KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Nachklapp zur Fußball-EM

Hartzen statt heizen

Nachklapp zur Fußball-EM: Hartzen statt heizen
|

Datum:

Wir leben inmitten einer Groteske – daran kann auch der wunderbare Auftritt unserer Fußballerinnen bei der Europameisterschaft in England nichts ändern.

Als neulich die Nachricht mit dem Vorschlag der FDP aus den Radionachrichten tönte, den Hartz-IV-Empfängern einen Bonus auszuzahlen, wenn sie denn ihre Heizkosten runterfahren würden, da habe ich zum wiederholten Male gemerkt, dass wir längst in genau der grotesken Welt leben, die die großartige Autorin Sibylle Berg in ihren beiden Romanen GRM und RCE erzählt. Schade nur, dass nicht noch viel mehr Menschen diese Bücher lesen. Aber die Geschmäcker sind halt verschieden, und drüber zu streiten lohnt sich nicht. Das wussten schon die alten Römer. So hoffe ich eben, dass ich keiner allzu kleinen Minderheit angehöre, die sich wundert, dass in den Medien steht: "Lufthansa – was Passagiere jetzt wissen müssen".

Denn warum zur Hölle steht da nicht: "Was die Lufthansa jetzt tun muss"? Warum darf dieses ehemalige Vorzeigeunternehmen Milliarden staatlicher Hilfen kassieren, trotzdem ihre Leute rausschmeißen, die verbliebenen behandeln wie Sklaven und sie dann auch noch beschimpfen, wenn sie ihren Unmut äußern? Abgesehen von dem schlimmen Bild, das unser Land mit seiner Luftlinie in aller Welt abgibt. War es nicht früher so, dass alles den Bach runtergehen konnte – aber der Kranich funktionierte immer, war fast immer pünktlich und fast nie auf Außenposition? Es ist einfach zum Verzweifeln und das auch noch ohne Fußball zur Ablenkung. Ohne Männerfußball zumindest, ohne Bundesliga, ganz ohne Gerotze und Gewalt, fast ohne Rudelbildung und Schwalben, wie soll man, wie soll Mann sowas aushalten?

Zum Glück gibt es Frauen, die Fußball spielen

Sehr einfach ist das auszuhalten, denn es gibt ja auch Frauen, die Fußball spielen. Elf gegen Elf wie die Männer, gleiche Regeln, gleiches Theater um den Videoschiedsrichter, gleicher Sport. Deshalb sagen wir ab sofort auch nicht mehr "Frauenfußball" oder "Damenfußball", sondern einfach Fußball. Oder hat bis jetzt irgendwer "Männerfußball" gesagt oder "Herrenfußball"?

Also war bis letzten Sonntag Fußball-Europameistermeisterschaft und hier jetzt von unserer Frauschaft zu reden, geht mir doch ein bisschen zu weit – daher laviere ich mich wie Kanzler Scholz um das Wort Mannschaft herum und sage Team oder Truppe und habe auch kein Problem damit, wenn wer weiter Mannschaft sagt. Unsere Mädels waren großartig, leider haben sie das Finale gegen England knapp verloren, das hätte genauso gut auch andersrum ausgehen können.

Und als einer, der sich einst für die Gründung eines Vereins namens "FC PlayFair! Verein für Integrität im Profifußball e.V." engagiert hat, muss ich sagen: Der Fußball, den die Frauen bei der EM gezeigt haben, was diese Frauen auch zum ganzen Drumherum zu sagen haben, wie sie auftreten – das ist doch eigentlich genau das, was alle sogenannten Traditionalisten im Fußball (also bisher: Männerfußball) immer gewollt haben: Auf dem Platz ein harter Kampf, voller Einsatz, aber fair. Kein ständiges Gemotze und kein Simulieren (wenige englische Ausnahmen bestätigen die Regel), nicht ständig versteckte Gehässigkeiten und hey: Also vor allem die beiden Halbfinals, zuletzt das Spiel Deutschland gegen Frankreich, das war ja wohl Fußball vom Allerfeinsten. Auf den Rängen keine Bochumer Becherwerfer, keine Randale und keine ständigen "Arschloch-, Wichser-, Hurensohn"-Schmähgesänge – oder hat das ernsthaft jemand vermisst? Vermisst habe ich höchstens eine deutsche Schiedsrichterin – aber das ist ja nun schon wieder ein anderes Thema.

