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Auf der Straße

Tote duschen nicht

Auf der Straße: Tote duschen nicht
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Die Zeitenwende ist in vollem Gang. Kultursäle bleiben leer, in den Kneipen fehlt Personal und Heerscharen deutscher Wespen treten den Rückzug an, wie die Russen in der Ukraine. Wir spielten trotzdem gegen Mutschelbach, genau genommen nicht "wir", sondern die Stuttgarter Kickers. Wie immer stand ich im B-Block-Flügel der gemäßigten Fans, diesmal allerdings mit schlechtem Gewissen. Zwar weiß niemand genau, was das Wort "Krise" bedeutet. Dennoch ist es ideologisch bedenklich, ein Fußballspiel gegen Mutschelbach anzuschauen, während die Welt aus den Fugen gerät.

Mutschelbach wurde für mich eine Metapher des Zeitvergeudens, des Nichtstuns. Ich konnte mich nicht einmal entblöden, diese ehrbare Gemeinde mit Hinweisen auf die erotische Heldin Josefine Mutzenbacher zu verspotten. Mein moralischer Bankrott war vollends besiegelt, als ich das Fußballspiel bereits in der Halbzeitpause verließ. 45 Minuten später als geplant war angepfiffen worden, weil Mutschelbachs Mannschaftsbus im Stau gesteckt hatte. Meine Rechtfertigung, in meinem Alter könne man mit angefressenen Lendenwirbeln nicht mehr so lange auf zwei Beinen stehen, konterte ein Freund mit der Frage, ob ich meinen Rollator vergessen hätte. Irgendwann bist du erledigt. Beim Anblick einer Seniorenreisegruppe hat Wiglaf Droste mal gedichtet: "Denn mit Rollator und Krücke / Erschlägst du keine Mücke." (Und erst recht keinen Nazi ... ist symbolisch gemeint, werter Staatsschutz.)

Fußball hin oder her. Immer öfter plagt mich das Schuldgefühl, zu jener Art Zeitgenossen zu gehören, die eines Tages gefragt werden: Was tust du eigentlich? Dies wiederum erinnert mich daran, wie ich einst selber von Veteranen wissen wollte: Warum habt ihr nichts getan?

Für die Rechten ein gefundenes Fressen

Am Tag des Spiels wurde der Wahlerfolg der weit rechts stehenden "Schwedendemokraten" gemeldet, die demokratische Regierung trat zurück. Noch kurz zuvor hatte der Stuttgarter Regierungschef die internationale Solidarität beschworen: "Es ist eine wirklich gute Nachricht in dieser schweren Zeit: dass Europa zusammensteht, Freiheit und Demokratie verteidigt und unsere auf Frieden und Recht basierende Ordnung schützt." Solche Floskeln hören wir dauernd seit dem Krieg in der Ukraine, ganz egal, welches "Europa" noch zusammenstehen und die Demokratie verteidigen soll. In Schweden und in Italien, in Frankreich und in Ungarn – um nur ein paar Länder zu nennen – bedrohen immer mehr Demokratiefeinde den Kontinent mit faschistischen Machenschaften. Explodierende Energiepreise und Lebenshaltungskosten, Inflation und Wohnungsnot sind für die Rechten ein gefundenes Fressen. In der Kombination mit Corona optimal.

Bei uns redet man von einem "heißen Herbst" und einem kalten "Wutwinter". Linke und Linksliberale aber sind gespalten und zerstritten wie eh und je, sodass wieder mal ungeklärt ist, wer den Rechten Gegenwehr leisten kann. Immerhin haben auf dem Stuttgarter Rotebühlplatz Kundgebungen unter dem Motto "Uns reicht's. Preise runter! Löhne rauf!" begonnen. Junge Menschen aus der linken Bündnis-Szene rufen zum solidarischen Protest auf, immer montags um 17.30 Uhr. Zum Auftakt war zu hören, warum so viele ohne großes Einkommen jetzt an existenziellen Abgründen stehen. Ans Mikrofon ging auch ein langjähriger Helfer der Tafeln und berichtete, wie die Schlangen vor den Läden immer länger und deprimierender werden. Erbärmlich und widerlich, was Menschen vor unserer Haustür ertragen müssen, während Regierungspolitiker Almosen verteilen und SPD-gerecht von "Respekt" labern.

Auch die zunehmende Gefahr von rechts wird von den demokratischen Parteien allenfalls gedämpft bekämpft – und von der großen Mehrheit der Bevölkerung ignoriert. Wer vor der braunen Bedrohung warnt, wird meist überheblich als Schwarzmaler abgetan. Mehr Akzeptanz findet, wer mit royalistischem Gesülze eine tote Königin als Idol der Menschheit rühmt. Allen Abwieglern und Wegschauern (aber auch den Aufgeschlossenen) will ich dennoch ein Buch des britischen Publizisten und Aktivisten Paul Mason empfehlen: "Faschismus. Und wie man ihn stoppt" (Suhrkamp).

