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VfB Stuttgart Herrenfußball

Wortspiele mit Wimmer

VfB Stuttgart Herrenfußball: Wortspiele mit Wimmer
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Der VfB Stuttgart im Schweinezyklus. Und unser Autor bereitet sich wieder mal mental auf die zweite Liga vor. Auch anderswo ist es nicht einfach. Oder doch?

Manchmal fragt man sich, warum? Und kriegt es nicht beantwortet, nicht aus der Wissenschaft, nicht vom Stammtisch, Meinungen und Thesen und Durcheinander, aber keine Lösung. Und dann, viel später, wie Schuppen von den Augen. Beispiel gefällig, mit aktuellem Bezug sogar, wo ja quasi Weihnachten schon fast vor der Tür steht und neben drohenden Grippewellen hierzulande, mehr als anderswo, auch der oder das Coronavirus immer noch prominent in vielen Köpfen dräut: Warum sind so viele Menschen in den USA an Corona gestorben?

Zu viel Coca Cola, zu adipös, zu schlechtes Gesundheitssystem? Von allem etwas, wahrscheinlich, aber vor allem: weil die ja nirgends lüften können. Kein Fenster kannst Du aufmachen, alles airconditioned. Lüften heißt bei denen, Klimaanlage noch höher drehen beziehungsweise noch weiter runter mit den Temperaturen. Da holst Du Dir auch ohne Corona leicht eine Lungenentzündung. Oder, anderer Fall, nicht minder aktuell und noch dazu auch noch aus dem Ländle beziehungsweise dem "Länd" oder jedenfalls aus Mannheim, dem kurpfälzischen Quadrat, wo dem quadratschädeligen Stadionsprecher des nicht eben als linksalternativ verrufenen Fußballvereins SV Waldhof nichts Besseres einfällt, als vor dem Pokalspiel gegen den 1. FC Nürnberg einen verstorbenen Neonazi zu würdigen: Schön laut über sein Stadionsprechermikrofon widmet er dem Nazi die Mannschaftsaufstellung.

Einem in der, wie gesagt, nicht eben linksalternativ dominierten Waldhof-Fanszene sehr bekannten, mehrfach vorbestraften Nazi und Hooligan, der noch dazu sogar mal gewählter Stadtrat für die Nazipartei NPD war, in Mannheim also weiß Gott kein Unbekannter. Und jetzt: Warum macht der das? Weil er es nicht gewusst hat? Weil er nicht weiter nachgedacht hat, unaufmerksam war? Auch hier: "vun allem ebbes" wahrscheinlich. Vor allem aber, weil er eben ein Quadratschädel ist, der den verstorbenen Nazi sehr wohl kannte, aber es war ihm egal. Schlimm genug, dass solche Leute jahrzehntelang den Stadionsprecher machen dürfen.

Warum zur Hölle dieses fußballerische Elend?

Der geschätzte Neonazi

Christian Hehl radikalisierte sich über die Hooligan-Szene und war ab 1995 Mitglied des neonazistischen und in Deutschland verbotenen Netzwerks Blood and Honor. Er galt als wichtiger Koordinator rechtsextremer Aktivitäten in der Rhein-Neckar Region. Hehl trat bei verschiedenen Wahlen als Kandidat für NPD an, 2014 zog er in den Mannheimer Gemeinderat ein.

Hehl machte sich zeitlebens verschiedener Straftaten schuldig. 1997 attackierte er einen Antifaschisten in Speyer mit einem Schlagstock, wurde aber nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, da er beteuerte, aus der rechtsextremen Szene aussteigen zu wollen. Ein Jahr später folgte eine Verurteilung wegen Volksverhetzung, später weitere, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch und Drogenhandel mit Amphetamin.

Zwei Tage nach seinem Tod am 16. Oktober bekundete ein Stadionsprecher des SW Waldhofs seine Kondolenz im Stadion – und wurde rausgeworfen. Wenige Tage später rollte eine kleine Fangruppe bei einer Partie gegen Rot-Weiss Essen ein Banner mit ihrem "Hehli" aus. Auf der Facebook-Seite der Lokalzeitung "Mannheimer Morgen" kommentiert ein Nutzer: "Es war ein Fan der über 20jahre die Treue zu seinem Verein hielt, spielt es eine tolle was für eine politische Meinung hat? Männers das ist Sport das ist kein Reichstag." (min)

Und jetzt mag diese lange Einleitung ein wenig überraschend daherkommen, weil es hier eigentlich wieder mal um Baden-Württembergs größten Sportverein VfB Stuttgart beziehungsweise dessen in eine Aktiengesellschaft ausgegliederte Sektion Profifußball geht. Aber hey, auch hier fragen wir uns doch, warum? Warum zur Hölle schon wieder ein solches Elend, Funktionärselend und fußballerisches Elend, warum?

Ich weiß schon gar nicht mehr genau, zum wievielten Mal ich heuer beginne, mich mit dem Szenario eines Abstiegs konkreter auseinanderzusetzen. Mir schöne Auswärtsfahrten auf den Betzenberg oder nach Bochum vorzustellen (wobei letztere ja nun deutlich stärkere fußballerische Lebenszeichen von sich geben als der VfB), so von wegen es gibt Schlimmeres als die zweite Liga. Sorgenvoller Blick auf die eigene Gesundheit andererseits wegen der Anstoßzeiten – so früh am Tag schon Bier? Warum dieser Schweinezyklus, das wiederkehrende Elend so sicher wie das Amen in der Kirche? Warum machen wir Fehler, erkennen sie, behaupten, alles eingesehen und entsprechend reagiert zu haben – nur um in unschöner Regelmäßigkeit ein paar Jahre später wieder genauso dazustehen, dieselben Fehler zu machen?

