Die Fronackerstraße am Rande der Altstadt ist ein lebendiger Teil der Waiblinger Innenstadt. Es gibt Ärzte und Anwälte, Geschäfte und Gastronomie, aber auch Durchgangsverkehr. Die Stadt will den Ort mithilfe der Wirtschaftsförderung weiterentwickeln. Aber die Bürger:innen sollen entscheiden. Um sie zusammenzubringen, fand bereits im Juli 2025 eine Fronackerfete statt. Doch wie geht es dann weiter, wie gelangt man von Ideen zu Umsetzungen, bei denen sich alle eingebunden fühlen? Als Thomas Vuk, bei der Stadt zuständig für Kultur und Sport, vom Konzept "Neue Auftraggeber" hörte, war er sich sicher: Die Fronackerstraße ist dafür der perfekte Ort.
Kunst nicht für Privatwohnungen Wohlhabender, sondern für die Gemeinschaft, Kunst im Bürger:innenauftrag, die für alle da ist: Das sind die Kerngedanken des Modells Neue Auftraggeber, das bereits Anfang der 1990er-Jahre in Frankreich entstand. Ausgangspunkt war das "Protokoll der Neuen Auftraggeber" (Le protocol des Nouveaux Commanditaires), das der belgische Künstler François Hers 1990 verfasste. Sein Ansatz: Eine demokratische Kultur müsse anstatt institutioneller Vorgaben den Bürgerwillen zum Ausgangspunkt haben. Dafür müsse die ganze Logik von Kulturproduktion und -förderung erweitert und vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Mediator:innen, die den Bürger:innen helfen, ihre Ideen zu formulieren und die sich dann auf die Suche nach geeigneten Künstler:innen begeben.
Das brandenburgische Pritzwalk als Blaupause
Mittlerweile gibt es über 500 Projekte in 15 Ländern, die dem Modell folgen, seit ungefähr 15 Jahren verbreitet sich die Idee auch in Deutschland und nun auch in der Region Stuttgart. Den ersten Auftrag erteilte im November 2025 das Stuttgarter Clubkollektiv, den zweiten im vergangenen Mai Waiblingen. Im Künstlerhaus Stuttgart laufen dabei die Fäden zusammen.
Das kam so: Romy Range, 2016 bis 2025 Geschäftsführerin des Künstlerhauses, war zuvor als Projektleiterin in Brandenburg an einem spektakulären Projekt beteiligt. In der 12.000-Einwohner-Stadt Pritzwalk pendelten die Menschen zur Arbeit und erledigten ihre Einkäufe in Supermärkten auf der grünen Wiese. Die Innenstadt verödete. Das Künstlerduo Clegg & Guttmann rief die Bewohner:innen auf, Vorschläge für künstlerische Aktivitäten in sieben leerstehenden Ladengeschäften zu unterbreiten. Es dauerte drei Jahre, bis die Skepsis überwunden war und zahlreiche Projektvorschläge eintrafen. Die sieben Läden füllten sich mit Kulturveranstaltungen von Rap-Workshops bis zur Kinder- und Jugendbibliothek. Im Sommer 2014 war die Innenstadt wieder zu einem lebendigen Ort geworden und Pritzwalk hatte zu einer neuen Identität gefunden.




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