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Auf der Straße

Der Flatulenzer

Auf der Straße: Der Flatulenzer
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Für den Herumgeher ist der Herbst die erregendste Saison des Jahres. Auch unwirtliches Wetter mindert nicht den Reiz, in die Inszenierungen dieses Harlekins der Natur hineinzugehen. Der Herbst ist Kulissenschieber, Nebelwerfer, Lichtgenie. Und nach den Turnschuhtagen des Sommers ist es wieder Zeit für meine Cowboystiefel. Sie geben mir das Gefühl, auf der Straße wie auf einem Schiffsdeck zu schwanken. Dieser Seegang ist der Swing des Spaziergängers.

Gut möglich, dass mir der Herbst nach den Corona-und Influenza-Injektionen eine Ampulle Kitsch eingeimpft hat. Aber den großen Dichter Klabund werde ich beim Blick auf die dritte Jahreszeit schon noch zitieren dürfen: "Knallgelbe Bäume stehen an den Wegen. Und andere ockerhell, wie Indianer."

Mit Begriffen wie "Indianer" musst du heute vorsichtig umgehen, doch kann ich den Indian Summer nicht ignorieren, wenn ich mich dem Herbst nähere. Vermutlich hatten die Amerikaner nie von Klabunds ockerhellen Bäumen gehört, als sie den Indianersommer ausriefen, um die schöne Periode zu benennen, die wir als "Altweibersommer" kennen.

Bevor mich der herbstliche Shitstorm wegen frauenfeindlicher Äußerungen hinwegfegt, stelle ich an Eides statt fest, dass ein Gericht schon 1989 entschieden hat, im Fall "Altweibersommer" handle es sich um "keinen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte älterer Damen". Das Wort rührt sehr wahrscheinlich vom althochdeutschen "weiben" her, beschreibt also nicht die Silberfäden in den Haaren gealterter Frauen, sondern das Knüpfen von Spinnweben. Das Spinnennetz wurde demnach nicht von Spiderman erfunden.

Politspinnen sind auch auf unterster Ebene fleißig

Wenn du heute was bewegen willst, brauchst du Netzwerke, die Seilschaften der Gegenwart. "Netzwerk" ist ein Begriff, der ziemlich oft, vorzugsweise in der Politik, als Synonym für "Kriminelle Vereinigung" verwendet wird. Sagt man, Sebastian Kurz oder Olaf Scholz hätten gute Netzwerke, wissen alle in der Familie, was gemeint ist.

Die Politspinnen sind auch auf unterster Ebene fleißig, beispielsweise wenn Grüne, CDU, SPD und FDP im Stuttgarter Rathaus gemeinsam ihre neoliberalen Interessen in einer milliardenschweren Steuergeldmaschinerie namens Haushalt verknüpfen. Opposition ist in dieser Netzwerker-Demokratie ein Schimpfwort. Wer sich der Kumpanei-Masche verweigert, gilt als Spinner, als "Symbolpolitiker". So ist das im Stuttgarter Gemeinderat.

Verzeihung, fast niemand der Beteiligten sagt heute noch "Gemeinderat". Gemeinde klingt nach Poppenweiler oder Backnang. Das schreit nach Selbstaufwertung. Deshalb sprechen die Stadträtinnen und Stadträte des Stuttgarter Gemeinderats nur noch vom "Rat". "DER RAT hat entschieden", sagen sie, und das haut schon vom Sound her cool rein. Neu definiert werden muss in diesem Zusammenhang die Redewendung "Guter Rat ist teuer". Kann nur heißen: Korruption.

In der kleinen Schweiz heißt ein Kantonsparlament Großer Rat. Im großen Stuttgart muss man deshalb vom Riesenrat im Rathaus sprechen, und an dieser Stelle erwachen meine vernetzten Erinnerungen: Ein paar Mal war ich zur Indian-Summer-Zeit auf dem Rummelplatz von Coney Island, wo mich neben dem Riesenrad eine im Käfig zur Schau gestellte Riesenratte so sehr faszinierte, dass ich Frank Sinatras "Autumn in New York" anstimmte.

Bewährte CDU-Parole: Wir können einpacken

Welch gigantische Hirne den Stuttgarter Rat bereichern, demonstriert jetzt die CDU: Für einen Millionenbetrag will sie nach dem Vorbild des zuletzt verhüllten Pariser Triumphbogens eine "Installation" als "Touristen-Attraktion" hinpflanzen. Dass der Verhüllungskünstler Christo auf Erden nicht mehr zur Verfügung steht, dürfte kein Problem sein. Bewährte CDU-Parole: "Wir können einpacken."

