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Kontext-Sommerserie

Deutschland ganz leicht

Kontext-Sommerserie: Deutschland ganz leicht
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Die Stuttgarterin Franzi Heiler erklärt Deutschland einfach, wo es kompliziert wird. Vor drei Jahren hat sie "Easy Newstime" gegründet, ein Social-Media-Angebot für Menschen, die Deutsch lernen. Auch, damit sie an aktuellen Diskussionen teilnehmen können, ohne an der Sprache zu scheitern.

Was zur Hölle ist eine Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung? Franzi Heiler stolpert beim Sprechen über all die vielen Silben, dann kommt sie zum Kern ihres Videos: die komplizierte deutsche Behördensprache. Heiler ist die Journalistin hinter dem Nachrichtenkanal "Easy Newstime", der Fragen zu deutscher Politik, Kultur, zu Gesetzen und gesellschaftlichen Regeln beantwortet – in einfacher Sprache für Menschen, die gerade Deutsch lernen. Welche neuen Regeln gelten ab diesem Monat, warum ist die Deutsche Bahn so unpünktlich und warum sind die Deutschen so direkt? Solche und mehr als 500 andere Themen hat die Stuttgarterin seit April 2023 erklärt, gemeinsam mit einem wachsenden Team.

Die Kontext-Sommerserie

Sie ist bei unseren Autor:innen immer gern gesehen: die Kontext-Sommerserie, für die jede:r schreiben darf, was sie oder er schon immer mal schreiben wollte. Eine Pferdegeschichte gab's schon, eine Eloge auf den Mars, einen Besuch im Insektenuniversum auf dem Sommerbalkon, wir waren textlich sogar schon auf Sylt bei der Haute Volée. In diesem Jahr besuchen wir Bartenstein in Hohenlohe, einen Ort mit erstaunlicher Geschichte. Wir werden im Allgäu surfen gehen und schauen, wie kühl es im Salzbergwerk Kochendorf ist. Im ersten Text unserer 2026er-Serie geht es um Franzi Heiler, die "Easy Newstime" gegründet hat.  (red)

Wer die kurzen Videos von Heiler anschaut, verbessert nicht nur sein Deutsch und bekommt Zugang zu gesellschaftlichen und politischen Diskussionen, die sonst "oft an der Sprachbarriere scheitern. Auch für Muttersprachler:innen sind manche Infos auf ihrem Kanal zur Selbstreflexion über die eigenen Bräuche und gesellschaftlichen Debatten oft hilfreich. Heiler führt kurze Interviews und eröffnet Diskussionen im Social-Media-Format, meistens mit einer Prise Humor und provokativen Fragen, die neugierig machen. Mittlerweile folgen ihr über 200.000 Menschen auf allen Kanälen. Ihr Ziel: Über eine Million Leute erreichen, die neu in Deutschland sind – und sie auf das Leben in diesem Land vorbereiten.

Mit klarer Aussprache, erklärenden Bildern und Gesten ordnet die 29-Jährige täglich aktuelle Themen ein und verdeutlicht typisch Deutsches wie Pünktlichkeit oder FKK. Ihr 92-jähriger Großvater, den sie jede Woche trifft, um mit ihm über Politik zu diskutieren, hatte mal die Sorge, dass der Enkelin vielleicht irgendwann die Themen ausgehen. Heute zeigt ihr Redaktionsplan, dass sie sich darum keine Gedanken machen muss. Inspiration holt sich Heiler aus der aktuellen Nachrichtenlage, aber auch aus ihrer eigenen Community im Sprachcafé, in dem sie sich engagiert.

Lifestyle-Themen fühlten sich falsch an

Geboren und aufgewachsen ist Heiler in Leonberg bei Stuttgart, als Sandwichkind behütet in einer "liebevollen Familie", sagt sie. Sie wollte immer zweisprachig aufwachsen und fand es schade, dass niemand in ihrer Familie einen anderen kulturellen Hintergrund mitbrachte. Heute spricht sie neben Deutsch auch Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch, gerade lernt sie Arabisch. Dieses Sprachtalent hilft ihr auch dabei, ihre Videos genau auf das Sprachniveau zuzuschneiden, das Lernende im Alltag in Deutschland brauchen.

Mit dem Projekt erfüllt Heiler sich einen Kindheitstraum. Schon seit sie elf Jahre alt war, will sie Moderatorin werden und hat nach dem Abitur und einer Weltreise Kommunikation studiert. Aber die Idee für ihr Projekt wurde erst durch den Krieg in der Ukraine konkreter. Heiler absolvierte damals ein Volontariat bei einer Nachrichtenagentur in München. Ihre Arbeit im Bereich Lifestyle und Events fühlte sich plötzlich falsch an. Die Bilder des Krieges und der Flüchtenden beschäftigten sie so sehr, dass sie sich beruflich neu orientieren wollte. Im Winter 2023 lag sie mit einer schweren Erkältung im Bett, und dann kam die Idee von "Easy Newstime". Sie kündigte ihren Job und zog zurück in ihre Heimat.

In Stuttgart suchte sie ein Sprachcafé für Geflüchtete, um nah an den Menschen zu sein, die sie unterstützen möchte. Zum Start beantragte sie einen Gründerzuschuss. Heute finanziert sich das Projekt durch Sponsoring von Firmen. Mittlerweile hat sie sogar eine Kollegin angestellt, die ihr bei der Produktion der Videos hilft.

