Außenwirkung: weltoffen und modern. Fotos: Jens Volle

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Ausgabe 408
Gesellschaft

Krach im Gospel-Forum

Von Gesa von Leesen
Datum: 23.01.2019
Bei der entscheidenden Wahl tauchten unbekannte Gesichter auf: 119 neue Vereinsmitglieder sicherten dem umstrittenen Gospel-Forum-Vorstand Peter Wenz die Wiederwahl. In den Gottesdiensten herrscht Harmonie. Doch hinter den Kulissen brodelt es.

In einer der größten Freikirchen-Gemeinden der Republik, dem Gospel Forum Stuttgart, geht es derzeit eher unchristlich zu. Dreh- und Angelpunkt ist deren Chef Peter Wenz, der nach Ansicht einiger Gemeindemitglieder allzu selbstherrlich agiert.

Das Gospel Forum Stuttgart hat seinen Sitz im Gewerbegebiet Feuerbach-Ost. In dem 2001 eröffneten Großgebäude mit Gottesdienstsaal, blauer Kapelle, riesigem Foyer, Besprechungsräumen, Sporthalle, Tiefgarage und Büros finden jeden Sonntag zwei Gottesdienste statt. Es gibt Gruppen für Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, einen Sportverein, eine Abendschule, einen Hort, eine Kita, eine Schule, Missionsdienst, Kurse für Lobpreis und Anbetung, für Gebet, für Ehepaare – jede Lebenslage ist versorgt. Sonntags strömen um 9 und 11 Uhr die Gläubigen, so auch beim 11-Uhr-Gottesdienst Anfang Januar. Etwa 1500 Kinder, Jugendliche, Erwachsene lauschten anderthalb Stunden lang der Liveband auf der Bühne. Es wird viel gesungen, die Liedtexte sind gut lesbar auf der Leinwand zu sehen, die Melodien poppig-schlicht. Predigt und diverse Segnungen werden simultan in bis zu 18 Sprachen übersetzt. Erstbesucher erhalten eine Willkommensmappe mit Getränkegutschein und Infomaterial, zum Abendmahl verteilt die Helfertruppe kleine Plastikdöschen mit Oblate und rotem Fruchtsaft. Alles ist perfekt organisiert und wenn von der Liebe Jesus' und dem heiligen Geist die Rede ist, werden verzückt Hände in die Höhe gereckt. Harmonie allerorten.

Kritik unerwünscht

Nur hinter den Kulissen nicht. Das Gospel Forum ist über einen Trägerverein organisiert. Hier wird unter anderem der fünfköpfige Vorstand gewählt. Und in dem brodelte es offenbar schon seit längerem. Vier Vorstände, also alle außer Peter Wenz, gaben im Spätsommer eine Stellungnahme ab, in der sie Peter Wenz vorwerfen, den Vorstand nicht anzuhören, sich selbst als "der Gesalbte des Herrn" zu bezeichnen, schon die kleinste Form von Kritik ziehe negative Konsequenzen für den Kritiker nach sich, von "Angstkultur" ist die Rede.

Auf Gottes Pfad: Mitglieder des Gospel-Forums.

Die Vorstände traten zurück (und einer starb), so dass nur noch Wenz übrig blieb. Der sah sich nun noch einem Minderheitenbegehren ausgesetzt: 88 Mitglieder wollten erreichen, dass alle Vorstände ein halbes Jahr pausierten, um sich zu besinnen. Stattdessen gab es am 13. Dezember eine Mitgliederversammlung, auf der laut Berichten von Teilnehmern plötzlich 119 neue Vereinsmitglieder auftauchten. Die Oppositionellen (rund 90) verließen unter Protest den Saal, die verbleibenden stimmten allesamt für Peter Wenz und die von ihm vorgeschlagenen neuen Vorstandsmitglieder.

