Ich will nicht sagen, dass unser Regierungschef unbeliebt ist. Aber vermutlich würde in aktuellen Umfragen eine Mehrheit der Befragten die Auslöschung der Menschheit durch Künstliche Intelligenz begrüßen, sofern ihnen dafür ein weiteres Jahr unter Merz erspart bliebe. Auch in der CDU hat nicht nur Jens Spahn die Nase voll. Genervt sind die Konservativen von der unerschütterlichen Überheblichkeit des Mannes mit der Haarinselbegabung, den sie noch vor anderthalb Jahren gerade wegen seines elitären Gehabes als Merzias gefeiert haben.
Doch so ist Politik: Wenn's läuft, tragen sie dich auf Händen. Geht's abwärts, lassen sie dich schneller fallen als Sidney Sweeney ihre Klamotten, wenn ein Werbeclip zu drehen ist. Was die Partei aber noch nicht auf dem Schirm zu haben scheint: Im Schatten der Kanzlerdämmerung bahnt sich gerade ein viel epochalerer Niedergang an. Nämlich der der gesamten Union.
Die Christdemokraten hatten nach der letzten Bundestagswahl im Überlebenskampf gegen die AfD noch einen letzten Pfeil im Köcher. Den gaben sie Friedrich Merz. Leider lief‘s nicht wie bei Robin Hood, der mit seinem Schuss auf der Wiesn von Nottingham den steckenden Pfeil des Kontrahenten der Länge nach spaltete. Eher hat der Rächer der Erben aus dem Blackrock Forest das Geschoss direktemang aufs entsetzte Volk gefeuert und einer Kinderärztin ins Bein.
Die Tage zwischen den Landtagswahlen vom 6. bis zum 20. September, diese Iden des Merz, waren eine schlimme Zeit für alle, die noch zum Kanzler halten. Also für alle drei: seine Frau Charlotte, er selbst und sein treues Linnemännchen. In diesen zwei Wochen zeichnete sich ab, was das damalige AfD-Vorstandsmitglied Maximilian Krah bereits vor drei Jahren ganz offen in einem Panorama-Interview als Ziel seiner Partei formuliert hatte: "Ich setze auf die Implosion der CDU."
Merz, der Zertrümmerer der CDU
Sicher: Für Sie als Leser ist ein Deutschland ohne diese omnipräsente CDU kaum denkbar und Sie fragen sich gerade kopfschüttelnd, was der Oettle Ihnen da schon wieder erzählen will. Aber machen Sie sich nichts draus: Eine Welt, in der die alteingesessene konservative Volkspartei keine Rolle mehr spielt, konnten sich auch die Menschen in Italien, Frankreich und den Niederlanden lange nicht vorstellen. Die in Mecklenburg-Vorpommern können es seit Sonntag aber sehr gut.
Bislang erkennen Beobachter in den vergifteten Treuebeteuerungen der letzten Tage rund um Brutus Söder allerdings lediglich das Ende von Friedrich Merz. Sie übersehen: Der leidenschaftlich S-Bahn-fahrende Multimillionär hat nicht nur sich selbst demontiert, sondern den Machtapparat CDU zur Gänze zertrümmert. Er hat die Union mit seinen Leuten besetzt und in eine bemitleidenswerte Lage geführt: Es ist nicht mehr nur ihr Personal, das die Leute abschreckt. Es ist die Partei selbst. Früher galt: Die CDU wird gewählt, egal wen sie aufstellt. Nach Merz scheint es umgekehrt: Ganz gleich, wen die CDU jetzt noch aus dem Hut zaubert: Der Wähler will nicht mehr. Nicht einmal Jürgen Klopp könnte die CDU noch retten.
Wie hat der Chef das geschafft? Zunächst: Friedrich Merz wollte immer Kanzler werden, es aber niemals sein. Das spürte man ab Tag 1. Dem Bierdeckelenthusiasten macht dieser diplomatisch anspruchsvolle Job so viel Spaß wie Billard ohne Banden. Schon nach dem ersten Dämpfer, seiner verzögerten Kanzlerwerdung im zweiten Wahlgang, zog der Sauerländer einen Flunsch, der nie mehr wich.
