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Theodor-Haecker-Preis

"Ich kann nicht laut genug sein"

Theodor-Haecker-Preis: "Ich kann nicht laut genug sein"
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Sie versteht sich als deutsche Türkin und nimmt kein Blatt vor den Mund: gegen Rassismus gleichermaßen wie gegen Islamismus. Ein Gespräch mit der Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Autorin Seyran Ateş über ein Leben als Frontfrau und zwischen allen Stühlen.

Frau Ateş, Ihren Mut anerkennen sogar Ihre Feinde, und von denen gibt es viele. Dafür bekommen Sie jetzt den Internationalen Menschenrechtspreis der Stadt Esslingen. Braucht man diese Ehrungen als Kraftstoff, um weiterzumachen?

Ja. Jeder einzelne Preis, und der Theodor-Haecker-Preis ist der 35ste, ist Kraftstoff im doppelten Sinne. Denn jeder bedeutet Anerkennung und Respekt nicht nur für mich, sondern für alle Opfer und Betroffenen, für die ich eine Stimme bin. Für sie alle nehme ich den Preis stellvertretend entgegen. Ich bin eben eine Frontfrau und ich stehe für Frauenrechte, Menschenrechte, LGBTQ-Rechte. Und für meine politischen Gegner ist es eben auch ein Signal, dass mir Menschen zuhören, während sie mir am liebsten den Mund verbieten würden.

Sie machen ihn auf in Vorträgen, Versammlungen, aber auch in Ihren Büchern. Sechs haben Sie geschrieben, alle behandeln den Islam, den konservativen Islam, wie er in vielen Moscheen gelehrt wird, wie er sich auswirkt auf die Menschen und die Gesellschaft. "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" ist das provokativste, und ich schätze mal, dass es Ihr Lieblingsbuch ist.

Seyran Ateş wurde als 21-Jährige bei einem tödlichen Attentat auf ihre Mandantin lebensgefährlich verletzt. Wegen zahlreicher Morddrohungen, vor allem nach der Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, hat die Menschenrechtsanwältin seit 2016 Polizeischutz. Die Personenschützer sitzen auch bei all ihren Veranstaltungen in Esslingen im Zuschauerraum oder auf der Bühne. "Inzwischen sehe ich das als ein Geschenk", sagt die 64-Jährige. Seyran Ateş war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und nahm am Integrationsgipfel der Bundesregierung teil. 2014 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.  (sus)

Tatsächlich ist das mein wichtigstes Buch. Denn es bringt auf den Punkt, welche gesellschaftlichen Probleme in der islamischen Welt gelöst werden müssen. In Anlehnung an Wilhelm Reich ...

... den Soziologen und Sexualforscher …

... bin ich der Ansicht, dass sich die islamische Welt auseinandersetzen muss mit der extremen Sexualisierung der gesamten Gesellschaft und der mangelnden Akzeptanz eines freien selbstbestimmten Lebens. Deshalb hat auch die Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin vor sechs Jahren die allergrößten Anfeindungen erfahren. Weil dort Frauen und Männer gemeinsam beten, weil dort Frauen kein Kopftuch tragen müssen, aber können, wenn sie wollen. Und weil dort eine Frau Vorbeterin sein kann. Ohne dass Männer über Frauen herfallen, weil sie beim gemeinsamen Gebet abgelenkt werden. Damit sage ich auch den Konservativen: Ihr seid in der islamischen Welt so sehr in eurer sexuellen Selbstbestimmung unterdrückt und gleichzeitig extrem sexualisiert, ihr seid das Problem.

Sexualität ist in allen Religionen ein Problem, bei konservativen Muslimen ebenso wie bei orthodoxen Juden oder Christen. Die katholische Kirche hat mit Missbrauchsskandalen und deren Aufarbeitung zu kämpfen, derzeit sorgt die Ausstellung "Kirche. Körper. Kunst" im Diözesanmuseum in Freising für Aufregung.

Die Kirche hat in unseren Schlafzimmern nichts zu suchen. Das kann man auf alle Religionen und auf alle Ideologien übertragen.

