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Auf der Straße

Gas, Wasser, alles Scheiße

Auf der Straße: Gas, Wasser, alles Scheiße
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Irgendwohin. Ganz gleich wozu, warum. Im Tabakladen für die besser Gerollten frage ich den Händler, wie es so läuft in diesen Tagen. Die Havannas, sagt er, seien zum Monatsbeginn teurer geworden. Schlappe 300 Prozent. Eine Cohiba kostet nicht länger 27 Euro, sondern 81. Chinesen hätten das Geschäft gekapert und die Ware künstlich verknappt. Für die 81-Euro-Exemplare stünden jetzt die Käufer Schlange. Die günstigeren Havannas dagegen wolle niemand mehr haben. Besser lässt sich nicht erklären, wer die Verteilungskämpfe in der Weltkrise gewinnen wird. Auch Daimler setzt nur noch auf die fetten Zigarren. Kleinere Karren sind von anno Tobak.

Zur Karriere der Cohiba hierzulande hat einst ein Kanzler beigetragen, den man später wegen seiner Kohlejobs in der russischen Energieindustrie "Gas-Gerd" nannte. Kaum jemand ahnte damals, dass Gas für Normalverdiener bald so unerschwinglich sein würde wie eine sozialdemokratische Kanzler-Havanna. Im kommenden Winter werden sich selbst Nichtraucher in ihrer kalten Stube überlegen, sich an einer wärmenden Kerzen eine Kippe anzuzünden. Wenn schon der Kamin auf dem Dach nicht mehr raucht, so traditionell der Mensch in Not.

In Kreisen der herrschenden Politik wird bereits empfohlen, sich für den Winter mit Decken einzudecken. Das ist wahr. Überhaupt, denke ich, sollten wir uns warm anziehen. Wenn die Energie fürs Heizen und die Industrie ausbleibt, wenn immer mehr Leute auf der Straße stehen und nichts mehr haben, werden die Rechten und Nazis samt ihren Verschwörungs-Truppen aufs Gas drücken. Die Pandemie, die immer wieder neu aufflammt, wird ihnen dabei helfen wie der Krieg in der Ukraine. Und niemand wird der Kälte entkommen, weil er im Geiste des großen Philosophen Habeck seine Duschkabine mit einer Stoppuhr ausstattet.

Die Zeit läuft, und sie läuft gegen uns, auch wenn sie dir erzählen, du könntest als Schnellduscher was dagegen tun. Tun kannst du nur etwas, wenn du dich mit anderen zusammentust. Zum kalten Rudelduschen. Es muss doch möglich sein, wenigstens dann ein paar fähige Leute hinterm Ofen hervorzulocken, wenn der Ofen kalt bleibt. Wäre bitter nötig.

Irgendwohin. Ganz gleich wohin, wozu. Weil ich am Rande der Stuttgart-21-Baustelle wohne, stolpere ich fast täglich durch die Hässlichkeiten eines Asphalt- und Betonlabyrinths und konzentriere mich darauf, heil über die Stadtautobahnen zu gelangen. Auf einem Transparent am Bauzaun feiern Politik und Bahn das "Meisterwerk Kelchstütze": "Das Dach des künftigen Hauptbahnhofs besteht aus 28 Kelchstützen – eine noch nie gebaute Betonschalenkonstruktion. Für eine Kelchstütze mit einem Durchmesser von rund 32 Meter werden bis zu 350 Tonnen Stahl und 685 Kubikmeter Beton verbaut. 23 Kelchstützen schließen mit einer Glaskuppel von 15 Meter Durchmesser ab ..." Wer redet da noch von ein bisschen Gas.

Auf meinem Weg durch die Unterführung zwischen Staatsgalerie und Staatsoper liegt wie so oft ein Mann unter seiner Decke auf seiner Matratze. Ich werfe eine Münze in seinen Pappbecher, wünsche ihm Glück und ziehe weiter in den Schlossgarten. In diesen heißen Julitagen haben wieder viele Menschen, von Amts wegen "Osteuropa" zugeordnet, ihre Lager im Grünen aufgeschlagen. Auf der Wiese liegen zahlreiche Sachen herum, die man zum Leben braucht, wenn man irgendwo herkommt und irgendwo hingeht, wo einen niemand will.

