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Muslimische Bloggerinnen

Verkackt. Ob mit oder ohne Kopftuch.

Muslimische Bloggerinnen: Verkackt. Ob mit oder ohne Kopftuch.
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Sie sitzen nur selten in Moderedaktionen, Rundfunkräten, Verlagen oder Zeitungsredaktionen. Aber sie bloggen und posten. Somewhere over Instagram sieht die Welt ganz anders aus für junge Musliminnen. Dort schaffen sie sich ihre eigene Öffentlichkeit.

"Und als ich dann auf dem T-Shirt der jungen Frau Marylin Monroe sah, hat mich das schockiert. Marilyn Monroe ist der Inbegriff von Sexyness und sinnlicher Weiblichkeit. Diese Frau aber trägt ein Kopftuch. Das war ein krasser Kontrast. Und diese vielen Luxusgüter, so viel Konsum, und auch das Lied von Jay-Z besingt Reichtum. Das passt doch nicht."

Diese Reaktionen sind nicht ungewöhnlich, wenn ich einen Videoclip zeige, den ich als Indikator für einen Paradigmenwechsel und als wegweisend für meine Forschung zu Musliminnen in der digitalen Kultur betrachte. 

Während Muslime und Musliminnen in der alten Medienöffentlichkeit nahezu ausschließlich im Kontext von Flucht, Migration, Krieg und Terrorismus sichtbar werden, passiert in der neuen Medienöffentlichkeit, also in digitale Medien und social media, eine kulturelle Transformation, offenbar ganz am Bewusstsein dieser alten Medienöffentlichkeit vorbei, die diesen Phänomenen hinterher hechelt.
 


Besonders vermehrt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 werden Musliminnen in westlichen Medien meist als körperlose, oft gesichtslose Wesen in unförmiger, schwarzer Kleidung oder in der Vollverhüllung Burka gezeigt. Doch das Image des obskuren Anderen geht viel weiter zurück, wie der Literaturwissenschafler Edward Said in seinem bedeutendsten Werk "Orientalismus" in den 1970er Jahren aufzeigte. Exemplarisch dafür sind zwei Zeitschriften-Titelbilder in den 90er Jahren während des Golf-Krieges. Der "Spiegel" warnte vor der Gefahr des Islam mit einem Bildausschnitt aus dem Gesicht einer mit Kopftuch bedeckten Frau. Ihre Augenbraue war als Schwert gezeichnet, eine Referenz auf ein altvertrautes Bild vom "Schwert des Islam", stellvertretend für seinen gewalttätigen Charakter. Die Zeitschrift "Emma" wartete dazu mit einer vollverhüllten Person in einer Dornenkrone auf. Ab 2001 verlagerte sich die Berichterstattung aufgrund der geopolitischen Situation zunehmend auf den islamistischen Terror. Auch hier griff man immer wieder auf das Bild der verhüllten Muslimin zurück.

Muslimische Frauen und ihre Körper wurden zu Schlachtfeldern in diesem Kulturkampf. Auf der Körpergeographie der Frauen wird bis heute, von Muslimen wie Nichtmuslimen, die Frage von Modernität und Fortschritt ausgefochten. Dazu gehören auch die Themen der sexuellen Selbstbestimmung und der individuellen Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben. Diese Fragen werden mit besonderer Heftigkeit in den sozialen Medien diskutiert.

Dürfen die das?

Seit dem Aufkommen von YouTube und Instagram setzen junge Musliminnen diesen negativen Darstellungen aktiv ganz eigene Bilder entgegen. Sie stellen sich nicht nur Fragen nach individueller Selbstentfaltung, wie es gang und gäbe ist, sondern auch Fragen der Zugehörigkeit, des Rassismus, Sexismus und Fragen des Glaubens und der Religion. Doch nicht alle widmen sich diesen Themen auf den ersten Blick.