Millionärspolitik gibt's smarter bei der AfD
Überdies pulverisierte Merz mit seinem Hang zu kernigen Ansagen bei nicht wenigen das Restvertrauen in die Demokratie. Selten stand da oben einer, der so offensichtlich immer wieder das Gegenteil von dem tut, was er ankündigt. Voll Verve hatte er sich in einen Wahlkampf gegen Robert Habeck geworfen, den er bezichtigte, von Wirtschaftspolitik "keine Ahnung" zu haben, nur um nach der Wahl dessen Wirtschaftspläne eins zu eins abzukupfern. Inszeniert hatte sich Merz als Mister Schuldenbremse, nur um noch vor seiner Vereidigung die Schuldenbremse aufzuweichen. Vor drei Wochen hat Merz erklärt, einen Tankrabatt "können wir nicht bezahlen". Drei Wochen später bezahlt er ihn.
Als Resultat dieser Gleichgültigkeit gegenüber Amt und politischer Kultur legte der Rambo-Zambo-Zampano schließlich mit seinem strombergesken Auftreten etwas offen, was die Union gegenüber dem gemeinen Volk gut 80 Jahre lang übertünchen konnte: Die CDU ist keine Volkspartei, sondern eine Partei der Vermieter, Privatflieger und Großaktionäre. Viele haben das dank Merz jetzt endlich begriffen. Weil er es so zur Schau gestellt hat. Seine Auftritte im Kolonialherrenkostüm bei Wimbledon oder im Cockpit seiner Diamond DA62 waren für Satiriker ein Geschenk – aber warum sollte noch ein einziger Lohnabhängiger eine Partei wählen, die ein Oberhaupt umjubelt, das sich begeistert als Klassenfeind inszeniert und unverhohlen Arbeitnehmerrechte stutzt?
Drum ist's egal, wer ihn beerbt: Die CDU ist verbrannt. Ob gestriegelter Statesman oder bajuwarischer Wurstkopf – der Nachfolger wird weder Stimmen von links noch von rechts zurückgewinnen können, während die Stammwähler wegsterben. Und wen der Tod nicht will, den nimmt die AfD.
Deren Programm ist zwar nicht minder reichenfreundlich. Doch sie vermarktet es smarter: etwa mit Strahlemann SA-Siggi oder Meck-Pomms Radiogesicht Erik-Leif Holm oder Holm-Erik Leif oder Leif-Holm Erik, ich kann es mir nicht merken. Diese Typen vertreten letztlich die gleiche Millionärspolitik, kommen aber immerhin selbst nicht wie Millionäre daher. Friedrich Merz hingegen verkörperte exakt das, wofür er stand.
Großbrand hinter der Brandmauer
Vonstattengehen konnte diese Wählerwanderung von rechts nach ganz rechts aber vor allem, weil der Halbierer aus Brilon und die CDU-Führung in ihrer Selbstherrlichkeit es mal wieder besser wissen wollten als die Wissenschaft. Wenn ein Wissenschaftler rät, man solle sich neben der Zapfsäule besser keine Zigarette anzünden, dann lässt ein normaler Mensch das Feuerzeug im Handschuhfach. Wenn aber Politikwissenschaftler der CDU jahrelang erklären, dass noch keine konservative Partei in Europa durch das Erhitzen rechtsextremer Talking Points ebenjene Rechtsextremen kleiner gemacht hat, dann schmeißen Dobrindt, Spahn und Merz schon mal den Bunsenbrenner an.
So hat die Beratungsresistenz der Alten die Partei sehenden Auges in eine Sackgasse geführt, aus der sie sich auch mit einem Sprung über die Brandmauer nicht mehr retten kann. Denn hinter der Brandmauer, naja: brennt's. Doch auch die Jungen scheinen bis heute nicht zu verstehen, dass die Brandmauer zuvörderst dem Schutz der CDU dient. Das beweist der neueste Beleg für die unglaublich dünne Personaldecke der Union: JU-Schatzmeisterin Clara von Nathusius. Die 31-Jährige vermutet das Heil ihrer Partei allen Ernstes in der Kooperation mit einer Partei, die das Ende der CDU nicht nur offen anstrebt, sondern obendrein auch noch genau jene politische Ordnung radikal abschaffen will, für die die CDU wie keine andere Partei steht. Wer so denkt, raucht auch beim Tanken.
Weil also ihr Nachwuchs so orientierungslos ist wie ihre Führung, ist die CDU bereits Geschichte. Sie weiß es nur noch nicht. Aber immerhin Sie sind jetzt informiert.




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