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Das Stuttgarter Tampon-Gate

Drama-Queens in Anzügen

Das Stuttgarter Tampon-Gate: Drama-Queens in Anzügen
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Die Stuttgarter CDU ist empört, weil sie einen Antrag nicht verstanden hat: Auf der Herrentoilette im Rathaus hängt jetzt ein Tampon-Spender. Alte Männer in Anzügen machen daraus ein Drama – und beschweren sich dann über das Drama.

Mit gekränkten Männer-Egos ist nicht zu spaßen. Besonders dann nicht, wenn sie konservativen Fraktionsvorsitzenden oder gar Oberbürgermeistern gehören, die zumindest ihrer eindrucksvollen Vita nach gelernt haben sollten, komplex zu denken und zu verstehen. Schiller, Schelling, Hegel ischt hier bekanntlich Regel. Von 17 Stadtoberhäuptern Stuttgarts waren oder sind 17 Männer, elf davon Juristen, drei Beamte, einer war Innenminister, einer Nazi-Offizier – und einer, ja, einer war Sprachwissenschaftler: Fritz Kuhn. Der Grüne, an den sich zwar keiner mehr so wirklich erinnert. Dem wäre die peinliche Denk- und Verständnisschwäche jedoch wahrscheinlich nicht so auf die Lackschuhe gefallen wie seinem Nachfolger und promovierten Rechtswissenschaftler, Doktor Frank Nopper (CDU).

Er und seine Parteifreunde fühlen sich hintergangen, weil sie einen Antrag nicht recht verstanden hatten, der im Gemeinderat bereits im Oktober 2021 von der Gemeinderatsfraktion der Grünen eingereicht wurde und dem auch die Christdemokraten zugestimmt haben. Statt ins Gericht mit sich selbst zu gehen, folgte eine peinliche Social-Media-Offensive, die als Demonstration der Vernunft geplant war, doch als Boomer-Bumerang wieder zurückkam.

Im Antrag "Kostenlose Menstruationsprodukte bereitstellen!" heißt es: "Um den Menstruierenden einen barrierefreien Zugang zu Menstruationsprodukten zu ermöglichen, werden die Toiletten im Stuttgarter Rathaus und sämtlichen Bürgerbüros mit Tampons und Binden in Bio-Qualität ausgestattet."

Im Dezember desselben Jahres 2021 bezieht Nopper dazu Stellung und eröffnet sein Plädoyer gegen kostenlose Menstruationsprodukte in "städtischen Liegenschaften" mit der Einsicht: "Die Bereitstellung von kostenlosen Menstruationsprodukten ist nicht trivial." Dann folgt die Menstruations-Expertise eines 61-jährigen Mannes, aus der hervorgeht, dass es zwar grundsätzlich "steuerrechtlich möglich" sei, Tampons und Binden anzuschaffen. Aber: Es "stellt sich die Frage nach der Wirkung und Sinnhaftigkeit der Maßnahme", so der Jurist und Schultes. Außerdem weiß der Tampon-Experte, dass es "im Hinblick auf die Nutzung von Menstruationsprodukten durch die Nutzerinnen eine Vielfalt an individuellen Bedarfen und Empfindlichkeiten" gäbe, der in den städtischen Liegenschaften "nicht gerecht" werden könne. Die Tampons kamen ein Jahr später trotzdem.

Beim CSD war Nopper noch Regenbogen-Botschafter

Seit einer Woche hängen nun auf den Toiletten im Rathaus kleine weiße Kästchen, aus denen kostenlos Tampons und Binden entnommen werden können. Und da mit "Menstruierende" im Jahr 2022 bekanntlich nicht nur Leute auf der Frauentoilette gemeint sind, sondern ganz bewusst auch alle Menschlein unterm non-binary Regenbogen, bekam die Herrentoilette gleich einen Kasten mitinstalliert.

"Why not?", könnte ein menschenfreundlicher 61-jähriger Mann mit 15.000 Euro Monatsgehalt, zwei heterosexuellen (Gott vergelt's!) Stammeshaltern und einer fröhlichen Ehefrau mit eigenem Business nun denken. Geriert sich Nopper doch als LGBTQ-Supporter, bindet sich in der CSD-Woche einen regenbogenfarbenen Schlips um und erzählt im Vorwort des Stuttgarter Fotobuches "Charakterköpfe: Buntes Stuttgart", das 52 Portraits queerer Menschen aus Stuttgart zeigt: "Stuttgart ist eine Stadt des guten Miteinanders, in der unterschiedliche Lebensformen, Lebensstile und Lebensentwürfe ihren Platz haben. Stuttgart ist eine Stadt der wechselseitigen Akzeptanz und des wechselseitigen Respekts. Die sechs Farben der Regenbogenfahne stehen für Leben, Gesundheit, Sonnenlicht, Natur, Kunst, Harmonie und Geist. Lassen Sie uns mit der Regenbogenfahne den Geist der Harmonie und den Geist der Solidarität in unserer Stadt stärken!"

