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Themenreihe "kurz und rechts"

Rechtsextreme werden jünger

Themenreihe "kurz und rechts": Rechtsextreme werden jünger
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Landesweit ist der Rechtsextremismus im Aufschwung, das belegt die Antwort der baden-württembergischen Landesregierung auf eine SPD-Anfrage. Während das Dokument eine Verjüngung der Szene aufzeigt, waren im August auch alte Nazis unterwegs: auf einer Gedenkveranstaltung für Rudolf Heß.

Unter dem Titel "Was unternimmt die Landesregierung gegen Rechtsextremismus?" stellte die Landtagsfraktion der SPD am 8. Juli eine Große Anfrage an die baden-württembergische Landesregierung. Anlass waren die im Juni 2026 in Berlin von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes Holger Münch vorgestellten bundesweiten Fallzahlen zu politisch motivierter Kriminalität (PMK) im Berichtsjahr 2025, die mit fast 86.000 registrierten Straftaten einen neuen Höchststand in der Geschichte der Bundesrepublik dokumentierten – wobei die mit Abstand meisten registerierten Straftaten (49,6 Prozent) die Delikte von rechts ("PMK -rechts-") bildeten. Demnach wurde "einmal mehr deutlich, welch große Gefahr vom Rechtsextremismus ausgeht", so die SPD-Landtagsfraktion. Entgegen dem Titel geht es in den 21 Unterfragen der SPD-Anfrage relativ wenig um Gegenmaßnahmen des Landes, sondern zum großen Teil um eine Dokumentation der Erscheinungs- und Organisationsformen des Rechtsextremismus im Land.

Seit dem 26. August liegt nun die 29 Seiten umfassende Antwort vor. In ihrer Stellungnahme konstatiert die Landesregierung, dass sich der Rechtsextremismus im Südwesten "im Aufschwung" befinde und immer jünger werde. Registriert wurden Neugründungen rechtsextremer Jugendgruppierungen im Land – wie dem im Juni 2024 entstandenen Stützpunkt "Baden-Württemberg" der "Nationalrevolutionären Jugend" (NRJ), der Jugendorganisation der neonazistischen Kleinstpartei "Der III. Weg". Aktiv seien weiterhin "klassische" rechtsextreme Gruppierungen wie die "Jungen Nationalisten" (JN), die offizielle Jugendgruppe der Partei "Die Heimat" (vormals NPD), oder die Regionalgruppe "Identitäre Bewegung Schwaben" (IB Schwaben). Daneben existieren regional orientierte, eher lose rechtsextreme Jugendgruppen, die als aktuelle Erscheinungsform der früher existierenden Kameradschaften betrachtet werden können. Erwähnt wird, dass durch Social Media und das Internet Gleichgesinnte noch schneller miteinander in Kontakt kommen können.

Grafik: Susanne Wais

Die Themenreihe "kurz und rechts" des Rechtsextremismus-Experten Anton Maegerle beleuchtet seit Ausgabe 793 alle zwei Wochen rechtsextreme Entwicklungen in Baden-Württemberg – und manchmal auch darüber hinaus.  (red)

Der im Juni 2026 gegründete baden-württembergische Landesverband der AfD-Nachwuchstruppe "Generation Deutschland" (GD BW) wird vom Inlandsgeheimdienst im gleichen Status wie die Mutterpartei als rechtsextremer Verdachtsfall bearbeitet. Eine Vernetzung zwischen GD und IB finde trotz der Tatsache statt, dass die IB auf der "Unvereinbarkeitsliste" der AfD zu finden sei. So nahmen mehrere Personen mit Bezügen zur IB am GD-Gründungskongress in Baden-Württemberg teil.

Als besonders beunruhigend wertet die Landesregierung eine "zunehmende Attraktivität" des Rechtsextremismus für junge Menschen. Demnach wuchs der Anteil der unter 30-Jährigen an der Gesamtzahl aller Rechtsextremisten von 2023 bis 2025 um fünf Prozentpunkte an. Etwa vierhundert Personen in der rechtsextremen Szene seien zwischen 14 und 24 Jahren alt, etwa vierzig davon minderjährig. Dem Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) liegen insbesondere Erkenntnisse über ein "signifikantes Personenpotenzial" aus der Ukraine stammender rechtsextremer Jugendlicher vor. Dieser Personenkreis weise häufig eine überregionale Vernetzung auf und bilde zum Teil gruppenartige Strukturen aus, die zu ihm gehörenden Jugendlichen seien "enorm gewalttätig", fallen durch klassische neonazistische Parolen sowie eine extrem ausgeprägte Homophobie auf. Dabei sei eine Vernetzung in die einheimische rechtsextreme Szene sowie zu Rechtsextremisten anderer migrantischer Gruppen erkennbar.

