KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

ICF Karlsruhe

Keine Zweifel, viele Fragen

ICF Karlsruhe: Keine Zweifel, viele Fragen
|

Datum:

Nach Monaten der Debatte soll die Freikirche ICF Karlsruhe erneut als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden. Die Stadt sieht die Voraussetzungen erfüllt, Stadträt:innen bleiben skeptisch.

Die Stadt Karlsruhe hat keine Zweifel. Die evangelikale Freikirche International Christian Fellowship (ICF) biete die Gewähr für eine "den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit", lautet das Ergebnis ihrer Prüfung. Am heutigen Mittwoch, 7. Oktober soll der Jugendhilfeausschuss deshalb die Freikirche als Träger der freien Jugendhilfe anerkennen, lautet der Beschlussvorschlag der Verwaltung.

ICF wurde in den 1990ern in der Schweiz gegründet, hat auch in Deutschland inzwischen mehrere Standorte, darunter auch in Karlsruhe. Sie agiert missionarisch und bezieht sich bei Themen wie Sexualität auf die Bibel: Ehe zwischen Mann und Frau sei der "vorgesehene Rahmen für gelebte Intimität", Homosexualität dagegen werde "nicht als Teil des biblischen Ideals verstanden", heißt es auf der Webseite von ICF München. In Karlsruhe bietet sie unter dem Bereich "Hilfe und Beratung" auch Sozo an: Gebetsseelsorge. Die Rede ist von "innerer Heilung", "Befreiung" und "Wiederherstellung deiner Identität", "Wiederherstellung der Kommunikation mit Gott".

Würde die Freikirche als Träger der Jugendhilfe anerkannt, könnte sie nicht nur bei hoheitlichen Aufgaben wie der Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen unterstützen, sondern auch dauerhaft öffentliche Förderung beantragen – also Steuergeld kassieren. Bereits im Juni sollte der Karlsruher Jugendhilfeausschuss über die Anerkennung des ICF als Träger der freien Jugendhilfe entscheiden. Nachdem Teile des Gemeinderats und das Recherchekollektiv FundiWatch, das auf christlichen Fundamentalismus spezialisiert ist, in einem offenen Brief davor warnten, wurde die Entscheidung vertagt.

Klärungsgespräch hinter verschlossenen Türen

Am 20. Juli trafen sich dann die Sozialbürgermeisterin Yvette Melchien (SPD) und Mitglieder des Ausschusses mit Vertreter:innen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und des ICF – hinter verschlossenen Türen. Thema waren unter anderem Mission und Jugendarbeit, queere und trans Jugendliche, Sozo, Schutzkonzepte und die Grundgesetzkonformität. Was das ICF dazu konkret sagte, lässt sich kaum nachvollziehen. Ein Protokoll gibt es nicht, ebenso wenig Gesprächsvermerke oder schriftliche Antworten. Die Verwaltung versichert allerdings, alles für die Anerkennung Relevante sei in die neue Beschlussvorlage eingeflossen. FundiWatch kritisiert diese Form des nichtöffentlichen Austauschs und hat das Regierungspräsidium eingeschaltet. Nach Angaben des Kollektivs hat die Aufsichtsbehörde die Stadt um Stellungnahme gebeten.

Im August bat das Recherchekollektiv mit einem umfangreichen Fragebogen die Stadt darzulegen, inwiefern die Voraussetzungen für die Anerkennung als freier Träger geprüft wurden. Herangezogen worden seien "mit dem Antrag eingereichten Unterlagen und Erläuterungen auf der Internetseite" antwortete die Stadt. Vor allem zeigt die Antwort, was die Stadt nicht geprüft hat: Konzepte zum Umgang mit queeren Kindern und Jugendlichen etwa. Derartige Unterlagen seien zur Prüfung nämlich keine Voraussetzung, schreibt die Verwaltung in ihrer Antwort – auf diesen Satz bezieht sich die Stadt in ihren Antworten mehrmals.

Darauf kommt es nämlich rechtlich an: Nach Paragraf 75 des Achten Sozialgesetzbuches kann als freier Träger anerkannt werden, wer seit drei Jahren auf dem Gebiet der Jugendhilfe tätig ist, fachlich und personell dazu in der Lage ist und "eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit" gewährleistet. Unter letzteres falle eben auch der Umgang mit schwulen, lesbischen, nicht binären und trans Jugendlichen, erklärt die Stadtverwaltung in ihrer Antwort. Und nach dem nicht-öffentlichen Gespräch, der Auswertung der Unterlagen und der Internetseite kommt sie eben zum Schluss: "Die Prüfung ergab keine Zweifel an der Erfüllung der Aufgaben der Jugendhilfe im Sinne eines umfassenden Erziehungsauftrages und damit zur Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit."

