Julia schloss das Beratungszentrum und folgte ihrer Partnerin nach Deutschland. Die Beratungen hielten die beiden aufrecht, online, mit Experten aus der Schweiz, aus Italien und Deutschland. Sie kamen nach Stuttgart, schlossen sich dem queeren Zentrum Weissenburg an und boten dort in Zusammenarbeit mit dem Frauenberatungszentrum Fetz Beratungen für Migrant:innen, Hilfe bei sexueller Gewalt oder LGBTQ-Themen für russischsprachige Frauen an.
Mittlerweile treffen sich die Frauen auch außerhalb der Beratungsgruppen, oft im Frauenkulturzentrum Sarah. Zum Speed-Dating, zu Workshops, Hexenparty, Winterfest, Frauentag.
Auch Elena Ivanova (Name geändert), 56 Jahre alt und Ukrainerin, kommt gerne. Sie ist in Russland geboren, studiert hat sie in Leningrad. Eine starke Frau mit geradem Rückgrat, Englisch-Lehrerin. Anfang des Jahres sitzt sie in der Kontext-Küche und weint. Als der Krieg in der Ukraine ausgebrochen sei, habe sie es nicht glauben können. Bis heute ist sie überzeugt davon, dass die ersten russischen Soldaten, die in ihren Heimatort einmarschierten, ein schlechtes Gewissen hatten.
Manchmal träumt sie von zu Hause
Ihre Tochter studierte in Berlin als der Krieg begann. Sie bekniete ihre Mutter, es ihr gleich zu tun. Elena Ivanova kam schließlich mit fünf Freunden nach Deutschland. Aber kurz nach ihrer Ankunft beschloss die Tochter, wieder in die Ukraine zurückzukehren. Um als Filmemacherin die Schrecken des Krieges zu dokumentieren. Elena Ivanova ihrerseits kam nach Stuttgart und lebt heute in einem sehr kleinen Zimmer. Manchmal sitze sie da, schaue an die Wände, die so nah sind, und frage sich, ob es das jetzt war, ob das alles gewesen sein kann. "Als ob mein früheres Leben gestorben wäre", sagt Ivanova. Sie knetet die Hände mit den sauber lackierten Fingernägeln, sie sind mit Punkten und Streifen darauf gestaltet.
Heute gibt sie online Englisch-Kurse für Ukrainer und Russen. Sie habe versucht Freunde zu finden in Stuttgart, aber das habe nicht geklappt. "Als ich dann Julia getroffen habe, habe ich gemerkt, dass wir in einem fremden Land alle dieselben Probleme haben." Deshalb sei es auch egal woher die Frauen in Julias Gruppen kommen. Manchmal träumt sie davon, wie sie in ihre Heimat zurückkehrt. Aber was für ein Land wird die Ukraine dann sein?
Zwei Wochen später: Julia kommt gerade vom "Demokratischen Forum" in Vilnius, einem Treffen von Exilruss:innen aus Armenien und Georgien, auch Menschen aus Serbien und Litauen waren dabei, etwa 70 Leute insgesamt. Sie sei von Wehmut erfasst, sagt sie, dass Treffen wie dieses so wenig bekannt seien, das generell so wenig bekannt sei, dass nicht alle Russ:innen für den Krieg sind. "Dabei wäre es so wichtig, darüber zu sprechen", sagt sie, die Stimme dieser Leute zu sein. Viele progressive Russen fühlten sich isoliert. "Russland ist ein terroristischer Staat und sie nennen uns Extremisten. Für das Wort Frieden kommt man ins Gefängnis, Denunziantentum ist erwünscht, schlimmstes Verhalten wird zum Standard", sagt Julia.
Xenia kommt aus der Hafenstadt Mykolajiw im Süden der Ukraine, weil da die Front verlief, ist sie erst nach Odessa geflohen, dann nach Deutschland. Ein Kapuzenpulli-Kleid schmiegt sich um den schmalen Körper, die schwarzen Haare trägt Xenia kurz. In der Ukraine war die 54-jährige Sozialarbeiterin und Beraterin in einer queeren Organisation und hat ein Gesundheitsprogramm für Schwule geleitet.
Erst der Krebs, dann die Flucht
Sie schlägt die Beine übereinander, die Hände im Schoß gefaltet und erzählt von der Chemotherapie, die sie gerade erst hinter sich hatte, als sie fliehen musste. "Ich war noch nicht mal klar im Kopf", sagt sie. "Mehr wie ein Fisch, ich hatte ein Bewusstsein für fünf Minuten. Vielleicht hat mir das geholfen." Jedes Jahr einmal fährt sie zum Check-up in die Ukraine, weil sie hier als austherapiert gilt und keinen bekommt. Im Sarah ist sie oft. Sie geht mit anderen Frauen zu Konzerten, zum Gay-Film-Festival nach Esslingen, ins Kino oder tanzen. Zu Julias Gruppe kommt sie, weil sie da sein kann, wie sie ist, sagt sie.
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