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Auf der Straße

Immer auf die Glocke

Auf der Straße: Immer auf die Glocke
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Mit dem Spazierengehen habe ich einst begonnen, um der Langeweile in der Stadt mithilfe der Langsamkeit zu entkommen. Als Kolumnist stiefelte ich durch die Straßen und stellte fest: Beim Gehen kommen Gedanken. Das hat etwas mit Bewegung zu tun und der Tatsache, dass Beine und Birne zusammenhängen, auch wenn sich dazwischen einige andere Organe tummeln. Etwa der Darm, der nach wissenschaftlichen Erkenntnissen großen Einfluss auf das Hirn hat. Seit Corona wissen wir sogar, dass es für die Darmentleerung ein direktes Rohr ins Zentrum der letzten Denkzellen gibt.

Die exotische Übung, sich mithilfe der eigenen Beine fortzubewegen, erhielt in der Einsamkeit der Pandemie neuen Aufschwung – was zwingend als "Shutdown Walk" gehypet werden musste. Längst wird der Spaziergang auch wissenschaftlich begleitet, der Promenadologe Bertram Weisshaar sagt: "Das Gehen bringt einen am dichtesten an die Welt heran." Dieser Satz gilt sogar für Stuttgart, wo Provinzpolitiker in ihrer Weltgeltungssucht Höchstleistungen im Daneben- und Schiefgehen bringen.

Neulich setzte ich mich aus Protest in die Straßenbahn, um möglichst lange herumzufahren. Vor einigen Jahren habe ich für mich als ordinäre Alternative zum Flaneur den "Strampeur" erfunden. In Stuttgart kennt man die "Strampe" als Wortkombination aus "Straßenbahn" und "Tram". Eigentlich müsste es Strambe heißen, mit dem b der Straßenbahn, aber das p aus Kaputtgart hat sich durchgesetzt.

Wären Linke "Spaziergänger", kämen die Wasserwerfer

Warum ich mich bei der Annäherung an die Welt, die als Kleine die Große spiegelt, zeitweise in der Elektrischen abkapsle, ist schnell erklärt: eine Schande, dass Horden von Pandemie-Leugnern in den Straßen herumtrampeln und diese Beleidigung für jede Art Schuhwerk und Asphalt "Spaziergänge" nennen dürfen. Müßig, auf die große Tradition ehrbarer SpaziergangspoetInnen von Marcel Proust bis Patti Smith hinzuweisen, ich tue es dennoch, um alle Aufrechten zu bitten: Duldet die Herumzieherei dieser hirnverstolperten Horden nicht als "Spaziergang". Wären Linke auf ähnliche Weise unterwegs, würden Wasserwerfer aufgefahren.

Die Täuschungsmanöver von rechts belästigen immer öfter auch die Provinz. Wir sollen glauben, bei ihrem Haufen aus Esoterikern und Verschwörern, Rechtsextremen und Mitläufern handle es sich um eine breite Bewegung. Damit will ich die internationale Mob-Mobilisierung unter faschistischen Vorzeichen keineswegs kleinreden. Als Spaziergänger aber wehre ich mich gegen die plumpe Instrumentalisierung einer humanistischen Disziplin der Leichtigkeit. Das Verb "spazieren" wird abgeleitet vom italienischen "spaziare": umherschweifen, und vom lateinischen "spatiari": gemessenen Schrittes gehen. Es steht für inspirierende Zerstreuung, nicht für idiotische Zerstörung demokratischer Kultur. Als Spaziergänger habe ich gelernt, warum Vergangenheit immer auch Gegenwart ist. Unsere Gegenwart ist der beste Beweis.

Für die Fußfaulheit des Strampeurs habe ich mir unterdessen eine Rechtfertigung gestrickt: Es war der Blick aus dem Eisenbahnfenster im 19. Jahrhundert, der die menschliche Wahrnehmung der Umwelt entscheidend veränderte. Das neue Tempo, die vorbeifliegenden Stadtkulissen und Landschaften beeinflussten die Malerei und vor allem die bewegten Bilder des aufkommenden Kinos. In Stuttgart haben die meisten Stadtpolitiker bis heute nicht begriffen, welche kulturhistorischen Zusammenhänge zwischen ihrem ersten Bahnhof und dem späteren Kino Metropol an diesem Ort existieren. Welche Geschichten er erzählt. Und was man daraus machen könnte, bliebe der Blick nicht an Immobilienprofiten kleben.

