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Auf der Straße

Knalle, knalle, balle

Auf der Straße: Knalle, knalle, balle
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In den feuchten und kalten Dezembertagen bin ich zu oft von der Straße abgekommen. Unsere im März 2020 gestartete Künstler*innensoforthilfe Stuttgart musste dringend geboostert werden, unter anderem mit der 20. Ausgabe der "Nacht der Lieder" im Theaterhaus zur finanziellen Impfung der Kunst- und Kulturarbeit. Als die Show unter den neuen Corona-Bedingungen gelaufen war, spürte ich wie selten den Drang, meinem wichtigsten G-Befehl zu folgen: Geh, Mann, geh! Tritt dich selber in den Arsch. Die Macht der Lieder hat ihre Grenzen, und es gibt kein besseres Mittel gegen die Schwermut in der Seuche als den Spaziergang im Vorweihnachtssiff. Raus ins Restleben.

Ich stiefle gen Osten, Richtung China, und mit Blick auf das kriegerische Gehabe unserer neuen Ampelleuchten in der Außenpolitik schwenke ich die weiße Fahne. Womöglich ist die gelbe Gefahr weniger gefährlich als die grüne.

Das G wiederum steht für den geimpften Geher auch für das Gedächtnis, das dir bei zunehmendem Alter übel mitspielen kann. Da passiert es schon mal, dass ich aus meiner Zeitungskiste statt "Konkret" die "Apotheken Umschau" ziehe und auf der Suche nach der Wahrheit über den chinesischen Staatskapitalismus bei der Schlagzeile "Keine Angst vorm Urologen" lande. Ein kleiner Pisser, lehrt uns der Klassenkampf, bleibst du ohne den großen Knall dein Leben lang, froh um jedes geöffnete Toilettenhäuschen.

Vom Kernerplatz die Landhausstraße Richtung Ostendplatz entlang, und wie immer läuft mir die Zeit davon. In einem Schaukasten vor der Schule an meinem Weg habe ich auf einem meiner Märsche nach China vor Kurzem noch eine Kinderzeichnung mit einem kahlen Baum, bunten Blättern und einem Gedicht gesehen: "Falle, falle, falle / gelbes Blatt / rotes Blatt. / Bis der Baum kein Blatt mehr hat. / Weggeflogen alle".

Zu Silvester Chinakracher aus der Politik

Ich hob meinen Hut, strich mit den Fingern durchs Haar, spürte die kahlen Stellen des alten Wanderbaums, und dann fielen mir Dieter Roths Zeilen ein: "Balle balle / Knalle / Wann knalln wir / in der Halle / Wir ballern / wenn der Knaller kommt / Und knallern / was dem Baller frommt! / Knalle Knalle / balle / So ballerts / in der Halle". Trag das mal einem Anthroposophen vor.

Knallen ist bei uns an Silvester dieses Jahr verboten, was kaum auffallen wird, weil hierzulande genügend Durchgeknallte ihr Unwesen treiben. Dazu gesellen sich Granaten aus der Politik, die uns noch zeigen werden, was ein China-Kracher ist.

Auf meinem jüngsten Gang gen Osten entdecke ich ein neues Bild im Schulschaukasten: vier kahle Bäume unter vier Monden am Himmel. Titel: "Wintermond". Alter, sage ich mir im Angesicht meines Verfalls und singe: "I see the bad moon risin' / I see trouble on the way ...".

Am Haus Nummer 122 in der Landhausstraße verweile ich wieder mal vor der stattlichen schwarzen Tafel mit weißen Buchstaben: "Im 1. Stock dieses Hauses wurde geboren am 24-XII-1928 Manfred Rommel Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart von 1974 bis 1996 als Sohn des späteren Generalfeldmarschalls Erwin Rommel und seiner Ehefrau Lucie-Maria geb. Mollin". Darüber hängt ein Schild mit ähnlich poetischem Text: "Ausfahrt freihalten!"