Zunächst mal ist zu konstatieren, dass alle verrückt geworden sind. So wie im letzten Spiel der vergangenen Saison das Tor gegen Köln in der Nachspielzeit bis heute fast zum Champions League-Triumph verklärt wird, so waren es jetzt schon wieder die Siege gegen Bochum im Bundesligaduell Doof vs Arg Doof und ein Pokalspiel gegen einen sich selbst zerlegenden Zweitligisten, die den Eindruck entstehen ließen, die handelnden Personen beim VfB fühlten sich wie indigene Bewohner Nordamerikas im Klischee-Western einst: bis oben voll mit Feuerwasser im Morgengrauen mit Kriegsgeheul, nacktem Oberkörper und ohne Sattel um die Wagenburg reiten und denken, die Kugeln des weißen Mannes könnten ihnen nichts anhaben. Selten war eine Klatsche erwartbarer als das 0:5 in Dortmund am vergangenen Samstag, da musste der BVB noch nicht mal besonders gut spielen.

Alle Fehler werden immer wieder gemacht

Die Gründe für derart desolate Leistungen kommen wie fast immer als bunter Strauß daher, es sind ihrer geradezu Legionen. Gemäß der fußballerischen Weisheit "was zählt ist auf dem Platz" ist hier aber zuvorderst der bestenfalls mittelmäßige Kader zu nennen. Viel besser als Platz 14 sind wir eben nicht, ja wie denn auch, bitteschön? Was uns direktemeng zu der Person führt, die für diesen Kader verantwortlich zeichnet. Einer Person, die darüber hinaus schon qua Amt auch die aktuelle Trainersuche verantwortet, die seine Überforderung allzu deutlich durchscheinen lässt. Sven Mislintat ist eben doch in erster Linie ein guter Scout und als Teil eines funktionierenden Teams möglicherweise auch Kaderplaner. Aber als Alleinverantwortlicher und für alles Zuständiger ist er nun mal überfordert, und nicht dass das neu wäre beim VfB.

Einen komplett am Rad drehenden Kaderplaner an der Front hatten wir mit Michael Reschke zuletzt, und vom unseligen Robin Dutt mag ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen. Aber gemäß des Schweinezyklus machen wir halt alle Fehler immer wieder. Und was mit Egomanen wie Dutt und Reschke krachend scheitern musste, das machen wir mit Mislintat doch einfach nochmal genauso. Er möge mich Lügen strafen und noch in dieser Woche einen neuen Trainer präsentieren und mit diesem Trainer eine der legendären VfB-Rückrunden spielen und am Saisonende an die Türen der Champions League klopfen – aber das wird nicht passieren, schon deshalb nicht, weil der Kader, wie gesagt, dafür zu schlecht ist.

Nun sind natürlich auch all diejenigen verantwortlich, die es zulassen, dass ein guter Scout schon wieder alles alleine macht und bestimmt beim VfB. Wozu haben wir einen Aufsichtsrat, was macht der Vorstandsvorsitzende, außer sich in, nun ja, suboptimalen Pressekonferenzen als dankbares Ziel seiner Kritiker zu präsentieren? Man mag zur Ehrenrettung der Herren Vogt und Wehrle anführen, dass für die vertraglich garantierte Allgewalt des Sven Mislintat ein gewisser Thomas Hitzlsperger verantwortlich zeichnete, Wehrles Vorgänger als Vorstandsvorsitzender des Clubs. Und weil Verträge nun mal da sind, um eingehalten zu werden, kann man das auch nicht alles einfach anders festlegen.

Gewimmertyp? Der Trainer ist die ärmste Sau

Aber entweder, Du beschließt, dass es so nicht weitergehen kann und feuerst Deinen Sportdirektor – oder Du findest einen Weg für ein konstruktives Miteinander und gibst nicht fortwährend ein solch doofes Bild in der Öffentlichkeit ab. Und hier sich zu entscheiden und diese Entscheidung dann auch durchzuziehen, das haben sowohl der Vorstand als auch der Aufsichtsratsvorsitzende ganz augenscheinlich verpasst. Und deshalb machen wir jetzt mit Michael Wimmer weiter, dem Co-Trainer des Trainers, den wir unlängst feuern mussten, weil wir nicht mehr überzeugt waren. Vom Geheule und Gewimmer also zum strahlenden Gewimmertyp und wieder zurück. Da ist der Trainer die ärmste Sau, kein Wortspiel kann daran was ändern.

Und jetzt erhebe ich mich einfach ein bisschen über das ganze Elend, schaue aus leicht erhöhter Position drauf, habe den besseren Überblick und atme tief durch. Und siehe da: Nicht nur ist das Stuttgarter Fußballelend auch anderswo zuhause, vielerorts sogar, in größerer oder kleinerer Ausprägung, schauen Sie mal hoch nach Hamburg zum Beispiel. Und wenn wir gegen Schalke und in München nicht einen, sondern drei Punkte geholt hätten und gegen Bremen auch, dann hätten wir sechs Punkte mehr, wären im halbwegs gesicherten Mittelfeld und könnten uns über was anderes aufregen. Vielleicht sogar über etwas, das wichtiger ist als Fußball.


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2 Kommentare verfügbar

  • Mehr Interesse wagen - den VfB mal hinten anstellen!
    am 31.10.2022
    Antworten
    VfB, VfB, immer VfB...tagein tagaus wird in diesem "Länd" nur über den VfB berichtet.
    Wie langweilig ist das denn?
    Wie verkommen ist denn überhaupt das System Profifußball? Diese privilegierten Wichtigtuer (Corona!), Millionäre, Ausbeuter (Katar!).
    Berichtet doch mal über andere Vereine aus m…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 3 Tagen 3 Minuten
Sehr interessant!


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