Laut der Landesregierung gehören Straf- und Gewalttaten zum "potenziellen Aktionsrepertoire" junger Rechtsextremisten. Die Gewaltausübung könne sich gegen die in der Szene vorherrschenden Feindbilder wie Menschen mit Migrationshintergrund und queere Personen richten. Auf ein generelles Gewaltpotenzial weisen unter anderem die unter rechtsextremen Jugendgruppierungen weitverbreiteten Kampfsporttrainings hin.

Für das Jahr 2025 sind den Behörden sieben aktive rechtsextreme Musikbands bekannt, die in Baden-Württemberg ansässig sind: Aufbruch Mannheim (Raum Mannheim), Hard&Smart (Hohenlohekreis), Kommando Skin (Großraum Stuttgart), Naked but Armed (Großraum Stuttgart), Scharmützel (Hohenlohekreis), Smart Violence (Raum Ravensburg) und Noie Werte (Rems-Murr-Kreis/Reutlingen). Die Lieder "Kraft für Deutschland" und "Am Puls der Zeit" der letzteren Band waren auf einem Bekennervideo der Rechtsterroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) zu hören.

Rechtsextremen Konzerten ordnet der Inlandsgeheimdienst für die Teilnehmenden aufgrund des Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühls eine "besondere Bedeutung" zu. Namentlich wird der rechtsextreme Liedermacher Frank Rennicke erwähnt. Das einstige Mitglied der neonazistischen "Wiking Jugend" (Gau Schwaben) spielte im November 2025 bei einem durch die neonazistische Partei Die Heimat (zuvor NPD) beworbenen Liederabend in Herrenberg (Landkreis Böblingen) auf.

Nach Mitteilung der Waffenbehörden waren zum Stichtag 31. Dezember 2025 119 Personen, die dem Phänomenbereich Rechtsextremismus, und 46 Personen, die den Reichsbürgern und Selbstverwaltern zugerechnet werden, im Besitz einer waffenrechtlichen Erlaubnis. Davon verfügen wiederum 84 Personen ausschließlich über einen Kleinen Waffenschein, der zum Führen von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen berechtigt.

Auf die Frage, wie sich das Gesamtstraftatenaufkommen im Phänomenbereich Rechtsextremismus ("PMK -rechts-") in Baden-Württemberg in den letzten Jahren entwickelt habe, nannte die Landesregierung 2.706 Straftaten im Jahr 2025 (2021: 1.524). Der Schwerpunkt liege dabei im Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen mit 1.523 Fällen (2021: 862). Bei den Fallzahlen der politisch motivierten Gewaltkriminalität von rechts wird im Vergleich mit dem Vorjahr ein signifikanter Anstieg um 48 Straftaten auf 104 Fälle (gefährliche Körperverletzung 22, Körperverletzung 69) verzeichnet. Bei diesen dominieren ausländerfeindliche beziehungsweise rassistische Motive. Weitere Zuwächse ergeben sich im Themenkomplex der Konfrontation mit politischen Gegnern, insbesondere im Bereich "gegen links".

"Wertvolle Arbeit" bei der Erforschung, Dokumentation und dem Monitoring des rechtsextremen Geschehens und seiner Strukturen leisten laut Landesregierung Einrichtungen wie die Dokumentationsstelle Rechtsextremismus am Generallandesarchiv Karlsruhe (DokRex) und das Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen (IRex). Für beide Einrichtungen stehen strukturelle Landesmittel im Haushalt zur Verfügung, heißt es in der Antwort der Regierung.

Nazis gedenken Hitlers Stellvertreter

Eine der letzten Zusammenkünfte von Personen aus dem Umfeld der NS-Erlebnisgeneration und in der Bundesrepublik geborenen Neonazis fand unter konspirativen Umständen am 15. August im Südwesten statt: ein "Gemeinschaftstreffen" mit "Gedenkveranstaltung" an den Todestag von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, der sich zum 39. Mal jährte. Geladen hatte laut Eigenbericht der "Freundeskreis" der Telegram-Gruppe "Stimme der Wahrheit", der genaue Ort wurde nicht angegeben.

