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Die einfache Antwort

Marx hatte recht

Die einfache Antwort: Marx hatte recht
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Finanzkrise, Erderhitzung, Konkurrenz durch KI: In Krisenzeiten tun viele Medien so, als würden sie sich mit marxistischen Ideen auseinandersetzen. Wie wenig das mit Marx real existierenden Schriften zu tun hat, ärgert den Stuttgarter Sozialwissenschaftler Peter Schadt.

Vielleicht ist es gut für die Totenruhe, dass Verstorbene nicht widersprechen können. Andernfalls wären manche Menschen nach ihrem Ableben nur noch mit Richtigstellungen beschäftigt. Karl Marx schien geahnt zu haben, wie sehr seine Thesen zu Interpretationen einladen, und so ist der Satz überliefert: "Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin." Allerdings wird es da schon ein wenig tückisch. Denn Marx hat den Spruch gar nicht selbst zu Papier gebracht, Friedrich Engels legte ihm das Zitat in mehreren Briefen an Sozialisten in den Mund.

Bis heute ist es beliebt geblieben, dem Theoretiker (1818 bis 1883) Aussagen und Standpunkte zuzuschreiben, manche nehmen sich dabei mehr Freiheiten als andere. "Karl Marx hat sich nie sonderlich für den Staat interessiert", war vergangene Woche als erster Satz in einer "Zeit"-Kolumne zu lesen. Die Behauptung findet Peter Schadt "ganz schön frech". Der promovierte Gewerkschaftssekretär ist Lehrbeauftragter am Institut für Sozialwissenschaften an der Universität Stuttgart und habilitiert gerade zur Kritik der politischen Ökonomie der Digitalisierung. 

Im Gespräch mit Kontext erklärt Schadt, man müsse "wirklich nicht viel über Marx wissen, um zumindest mal drüber zu stolpern, dass er in seinen mehrbändig geplanten 'Kapital'-Bänden, von denen dann ja drei veröffentlicht wurden, eine Ableitung des Staates geplant hatte. Allerdings ist er nicht mehr dazu gekommen." Aber wenn man das Hauptwerk des Philosophen aufmerksam lese, seien Überlegungen zum Staat eigentlich schwer zu übersehen, etwa im achten Kapitel am Beispiel der englischen Fabrikgesetzgebung. Laut Schadt gehe allein aus dieser Passage hervor, dass Marx im bürgerlichen Staat eine notwendige Voraussetzung für die kapitalistische Warenproduktion gesehen habe: als Instanz, die Vertragsbeziehungen regelt und den Schutz des Privateigentums über ein Gewaltmonopol durchsetzt. Daneben gebe es noch eine Reihe anderer prominenter Fundstellen zum Staat.

Mitte August hat Schadt eine Replik für die linke Tageszeitung "nd" verfasst. Hintergrund war eine aktuelle Geschichte im Spiegel: "Marx hat es geahnt", stand auf dem Cover. Der "haarige Kopf", wie der "Spiegel" Marx in Abgrenzung zu bartlosen Glatzen nennt, zierte das Titelblatt des Magazins, weil der Kapitalismus "seine nächste Eskalationsstufe erreicht" habe, "vom Turbo- zum Doppelturbo-Kapitalismus". Chefredakteur Dirk Kurbjuweit führt dazu aus, mit Blick auf den KI-Kapitalismus seien sie sich in der Redaktion schnell einig gewesen, dass sie das Thema mit Karl Marx "illustrieren" wollten. Das haben sie 2023 schon mal gemacht, damals mit der Frage: "Hatte Marx doch recht?" Das Fragezeichen sei inzwischen verschwunden, betont Kurbjuweit: "Der Kapitalismus entwickelt sich mehr und mehr in eine üble Richtung, wie es Marx prophezeit hat." Zugleich stellt der Chefredakteur aber klar: "Die Antwort darauf ist nicht der Marxismus", da dieser seine eigenen Katastrophen zu verantworten habe. Eine andere Antwort gibt Kurbjuweit aber nicht.

Glückskekse und Trockenbrot

Die deutschsprachige Berichterstattung über Marx und seine angeblichen Ideen längere Zeit zu verfolgen, kann etwas ermüdend wirken. Schadt führt aus, es sei insbesondere in Krisenzeiten beliebt, die Frage aufzuwerfen, ob an den Thesen des Denkers vielleicht doch etwas dran war – nur um die Thesen verfälscht darzustellen, das Zerrbild zu widerlegen und hinterher für Maß und Mitte zu plädieren. Eine typische Blaupause: Der Doppelturbo-Kapitalismus führt mal wieder eine Katastrophe herbei, nach der Finanzkrise 2008/2009 und der Erderhitzung liegt die Aufmerksamkeit dabei gerade auf KI. Beklagenswerte Zustände werden dabei durchaus angeprangert, um dann umgehend vor Stalins Gulags zu warnen, und lieber für gemäßigte Reformen zu plädieren. Für den Erfolg dieser Strategie steht sinnbildlich die SPD. Ein Verdacht, wohin diese reformerische Reise gehen könnte: Der Versuch einer Bändigung scheitert erneut und der Doppelturbo-Kapitalismus schlägt demnächst als Tripel- oder gar Quadrupelturbo-Kapitalismus zurück.

