Trotzdem nutzt sie die Spielregeln der sozialen Medien: Beim Thema Kopftuch zum Beispiel stellt sie einer jungen Frau zu Beginn eines Videos bewusst eine provokative Frage: "Wer zwingt dich eigentlich?" Danach erklärt die junge Frau in eigenen Worten, was sie antreibt, ein Kopftuch zu tragen. Provokation, sagt Heiler, sei wichtig, um in den sozialen Medien überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die bekommt sie.
Bei kontroversen außenpolitischen Themen lässt sie die Menschen sich selbst eine Meinung bilden. "Ich bin Journalistin, ich bin nicht Influencerin", sagt Heiler. "Wenn ich meine Werte verrate, nur um besonders beliebt zu sein, dann habe ich meine Aufgabe verfehlt." Auch ihre Sponsoren wählt sie sorgfältig aus und arbeitet nur mit Unternehmen zusammen, die ihre Werte teilen, sagt Heiler: Menschen auf Augenhöhe begegnen, gegen Extremismus und für demokratische Werte einstehen. "Meine Mission ist, für Menschen einzustehen, die sonst nicht die Möglichkeiten haben, sich Gehör zu verschaffen."
Geflüchtete und Migrant:innen kommen in ihren Videos selbst zu Wort und sie geht dahin, wo Geflüchtete sind, wo sie leben müssen, um sie besser zu verstehen. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich Franzi Heiler ehrenamtlich in einem Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Lesbos und in der Ukraine engagiert.
Als sie von ihren Erfahrungen dort berichtet, kommen ihr die Tränen. Vor allem die Reise in die Ukraine hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Im Januar bei minus 13 Grad half sie in Mykolajiw und Czernowitz, Hilfsgüter aus Stuttgart zu verteilen. Auf ihrem Kanal zeigte sie Aufnahmen aus Flüchtlingsheimen, Folterräume von russischen Soldaten und Demonstrationen gegen den Krieg. Ihre Botschaft auch in Richtung Deutschland: Es gibt keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen.
Als Vorbereitung auf die Reise in die Ukraine war sie fünf Wochen auf Lesbos und hat in einer Wäscherei eines Flüchtlingscamps als Ehrenamtliche ausgeholfen. "Die Bedingungen waren erschütternd, und das war noch eines der besseren Camps", erzählt sie. Bei 40 Grad saßen die Menschen dort in den Zelten. Mit den jungen Männern im Camp spielte sie dreimal die Woche Volleyball. Die Begegnungen haben sie tief bewegt: "Die Menschen dort waren so respektvoll und gebildet und offen."
Online-Club wegen BAMF-Kürzungen
Als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Kürzungen bei Integrationskursen ankündigte, entstand die Idee, ihr bestehendes Angebot durch zusätzliche Online-Kurse zu ergänzen. So entwickelte Heiler die neue Plattform für den Live-Austausch.
"Das ist ein Fitnessstudio für das Leben in Deutschland." So beschreibt sie den Easy-Deutsch-Club: Ein Live-Angebot, bei dem man sich mindestens dreimal pro Woche zu den Onlinekursen einschalten kann, um einem Lehrer oder einer Lehrerin Fragen zu stellen, sich mit anderen Lernern auszutauschen und Deutschland – und die Menschen hier – besser zu verstehen. Die Sprachlehrer:innen haben zum Teil selbst Migrationserfahrung, kennen die Angst vor Behördenbriefen und verstehen die Situation der Menschen, die hier ankommen. Weil sie das System und seine Bürokratie nicht ändern kann, will sie wenigstens eine Gemeinschaft schaffen, die die Angst davor nimmt.
Der Club kostet eine kleine monatliche Abo-Gebühr, Geflüchtete zahlen die Hälfte. Kostenlos anbieten kann sie die Kurse nicht, deshalb sucht sie Firmen, die Gutscheine bereitstellen – gegen die Kürzungen bei Integrationskursen und für die Menschen, die lange auf einen Platz im Sprachkurs warten. Der Club ersetzt zwar keinen regulären Sprachkurs. "Aber ich biete ein Zusatzangebot."
Langfristig möchte Heiler größer werden und mehr Räume des Austauschs schaffen. Denn Sprache lernt man nicht nur aus Büchern, sondern vor allem gemeinsam mit anderen Menschen. Sollte der Easy-Deutsch-Club einschlagen wie ihr Nachrichtenkanal, dürften die Angst vor Behördenbriefen und die soziale Isolation das Leben von Migrant:innen und Geflüchteten künftig weniger bestimmen.
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