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MTV Stuttgart

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MTV Stuttgart: Zusammen
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Der Fußball hat mehr Kohle – aber der Volleyball hat die bessere Berichterstattung. Zumindest in Stuttgart. Unser Autor fordert: mehr Klingovsky, weniger Ubina!

Nein, ich werde dem bis vor Kurzem noch Vorstandsvorsitzenden der VfB Stuttgart AG Thomas Hitzlsperger keine Träne nachweinen. Weswegen auch. Mal abgesehen davon, dass eine solche Personalie geradezu sandkörnig winzig daherkommt angesichts der großen Felsbrocken, die grade überall auf der Welt rumfliegen – es ist gut, dass "der Hammer" jetzt weg ist. Denn außer am stoffeligsten aller Trainer, an Markus Weinzierl, zum Entsetzen quasi der gesamten Fußballwelt viel zu lang festzuhalten und dadurch den Abstieg aus der ersten Liga 2019 maßgeblich mitzuverantworten, hat er beim VfB Stuttgart eigentlich nichts wirklich Wesentliches vollbracht. Vielleicht mal ein, zugegeben wunderschönes Regenbogentrikot in die Kameras gehalten und alle Jubeljahre zu gesamtgesellschaftlichen Themen medienwirksam ein, zwei smarte Sätze abgesondert. Und vielleicht ein, zwei gute Leute für das Nachwuchsleistungszentrum des Vereins geholt und weder die Verpflichtung des Sportdirektors Sven Mislintat noch die des Trainers Pellegrino Matarazzo torpediert, die zu holen nicht seine Idee war.

Ansonsten hat er sich als Grinsebacke und everybody's Darling vom habichtnasigen Ex-Präsidenten Wolfgang Dietrich vor dessen mit Sicheln an den Speichen und etlichen weiteren Waffen hochgerüsteten Kampfkarren spannen und innerhalb kürzester Zeit in alle möglichen und unmöglichen Ämter hieven lassen. Und er hat den Verein mit seinem gleichermaßen anmaßenden wie stillosen offenen Brief wider Präsident Claus Vogt angezündet, ja, zumindest das wohl eine wesentliche Aktion, die Auswirkungen waren bis in die vergangene Woche hinein noch zu spüren. Sich danach nie entschuldigt, Gesten der Einigung, auch nur im Ansatz versöhnliche Äußerungen oder gar eine Entschuldigung bis zum letzten Tag genauso vermieden und vermissen lassen wie die Erledigung seiner sämtlichen Aufgaben als Vorstandsvorsitzender und Sportvorstand in Personalunion. Außer Intrigen nix geblieben. Und so einem soll ich nachweinen?

Nett lächeln genügt halt nicht

Da mach' ich doch lieber drei Kreuze, dass mit Alex Wehrle jetzt ein Nachfolger da ist, der sein Amt, seine beiden Ämter ausfüllen kann. Qua branchenweit hoch geschätzter Kompetenz und Erfahrung, nicht nur mal nett lächeln. Zusammen mit dem Vereinspräsidenten und Vorsitzenden des Aufsichtsrats, zusammen mit den Mitarbeitenden. Genauso "Zusammen" hoffentlich, wie die Kurve immer so schön singt. Schmettert. Und ich freue mich, dass die Mannschaft und die sportliche Leitung zusammen funktionieren. Und endlich auch mal wieder zusammen gewinnen. So viel Energie im Stadion, das ist ja nun vielleicht das beste am Fußball. Auch wenn die inflationären Bierduschen bereits nach jeder zweiten Halbchance hart nerven. Endlich haben wir gescheites Bier im Stadion, dann sauft es halt statt es zu schmeißen. Zu Krombacher-Zeiten wurde deutlich weniger geschmissen, das soll mal einer verstehen.

