KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Scheinwissen und Emo-Puffer

Wann holen uns die Aliens endlich?

Scheinwissen und Emo-Puffer: Wann holen uns die Aliens endlich?
|

Datum:

Gestern Pandemie, heute Krieg in der Ukraine – und alle wissen mal wieder maximal Bescheid und versuchen zwanghaft, Ordnung ins Chaos zu bringen. Anstatt einfach auch mal einen Moment an der Welt zu verzweifeln.

Es gibt zurzeit ein ziemlich gutes Meme, das auf allen möglichen Internet-Kanälen kursiert: Zwei Aliens, die sich gemeinsam die Unterhaltungsserie "Erde" im Fernsehen anschauen (fragt mich nicht, warum Aliens Fernsehen schauen) und ihre Drei-Finger-Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil sie es nicht fassen können, wie der Plot ihrer Lieblingsserie in nur zwei Episoden von "Pandemie" zu "Dritter Weltkrieg" eskalieren konnte. Da kommen selbst Außerirdische nicht mehr mit. Klar, wirklich lustig ist der irdische Bezug nicht, aber lachen musste ich trotzdem über die Meta-Sicht auf die Menschheit durch die Brille von Aliens, die das Treiben auf der Erde wie eine trashige Fernsehserie verfolgen. Es bleibt einem im Endgame der Satire ja manchmal auch gar nichts anderes mehr übrig als zu lachen, wenn selbst "Überspitzung zur Entlarvung nicht mehr taugt", wie die Band "Egotronic" in ihrem Song "Schlusz mit lustig" konstatiert. Und der bezog sich "nur" auf Verschwörungstheorien und Schwurbelei im postfaktischen Zeitalter.

Den Witz mit den Aliens habe ich die vergangenen zwei Jahre, ohne das Meme zu kennen, oft selbst gemacht angesichts des ganzen Corona-Irrsinns, in dem sich die Menschheit verheddert hat und innerhalb von zwei Jahren vom harmlos-dummen Klopapier bunkern zu gefährlich-dummen Demos gegen Impfungen in einer vermeintlichen "Diktatur" oder "DDR 2.0" der Bundesrepublik übergegangen ist. Wahrscheinlich hab ich ihn auch schon davor gemacht, als ich im Januar 2017 mit Kolleginnen in der Kontext-Redaktion vorm Laptop saß und die Vereidigung von Donald Trump zum Präsidenten der USA verfolgt habe. Zusammen mit den Erfolgen der AfD im Land markierte dieses Jahr für mich als Kind der späten Achtziger, als Feministin und Punkerherz eine politische Zäsur: Keine Freiheit ist für immer. Keine Errungenschaft unumkehrbar. Emanzipation ist nicht mit der Zerschlagung von Ketten erledigt – man muss ständig auf der Hut sein, dass sie einem nicht wieder angelegt werden. Als Faschisten wieder demokratisch gewählt in deutsche Landtage einzogen, haben nicht nur Aliens, die in ihren fliegenden Untertassen "Erde" schauen, die Arme über dem Kopf zusammengeschlagen.

Doch wer hätte gedacht, dass nur ein paar Jahre später eine Pandemie dazukommen würde, die das Problem mit den Rechten in Deutschland unterm Corona-Brennglas zu einer rechten Schwurbel-Pandemie der Gehirne erweiterte? Plötzlich gingen Tausende Leute gegen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung auf die Straßen, "ganz normale Leute" behaupteten, aus der "Mitte der Gesellschaft" zu sein, während sie sich Judensterne an die Jacken steckten, Pferdewurmkuren schluckten und die Corona-Impfung für Massenmord hielten in der Überzeugung, von der diffusen Elite eine Weltverschwörung verarscht zu werden. Der pure Irrsinn schien ausgebrochen. In Familien. In Freundeskreisen. In der Kneipe und im Büro. Rien ne va plus, Menschheit, "wenn jetzt noch Aliens landen würden", hab' ich oft unter Kopfschütteln gesagt, "würde es mich auch nicht mehr wundern". Sollte heißen: Mehr Realität gewordenes Unvorstellbares geht nicht. Warum also nicht auch Außerirdische, die auf dem Monte Scherbelino landen und uns alle für extraterrestrische Experimente entführen?