Die Idee, vor wichtigen Wahlen neue Mitglieder aufzunehmen, ist nun keine Erfindung des Gospel Forums. Ähnliche Berichte gibt es immer mal wieder aus Parteien. Jüngst gab es Ärger bei der CDU in Köln, weil dort in mehreren Ortsvereinen zu entscheidenden Sitzungen plötzlich neue Gesichter auftauchten. In einer Kirche, die sehr stark auf die Anwesenheit des Heiligen Geists rekurriert, kommen derartige Manöver allerdings besonders schlecht an.

Das Gospel-Forum

Das Gospel Forum Stuttgart zählt zu den evangelikalen Gemeinden und da zur charismatischen Richtung. Es gilt als zurzeit einzige Megakirche in Deutschland. Peter Wenz ist Mitglied im Hauptvorstand der Evangelischen Allianz Deutschland, einem Netzwerk evangelikaler Bewegungen. Das Gospel Forum Stuttgart geht auf die Missionarin Paula Gassner zurück, die nach Vorläufern vor dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren in Stuttgart die Biblische Glaubens Gemeinde (BBG) gründete und bis zu ihrem Tod 1981 leitete. Als Peter Wenz dort 1984 mit 26 Jahren Pastor wurde, umfasste die Gemeinde noch 100 Mitglieder. Heute sind es nach eigenen Angaben etwa 3700. (gvl)

Die denkwürdige Versammlung am 13.12. veranlasste einen der Oppositionellen zu einer Stellungnahme. Demnach habe ein Anwalt eingeräumt, dass es "eine gewisse rechtliche Unsicherheit bezüglich der Frage der Neuaufnahmen" gebe. Geklärt werden könne das aber nur vor Gericht und das könne Jahre dauern. Da drauf hat offenbar niemand Lust. Zurück ins Gospel Forum zu Peter Wenz gehe man allerdings nicht, heißt es weiter. "Wir vertrauen uns Jesus an, nicht Menschen, wir gehen unter das sanfte und leichte Joch von Jesus. Wir gehen nicht wieder zurück unter das Joch von Menschen (Mt 11, 25-30; Gal 3,1)". Zudem wird aufgerufen, für das Kommende zu beten, denn "Gott will Neues schaffen". Soll eine neue Gemeinde gegründet werden? Das könnte sein, denn der Verfasser hat einen praktischen Vorschlag zum Thema Finanzen: Im Gospel Forum werde ja erwartet, dass die Gläubigen "den Zehnten" geben. Wer aber derzeit dem Gospel Forum nicht spenden möchte, der könne den Zehnten doch auf ein Extra-Konto überweisen, "um ihn dann zu seiner Zeit für den Herrn an geeigneter Stelle freizugeben". Er selbst verfahre nun so.

Ob der Verfasser Nachahmer gefunden hat, ist unklar. Auf Anfrage erklärt die Pressesprecherin des Gospel Forums, man habe bislang keine Auswirkungen bezüglich der Spenden beobachtet. Auswirkungen auf die Mitgliedschaft hat der Streit offenbar schon. Seit Dezember seien "von den 288 e.V.-Mitgliedern bisher 16 Personen ausgetreten, von den geistlichen Mitgliedern 194 Personen", teilt die Pressesprecherin auf Anfrage mit.

Gott hievte ihn in Ämter

Nach der gewonnen Vorstandswahl wandte sich Peter Wenz mit einem "Persönlichen Wort" an seine "lieben Geschwister". Die vielen Rundmails hätten ihn und seine Familie belastet. Was so alles abgegangen sein muss, schildert er auch: Es sei schwer, "wenn man gesagt bekommt, man sei wie Hitler, ein Diktator, man würde das Recht brechen, lügen, nicht kritikfähig sein, wir würden als Familie von goldenen Tellern essen, Wahlen manipulieren, unbelehrbare und schreckliche Leiter sein und uns für die Gemeinde gar nicht interessieren". Aber das stimme alles gar nicht: "Wir lieben unsere Gemeinde und die vielen Menschen, die Gott uns anvertraut hat. Wir wollen sie weder beherrschen noch in Angst und Schrecken versetzen. Im Gegenteil! Wir wollen, was Gott will! WWWGW."