Und jetzt ist auch genug mit VfB, die Stadt Stuttgart mag zwar insgesamt nicht oder nicht mehr allzu viel zu bieten zu haben – aber sportlich geht schon noch einiges außer Fußball. Das beste sogar just dort, wo der VfB spielt, im Bauch der Tribüne des Neckarstadions nämlich. Dort, in der "Scharrena", pritschen und baggern und schmettern die Volleyballerinnen des Allianz MTV Stuttgart, und die spielen seit Jahren in Deutschland um alle Titel, sie spielen europäisch, Champions League häufig – der VfB dagegen rein sportlich kleine Nummer. Kommt natürlich eher wenig in den Medien, nix Headline hier und da, nix seitenlanger Riemen, bloß weil Spielerin A mal den Wagen falsch parkt in Gablenberg. Sind ja auch eher gebrauchte Kleinwagen als SUV und Superlambo, ist ja auch nur Volleyball statt Fußball.

Umso überraschender, dass wenigstens die wenigen Artikel über unsere national und international hochklassigen Volleyballdamen von einem echten Journalisten aus dem Stuttgarter Pressehaus namens Jochen Klingovsky verfasst werden – während die Berichterstattung über den VfB dort hauptsächlich von Carlos Ubina besorgt wird, einem Mann, der so offensichtlich eine eigene Agenda (in der Vergangenheit zumeist identisch mit der opportunistischen Agenda des Thomas Hitzlsperger) verfolgt, dass selbst die Kolleginnen und Kollegen der regionalen und nationalen Konkurrenz trotz grundsätzlichen Desinteresses am Wohl und Wehe des VfB Stuttgart die Nase rümpfen. Ein Gunter Barner, der noch bis vor wenigen Jahren den Job des gerne mal hetzenden und hintertreibenden Hofberichterstatters besorgte, der konnte immerhin noch halbwegs lesbar formulieren.

Die Volleyballerinnen seien gepriesen

Bevor ich jetzt aber anfange, den Barner, das alte Walross, zu loben, seien lieber die Volleyballerinnen gepriesen. Denn diese haben allein in der vergangenen Woche sowohl das Finale des deutschen, des DVV-Pokals am Sonntag gegen den Dresdner SC gewonnen als auch bereits zwei Tage später, am Dienstag, das Rückspiel des Finales um den europäischen CEV-Cup gespielt. Und leider nach großem Kampf daheim, im Bauch des Neckarstadions, gegen auf dem Papier deutlich stärkere Gegnerinnen aus Istanbul knapp verloren. In der Tabelle der Volleyball Bundesliga liegen die Stuttgarterinnen kurz vor Ende der Hauptrunde unangefochten auf Platz Eins. Tabellenführer in der Bundesliga, nationaler Pokalsieger und Finalist im Europacup, wer in Stuttgart hat mehr zu bieten?

Nun ist schon klar, dass weder die Gehälter noch die Autos der Spielerinnen von Allianz MTV Stuttgart jemals auch nur annähernd so riesig sein werden wie diejenigen der Fußballer des VfB Stuttgart. Und auch das mediale Gewese wird in der Größenordnung immer mehr den vorhandenen Budgets, TV-Erlösen und Gehältern im Profifußball entsprechen, da muss sich niemand irgendwelchen Illusionen hingeben. Aber vielleicht ist es so rein aus Schwabensicht gar nicht mal komplett unrealistisch, zumindest an die journalistische Qualität der Berichterstattung über den Fußball eine gewisse Mindestanforderung zu stellen, quasi Volleyballverhältnisse für den Fußball zu fordern. Oder ganz konkret: Mehr Jochen Klingovsky, weniger Carlos Ubina. Das wäre doch schon mal ein Ding.


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6 Kommentare verfügbar

  • Hans
    am 07.04.2022
    Antworten
    Ein seriöser Kolumnist hätte den Artikel mit einem Transparenzhinweis versehen, dass er und Claus Vogt seit Jahren persönlich befreundet sind.
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