Wer so respektvoll unterwegs zu sein scheint, hat doch sicher keine Probleme mit einem Kästchen voller Wattestöpsel, der Non-binary- oder Transpersonen seitens der Landeshauptstadt signalisieren will, dass man sie mitdenkt und ernst nimmt. Naja. Nein: Der Oberbürgermeister von Stuttgart stimmte nicht nur im Unwissen darüber, dass mit "Menstruierende" nicht nur Frauen gemeint sind, dagegen, dass im Rathaus Tampon-Spender aufgehängt werden. Nachdem ihm ein Jahr später dünkte, dass auch auf dem Männerklo ein Tamponautomat installiert werden soll, wandelte er seine Verständnisschwäche auf seinen Social-Media-Plattformen in eine ignorante, populistische Kampfansage gegen den aktuell beliebten konservativen Strohmann um:

"#Tampon-Spender auch auf der Herrentoilette: Ich habe mich in den Haushaltsberatungen klar gegen solche Angebote im Stuttgarter #Rathaus ausgesprochen. Leider wurde ich überstimmt. Die aktuelle Debatte in den Medien zeigt, wie weit sich Teile der #Kommunalpolitik von den wirklichen #Sorgen und #Nöten der großen Mehrheit der Menschen entfernt haben."

Jetzt haben "Bild"-Reporter Tampons in der Nase

Nochmal zum Mitschreiben: Frank Nopper, der in seiner Funktion als Vertreter der Stadt Stuttgart bis auf Fassanstiche auf Festen, nach beinahe zwei Jahren im Amt mit so gut wie nichts medial in Erscheinung getreten ist, das "wirkliche" "Sorgen" und "Nöte" der Stadt zum Gegenstand hat, stimmte nicht nur gegen Tampon-Spender auf Frauentoiletten, sondern nutzte darüber hinaus seine Unkenntnis über die Existenz von menstruierenden Menschen, die als Männer leben, für die Partizipation an der aktuell beliebten Hetze gegen marginalisierte Gruppen, die sich im Zuge der Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz in Medien und auf Social-Media-Plattformen niederschlägt.

Das ist marketingtechnisch clever, da sich der Chefsachenmacher sonst nicht besonders durch Engagement jenseits von Instagram-tauglichen Aktionen auszeichnet und so im Gespräch bleibt. Doch dass es ein erwachsener Mann von Welt nötig hat, sich gratismutig gegen die symbolische Sichtbarmachung von Minderheiten in der Gesellschaft zu positionieren, um sein gekränktes Ego ob einer für ihn unzufriedenstellenden Abstimmung im Gemeinderat zu kompensieren, spricht für eine dann doch sehr beschränkte Welt. Auch, wenn sich der tatsächliche Verbrauch von Tampons auf dem Männerklo in diesem Pilot-Projekt sehr wahrscheinlich in Grenzen halten wird.

Ganz Stuttgart hätte sich mit den Tampon-Spendern auf den Herrentoiletten "zum Gespött" gemacht, weiß auch Stadtrat und CDU-Gemeinderatsfraktionschef Alexander Kotz. Der echauffierte sich ebenfalls auf seiner Facebook-Seite und ließ sich für Berichte der "Bild"-Zeitung, die sogar eine Live-Schalte direkt am Pissoir filmte, auf der Herrentoilette im Rathaus fotografieren. Er teilt Noppers "Sorgen und Nöte" und fühlt sich "getäuscht", weil seine CDU beim Antrag auf kostenlose Hygiene-Produkte für Menstruierende "nicht davon ausgegangen" sei, "dass damit auch Männer gemeint sind". Doch statt sportlich anzuerkennen, dass manchmal auch die andern gewinnen bei demokratischen Abstimmungen, statt sich einzugestehen, dass man sich als Politiker bislang nie mit den "Sorgen und Nöten" von Transpersonen beschäftigt hat, hat man lieber einen Strohmann angezündet, um von der eigenen Lese- und Verständnisschwäche abzulenken. Das ist einer Stadt, deren Oberbürgermeister den "Geist der Solidarität " stärken will, unwürdig.

Dass sich nun "Bild"-Reporter auf der Stuttgarter Rathaus-Toilette kichernd Tampons in die Nase stecken, Untenrum-Witze machen und damit Transmänner der Lächerlichkeit preisgeben, ist das Verdienst von Männern wie Nopper und Kotz, die ihr Ego über Solidarität oder mindestens Nachsicht stellten. Hätten sie kein Drama aus weißen Kästchen mit Wattestöpseln auf Herrentoiletten gemacht, wäre Stuttgart zur Abwechslung mal eine Peinlichkeit erspart geblieben.


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9 Kommentare verfügbar

  • Straub
    am 27.10.2022
    Antworten
    In den User-Kommentaren ist alles gesagt:
    Dees Ganze isch onaidig wi a Groopf !
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


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