"Es verwundert nicht, dass angesichts der immer neuen Krisenschübe, die seit Herbst 2008 das kapitalistische Weltsystem erschüttern, das Interesse an der jahrzehntelang vergessenen Marx'schen Kritik der Politischen Ökonomie allmählich neu erwacht", reüssierte der Soziologe Ernst Lohoff 2013 in der Theorie-Zeitschrift "Krisis": "Wie kein anderer theoretischer Ansatz ist sie dazu in der Lage, diese aus Sicht der herrschenden Ökonomietheorie unverständliche historische Situation zu erklären. Allerdings wird vor allem in der linken Marx-Diskussion genau diese Möglichkeit verspielt. Ausgerechnet das Marx'sche Verständnis des Kapitalismus als einer von inneren Widersprüchen gekennzeichneten Produktionsweise, die dazu verurteilt ist, an sich selbst zu scheitern, wird entweder ganz entsorgt oder bis zur Unkenntlichkeit entschärft."

Laut der neoklassischen Volkswirtschaftslehre hätte es die Finanzkrise von 2009 eigentlich nicht geben dürfen, auch die Erderhitzung ist darin nicht vorgesehen. Grünes Wachstum müsste der herrschenden Lehre zufolge eigentlich easy machbar sein. Dass es im globalen Maßstab konsequent misslingt, tut nichts zur Sache, da lässt sich die Ideologie nicht von der Empirie beirren. Die Modelle der Neoklassik, der vorherrschenden Volkswirtschaftslehre, gehen vom Menschen als rationalen Agenten aus, der unter Abwägung aller vorliegenden Informationen seinen Nutzen maximiert. Wo die Menschheit im Kollektiv die planetaren Lebensgrundlagen beschädigt, hat diese Annahme ungefähr so viel Entsprechung mit der Realität wie die mediale Darstellung von Marx' Thesen im Vergleich zu dem, was er wirklich geschrieben hat.

Meistens stellen Medien statt dem Original lieber eine billige Marx-Attrappe aus, die ein paar allenfalls oberflächliche Ähnlichkeiten aufweist wie eine stümperhaft zusammengeschusterte Temu-Version. Peter Schadt misshagt es, einen komplexen Theoriekorpus auf einen Glückskeksspruch zu reduzieren: "Viele wollen eine kompakte Welterklärung in die Hand gedrückt bekommen, manchmal gibt es dazu ein kerniges Zitat. Aber bei seiner Kapitalanalyse hatte Marx oft ein spezifisches Moment im Blick. Ohne Zusammenhang kann sich der Sinn nicht erschließen."

Gerade ist das Marx-Namedropping wieder en vogue, weil uns KI die Jobs klaut. Breite Berichterstattung gab es quer durch die Medienlandschaft im Jahr 2017. Da wurde "Das Kapital" 150 Jahre alt, und für viele Zeitungen war das ein Anlass, uns Marx als Person näher zu bringen: Mit schrulligen Anekdoten aus dem Leben eines haarigen Kopfes, der unter schmerzhaften Eiterbeulen zu leiden hatte. Dass ernsthaftes Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu erkennen war, kam nur als Ausnahme vor. "Hatte Marx doch recht?", fragte sich in der "Zeit" der Ökonom Thomas Piketty. Statt die Frage zu beantworten, urteilt Piketty "Das Kapital" sei "konfus und schmerzvoll zu lesen", zudem "viel zu theoretisch". Wer wirklich etwas von Wirtschaft versteht, verpasst keine Chance zur Eigenwerbung. Und so endet Pikettys Text mit einer nicht allzu subtilen Empfehlung: "Ich glaube, mein Buch lässt sich besser lesen!"

Nun ist es für die Frage, wer recht hat, aus erkenntnistheoretischer Perspektive kein relevantes Kriterium, welche Lektüre das größere Lesevergnügen darstellt. Und dennoch kann schwer zugängliche Sprache abschrecken. Für Harold Wilson, britischer Premierminister bis 1976, war der "Kapital"-Lesekreis kein Vergnügen, er bekannte sich zur liederlichen Marxlektüre: "Ich bin nur bis Seite zwei gekommen."