Übrigens hätte er sich vor einiger Zeit schon dazu entschlossen, als erster Vorsitzender zurückzutreten, aber "unzählige Menschen" hätten ihn zurückgehalten, schreibt Wenz. Er hänge "weder an irgendwelchen Posten noch an Macht, noch habe ich mich selbst je in irgendwelche Ämter gehievt. Das hat immer Gott getan". Bei Menschen, die er verletzt habe, entschuldige er sich. Letztendlich gehe es doch um etwas Anderes: "Unser Kampf ist nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen einen ganz anderen Feind. Ihr wisst, wen ich meine!" Wer nun überlegt, wer das sein könnte: wahrscheinlich der Teufel. Den man aber nicht beim Namen nennt ...

Die leitenden Pastoren fischen nach Mitgliedern.

Derartiges würde auch Matthias Ruf nie einfallen. Der Bankfachwirt ist kürzlich mit Gattin und vier Kindern aus dem Gospel Forum ausgetreten. Schon seit zehn Jahren sei man nur noch sporadisch im Gottesdienst in Feuerbach gewesen, "ansonsten haben wir uns auf Gemeindearbeit hier vor Ort konzentriert". Flüchtlingshilfe, Kinderfeste, Spenden für Missionsprojekte: "Das können wir auch ohne Gospel Forum, sogar besser. Weil wir dann freier arbeiten können", erklärt der 50-Jährige. Er hat schon lange einen Blog, schreibt darin über Gott und die Welt. Und seit einiger Zeit auch über das Gospel Forum. Ruf stellt alle Gemeindebriefe und Stellungnahmen zum Streit ein. "Damit bin ich natürlich ein Verräter. Die Öffentlichkeit soll ja nichts erfahren." Er lächelt zufrieden. Ruf findet, im Gospel Forum geht es zu hierarchisch zu und alle Fäden liefen bei Peter Wenz zusammen. Den wiederum hält Ruf - gelinde ausgedrückt - nicht für den richtigen Mann, um das echte Evangelium vorzuleben und weiterzutragen. "Ich kenne so viele Leute, die dort richtiggehend gemobbt wurden, weil sie es wagten, Peter Wenz zu widersprechen." Übel sei das. "Zu viel Stolz, das geht nicht gut", konstatiert Rufs Gattin knapp.

An Peter Wenz' Überzeugung, auf dem rechtgläubigen Weg zu sein, ändert all der Ärger offenbar nichts. Im Gottesdienst Anfang Januar nimmt er indirekt Stellung zum Streit: In der Herrnhuter Brüdergemeinde habe es vor vielen vielen Jahren auch Unstimmigkeiten gegeben. "Und dann hat Gott etwas Übernatürliches durch den heiligen Geist bewirkt. Er kam einfach, so wie wir das heute Morgen spüren. Er hat die Herzen genommen und miteinander verbunden. Und dann ist aus dieser winzig kleinen unscheinbaren Gemeinde die größte Missionsbewegung der ganzen Neuzeit auf dem ganzen Globus entstanden." Was uns das sagen soll? Wenz erklärt: Gott habe zu mehreren Menschen unabhängig voneinander gesprochen und demnach hat er einen Plan. Er werde mit der Gemeinde etwas "wirken, was die Enden der Erde in gewaltiger Weise berühren wird". Applaus. Bevor der Gottesdienst nach 90 Minuten endete, hatte der Pastor noch ein Extra: Er spendete einen Spezialsegen für Unternehmer und leitende Angestellte. "Wir segnen alle Geschäftsleute hier, Unternehmer und Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft. Wir segnen euch mit Gottes übernatürlichem Wissen ... Auch die Vollmacht, Reichtum zu erwerben, Wohlstand hervorzubringen, wie es in der heiligen Schrift heißt." Jubel, Musik, Ende.


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