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Sport-Allrounder

Der Fußballesfresser

Sport-Allrounder: Der Fußballesfresser
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Unser Kolumnist hielt sich früher für einen Sportcomputer. Heute kennt er fast nur noch Fußballer. Liegt's an "Hitler privat" und den anderen Endlosformaten im Fernsehen?

Kennt wer Leichtathleten? Leichtathletinnen? Ich frage mal so direkt, weil ich neulich in einer Tour-de-France-Werbepause von Eurosport rüber zur ARD bin und dort auf ein Format stieß, das sie "Die Finals" genannt haben. Unter diesem Titel wurden in 18 Sportarten an mehreren Standorten in drei Städten gleichzeitig nationale Titelkämpfe veranstaltet, und das öffentlich-rechtliche Fernsehen war dabei. Nun sagt das Internet, der Plural von einem Finale seien eigentlich mehrere Finale – aber wir in Deutschland haben da so eine Art Sonderweg eingeschlagen, dem zufolge wir im sportlichen Bereich eben auch ungestraft "Finals" sagen dürfen, wenn wir mehrere Finale meinen. Scheint uns irgendwie wichtig zu sein, uns Deutschen. Das mit dem Sonderweg, meine ich.

Früher war mehr Namedropping

Im Rahmen dieser Finals fanden also die Deutschen Meisterschaften unter anderem in eher jungen Sportarten wie dem "Breaking", dem "3x3-Basketball" oder dem "BMX Park und Flatland" statt – daneben aber auch eher traditionelle Sachen wie Schwimmen und Leichtathletik, was mich direktemang zurück zum Anfang dieses Textes führt. Denn nicht nur das Finale der Damen im Breaking habe ich gesehen, sondern auch einige Läufe und Sprünge bei den Leichtathleten. Und Leichtathletinnen. Und dann habe ich an Erwin Skamrahl gedacht, den schnellen Polizisten. Und an Hartmut Weber mit der runden Brille, an Dietmar Mögenburg und Carlo Thränhardt, an Patriz Ilg, den kleinen Lehrer am Wassergraben. Annegret Richter, die Heikes Henkel und Drechsler und so weiter und so fort. Die Zehnkämpfer, da brauchꞌ ich gar keine Namen zu nennen, weiß jedes gleich Bescheid, zumindest hier, wo doch eher die Älteren lesen. Und Harald Schmid aus Gelnhausen, Thomas Wessinghage, die Liste ließe sich mühelos weiterführen bis über die maximale Zeichenzahl dieser Kolumne hinaus. Kennen Sie die Zahnpasta-Affäre um Dieter Baumann und Stéphane Franke, Gott hab ihn selig? Da waren wir doch immer à jour, wussten Bescheid, kannten Namen, nicht nur Deutsche, sondern quasi die halbe Elite international, manche kannten sogar Rekordzeiten. Und heute, bei den "Finals 2023"? Kaum einen, kaum eine kannte ich. Gina Lückenkemper grade noch so, Fabian Heinle und Marie-Laurence Jungfleisch nur, weil die beiden vom VfB Stuttgart kommen, meinem Verein. Ansonsten höchstens die absoluten Bigshots, die zum Teil ja gar nicht am Start waren: Weitspringerin Malaika Mihambo, unser Zehnkampf-Champion, die beiden Speerwerfer, wie hießen die nochmal? Seit den Diskusbrüdern Harting wird das schon sehr eng mit Namen, trotz durchaus vorhandenen Interesses.

Und wenn Du uns früher sammermal das deutsche Finale über 400 Meter der Herren zugeworfen hast, dann konnten wir das locker fangen und Dir mindestens zwei, drei Namen zurückwerfen. Hürden auch, 800, 1.500, 3.000 Meter Hindernis, Hochsprung, da kam sogar neben Thränhardt und Mögenburg noch Gerd Nagel und hat sich bis heute gehalten im alten Ü50-Kopf. Und jetzt woran liegt das?

Meine Präferenzen beim Sport haben sich seit den 70er-Jahren nicht verändert. Fußball immer, wichtige Spiele auch in anderen Ballsportarten, Rad, Leichtathletik, Wintersport. Höchstens American Football ist da seit ein paar Jahren mächtig reingegrätscht, ansonsten keine Änderungen. Also auch keine Ablenkung beziehungsweise Inanspruchnahme der Aufmerksamkeit durch andere Sachen. Auch für das ständige "Hitler privat", die Pyramiden, die misslungenen Schiffstaufen und die gefährlichsten Schulwege der Welt gilt: Hast Du's einmal gesehen, brauchst Du's nicht ständig nochmal zu schauen. Kurzum: Meine Aufmerksamkeit wird nicht dadurch geschmälert, dass ich den ganzen anderen Scheiß anschaue, der auf den zahllosen Kanälen kommt, die es früher nicht gab.