Redner waren laut dem Bericht die einschlägigen Szenegrößen Sylvia Stolz, Christian Worch und Thomas Steiner Wulff. Die wegen Volksverhetzung vorbestrafte ehemalige Rechtsanwältin Stolz war einst persönliche und politische Weggefährtin des Hitler-Verehrers und Holocaust-Leugners Horst Mahler. Worch und Wulff zählen zu den Veteranen der bundesdeutschen Neonazi-Szene, beide sind seit Jahrzehnten aktiv.

Der Autor

Der Journalist Anton Maegerle recherchiert, sammelt und veröffentlicht seit mehr als 40 Jahren Informationen zum Thema Rechtsextremismus. Er ist einer der profundesten Kenner der Szene und hat ein riesiges Archiv. Teile davon hat Maegerle dem Generallandesarchiv Karlsruhe zur Verfügung gestellt. Sie sind Nukleus der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus, die das Land Baden-Württemberg 2020 dort eingerichtet hat.  (red)

Rudolf Heß, Reichsminister und SS-Obergruppenführer, Nationalsozialist mit Parteinummer 16, war im Mai 1941 mit einem Flugzeug nach Großbritannien geflogen – angeblich, um über einen Friedensschluss zu verhandeln. Vor allem aufgrund dieses Flugs ranken sich um Heß Mythen und Verschwörungstheorien. Das NS-Regime selbst schmähte Heß wegen der Aktion als geistig zerrüttet, Hitler sprach von einem "beispiellosen Vertrauensbruch". In Neonazi-Kreisen wird der NS-Täter dennoch bis heute als Märtyrer verherrlicht, der von dunklen Mächten im Gefängnis ermordet worden sei. Gesichert ist, dass Heß sich am 17. August 1987 im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau das Leben nahm. Neonazi-Kreise um Worch und Wulff initiierten nach seinem Tod in den Folgejahren Gedenkmärsche. Heß war auch für die späteren Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ein verehrtes Vorbild.

Als Ehrengast der jüngsten Zusammenkunft von Ewiggestrigen im August war der 1942 geborene Abdallah Melaouhi zugegen. Der gebürtige Tunesier, von 1982 an letzter Krankenpfleger von Heß in Spandau, trug maßgeblich mit seinem 2008 erschienenen Buch "Ich sah seinen Mördern in die Augen – Die letzten Jahre und der Tod von Rudolf Heß" zu dessen Legendenbildung bei. Melaouhi gilt in rechtsextremen Kreisen als Kronzeuge für die vermeintliche Ermordung.

Weitere Gäste bei dem "Gemeinschaftstreffen" waren unter anderem Magdlen Schrader, Kevin Käther, Henrik Ostendorf und Lennart Schwarzbach.

Schrader, geboren 1943, war die Ehefrau des 1914 geborenen und 2002 verstorbenen Georg Schrader, ein ehemaliges SS-Mitglied. Engen Kontakt unterhielt das Ehepaar aus dem südbadischen Steinen nahe bei Lörrach zu dem Rechtsterroristen Manfred Roeder. Gern gesehen waren die Schraders bei Tagungen des NS-apologetischen "Kulturwerkes Österreich". Im Hause Schrader weilte zeitweilig die 1905 geborene Schriftstellerin Savitri Devi, Begründerin des Esoterischen Hitlerismus, in dem Adolf Hitler als gottgleiches Wesen verehrt wird. Käther, der an den "offiziellen Darstellungen" über den Holocaust "zweifelt", war ein langjähriger Freund des notorischen Antisemiten Horst Mahler. Ostendorf ist der Herausgeber der Waffen-SS-treuen Zeitschrift "Ein Fähnlein". Schwarzbach amtiert als Bundesvorsitzender der im März 2024 bei der Bundeswahlleiterin neu eingetragenen Rumpf-NPD – die 1964 gegründete NPD wurde zuvor im Juni 2023 in "Die Heimat" umbenannt.

Zum Abschluss des rechtsextremen Stelldicheins wurde das "Lied der Deutschen" gesungen, "selbstverständlich in allen 3 Strophen", so der Erlebnisbericht auf Telegram.

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