Als 2013 eine Gruppe junger nordamerikanischer Frauen hip gekleidet in einem Internet-Musikvideo auftauchte, entfachte das einen internationalen Sturm des Protestes und der Kontroverse. Was war geschehen? Diese jungen Frauen waren Musliminnen, mit Kopfbedeckung und verschiedenen Hautfarben. Was aber war der Skandal? Sie taten Dinge, die gemeinhin jungen Männern vorbehalten sind, und das unabhängig von ethnischer, sozialer oder religiöser Präferenz. Die Frauen "hingen ab". Sie fuhren Fahrrad, Motorrad, Skateboard, lutschten Eis, tanzten, machten Sport, spazierten und lungerten mit ihren Ghettoblastern an dampfenden Motorhauben herum, ganz bewusst maskuline Hip-Hop-Posen karikierend. Kurzum: Sie taten NICHTS. Etwas, das dem männlichen Jugendlichen vorbehalten ist, wie es etwa schon für den Flaneur galt, ein junger bürgerlicher Mann des 19. Jahrhunderts, der im öffentlichen Raum nichts tat. Weibliches Handeln, so ist die gesellschaftliche Erwartung, muss zweckbestimmt sein. Das erfüllten diese jungen Musliminnen nicht. Sie hatten Spaß. Auch an Mode und Make-up.

Diese Faktoren schienen ein besonderes Sakrileg zu sein. Musliminnen könnten sich nicht so kleiden, in Hosen, enganliegend, in Farben, geschminkt, auffällig. Sie würden das Bild des Islam beschädigen, lautete eine zentrale Kritik. Das Video wurde musikalisch von Hip Hop begleitet, der unverhohlen einen neuen Luxus lobte. So verwundert es nicht, dass immer dann, wenn ich dieses Video auf Konferenzen oder im Unterricht zeige, schockierte Reaktionen folgen, die sich genau auf diese Punkte fokussieren: auf die Bekleidung und auf den zur Schau gestellten Luxus. Diese junge Gruppe nannte sich ironisch Mipster, eine Kombination der Wörter Muslim und Hipster.

Dieses Ereignis ist insofern interessant, als dass es nicht nur den Beginn einer Bewegung markiert, sondern die Debatte rund um das Video deutlich macht, wie kontrovers die Kopfbedeckung muslimischer Frauen und der weibliche muslimische Körper im öffentlichen Raum von allen Seiten diskutiert wird. Mit oder ohne Kopftuch: Junge Musliminnen können dabei nur verlieren – darauf verweist der Titel einer Folge von "Karakaya Talk", einem Format der Berliner Journalistin und Comedian Esra Karakaya, der für diesen Beitrag titelgebend war. 


Viele der sogenannten Modest Fashion und Lifestyle Bloggerinnen versuchen sich in dieser doppelten Politisierung ihrer Körper. Sie reden über Luxusartikel, Kosmetik, Alltags- und Freizeitgestaltung, über Mode. Sie eröffnen sich in der digitalen Kultur Räume, die ihnen im "realen Leben" nicht zur Verfügung stehen. Sie sitzen nicht in Moderedaktionen, Rundfunkräten, Verlagen oder Zeitungsredaktionen, aber sie bloggen und posten. Posieren an öffentlichen Plätzen, bewegen ihre Körper so,  wie es von ihnen weder erwartet noch gewollt wird. Und geben ihren eigenen Foto-postings Titel, die sie selbst bestimmen. Damit ergreifen sie eine Handlungsmacht über die Art und Weise ihrer eigenen Sichtbarkeit und Darstellung im öffentlichen Raum der digitalen Kultur.

Viele dieser Modest Fashion Influencerinnen stammen aus Großbritannien oder Nordamerika, doch auch solche aus der arabischen Welt oder Indonesien sind einflussreich. Von dort kamen die ersten Impulse und auch der Markt interessierte sich plötzlich für die muslimische Kaufkraft. So war es nicht überraschend, dass Kosmetik- und Modegiganten diese muslimischen Frauen mit Kopftuch als Werbeträgerinnen und Absatzmarkt entdeckten. Viele dieser Influencerinnen zierten die Titelbilder der größten englischsprachigen Modezeitschriften. Nur in Deutschland blieb es lange still und auch nur recht zögerlich fanden sich Berichte über diese Influencerinnen.