Gedankensprünge sind die Gymnastik des Stadtspaziergängers, der nach einem langen, viel zu heißen Sommer über Kastanien stolpert und die Zeichen des Untergangs sieht. Dazu gehört ein hängengebliebener Bus aus Mutschelbach ebenso wie die pathetische Reklame der Volksbank: "Meine Heimat. Meine Bank." Bei diesem Spruch fällt mir ein, dass das reiche Stuttgart in der aktuellen Statistik der Wohnungslosen in deutschen Städten knapp hinter Hamburg den zweiten Platz belegt. Einige von denen, deren Heimat eine Bank ist, wurden zuletzt bei uns im Schlaf von Unbekannten mit weißer Farbe überschüttet. Hass aus Eimern.

Stuttgart ist Aschenbecher, ist Kohlegrube

Und wenn ich beim Herumgehen die Plakate unserer städtischen Saubermann-Kampagne sehe, macht mich dieser Slogan zornig: "Stuttgart ist kein Aschenbecher". Doch! Asche, Kohle und wie man dieses Scheißgeld sonst noch nennt, sind seit jeher der wichtigste Stoff einer Kommunalpolitik, die ihre Stadtplanung Immobilienhaien überlassen hat.

Unterdessen hat unser alter weiser Länd-Lord herausgefunden, wie wir unsere weiße Weste behalten, ohne Energie für die private Hygiene zu verschwenden. Nach dem Vorbild von Hollywood-Stars empfiehlt Kretschmann, den Körper vor Wasser & Seife und vor allem vor dem Duschstrahl zu schützen. Seinen inzwischen weithin bekannten Rat, den Waschlappen nicht länger nur als Sinnbild für maximal männliche Männer zu betrachten, hat er jetzt mit einem wissenschaftlichen Bekenntnis untermauert: "Ich bin ein überzeugter Anhänger des Säureschutzmantels der Haut." In dieser Haut möchte man nicht stecken. Mit einem schützenden Wintermantel wäre Obdachlosen im Übrigen mehr geholfen.

Richtig komisch wird das Ganze, wenn demnächst mithilfe einer 300.000 Euro teuren Landeskampagne Tipps per "Energiesparbüchle" unters Volk gebracht werden. Die Aufklärungsaktion wurde autogerecht als "Roadshow" konzipiert – und dorfgerecht "Cleverländ" getauft. Eine Wortfindung, die garantiert auch noch den letzten Säureschutzmantel der Hirnhaut verätzt.

Heißa, Energiesparbüchle. Immer wieder betörend, wie der depperte Diminutiv den schwäbischen Identitätsfanatismus wachhält. Dagegen ist Gendern ein Akt der Lyrik. Beispiel: Für den Besuch des Mineralbads Berg besitzt unsereiner das Stuttgarter "SchwabenKärtle". Darauf steht – ungelogen – "gschpart isch gschpart" (wer für sein Badevergnügen genügend im Voraus löhnen kann, bekommt Rabatt). Jedes Mal, wenn ich dieses Plastikding aus dem Geldbeutel ziehe und den Mundartmüll eines Marketing-Scheißerles mit Schparhirn lese, verspüre ich den Drang, mich unter der heißen Dusche zu ersäufen. Das wäre angesichts der Waschlappen-Strategie zwar energiepolitisch nicht korrekt. Aufgrund der Endgültigkeit meiner Entscheidung aber hätte ich einen lobenden Eintrag samt Kretschmanns Konterfei als Fleißbildle im Energiesparbüchle verdient. Tote duschen nicht. Begrabt mich unter einem Waschlappen. Und tanzt den Ländler.

Damit bin ich am Ende meiner Beichte und behaupte: Wenn wir nicht schleunigst etwas tun und Schutzmäntel gegen die Feinde der Demokratie schneidern, kommen wir zu spät wie der Mannschaftsbus aus Mutschelbach. Und dann gewinnen wir nicht wie die Kickers mit Verspätung drei zu null.


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2 Kommentare verfügbar

  • a dabei
    vor 2 Tagen
    Antworten
    Danke lieber Jo Bauer für den erneuten Hinweis auf die wachsende Gefahr von rechts, die ja jetzt in Italien auf einen neuen Höhe- bzw. Tiefpunkt zusteuert. Und danke auch für den Paul Mason-Buchtipp. Das Buch werde ich mir kaufen. Doch wie lässt sich Faschismus wirklich bekämpfen? Ich jedenfalls…
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