar-Torturm-Museum auch ein "Hungerturm" ausgestellt ist, meinte einmal, da brauche er bloß hinaufzuschauen zu den Zeigern, dann merke er sich die Zeit gleich für den Tag. Klingt saudumm, aber saudumm war auch die Beteuerung der beiden russischen Spione, die den Skripal vergifteten, sie seien bloß nach Salisbury gereist, um dort die Kathedrale zu besichtigen, weil deren Vierungsturm doch der höchste sei in ganz England (123 Meter), und die zifferblattlose Uhr der Kathedrale (wertlos für einen Valentin) sei überhaupt die älteste der Welt.

Und warum nicht die britische Hauptstadt? Auch Londons Westminster-Palast mit dem berühmten Uhrenturm und der 13,5 Tonnen schweren Glocke Big Ben hätte sie interessieren können, die russischen Killer. Von dort bis zum Tower, der meistbesuchten Attraktion im Vereinigten Königreich, ist es bloß ein kleines Themse-Kniestück, und die zwei Dutzend Türme, die diese Festung einschließt, bergen für Finsterlinge ungeheuer viel makabre Anregung. Im Tower residierten einst die Könige, hinter den starken Mauern fühlten sie sich sicher – und doch fanden sie hier oft den Tod, brutal hingerichtet auf dem Schafott durch Enthauptung mit der Axt. Nur jener Königin, deren Gemahl ein einziges Mal im Tower nächtigen wollte (notgedrungen, weil anderntags ihre Krönung bevorstand), war ein besseres Los beschieden: Statt zur Axt griff der Henker zum Schwert. Begründung des Todesurteils: Ehebruch und Hochverrat. In Ungnade war sie jedoch vor allem gefallen, weil sie dem König keinen Erben geschenkt hatte – und weil der Herrscher schon mit einer neuen Liaison liebäugelte. So wurde der Tower ihr Schicksal.

Hie ein Jauchzen, himmelhoch, dort ein Schreien in größter Panik

Auf dem Pilsumer Leuchtturm heiraten sie gern, die Ostfriesen. Überhaupt, seine Hochzeit auf einem Turm zu feiern, auf diesen Gedanken ist schon so mancher gekommen, das alles überragende Event verlangt schließlich nach einem ebenso überragenden Schauplatz. Interessanterweise wetteifern aber auch die Türme, wer in ihrem Rund ein ganz besonderer, ja einzigartig sei – der Schiefe Turm von Pisa, 55 Meter hoch und zuletzt überhängend über vier Meter, hätte hier beste Chancen auf den Ehrenplatz. Indessen ist er nicht der einzige "torre pendente". Erbärmlich krumm beziehungsweise putzig schräg sind auch die Familientürme Asinelli und Garisenda in Bologna geraten, dito der Glockenturm der Mauritiuskirche in Sankt Moritz, der Metzgerturm in Ulm, der Johanneskirchturm in Lüneburg und der Reichenturm in Bautzen.

Hoch hinauf! Der Hauptgewinn

Wer das Lösungswort gefunden hat, notiere es auf einer Postkarte und schicke diese an KONTEXT:Wochenzeitung, Hauptstätter Straße 57, 70178 Stuttgart. Absender nicht vergessen! Alternativ können Sie uns auch eine E-Mail senden an weihnachtsraetsel@kontextwochenzeitung.de. Einsendeschluss ist am 10. Januar 2019.

Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir Bücher von Ruprecht Skasa-Weiß aus der Reihe "5 Minuten Mediendeutsch". Als Hauptgewinn spendieren wir ein Abendmahl mit Blick auf die Lichter der Großstadt, ein Essen für zwei im Restaurant Leonhardts oben im Fernsehturm Stuttgart.

Aber was hilft's, wenn zwar der Turm geradsteht, aber der Mensch, der ihn besteigt, psychisch aus dem Lot geraten ist? Genau dies war der Fall bei jenem hochdekorierten Boyscout und späteren Infanteristen des United States Marine Corps, der 1966 in einem fürchterlichen Amoklauf wahrmachte, was er vier Monate zuvor bereits ganz offen angekündigt hatte im Gespräch mit einem Psychiater. Er erzählte dem Arzt von seinen Gedanken, auf einen Turm zu steigen und mit einem Gewehr Menschen zu erschießen – und wirklich, am 31. Juli realisierte der Geistesgestörte den Plan, erstach erst seine Mutter und seine schlafende Ehefrau, fuhr dann empor bis zur Aussichtsplattform der Uni-Bibliothek und terrorisierte mit seinem Scharfschützen-Gun anderthalb Stunden lang das Hochschulgebäude: 47 Personen erlitten schwerste Verwundungen, 16 davon verletzte er tödlich. Die Polizei, heißt es, konnte ihn erst überwinden, nachdem sie durch einen unterirdischen Gang in den Turm eingedrungen war.

Die Tragödie im Turmverlies – Kannibalismus am Ende

"Ich dachte nicht, dass es so böse Menschen auf der Welt geben könnte. Warum hat der Turmwärter dem armen Gaddo nichts zu essen gebracht? Ein tückischer Mann, der Turmwärter!" Mit diesen Worten hebt eine Tragödie an, die in grässlichster Entmenschung enden wird. Im Hungerturm sitzen ein Graf und seine Söhne Gaddo, Francesco und Anselmo, eingesperrt von einem rachsüchtigen Erzbischof, den die bis nach Pisa greifenden Machtgelüste des Grafen verdrossen. Das Schicksal der Eingeschlossenen ist besiegelt; der Leser dieses selten bis nie aufgeführten Schauspiels erlebt ein im Wahnsinnsdunkel verzuckendes Drama, erfüllt von Verzweiflung, Hungerpein, delirierender Redesucht, Sentiment und rasender Wut. In einem Sarg, der in den Kerker gebracht wird, liegt die Frau des Grafen, tot – daneben in einem zweiten Sarg Francesco, der angeblich vom Turm zu springen suchte, nun sterbenskrank vergiftet. Als der Jüngste, Anselmo, im kannibalistischen Wahn über die tote Mutter herfällt, fiebert das Drama dem Höhepunkt zu. "Wenn der Sohn mit dem Gebiss einer Hyäne am Fleische zehrt, das ihn gebar: o ihr Elemente! So sei der Krieg allgemein!", ruft der Graf, und wähnend, den verhassten Erzbischof vor sich zu haben, erdolcht er Anselmo. Da auch Sohn Gaddo entkräftet sein Leben aushauchte, hat der Graf jetzt freies Feld. "Ganz nahe bin ich am Ziel!" Mit diesen Worten endet das Stück, dessen Autor hier erstmals, vorausdeutend auf den deutschen Sturm und Drang, im Geiste Shakespeares ein Leid- und Leidenschaftsdrama zu verfertigen suchte. Er erzählte nichts Neues – und doch Unerhörtes. "Die Geschichte dieses Dramas ist aus dem Dante bekannt", räumte er selber ein; de facto findet sich die Vorgeschichte zu jener grauenvollen Turmnacht schon in der Göttlichen Komödie. Wie aber hieß dann der Graf? Und wie heißt, wonach hier gefragt ist, der deutsche Verfasser?


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