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Berlin Alexanderplatz

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Es roch noch nach Sommer, die herrschende Seuche wurde in weiten Kreisen der Bevölkerung ignoriert, und der Streik der Lokführer hatte noch nicht begonnen. Ich nahm die Eisenbahn, die sehr pünktlich abfuhr und noch pünktlicher in Berlin ankam. Weil ich am Alexanderplatz etwas zu erledigen hatte, stieg ich dort in einem Hotel ab, von wo ich die Antenne des Fernsehturms sehen konnte. Die Fernsehturmantenne ist das Kirchturmkreuz des Gottlosen. So war ich mir halbwegs sicher, immer wieder zurückzufinden und nicht aufgrund meines chronisch gestörten Orientierungssinns in der Spree oder in der Depression zu landen.

Ich bin übrigens nicht wegen des Degerlocher Fernsehturms all die Zeit in Stuttgart geblieben. In dieser Stadt brauchst du keinen Wegweiser, es geht sowieso immer alles in dieselbe Richtung. Schuld an meiner Spaziergänger-Sesshaftigkeit hat das Mineralwasser, diese weltliche Segnung in öffentlichen Bädern. Wer schon einmal gut aufgeheizt aus der Sauna kam und nach einer – nicht kalten, sondern heißen – Dusche in fast eisiges Mineralwasser eintauchte, wird mich verstehen. Diese Prozedur erinnert an ein Brandeisen, das nach der Misshandlung eines Rindviehs qualmend ins kalte Wasser getaucht wird. Es zischt, es zieht im Schritt, und dann bist du gehärtet für dein Leben als Rindvieh unter deinesgleichen.

Das Einzige, was ich in Stuttgart während der Lockdowns wirklich vermisst habe, ist die Mineralbadsauna, diesen höllischen Vorhof der Weihwassertaufe. Die komplette Zeremonie entspricht einer gottverdammten Auferstehung, und solch eine Wunderheilung kann keine andere Stadt bieten, wovon die meisten in Stuttgart zum Glück nichts wissen.

Der Alex ist nicht nur eine Betonlandschaft mit Bauzäunen, Shoppingkolossen und DDR-Monumenten. Für mich als Touri ist er der Franz-Biberkopf-Gedächtnisplatz, Wallfahrtsort des Verlierers, auch wenn sich seit damals einiges verändert hat. "Rumm rumm haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz", heißt es im fünften Buch von Alfred Döblins Werk "Berlin Alexanderplatz", der Geschichte des ehemaligen Zement- und Transportarbeiters Franz Biberkopf. "Er ist aus dem Gefängnis, wo er wegen älterer Vorfälle saß, entlassen und steht nun wieder in Berlin und will anständig sein." Das funktionierte natürlich nicht. Für die da unten funktioniert ja selbst dann nichts, wenn sie wie jetzt, wahrscheinlich aus Angst vor Laschet, auf dem Alex nach Jesus schreien.

"Taschendiebe von der Polizei gefasst"

Niemand, der Rainer Werner Fassbinders ARD-Serie "Berlin Alexanderplatz" gesehen hat, wird die älteren Vorfälle in unserem Fernsehturmleben je vergessen können. Das war schon was Großes, 1980: Günter Lamprecht als Franz Biberkopf. Nie mehr ist der Lamprecht dieser Rolle entkommen, ganz egal, wen oder was er gespielt hat.

Mir scheint, dass Schicksal und Verbrechen in der Hauptstadt heute nicht mehr gebührend verarbeitet werden. Als ich mir nach meiner Ankunft in Sichtweite der Fernsehturmantenne in einem abgelegenen Kiosk das letzte vorhandene Exemplar der "Berliner Zeitung" sichere, um mich in die harte Realität der Weltstadt einzuloggen, lese ich auf Seite eins des Lokalteils diese erschütternde Nachricht: "Zwei Taschendiebe sind von der Polizei in Neukölln beim Bestehlen einer älteren Frau beobachtet und gefasst worden." Der Vollzug gelang zwei Zivilbullen, nachdem ein Mann in den fremden Einkaufsbeutel gegriffen hatte. Seine Komplizin war ihm hinterhergelaufen. Mitgegangen, mitgefangen. Dieses Berliner Ereignis auf Seite eins deckt sich nicht unbedingt mit meinen Erinnerungen an Franz und Mieze, Biberkopfs verkaufte Liebe. Womöglich haben sich die Zeiten geändert.

