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Gleichsetzende Vergleiche

Äpfel sind Birnen

Gleichsetzende Vergleiche: Äpfel sind Birnen
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Wer behauptet, Äpfel ließen sich nicht mit Birnen vergleichen, hat nicht verstanden, was ein Vergleich ist. Eine Intervention gegen zur Redewendung gewordenen Sprachmüll ist überfällig.

Wo sie nicht die Grenzen der Gesetze überschreiten, muss eine Demokratie auch unliebsame Meinungen aushalten. Und vermutlich ist es nicht strafbar, Sätze zu formulieren wie: "So kann man zwei Äpfel miteinander vergleichen, weil es sich um dieselbe Sache handelt. Ein Apfel und eine Birne sind allerdings zwei verschiedene Dinge und damit nur schwer vergleichbar." Mit diesen Worten will das Kindermagazin "Geolino" junge Entdeckerinnen und Entdecker dafür sensibilisieren, "dass man bei Vergleichen immer aufpassen sollte, ob das, was man vergleicht, auch wirklich vergleichbar ist". Schmerz, lass nach! Denn wirklich vergleichbar ist etwas nur dann nicht, wenn es sich um dieselbe Sache handelt – es braucht dafür mindestens zwei verschiedene Dinge. Der Vergleich lebt nicht nur von Gemeinsamkeiten, er ist auch auf Unterschiede angewiesen. Sonst wird er mit der Gleichsetzung gleichgesetzt und hört auf, Vergleich zu sein.

Äpfel und Birnen sind jeweils Scheinfrüchte aus der Pflanzensippe der Kernobstgewächse, können im Gegensatz zu abgehoben-arroganten Kokosnüssen mitsamt der Schale verknuspert werden und weisen beide eine bissfeste Konsistenz auf. Trotzdem sind sie nicht das Gleiche (und erst recht nicht das selbe): Der Apfel wächst normalerweise in rundlicher, die Birne in Bojenform; während sich Letztere vor allem auf grünes und gelbes Erscheinungsbild konzentriert, kann der Apfel auch saftige Rottöne annehmen. Und so weiter eben. Der Vergleich von Äpfel und Birnen ist nicht schwer, sondern viel dankbarer als der von Mond und Grundgesetz oder von Higgs-Boson und transkaukasischem Mull-Lemming.

"Du setzt Äpfel und Birnen gleich" ist also mutmaßlich die eigentlich intendierte Aussage hinter Vorwürfen wie: "Jetzt vergleichst du ja schon wieder Äpfel mit Birnen." Formulierungen, die offenbar betonen sollen, dass verschiedene Dinge verschieden (und damit vergleichbar) sind. Welch eine Ironie! Denn die in Abrede gestellte Vergleichbarkeit zweier Gegenstände impliziert deren Identität, sagt im Fallbeispiel also eigentlich: "Äpfel sind Birnen."

Die große Gleichmacherei ist tatsächlich eine Bedrohung für die Vergleichbarkeit des Vergleichbaren, denn Äpfel und Birnen haben einen gemeinsamen Feind: das Kapital, wen auch sonst? Die Marktlogik des Anbaus, strikt an der Profitabilität orientiert, bevorzugt Sorten, die robust sind, sich gut lagern lassen und nach ein paar Tagen in der Auslage noch nach was aussehen. Von den weltweit 30.000 Apfelsorten gelten in der Bundesrepublik nur 60 als wirtschaftlich bedeutend, teils sind sie nur im Gartenhandel und Fachgeschäften erhältlich, in den Supermärkten schrumpft die Vielfalt weiter zusammen. Scheinfrüchte aller Länder, sprengt die Ketten zur Redewendung gewordener Denkverbote, vergleicht das Vergleichbare und entfesselt euren Verstand!


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2 Kommentare verfügbar

  • Josef Tura
    am 14.07.2022
    Antworten
    Ha! Sprachkritik! Sprachkritik in einer Zeitung, die mit ihrer übereifrigen Befolgung der unsinnigen und gescheiterten Rechtschreibreform und vor allem mit diesem dämlichen Gender-Sprech jede Lust nimmt, das Blatt überhaupt noch zu lesen? Man glaubts nicht, daß erwachsene Menschen ihre Zeit (und…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 1 Tag 3 Stunden
Sehr interessant!




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