Sie ahnten, dass Sie Ärger kriegen würden. Mir scheint, Sie haben Freude an der Provokation.

Ich bin nicht auf Krawall gebürstet, falls Sie das meinen. Als Anwältin bin ich überzeugt, dass man Probleme offen und direkt ansprechen muss, um Lösungen zu finden. Und da kann ich nicht laut genug sein. Weil es das Leben von Millionen Menschen zerstört, weil es in diesem Land immer noch Zwangsverheiratungen gibt, und sie werden sogar wieder mehr. Weil immer noch, mitten in Deutschland, Frauen getötet werden, weil sie angeblich die Familienehre verletzt haben. Nicht nur von einem gekränkten eifersüchtigen Ehemann, auch von Brüdern oder Schwestern, und darin wird kein Unrecht gesehen. Immer noch, also sind wir nicht laut genug. Und die Politik hört offensichtlich immer noch nicht zu. Es geht um Menschenrechte, um Integration, um die Demokratie, die in Gefahr ist. Wenn meine Provokation die Politik aufweckt, dann ist das Ziel erreicht.

Sexualität sei die tiefste Kluft zwischen der islamischen und der westlichen Welt, sagen Sie. Ist es nicht eher das Verständnis von Demokratie, die Trennung von Staat und Religion, die Achtung der Menschen- und Frauenrechte?

Mit dem Thema sexuelle Selbstbestimmung sind wir doch beim Thema Demokratie. In einer offenen Gesellschaft werden die Themen besprochen: Transsexualität, LGBTQ, Homosexualität, Gleichbehandlung der Frau, das passiert ja auch in Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz. Aber weil islamische Fundamentalisten gegen sexuelle Selbstbestimmung sind, bekämpfen sie das politische System. Es ist doch absurd, dass Frauen sogar sterben, weil sie sich nicht verhüllen. Die Demokratie wird Einzug halten, wenn diese Menschen aufhören, die Sexualität der Menschen zu kontrollieren. Von der Verschleierung der Frauen über die 72 Jungfrauen, die einen Attentäter im Paradies empfangen, bis hin zum Verbot von Sex vor der Ehe. Das steht so auch nicht im Koran, das ist die politische Auslegung von Konservativen und Islamisten.

Dabei geht es auch um patriarchale Strukturen. Etwa beim Kopftuch, ein Streitthema in Frankreich, in Deutschland, in vielen europäischen Ländern. Warum können Sie das Kopftuch nicht schlicht als individuelle Ausdrucksform betrachten?

Das tue ich gerne. In unserer Moschee ist das Kopftuch kein Thema, wer will, trägt eines. Das würde ich an diesem religiösen, spirituellen Ort niemals verbieten. Aber wenn wir uns in dieser Gesellschaft bewegen und Mädchen und Frauen das verhüllt tun sollen, weil die Männer sich angeblich nicht beherrschen können, dann ist das kein religiöses, sondern ein gesellschaftspolitisches Problem. Es geht darum, ob das Kopftuch gottgewollt ist oder manngewollt. Lehrerinnen und Richterinnen etwa sollten kein Kopftuch tragen, denn wir leben in einem säkularen Staat.

Sie befürchten, dass das Kopftuch damit schon zu einer Waffe geworden ist?

Ja, zu einer Fahne der Islamisten. Weil sie damit symbolisieren, gegen die sexuelle Selbstbestimmung der Frau zu sein. Die Frau wird reduziert auf ihren Körper als Sexualobjekt. Deshalb ist das Kopftuch, die Verhüllung der Frauen, ein Kampfsymbol des Patriarchats, aber auch der Ultrareligiösen. Sie wissen, dass sie mit dieser Masche die liberale Gesellschaft in die Knie zwingen können. Man muss die islamischen Länder nur angucken. Es sind die Ultraorthodoxen, die das Thema Kopftuch forcieren und in der breiten Gesellschaft bekämpfen.