Dass unsereiner gelegentlich nichts anderes zu tun hat als nichts, war aber nicht der Grund, dieses Kapitel Berliner Kriminalgeschichte hier zu erwähnen. Vielmehr gefiel mir die  Formulierung "beim Bestehlen", sie erscheint mir typisch für den heutigen medialen Umgang mit der Sprache. Kaum jemand käme noch auf die Idee, gegen die Langeweile eine Zeitung zu klauen.

Was passiert, wenn es nicht um legitimen Mund-, sondern um schweren Hirnraub geht, lehrt uns unterdessen der Kleine Schlossplatz zu Stuttgart, Wallfahrtsort sehnsüchtiger Heranwachsender, die nach Einschätzung der Staatsgewalt immer mit einem Fuß in der Franz-Biberkopf-Zelle stehen. "Rumm rumm haut die Dumpfbackenramme auf dem Kleinen Schlossplatz", wird es dereinst in einem Buch heißen, das nicht vom armen Biberkopf, sondern von einem armseligen Biederkopf handelt. Von jenem, der neulich zur Bespaßung des Kleinen Schlossplatzes den Beinamen "'s Genußplätze" erfunden und seinen Geniestreich auf dem Plakat zum Event mit falscher ß-Schreibweise verewigt hat, kurz vor der Bundestagswahl nach dem Motto: Der Ruß steht vor der Tür.

Marketingleuchten

Auf dem Kleinen Schlossplatz hinter dem Kunstmuseum wird zurzeit mit ein paar Gastro-Ständen und etwas Tralala das Volk belustigt – weshalb dem Rathäusle-Boß sogleich ein virtuoses Wortspiel entfuhr: "Auf dem Kleinen Schlossplatz geschieht Großes." Darauf musst du kommen. Vielleicht aber hat sich diese Schülerzeitungspointe auch beim Bestehlen einer Marketingleuchte ergeben. Jede Gemeinde, lernen wir, hat heute den Laschet, den sie verdient. Man nennt das inzwischen die Backnanger Schule. Ist es schon typisch Stuttgart, einen der wenigen zentralen Begegnungsorte der Stadt mit dem schwäbischen Diminutiv zu versaubeuteln, zeigt uns die ß-Schreibweise, worum es geht: Der Genuß auf dem Plätzle wird erregend sein wie ein Zungenkuß beim schwäbischen Orgasmus auf dem falschen Fuss.

Diese Zeilen schreibe ich im zehnten Stock eines Hotels, von wo aus ich das Hochhaus mit dem Logo der Mercedes-Benz-Bank sehen kann. Unten in der Nachbarschaft komme ich täglich an einem vielstöckigen Gebäude mit dem filmkulissenreifen Charme eines belebten Geisterhauses vorbei. Die großartige Leuchtschrift auf dem Dach verbreitet nicht nur nächtens mehr Hoffnung als jeder Fernsehturm: "Allesandersplatz". So heißt jetzt das ehemalige Haus der Statistik in Berlin-Mitte, das lange leer stand und dank einer Bürgerinitiative in ein Wohn- und Kulturprojekt umgewandelt wird. Es erinnert ein wenig an das Statistische Landesamt am Stuttgarter Erwin-Schoettle-Platz, das in absehbarer Zeit umziehen und leere Gebäude hinterlassen wird. Auch in Stuttgart engagiert sich eine Initiative für ein humanes städtisches Wohnquartier mit kulturellen und sozialen Einrichtungen. Es soll nicht wie jede andere freie Fläche in der Stadt zum Genussplätzle für Immobilienhaie und andere Menschenbestehler werden.

Gleich werde ich wieder zum Alexanderplatz gehen, um an einem Gleis der Elektrischen mit Franz Biberkopf auf den Untergang der Welt zu warten. Falls ich nach dem Lokführerstreik doch wieder nach Stuttgart zurückkomme, werde ich rumm rumm wie eine Dampframme aufs Wasser hauen. Mein Mineralbad ist Stuttgarts einziger und letzter Allesandersplatz. Fast sicher vor denen, die auch noch auf dem kleinsten Örtchen Großes verrichten.


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