Das ganze Format, also diese Finals 2023, die fand ich übrigens gar nicht schlecht, auch wenn da als alter Harald-Schmidt-Fan natürlich schon kurz ein Reflex unterdrückt werden musste, irgendwas abfälliges zu sagen darüber, dass unsere gebührenfinanzierten TV-Sender jetzt so komische Events inszenieren müssen, um überhaupt noch irgendwas zeigen zu dürfen, weil nämlich alle "echten" Großereignisse längst nur noch von Privaten oder Pay-TVs finanziert werden können. Aber hey – tatsächlich ist es doch toll, dass überhaupt noch Sport gezeigt wird, der nicht Fußball heißt. Oder Biathlon. Und dass die alle sich quasi zusammenkonzertiert haben, das ist ja auch ein cleverer Schachzug, weil dadurch viel mehr Aufmerksamkeit geschaffen wird und damit auch mehr Einschaltquote und mehr Geld, hoffentlich?

Heute nur noch Fußball

Es mag früher beileibe nicht alles besser gewesen sein – aber vielleicht so die frühen Achtziger, das war schon ein Unterschied. Da konntest Du in Stuttgart noch umtreiben in der Stadt, da wurde der VfB mit Helmut Benthaus im gelben V-Ausschnitt-Pullover Deutscher Meister – da kam auch nicht ständig Fußball bis runter zur Bayernliga. Da hast Du Dir halt an Sport alles reingezogen, was kam, Sonntagnachmittag Sportreportage, im Dritten irgendwann Sport unter der Lupe, da kamen auch die anderen Sachen mal, der Fußball hatte noch nicht alles weggefressen, und unsere Leichtathletinnen und Leichtathleten waren Stars. Jürgen Hingsen, den Frühstarter, Guido Kratschmer, Siggi Wentz und den Busemann, die kennꞌ ich bis heute, aber der Name Niklas Kaul, jüngster Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten, fällt mir nicht sofort ein. Weil ich zu alt bin? Weil ich zu viel Fußball schaue? Später, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, da erlebte die Leichtathletik bei Eurosport nochmal eine gewisse Hochphase, als nämlich Sigi Heinrich und Dirk Thiele die Events kommentierten. Da konntest Du Dir sogar einen 10.000-Meter-Lauf reinziehen, das war super. Oder im Winter einen 50-Kilometer-Langlauf.

Aber auch das ist vorbei, heute rennen die Leute sogar und kaufen sich das 26. Trikot ihres Fußballclubs, obwohl es total bescheuert aussieht. Und wenn keine Spiele sind, dann wählen wir eben den Namen des Maskottchens für die Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Die EURO 2024. Im Online-Voting hat sich der Name "Albärt" durchgesetzt, warum auch immer. Bis heute habe ich nicht verstanden, ob dieses Voting von der UEFA durchgeführt wurde oder vom DFB als ausrichtendem Verband. Vielleicht wird diese Frage ja im Zuge einer sicherlich noch stattfindenden öffentlichen Diskussion um die sexuelle Orientierung des Bären geklärt. Einstweilen freuen wir uns doch einfach auf die Fußball-WM der Frauen und das zugehörige Maskottchen Tazuni, eine Pinguindame.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich schöne Sommerferien. Bleiben Sie gesund, werden Sie gesund, bleiben Sie mir gewogen. Hier geht's im September weiter, wenn der VfB Stuttgart bereits die ersten Bundesligaspiele absolviert und hoffentlich nicht nur einen Sponsor für das hässliche neue Trikot gefunden, sondern auch schon ein paar Pünktchen auf dem Konto hat.


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1 Kommentar verfügbar

  • rebstock
    am 19.07.2023
    Antworten
    "Da waren wir doch immer à jour, wussten Bescheid, kannten Namen, nicht nur Deutsche". So ist es. Und wenigstens ein paar Namen hätten jetzt kommen müssen: Alberto Juantorena, Otis Davis, Sotomayor, Fosbury...
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