Bei ICF liegen religiöse Verkündigung und Kinder- und Jugendarbeit allerdings sichtbar nah beieinander. In der Vereinssatzung werden Kinder-, Jugend- und Sportveranstaltungen gemeinsam mit Gottesdiensten und missionarischen Veranstaltungen als Mittel zur "Verbreitung und Förderung der biblischen Botschaft" genannt. Bei ICF Kids sollen Kinder nach eigener Darstellung "Jesus Christus als ihren besten Freund kennenlernen", sie beten, hören Bibelgeschichten und sprechen über Glaubensfragen. Die Stadt sieht die konfessionelle und die Jugendarbeit derweil als ausreichend getrennt an und stützt sich dabei auf den Antrag und die Angaben des ICF selbst.

Offenerer Auftritt im Netz 

Auf seiner Website gibt sich ICF Karlsruhe inzwischen weltoffen. Man respektiere unterschiedliche "Lebensentwürfe und Überzeugungen" und achte die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Religiösem Fundamentalismus und "unreflektiertem Biblizismus" wolle man entgegenwirken. Willkommen seien alle Menschen, ausdrücklich auch unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung; von Diskriminierung distanziere man sich. Was diese Aussagen für die konkrete Jugendarbeit bedeuten, wollte Kontext von ICF wissen. Eine Antwort kam erneut nicht.

FundiWatch zufolge wurden zentrale Passagen dieser Selbstdarstellung erst während des laufenden Anerkennungsverfahrens verändert. Das Recherchekollektiv habe frühere Versionen der Website gesichert und verglichen – dabei sei unter anderem eine Erklärung zur Bindung an das Leitbild von ICF Zürich verschwunden, später auch ein zuvor veröffentlichter Ehrenkodex für Mitarbeitende nicht mehr auffindbar gewesen.

Nun muss der Jugendhilfeausschuss, in dem neben Stadträt:innen auch sachkundige Vertreter:innen aus Jugendverbänden und Wohlfahrtspflege mitstimmen, eine Entscheidung treffen. Die SPD-Fraktion sagt gegenüber Kontext, ICF habe ihr inzwischen zusätzliche Unterlagen und ein eigenes Selbstverständnis vorgelegt. Darin bekenne sich der Verein zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und gegen Diskriminierung. Der Fraktion reicht das noch nicht: Entscheidend sei, "wie die Kinder- und Jugendarbeit tatsächlich ausgestaltet ist" und ob "Freiwilligkeit, Vielfalt und Kinderschutz verbindlich gewährleistet werden".

Die CDU richtet den Maßstab – wie die Stadtverwaltung – am Rechtsrahmen aus. "Die Frage ist, ob das ICF Karlsruhe die gesetzlichen Vorgaben erfüllt", sagt Fraktionschef Detlef Hofmann. Erfülle sie diese, sei eine Anerkennung grundsätzlich auch einklagbar. Zudem verweist die CDU auf Rückmeldungen anderer Träger, die von einer "guten Zusammenarbeit" und "qualitativ hochwertigen Jugendarbeit" der Freikirche berichteten.

Nur das Datum hat sich geändert

Die SPD sieht zwar die formalen Voraussetzungen ebenfalls als gegeben an, will es dabei aber nicht belassen. Sie erhofft sich bei der Sitzung noch Antworten auf Fragen zur Trennung von Jugendarbeit und Verkündigung, zum Schutz von LGBTIQ+-Jugendlichen sowie zu Kinderschutz und unabhängigen Beschwerdemöglichkeiten.

Für Grüne und Karlsruher Liste (KAL) hat der persönliche Austausch mit ICF die Zweifel nicht ausgeräumt. Bei den Grünen blieben insbesondere Fragen zum Umgang mit queeren Jugendlichen "offen" beziehungsweise seien "nicht überzeugend beantwortet" worden. Die KAL schreibt, der Austausch habe die bestehenden "Unklarheiten und 'Störgefühle'" nicht beseitigt. Das mit einer Anerkennung verbundene Vertrauen könne sie ICF derzeit nicht aussprechen.

Volt formuliert ähnlich, lässt die Entscheidung aber noch offen. "In der derzeitigen Form" könne man einer Anerkennung nicht zustimmen. Es brauche "belastbare Antworten" dazu, ob Minderjährige bei Sozo landen könnten, wie Schutz- und Beschwerdewege funktionieren und wie Jugendarbeit und Mission voneinander getrennt werden.

Für die Linke dagegen ist diese Klärungsphase beendet. Ihre Einschätzung habe sich "nicht verändert"; es gebe "keine Fragen mehr", deren Beantwortung noch Einfluss auf ihre Entscheidung haben könnte. Sie hält vor allem die Verbindung von missionarischem Vereinszweck, Sexualethik und Sozo für problematisch.

Drei Monate Debatte, ein nichtöffentliches Gespräch und zahlreiche neue Fragen später hat sich an der Beschlussvorlage schließlich nur das Datum der Sitzung geändert.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:





Ausgabe 809 / Um den Verstand genormt / Armin / vor 4 Tagen 16 Stunden
Klasse Artikel!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!