Das sagen Sie mal den jungen Musliminnen, die ihre eigene Entscheidung dafür oder dagegen treffen wollen. Die wollen sich auch nicht vorschreiben lassen, dass das Haar unverhüllt bleiben soll.

Das Thema Kopftuch bearbeite ich seit mehr als 30 Jahren. Ja, jetzt haben wir langsam diejenigen, die sich daraus befreien. Die Autorin Ayla Işık ist eine Frau, für die das Kopftuch freiwillig und ganz selbstverständlich war. Aber sie beschreibt in ihrem Buch sehr ausführlich, wie ihr soziales Umfeld sie in diese Richtung gedrängt hat. Jetzt kommen die ganz ehrlichen Stimmen der Mädchen.

Reden wir nicht von Kindern, sondern von jungen Musliminnen.

Dann reden wir von den jungen Studentinnen, die auch in ihrem sozialen Kontext stecken. Und ich sage Ihnen als Frauenrechtlerin: Wir haben immer, auch gegen den Willen von Frauen, Frauen- und Menschenrechte durchgesetzt, weil es immer Frauen gab, die sagten, ich bin gerne Hausfrau, ich gehe nicht gerne arbeiten, und wenn, dann brauche ich auch keine Quote. Und trotzdem haben wir nicht aufgehört, für Frauenrechte zu kämpfen. Auch der Iran hat Frauen als Revolutionswächterinnen auf der Straße, die andere Frauen verprügeln, weil sie das Kopftuch nicht aufsetzen. Wenn Frauen sagen, wir verhüllen uns gerne, dann ist das ein vorgeschobenes religiöses Argument. Denn das Kopftuch ist theologisch keine eindeutige Pflicht wie die fünf Säulen des Islam. Wir leben in einer offenen Gesellschaft, in der auch der freie Wille kritisch diskutiert wird. Nur beim Kopftuch wird alles schlicht akzeptiert. Warum?

Jetzt geben das Kopftuch, der politische Islam, wunderbare Feindbilder ab, welche die Rechten in dieser Gesellschaft gerne für ihren Rassismus nutzen. Mit dieser Debatte begeben Sie sich, nicht zum ersten Mal, auf vermintes Gebiet. Denn die Rechten schüren Hass gegen Einwanderung, Entfremdung. Sie haben vor fünf Jahren sogar auf Einladung der FPÖ gesprochen. Das hat Ihnen Beifall von den Rechten und Kritik von den Linken eingebracht.

Ich kann nicht verhindern, dass Menschen meine Themen missbrauchen. Die FPÖ hat mich eingeladen zum Thema Politischer Islam. Ich habe denen gesagt, ich lasse mich nicht vor Ihren islamfeindliche Karren spannen. Aber ich erzähle Ihnen mal was über Meinungsfreiheit und Islam. Man muss im Gespräch bleiben. Ich rede auch mit türkischen Rechten, ich saß mit denen auf dem Podium. Ich würde auch mit Erdogan reden. Das Gespräch ist das allerwichtigste in einer Demokratie und das Aussprechen, wofür man steht. Ich rede keinem nach dem Mund, aber ich mache ihn auf.


Info:

Das Politische Forum der vhs-Esslingen veranstaltet ein Podiumsgespräch mit der Haecker-Preisträgerin Seyran Ateş und dem Islamwissenschaftler Hussein Hamdan am Donnerstag, 23. März, 18 Uhr im A22 in der Augustinerstraße 22. Moderation: Susanne Stiefel.

Preisverleihung am Freitag, 24. März, ab 19 Uhr im Neckarforum. Der Eintritt ist bei beiden Veranstaltungen frei.


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2 Kommentare verfügbar

  • Gerald Wissler
    am 23.03.2023
    Antworten
    Starke Frau.
    Köstlich letzthin in einer Talkshow ihre Replik an eine Politikwissenschaftlerin, die den friedfertigen und toleranten Charakter des Islams meinet betonen zu müssen:

    "Sie als deutsche Atheistin wollen mir meine Religion erklären !"
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