Und dann das mit dem Kommerz. Was da bei den Männern nur noch krank ist, wo längst jegliches Maß verloren gegangen ist, da sind wir bei den Mädels quasi noch im Paradies. Nicht zuletzt deshalb können die Sportlerinnen auch so nahbar auftreten, so grundsympathisch. Wobei natürlich nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Mädels überwiegend eher Philosophie studieren als eine Lehre zum Eisenbieger zu machen. Eisenbiegerin, sorry, und wirklich den allergrößten Respekt allen Eisenbiegerinnen und Eisenbiegern. Oder vielleicht sind Frauen ja ohnehin intelligenter als Männer. Aber das führte jetzt wirklich zu weit.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich das Fußball-Paradies der Frauen weiterentwickelt. Ob gute Leute erkennen, was für ein gewaltiges Potential hier steckt, welches zu erschließen noch gar nicht so viel kostet. Ganz im Gegensatz zur herkömmlichen Zink-Kohle-Batterie, dem Männerfußball, wo ja vor lauter Wichtigkeit schon das klitzekleinste Engagement mindestens Millionen kostet, wo die Stadien und Sportler schon so vollgepackt sind mit Sponsoren und Markenversprechen, dass die einzelne Botschaft längst in der schieren Masse untergeht. Die Älteren erinnern sich vielleicht an den Betzenberg in Kaiserslautern in den 90er Jahren – da war das ganze Stadion belegt von einem einzigen Sponsor, schwarze Schrift auf gelbem Grund. Und auch wenn die DVAG als Erfinder der Drückerkolonne gilt und alles andere ist als ein sympathisches Unternehmen, so wurde das doch deutlich wahrgenommen damals – und hat sicher viele Sparerinnen und Sparer in die Fänge der Finanzhaie gelockt.

Englands Clubs investieren richtig Geld in ihre Frauen

Es wäre wunderbar, wenn Unternehmen sich im Fußball engagierten, denen es in erster Linie um die positive Fortentwicklung der Sportart geht und die die Steigerung des Bekanntsheitsgrades und der Absatzzahlen quasi "nur" als angenehmen Nebeneffekt betrachten. Es wäre wunderbar, wenn sich seriöse Menschen und Firmen jetzt verantwortungsvoll einbrächten – und keine reinen "Investoren", die nichts sehen außer dem möglichen "Return on Investment". Also bitte auch keine grauen Männer wie Wolfgang Dietrich mit seinen Quattrex-Firmen, die ja bekanntermaßen schon in etlichen Standorten deutschen Profifußballs ihr Unwesen getrieben haben.

Vor allem sind jetzt die Clubs der Bundesliga gefragt, wo auch die Herren im Profifußball spielen. Mehr als nur der FC Bayern, Wolfsburg, Hoffenheim, Frankfurt – da gilt es, nach England zu schauen, wo die Premier League-Clubs richtig Geld investieren in ihre Frauen.

Vielleicht gelingt es dann, den Fußball im Positiven weiterzuentwickeln und genau die Fehler nicht noch einmal zu machen, die den Sport in vielen Bereichen so unsympathisch gemacht haben. Im Winter spielen die Männer die WM in Katar, und schon im kommenden Jahr sind die Frauen mit ihren Weltmeisterschaften dran. Und bis dahin haben hoffentlich noch ein paar Leute Sibylle Berg gelesen und wundern sich nicht mehr drüber, dass den Hartzern zwischenzeitlich die Heizung ganz abgedreht wurde. Natürlich wird es dann heißen, sie seien selbst schuld – hätten ja im vorigen Winter bisschen mehr sparen können beim Heizen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


5 Kommentare verfügbar

  • herkenrath
    vor 1 Woche
    Antworten
    Nein, Sybille Berg habe ich nicht gelesen, dafür aber Hartz IV, bei dem unter SPD-Schröder und Grün-Fischer die Arbeitslosenhilfe auf Sozialgeld-Niveau eingedampft wurde und der vom Autor benutzte Begriff "Hartzer" einen weit umfangreicheren Personenkreis als arbeitslos gewordene Menschen umfasst.…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:



Ausgabe 593 / Die Lunte brennt / Karl Heinz Siber / vor 17 Stunden 46 Sekunden
Meine Frage richtete sich an Emil Meier.



Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!