Zuletzt suchte ich ratlos den richtigen Weg um die Baustelle auf dem Marktplatz herum, weil ich zum Lunch (früher: Mittagessen) in ein neues Restaurant gegenüber der Rathauspforte, dem Hintereingang zum Riesenrat, einkehren musste. Grund dafür ist mein fünf Mann starkes Netzwerk, das seit 2015 immer dienstags heimische Lokale zwecks Prüfung des Mittagstischs (Lunch) aufsucht. Etwa 200 Etablissements, vom Stehimbiss bis zum Sterne-Restaurant, haben wir inzwischen bewältigt. Das neue Lokal am Rathaus heißt Malo und wurde als eine Art Gewächshaus/Indoor-Dschungel mit Pflanzen und vogelkäfigartigen Lampen dekoriert. Wir Eingeborenen wählten das klassische Urwald-Gericht Linsen mit Spätzle, Würstle und Bauchspeck. Ging in Ordnung.

Auf dem Weg zu den Restaurant-Toiletten hat man eine "Influencer-Schaukel" (IS) installiert, eine Fotorummel-Variante des Riesenrads vor dem Neuen Schloss. Auf der IS können sich Gäste in ihrer eigenen Berühmtheit wiegen und Selfies für Instagram knipsen. Ein solches Gerät, das sage ich als praktizierender Wirtschaftsrat, ist in Rathausnähe unabdingbar. Nicht erst seit dem Sondierungs-Selfie mit den Köpfen der elastischen Vier von Grünen & FDP ist Politik ein Produkt des Influencer-Marketings. Auch ein Dorfschultes taugt bei uns als Requisite für die "Influencer-Party".

Es könnte mit den Einflüssen des Herbsts zu tun haben: Immer dann, wenn ich "Influencer" höre, fällt mir "Influenza" ein – und gleich darauf, mit Bauchschmerzen, "Flatulenz". Wikipedia: "Flatulenz bezeichnet das verstärkte rektale Entweichen von Darmgasen, oft hervorgerufen durch verstärkte Entwicklung von Gasen im Verdauungstrakt ..." Als Ursache für die Winde käme u. a. Schlucken von Luft beim hastigen Essen, Trinken oder Schlürfen in Betracht. Nach Ansicht von Fachärzten gelten 24 Gasabgänge in 24 Stunden als normal, erst übermäßiger Gasabgang wird als Flatulenz bezeichnet.

Spinnende, vereinigt euch!

Damit will ich nicht sagen, dass Influencer in ihrem Job als Windmacher an mehr als 24 Gasabgängen in 24 Stundet leiden und allesamt Flatulenzer sind. Glücklicherweise ist für den Spaziergänger eine übermäßige Anhäufung von Darmwinden unerheblich, da ihm die Herbstwinde die Gase des gesamten Kessels ins Gesicht wehen. Fatale Folgen hat eine Influenza mit Flatulenz-Symptomen allerdings auf der Influencer-Schaukel. Da kann sich Tarzan auf der Wippe auch nicht mit dem Hinweis auf die üblichen Dschungel-Geräusche und Ausdünstungen eines Restaurant-Urwalds herausreden. Jane wäre stinksauer.

Wer all diese Gedanken für unappetitlich hält, soll bitte bedenken, dass die Autorin eines millionenfach verkauften Buchs mit dem Titel "Darm mit Charme" zu einer hoch geachteten Science-Influencerin aufstieg. Ich bin ihr Schüler, zuständig für Windrat.

Nicht nur wegen seiner Winde ist der Herbst ein unberechenbarer Geselle, der in der herrschenden Klimakrise noch viel unberechenbarer werden wird. Der Influencer Bertolt Brecht hat es einst in seinem Gedicht "Kalifornischer Herbst" vorhergesagt: "Ich sah ein großes Herbstblatt, das der Wind / Die Straße lang trieb, und ich dachte: schwierig / Den künftigen Weg des Blattes auszurechnen."

Daran denke ich, wenn ich jetzt mit meinen Stiefelspitzen die Kastanien in den Straßen vor mir her kicke. Immer darauf achtend, dass ich nicht unter das große Rad komme, das der große Rat unserer Gemeinde dreht. Eines Tages aber – Spinnende, vereinigt euch! – werden sie in ihrem eigenen Netz zappeln. Dann kommt die Räterepublik.


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2 Kommentare verfügbar

  • Pete Dawgg
    am 20.10.2021
    Antworten
    "Die elastischen Vier" - das trifft es (sie?) *perfekt*.
    Auch sonst ein äusserst erquicklich zu lesender Artikel!
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