Am Eckensee vor den Theatern bleibe ich stehen und blicke eine Weile auf das Blechknäuel im Wasser. Viele Passanten halten es für ein Kunstwerk. Rein farblich könnte es sich auch um das Wrack eines zerbombten Panzers handeln. In Wahrheit ist das Beulenmonster gedacht als Mahnmal für den Klimawandel, nachdem ein Sturm 2021 Teile des Operndachs in eine Schrottskulptur verwandelte. Ein grusliges Ready-made der Natur. Besorgte Behördenmenschen haben darauf ein Warnschild angebracht: "Stop. Besteigen verboten". Das klingt verlockend, und meine Wollust könnte steigen, würde man achtundzwanzigmal 350 Tonnen Stahl und 685 Kubikmeter Beton in den Eckensee werfen. Ein feuchter Gruß ans Klima, bevor die Lichter in der Oper ausgehen.

Es ist sehr heiß in der Stadt, und vor jedem großen Brunnen frage ich mich, wie lange sie sich Wasserfontänen noch leisten kann. Das Wasser wird knapp. Eine alte Spottformel zur Charakterisierung des Flaschners, vor dem ich allerhöchsten Respekt habe, muss wohl perspektivisch umgeschrieben werden: Gas, Wasser, alles Scheiße.

Irgendwohin. Ganz gleich wohin, warum. Du kommst nicht weit, falls du einen Pass brauchst. Zurzeit ist es nahezu unmöglich, bei den Behörden jemanden zu finden, der dir einen ausstellt. Können Sie sich ausweisen? Nein. Dann müssen wir Sie ausweisen. Da kotzt nicht nur der Hauptmann von Köpenick.

Auf dem Schlossplatz flimmern die Beton- und Glaskulissen in der Hitze. Ich setze mich auf eine Bank und lese in Don DeLillos neuem, sehr kurzen Roman "Die Stille": "Das Leben kann so interessant werden, dass wir ganz vergessen, Angst zu kriegen." Eine solche Entwicklung wäre die Lösung. Was schon sind die Pyramiden von Jericho gegen die Kelchstützen von Stuttgart? Oder meine ich die Posaunen von Ägypten? Ach, ich habe vieles vergessen, nur nicht die Angst, die das Leben interessanter macht, als mir lieb ist.

Ich schaue den Leuten zu, wie sie herumschwirren, als gäbe es morgen noch ein Morgen. Nichts mehr zu spüren von der Verunsicherung, von der Stille, die uns die Viren gebracht haben. Seltsamerweise fällt mir ein, was ich neulich beiläufig in einem Buch gelesen habe: Die Stuttgarter Zeitschrift "Sport und Sonne" habe mal heftig kritisiert, dass "die Sportmode immer mehr zur Tagesmode" werde und Laien damit den "Anstrich von Sportleuten" gäbe. Besagtes Buch handelt von Stuttgart und dem Sport der Zwanzigerjahre im vorigen Jahrhundert. In der Mode hat sich seitdem wenig geändert. Turnschuhe heißen jetzt eben Sneaker und Trikotagen T-Shirts. Der Anstrich des Athletischen bei Laien ist geblieben. Und heute wie damals liegt Unheilvolles in der Luft. Die schwarzen Streifen am Horizont sind nicht von Adidas. Preise und Hirne explodieren, und die Spitze des Eisbergs ist schon deutlich zu sehen. Besteigen erlaubt. Der ganze Wahnsinn macht das Leben so interessant, dass man Angst haben muss, zu spät Angst zu kriegen vor der Angst.

Am Schlossplatz wehen die Fahnen des Hamburger Fischmarkts, die Säulen des Königsbaus tragen die Farben des Tanz-Festivals Colours, und gegenüber stehen die Tribünen des Festivals Jazz Open. Die Corona-Zahlen steigen wie die Preise, die Maskenlosen schert es einen Dreck, und kein Mensch hat eine Ahnung, wie der Krieg in der Ukraine jemals enden soll.

Okay, okay, vielleicht habe ich eine etwas dramatische Sicht auf die Welt, nur weil wir Gras statt Gas fressen werden. Und womöglich auch der Strom versiegt. Empfehlen möchte ich dennoch, sich schon mal warme rote Socken zu stricken, bevor wir uns alle in die Wolle kriegen.

Irgendwo steckt sich der Großkotz seine Cohiba ins Gesicht, sportlich tanzend erwartet die Stadt den nächsten Orkan, und das Leben vergeht, als würde die Zigarre an beiden Enden brennen.


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4 Kommentare verfügbar

  • Thomas Maier
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Brillant, Danke!
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