Heiler sieht sich als Journalistin, nicht als Influencerin

In Zeiten, in denen die Angst vor Rechtsextremismus wächst, versteht Heiler ihren News-Kanal auch als Beitrag gegen Desinformationen und für faktenbasierten Journalismus. Populistische Aussagen sind oft Grundlage ihrer Videos. Sie nimmt die Behauptungen und unterlegt sie mit Fakten, zum Beispiel die Frage, ob Ausländer krimineller oder fauler sind als Deutsche (Spoiler: Nein, sind sie nicht). Solche Videos funktionieren auf Social Media gut, sagt sie, weil sich Menschen auf beiden Seiten der Debatte abgeholt fühlen. 

Trotzdem nutzt sie die Spielregeln der sozialen Medien: Beim Thema Kopftuch zum Beispiel stellt sie einer jungen Frau zu Beginn eines Videos bewusst eine provokative Frage: "Wer zwingt dich eigentlich?" Danach erklärt die junge Frau in eigenen Worten, was sie antreibt, ein Kopftuch zu tragen. Provokation, sagt Heiler, sei wichtig, um in den sozialen Medien überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die bekommt sie. 

Bei kontroversen außenpolitischen Themen lässt sie die Menschen sich selbst eine Meinung bilden. "Ich bin Journalistin, ich bin nicht Influencerin", sagt Heiler. "Wenn ich meine Werte verrate, nur um besonders beliebt zu sein, dann habe ich meine Aufgabe verfehlt." Auch ihre Sponsoren wählt sie sorgfältig aus und arbeitet nur mit Unternehmen zusammen, die ihre Werte teilen, sagt Heiler: Menschen auf Augenhöhe begegnen, gegen Extremismus und für demokratische Werte einstehen. "Meine Mission ist, für Menschen einzustehen, die sonst nicht die Möglichkeiten haben, sich Gehör zu verschaffen."

Geflüchtete und Migrant:innen kommen in ihren Videos selbst zu Wort und sie geht dahin, wo Geflüchtete sind, wo sie leben müssen, um sie besser zu verstehen. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich Franzi Heiler ehrenamtlich in einem Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Lesbos und in der Ukraine engagiert. 

Als sie von ihren Erfahrungen dort berichtet, kommen ihr die Tränen. Vor allem die Reise in die Ukraine hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Im Januar bei minus 13 Grad half sie in Mykolajiw und Czernowitz, Hilfsgüter aus Stuttgart zu verteilen. Auf ihrem Kanal zeigte sie Aufnahmen aus Flüchtlingsheimen, Folterräume von russischen Soldaten und Demonstrationen gegen den Krieg. Ihre Botschaft auch in Richtung Deutschland: Es gibt keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen.

Als Vorbereitung auf die Reise in die Ukraine war sie fünf Wochen auf Lesbos und hat in einer Wäscherei eines Flüchtlingscamps als Ehrenamtliche ausgeholfen. "Die Bedingungen waren erschütternd, und das war noch eines der besseren Camps", erzählt sie. Bei 40 Grad saßen die Menschen dort in den Zelten. Mit den jungen Männern im Camp spielte sie dreimal die Woche Volleyball. Die Begegnungen haben sie tief bewegt: "Die Menschen dort waren so respektvoll und gebildet und offen." 

Online-Club wegen BAMF-Kürzungen

Als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Kürzungen bei Integrationskursen ankündigte, entstand die Idee, ihr bestehendes Angebot durch zusätzliche Online-Kurse zu ergänzen. So entwickelte Heiler die neue Plattform für den Live-Austausch.

"Das ist ein Fitnessstudio für das Leben in Deutschland." So beschreibt sie den Easy-Deutsch-Club: Ein Live-Angebot, bei dem man sich mindestens dreimal pro Woche zu den Onlinekursen einschalten kann, um einem Lehrer oder einer Lehrerin Fragen zu stellen, sich mit anderen Lernern auszutauschen und Deutschland – und die Menschen hier – besser zu verstehen. Die Sprachlehrer:innen haben zum Teil selbst Migrationserfahrung, kennen die Angst vor Behördenbriefen und verstehen die Situation der Menschen, die hier ankommen. Weil sie das System und seine Bürokratie nicht ändern kann, will sie wenigstens eine Gemeinschaft schaffen, die die Angst davor nimmt. 

Der Club kostet eine kleine monatliche Abo-Gebühr, Geflüchtete zahlen die Hälfte. Kostenlos anbieten kann sie die Kurse nicht, deshalb sucht sie Firmen, die Gutscheine bereitstellen – gegen die Kürzungen bei Integrationskursen und für die Menschen, die lange auf einen Platz im Sprachkurs warten. Der Club ersetzt zwar keinen regulären Sprachkurs. "Aber ich biete ein Zusatzangebot."

Langfristig möchte Heiler größer werden und mehr Räume des Austauschs schaffen. Denn Sprache lernt man nicht nur aus Büchern, sondern vor allem gemeinsam mit anderen Menschen. Sollte der Easy-Deutsch-Club einschlagen wie ihr Nachrichtenkanal, dürften die Angst vor Behördenbriefen und die soziale Isolation das Leben von Migrant:innen und Geflüchteten künftig weniger bestimmen.

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