Die Beute: eine Dose Alaska-Pollackkaviar-Zubereitung

Als Strampeur sitze ich in einem Film, ohne Popcornscheiß, und mit der Sieben fahre ich Richtung Norden. Hochhäuser ragen gen Himmel, Blöcke mit Hunderten von Wohnungen, vor mehr als fünfzig Jahren erbaut für Arme und Benachteiligte, darunter viele aus der "nicht-deutschen Bevölkerung", wie das hieß. Im Stadtteil Freiberg, hoch über dem Neckar, steige ich aus; er gehört zum Bezirk Mühlhausen, seit jeher eine Stimmenhochburg rechtslastiger Parteien. In Freiberg gibt es Supermärkte mit kyrillisch beschrifteten Waren. Schwarze russische Seife mit dem Duft einer Dampflokomotive und eine Dose mit "Alaska-Pollackkaviar-Zubereitung" packe ich als Beute ein.

In Freiberg erwartet dich die Haltestelle "Himmelsleiter" – und nur ein paar Fußminuten entfernt ein entsprechendes Ungetüm. Es steht in der Nähe der Haltestelle Suttnerstraße, benannt nach der Schriftstellerin Bertha von Suttner, die 1905 den Friedensnobelpreis erhielt. Vor meinem angesteuerten Supermarkt erschrecken mich Glocken, verdammt viele, keine Ahnung, wem sie schlagen. Ihren Sound kennen wir unter dem Namen Heiliger Bimbam.

Das Stadtarchiv leistet mir später Hilfe: Die evangelische Kirchengemeinde, die heute Himmelsleiter heißt, ließ sich 1989 einen freistehenden Turm, eine Art Gerüst, mit Glockenspiel errichten. Zwölf Meter hoch, 19 Glocken, eine Uhr, auf der Spitze ein vergoldeter Gockel. Irgendwo kräht immer kein Hahn nach dir.

Angeblich wurden 100 Kirchenlieder per Computer im Turm programmiert. Sein Architekt Wolfram Duppui sprach einst von einem "Fingerzeig zum Himmel" und der Gemeindepfarrer Johannes Bräuchle von einem "kirchengeschichtlichen Ereignis". Bräuchle ist übrigens jener CDU-Apostel, der 2011 als Gotteskrieger im Dienste von Stuttgart 21 die Trillerpfeifenproteste gegen das Größenwahnprojekt in die Nähe von SA-Verbrechen schwurbelte. Da gab es reichlich Stinkefingerzeige zum Himmel.

Was zur Hölle ist eigentlich los?

Heute ist das Stadtgeschichte, wie auch ein weit angenehmeres Schellenkapitel: Im Garten des einstigen Hotels Marquardt baute sich 1844 ein Verein namens Die Glocke ein Lokal nach dem Vorbild der Glockenstuben, zwei Jahre, bevor in der Nachbarschaft der erste Zug in Stuttgarts ersten Bahnhof einfuhr. Gegründet hatten Die Glocke die Schriftsteller Friedrich Wilhelm Hackländer (Sekretär von Kronprinz Karl) und Franz Dingelstedt (Bibliothekar und Vorleser von König Wilhelm).

Wikipedia verweist auf "eine humoristisch-literarische Garçons-Gesellschaft" für "Kunst und Kunstgenossen zu allerlei Kurzweil und Amusemento, gleichsam ein Orden der Nichtsthuerei und Vergnügsamkeit". Der Schatzmeister wurde "Klingelbeutel" genannt, die Aktiven "Hammer", "Seil" oder "Schwengel". Als herumziehender Nichtstuer fordere ich die sofortige Neugründung eines humoristischen Amusemento-Klubs. Das Gendern der Hämmer und Schwengel sowie das Eintrittsverbot für Ungeimpfte wird in der Satzung weit vorne stehen.

Zu den Vereinsglöcknern zählten einst der Schriftsteller Emanuel Geibel, der Architekt Karl Etzel und der Komponist Franz Liszt, ein Superstar des 19. Jahrhunderts, der auch im Marquardt musizierte. Er komponierte das "Bundeslied" der Glocke zu Dingelstedts Lyrics: "Heil unserer Glocke, Heil / Heil Hammer, Mantel, Seil / Heil unserer Glocke, Heil."

Diesen Track sehe ich als legitimen Vorläufer einer Glocken-Hymne, die etwas später mit der Anfangszeile "I'm rolling thunder, pouring rain" berühmt wurde: "Hells Bells" von AC/DC. Was zur Hölle ist los? Nach allem, was ich gerade erzählt habe, muss klar sein: Den Schwurbler-Seilschaften dürfen wir nicht länger erlauben, ihre enthemmten Umtriebe als "Spaziergänge" aufzuführen. Normalerweise gibt's in solchen Fällen auf die Glocke, auch wenn diese Schikanier- und Schwadronier-Gängs nicht weit kommen dürften: Lügen haben kurze Beine.


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