Plötzlich überall Alles-Checker

Tja. Und dann marschieren plötzlich russische Soldaten in die Ukraine ein, um einem autokratischen Oligarchen und seinen Hofnarren ethno-imperialistische Fantasien zu erfüllen und die Ukraine in einem Blitzkrieg wieder "heim ins Reich" zu holen. Bumm. Plötzlich erscheint die Vorstellung, von Aliens entführt zu werden, als angenehme Alternative zur irdischen Co-Existenz mit größenwahnsinnigen Nationalisten und Atombomben-Besitzern. Denn die erneute Schippe Irrsinn auf dem emotionalen Monte Scherbelino der pandemiegebeutelten Menschheit ist eigentlich nicht mehr vermittelbar. Das zeigt sich allein daran, dass sich selbst Verschwörungstrottel auf Telegram die ersten Tage schwertaten, der russischen Invasion einen einheitlichen Schwurbel-Überbau zu verpassen und den Krieg in ihre "Plandemie"-Geseier zu integrieren. Auch die AfD-Spitze war zunächst zurückhaltend, Alice Weidel sagte sogar bereits vor über eine Woche zu Recht, dass es bezüglich des "Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine" keine zwei Meinungen geben könne: Er sei "völkerrechtswidrig, und dementsprechend […] verurteilenswert". Andere Parteikollegen leugneten den Krieg in der Ukraine wiederum ganz und hielten ihn für eine "Operation gegen ein Marionettenregime". Und auch auf linker Seite wurde wild gewagenknechtet. Alle wussten sie sofort mal wieder gar nix und trotzdem ganz genau Bescheid. Standen sich auf rechter wie auf linker Seite in nichts nach bei der schnellen Antwort auf Fragen nach Schuld und Sühne. Variierten nur hinsichtlich der Tiefe ihrer Dummheit.

Denn wo oben und unten ist, das weiß, wer ehrlich zu sich selbst ist, momentan wirklich niemand mehr so richtig. Da hilft es auch nicht, dass viele schlaue Leute jetzt in Lichtgeschwindigkeit viele schlaue Einordnungen der Kriegsumstände im Konjunktiv in die Welt ballern. Dass die Nato ja auch nicht ohne ist. Dass angebliche Anti-Kriegs-Parteien Waffen liefern und Eier aus Stahl demonstrieren, obwohl sie eigentlich "feministische Außenpolitik" machen wollten, um das Leid durch Krieg, der immer aus patriarchalen Strukturen hervorgeht, zu minimieren. Dass man auf den hätte hören müssen und das hätte tun müssen, weil man dieses ja schon lange hätte wissen können. Dass der Putin wahnsinnig ist und der Selenskyj voll der tolle Nationalheld – oder eben auch nur ein Ex-TV-Clown und Nazi-Versteher. Junge, wer bitte außer einer Handvoll Ukraine- oder Russland- und EU-Außenpolitik-Spezis kann sich zum jetzigen Zeitpunkt in der Fernanalyse ein vollständiges Bild der Lage machen? Alle versuchen aktuell, die Lage in der Ukraine zu nutzen, um sie in die passende Form für ihr individuelles Weltbild zu drücken.

Dabei ist alles zu zerfahren und komplex. So ambivalent und verheddert, dass es für eine differenzierte Erkenntnis nicht reicht, sich einfach seinen Lieblingsclub auszusuchen und ihn stumpf abzufeiern. Wer das tut, tut es nicht um der Einsicht Willen. Er tut es, um den brutalen Ambivalenzen und dem Kontrollverlust über die Welt und wie sie zu denken ist nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Er redet sich mit seinem festen Scheinwissen einen Emo-Puffer herbei, der ihm den Wahnsinn und den Schmerz, den diese Welt immer wieder an allen Enden des Planeten erschafft, vom Hals hält. Alles andere wäre schwach. Schon klar: Keine Gesellschaft wurde je eine bessere, weil ihre schlausten Menschen sich – neben ein paar Existenzphilosophen – Weltschmerz und Wahnsinn hingegeben haben. Das soll auch niemand. Aber die meisten Leute wissen einfach einen Scheißdreck.

Mir ist aktuell wirklich jeder Mensch sympathischer, der beim Geschirrspülen einfach mal kurz heult, weil ihn die Welt überkommt, wenn nach dem Bad-News-Stakkato ein melancholischer Song im Küchenradio läuft. Katharsis. Überforderung. Wut. Sprachlosigkeit. Dumme Memes mit Aliens. Jede aufrichtige Reaktion ist mir momentan lieber als die Alles-Checker, die hinterher immer ganz genau wissen, was zu tun ist, und durch ihre blitzartige Allwissenheit letztlich auch nur verzweifelt versuchen, sich die Welt in Ordnung zu reden. Da bleib' ich lieber bei den Memes.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


5 Kommentare verfügbar

  • Stefanie B.
    am 13.03.2022
    Antworten
    Vielen lieben Dank für diesen Beitrag. Ich empfinde es als tröstlich, dass ich mit meiner Wahrnehmung der Lage nicht ganz allein stehe.
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:



Ausgabe 593 / Die Lunte brennt / Karl Heinz Siber / vor 11 Stunden 11 Minuten
Können Sie auch anders als gehässig?



Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!