Nebensächliche Elementarform

Wer es bis zur zweiten Seite schafft, liest immerhin den allerersten Satz, er ist gar nicht mal so ewig lang: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine 'ungeheure Warensammlung', die einzelne Ware als seine Elementarform." Die Analyse der Warenform ist ein relativ zentrales Ding im "Kapital". Trotzdem berichten viele Medien über das, was sie für Marxismus halten, ohne die Elementarform, die ganz am Anfang der Betrachtung steht, überhaupt zu erwähnen. Wer aber beansprucht, die Grundlagen des Marxismus ohne eine Analyse der Warenform vermitteln zu können, ist ein Scharlatan – was kein gutes Licht auf viele Marx-Berichte in vermeintlichen Qualitätsmedien wirft.

Im glückskeksifizierten Temu-Marxismus werden die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher, bis ein so unerträglicher Zustand erreicht ist, dass es halt Revolution gibt. Aber Klassenkampf gab es auch schon vor dem kapitalistischen Zeitalter. Das spezifische an der aktuellen Gesellschaftsform ist nicht, dass einer mehr hat als die andere. Es ist der historisch einmalige, in der Warenproduktion verankerte Widerspruch zwischen der abstrakten Privatheit isolierter Einzelner und der abstrakten Allgemeinheit ihres gesellschaftlichen Zusammenhangs. Äh … hä? 

Also: Leute arbeiten für sich selbst und ihr Privatkonto, dabei stellen sie Waren her, die eine doppelte Wertgegenständlichkeit aufweisen: Einmal über ihren Gebrauchswert, also den konkreten Nutzen, den ein Produkt hat. Daneben fungiert die Ware aber – und das ist das entscheidende – als Trägerin von Tauschwert, wobei es sich nicht um eine physikalische Eigenschaft handelt, die der Ware von Natur aus innewohnt, wie zum Beispiel ein Gewicht oder räumliche Ausdehnung zu haben. Die Eigenschaft der Ware, einen Tauschwert zu besitzen, lässt sich damit als Resultat gesellschaftlicher Prozesse bestimmen. Wobei in Marx Worten eigentlich niemand so genau weiß, für wen man die Arbeit eigentlich verrichtet: "Jede auf Warenproduktion beruhende Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in ihr die Produzenten die Herrschaft über ihre eignen gesellschaftlichen Beziehungen verloren haben. Jeder produziert für sich […] und für sein individuelles Austauschbedürfnis. Keiner weiß, wieviel von seinem Artikel auf den Markt kommt, wieviel davon überhaupt gebraucht wird, keiner weiß, ob sein Einzelprodukt einen wirklichen Bedarf vorfindet."

Für wen man etwas macht, bleibt oft unklar, aber man macht die Arbeit, weil man das Geld braucht. Zugleich sind aber alle beim Verfolgen ihrer Privatinteressen notwendigerweise auf die Produkte fremder Arbeit angewiesen, es liegt eine gesellschaftliche Abhängigkeit vor, schon allein deswegen, weil der Erwerb von Lebensmitteln und damit das basale Grundbedürfnis der Nahrungsaufnahme über den Warentausch organisiert wird. Dabei kann man, stark vereinfacht gesagt, einen allgemeinen Kontrollverlust unterstellen: Einerseits stellen Menschen durch ihre Handlungen Strukturen her, die ihr Leben bestimmen. Andererseits sind diese Strukturen längst so wirkmächtig, dass es mitunter notwendig ist, sich den Strukturen zu unterwerfen, um überleben zu können. Noch einfacher: Menschen bestimmen die Wirtschaft. Aber noch stärker bestimmt die Wirtschaft den Menschen. Statt einer bewussten Produktion, die sich an tatsächlichen Bedürfnissen orientiert, mündet die Jagd nach dem größtmöglichen Tauschwert in einem permanenten Verwertungskreislauf, der die stoffliche Natur für immer größere Fantasiezahlen verheizt und der nie stillstehen darf, weil die Befriedigung von überlebensnotwendigen Grundbedürfnissen von dem vornehmlich durch Lohnarbeit zu akquirierenden Geldmedium abhängt und der Kapitalismus Reichtum nicht über stofflich-konkrete Materie und ihren Gebrauchswert definiert, sondern über den Tauschwert, gegenüber dessen Selbstzweck der endlosen Vermehrung alle anderen gesellschaftlichen Tätigkeiten nachrangig sind.

Dass diese Grundstruktur in sich widersprüchlich ist und auf lange Zeit gegen die Wand fährt – könnte es sein, dass Marx mit dieser Kernaussage recht hatte? Hängen die immer heftigeren Krisen der Gegenwart etwa mit diesem Komplex zusammen? Die Begründung hier ist verkürzt und lückenhaft, aber im Großen und Ganzen lautet die einfache Antwort: ja.

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