Rommel junior war ein Heiligabend-Baby, sein Geburtshaus im Osten vermutlich etwas wohnlicher als der Stall von Bethlehem. Esel und Ochsen lernte er dennoch kennen, etwas später. Voller Stolz huldigt man in Stuttgart bis heute dem heiligen Erwin, dem die Stadt 1968 (!) eine Straße im Hallschlag gewidmet hat. Nach wie vor betrachten braune Knaller- und Ballerkreise Hitlers Wehrmacht als eine Art Wettkampftruppe, die nicht die Verbrechen der Vernichtung, sondern sportliche Fairness auf ihre Hakenkreuz-Fahnen geschrieben hatte. Und ununterbrochen hören wir das Geschwätz, inzwischen sei doch so viel Zeit verballert worden, dass wir das Erinnern endlich vergessen müssten. Geschichte heißt zu wissen, um wie viel der Benzinpreis seit gestern gestiegen ist.

Stoff für Hirnimpfungen aus der Buchhandlung

Wie nah uns der Nazi-Terror und der Zweite Weltkrieg in Wahrheit sind, müsste auch dem Debilsten auffallen, wenn immer noch Fliegerbomben der Alliierten explodieren wie neulich die 250 Kilogramm schwere bei Bauarbeiten in München. Und kannst du die alten Bomben nicht hören, so schmerzen dir mitten im Dezember die Ohren vom Hetzgeschrei der neuen Nazis beim AfD-Aufmarsch auf dem Schillerplatz.

Solche Dinge gehen mir durch den Kopf, wenn ich auf dem Weg nach Osten dem Generalfeldmarschall Rommel begegne. Auch weil die Vergangenheit gegenwärtiger ist als die Zukunft, mit der uns die kommerzielle Werbung und die politische Propaganda den letzten Nerv rauben. Ununterbrochen versprechen sie uns mit ihren bescheuerten Phrasen vom Fortschritt irgendeine "Zukunft". Ich treffe die Zukunft täglich, weil ich ihr Schritt für Schritt entgegengehe, und einmal hat sie mich angehalten und gesagt: Mach mal Pause, Alter, ich komm eh von allein.

Weiter nach Osten. In der Ostend-Buchhandlung, wo ich mir regelmäßig Stoff für meine Hirnimpfungen hole, bekomme ich ein festlich verpacktes Büchlein geschenkt mit literarischen Texten zum Thema "Wie man die guten Vorsätze bricht". Darüber freue ich mich sehr, weil ich auf meinem Weg ans Ende des zweiten Seuchenjahres ohnehin den Vorsatz hatte, der Leserschaft das Thema Vorsatz vorzusetzen. Was für ein Genuss, wenn Tucholsky im Büchlein "den Gänsekiel in die schwarze Flut" taucht mit dem Vorsatz, ein "lyrisches Gedicht" zu schreiben und seine "Seele auf sammetgrünem Flanell" zu betten – und sich dann doch lieber "eine Ballade" vornimmt, in der "auf blumiger Au" der Held mit den Riesen kämpft, während "die Strahlen des Mondes auf seine schöne Prinzessin fallen ...". Am Ende aber taucht der Dichter den Gänsekiel in die schwarze Flut, um seinem Onkel zu schreiben, dass er Geld braucht. Das ist das Gedicht unserer Gegenwart.

Nicht nur Gramsci hasste Jahreswechsel

Mein alter Brockhaus definiert den Vorsatz keineswegs als Neujahrsabsicht: Vorsatz ist "das Wollen eines rechtswidrigen Erfolgs" (Zivilrecht) oder ein "mit Wissen und Willen" verwirklichter "Straftatbestand" (Strafrecht). Demnach so etwas wie Stuttgart 21. Oft genug birgt der Vorsatz einen Sprengsatz, weshalb hier Antonio Gramscis Silvester-Philosophie auf keinen Fall fehlen darf: Er hasste "die Jahreswechsel, die aus dem Leben und dem menschlichen Geist ein kommerzielles Unternehmen mit seinem braven Jahresabschluss, seiner Bilanz und seinem Budget für die neue Geschäftsführung machen. Sie führen zum Verlust des Sinns für die Kontinuität des Lebens und des Geists. Man endet dabei, ernsthaft zu glauben, dass es vom einen Jahr zum anderen eine Auflösung der Kontinuität gäbe und dass eine neue Geschichte begänne, und man entwickelt Vorsätze und bereut Fehler usw."

Der Vorsatz ist das alte Lied vom kalten Krieg um mehr und mehr. Kiel oben wie tote Gänse werden wir in eine schwarze Zukunft treiben. Vorher aber muss ich noch einmal zum Ostendplatz, wo das Stuttgarter Leben städtisch ist und das alte Toilettenhäuschen prächtig wie eine chinesische Pagode.


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