Der Vergleich von Trash-TV und Olympia erscheint zwar schräg, ist jedoch rein monetär gesehen durchaus aufschlussreich. Schon die Antrittsgage für Dschungelkönig Ofarim liegt bei mindestens 200.000 Euro. Das gewohnt gut informierte Portal schlager.de legt noch einen Hunderttausender drauf und spricht von 300.000 Euro. On top kommt eine Siegprämie von nochmals 100.000 Euro. Was Emma Aicher betrifft, kann ich es an dieser Stelle kurz halten. Antrittsprämie: 0 Euro. Prämie für eine Silbermedaille: 20.000 Euro. Mehr ist erstmal nicht zu holen im System deutscher Sportförderung. Und das alpine Skifahren ist ja längst nicht die nischigste aller Nischensportarten. Deren Top-Athlet:innen müssen sich nämlich gehörig nach der Decke strecken, damit sie ihr sportliches Hobby bis zur nächsten Olympiade finanziert bekommen. Ohne Sponsoren unmöglich.
Wettbewerb um Aufmerksamkeit
Darum stehen Sportler:innen nicht nur bei Olympia im Wettbewerb, sondern auch in anderen Disziplinen. Sie heißen Insta, Facebook, Tiktok und Youtube. Man darf es durchaus positiv sehen: Social Media kann ein Segen sein, gerade für diejenigen, die sich in exotischen Randsportarten behaupten wollen. Wenn du dich einigermaßen geschickt anstellst, bekommst du sogar als Rennrodlerin eine Menge Follower. Sponsor:innen sehen das gerne. Reichweite ist ihr Argument. Und endlich gibt es Kanäle, die allen offen stehen. Unabhängig davon, ob ein gnädiger Live-Vermarkter den eigenen sportlichen Aufritt würdigt. Der Nachteil dabei: Die Posterei kostet Zeit und bringt ein gewisses Risiko mit sich. Stichwort Deppenmagnet. Nicht jede Athletin ist so eine coole Socke wie die großartige Emma Aicher, die den paar Eierköpfen im Netz eine weitere Silbermedaille entgegenstreckt.
Aber genau dieses ist das Grundsympathische an Olympia: Diese Wintersportler:innen sind Leute wie du und ich. Keine Starallüren. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Und da passieren halt Sachen, die du selbst im Dschungelcamp kaum skripten kannst. Zum Beispiel ein deutscher Goldskispringer, der von der menschlichen Enttäuschung berichtet, dass sich sein norwegischer Kumpel nach dem Anzugskandal im Vorjahr nicht entschuldigt hat. Oder ein Goldmedaillengewinner, der nicht rangeht, wenn der Bundeskanzler durchklingelt. Oder ein Biathlet, der mit der Bronzemedaille in der Hand gesteht, seine Freundin betrogen zu haben, weil er sie wiedergewinnen will. Hach, da wird mir warm ums Herz. Das sind doch irgendwie goldige Storys. Womit ich bitte nicht die Leistungen geringschätzen will, die die genannten Athleten zuvor auf Schanze, im Eiskanal, in der Loipe oder am Schießstand abgeliefert haben.
Wenn die Begeisterung umschlägt
Jetzt willst du aber nicht wissen, wie manche Storys im Netz besprochen werden. Nochmal zurück zum Skispringen. Hast du mitbekommen, wie es diese 19-jährige, grundsympathische Polin erwischt hat? Hate speech, aber volle Breitseite. Dabei hat Pola Beltowska selbst zugegeben, dass sie beim Teamwettbewerb schon auf dem Balken viel zu viel Angst hatte wegen der Verantwortung fürs Team. Danach hat sie ihren Sprung aber dermaßen in den Sand gesetzt. Was letztlich dazu führte, dass das polnische Team bereits nach dem ersten Durchgang ausgeschieden ist. "Ich werde von oben bis unten fertig gemacht", berichtete Beltowska, der man richtigerweise geraten hatte, auf absehbare Zeit ihren Namen besser nicht mehr zu googeln. Und bloß nicht in irgendein Netzwerk schauen. Persönlich hätte ich übrigens keine Skrupel, jeden Einzelnen dieser Hater eine Großschanze runterzuschubsen. Die sollen mir ruhig vorführen, wie man weiter fliegt.
Dazu kommt: In den angeblich sozialen Netzwerken kann man sehr deutlich ablesen, dass Athletinnen nochmal anders besprochen werden als Athleten. Männer dürfen eben schwitzen und fluchen. Frauen müssen gut aussehen und lächeln, selbst bei einer scheußlichen Niederlage. Wenn du möchtest, kannst du den Rückzug von Anstand, Respekt und Gleichberechtigung an den sozialen Profilen der Spitzensportlerinnen ablesen. Nicht nur, aber auch in den unterirdischen Komentaren unter ihren Posts.
Nicht denken. Hauptsache posten.
Womit wir wieder in der Welt des Dschungelcamps angekommen sind und dem, was noch mehrere Schubladen tiefer vegetiert, um seine ungefilterte Weltsicht durch die heimischen Furzkissen in die sozialen Netzwerke zu blasen. Die C-Promis, die sich von RTL ums Lagerfeuer in eine gewächshausähnliche Kulisse einsperren lassen, erhalten wenigstens ein angemessenes Schmerzensgeld für den Humbug, den sie über sich lesen müssen. Bei Olympionik:innen unterhalb der Preisklasse einer Lindsey Vonn oder eines Leon Draisaitl kann von angemessener Vergütung leider keine Rede sein.
Olaf Tabor, der sogenannte Chef de Mission des Team Deutschland, bestätigte kürzlich in einem Interview, dass es gerade Sportler:innen aus Randsportarten sind, die plötzlich bei Großereignissen wie Olympia ins Rampenlicht geraten – und dementsprechend gefährdet sind. Diese Bühne, so Tabor, wirke wie ein Magnet für all jene, die im Schutz der Anonymität ihren Hass ungefiltert absondern. Selbst Trainer:innen und ihre Team-Assistenzen wären davon betroffen. Da bleibt mir die Spucke weg.
Nur für den gänzlich unwahrscheinlichen Fall, dass einer dieser Hater hier mitliest, folgender Hinweis: Der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB) hat zusammen mit der Generalstaatsanwalt Frankfurt den Athlet:innen ein KI-gestütztes Schutzsystem zur Verfügung stellt. Wenn die Sportler:innen ihre Social-Kanäle dafür freigeben, blendet dieses System problematische Posts und Kommentare aus. Darüber hinaus haben die Athlet:innen die Möglichkeit, sich juristisch gegen ihre Hater zu wehren. Unterschrift genügt. Den Rest erledigen die Staatsanwälte.
Es sei dahingestellt, ob es eine gute Nachricht ist, wenn man ein solches System braucht, um seine Olympionik:innen zu schützen. Ich persönlich gebe zu: Endlich mal eine sinnvolle Anwendung von KI – und vermutlich ist das System sogar effizienter als meine brillante Idee mit der Sprungschanze. Stell dir nur die Leichen im Auslauf vor. Aber falls noch jemand gezuckt hätte, ich wäre mit dem RTL-Mikro sofort zu Stelle gewesen. Nur um nachzufragen, wie man sich nur trauen kann, einen Telemark dermaßen in den Sand zu setzen.
1 Kommentar verfügbar
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Guter Text, nur der Doppelpunkt nervt.
Kommentare anzeigenPeter
vor 9 Minuten