Hier tut man sich recht schwer mit komplexen Debatten rund um Zugehörigkeit und Sichtbarkeit. Diese Debatten kommen oft nicht in der Mitte der Gesellschaft an. Wir erinnern uns an die Kontroverse um die Frankfurter Ausstellung zur muslimischen Mode. Eine Wanderausstellung, die zuvor in den USA erfolgreich war, führte in Deutschland zur üblichen scharf politisierten Kontroverse um das Kopftuch – wobei viele Musliminnen mit Kopftuch versuchen, sich dieser Politisierung zu entziehen. Das allerdings ist, aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive betrachtet, höchst politisch. Hier wird eine Vereinnahmung und Zuschreibung abgewiesen. Dadurch wird Raum für Fragen geschaffen, die es innerreligiös zur Vielfalt muslimischer Lebensentwürfe immer wieder neu zu klären gilt. Dazu gehören auch Frauen, die das Kopftuch nicht tragen, es ablehnen oder dazu gezwungen werden. Auch diese Diskussionen finden online statt. Abseits von der alten Medienöffentlichkeit, die auch für diese Themen feste Schubladen vorsieht.

Die Vielfalt muslimischen Lebens wird sichtbar

Das deutsche Instagram hingegen wimmelt von Accounts muslimischer Frauen. Diese reichen von Aktivistinnen über LGBTQ+ Muslime, vegane Mipster, Tattoo-fans, Reisebloggerinnen bis hin zu reinen Lifestyle und Modeblogs. Comedy ist in Deutschland ebenfalls ein Medium in der Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Dabei behandeln Musliminnen die verschiedenen Zugänge von Lifestyle, Mode, Musik, Sport oder Comedy sowohl Fragen in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft als auch innerreligiöse Diskurse und sogenannte Tabuthemen rund um Sexualität und individuelle Lebensführung. Deutlich sichtbar wird dabei die Vielfalt muslimischen Lebens. Was eine junge Muslimin möglicherweise nicht in einer Moschee fragen kann, weil sie etwa keine besucht oder weil das Vertrauen für solch ein Gespräch nicht besteht, das kann sie in der Anonymität des Internets ihre Peers fragen. Hier gibt es auch die Möglichkeit, die Diskussionen zu den Regeln des Islam neu zu verhandeln. Nicht selten geschieht das etwa in der Kommentarspalte zu einem Schminkvideo oder zu einem Modeposting. Heftig wird hier gestritten, aber auch Wissen vermittelt. Niemand moderiert. Meinungsbildung kann hier geschehen. Die Zukunft wird zeigen, wie sich das im realen Leben äußern wird.

In den vergangenen vier Jahren, in denen ich diesen Phänomenen nachgegangen bin, hat sich sehr viel verändert. Dies ist nicht zuletzt der Geschwindigkeit des Mediums und der rasanten technologischen Entwicklung geschuldet. Einige der Influencerinnen, auf die sich meine Forschung konzentriert, haben etwa das Kopftuch zwischenzeitlich abgelegt und bloggen weiter. Andere Trends sind entstanden, die sich dem Erkunden des muslimischen Selbst von allen denkbaren Perspektiven nähern.
 


Muslimische Influencerinnen und Bloggerinnen mit Kopftuch grenzen sich dabei sowohl zum traditionalen Verständnis etwa in der Familie oder muslimischen Community ab, als auch zur nichtmuslimischen Gesellschaft und westlichen Medien, die sie stigmatisieren. Mode, Makeup und Lifestyle sowie das Präsentieren des eigenen Körpers liefern damit eigene Zugänge und Beiträge zu beiden Diskursen. Dem religiösen, indem sie ihre Körper wie hermeneutische Instrumente zur Erkundung religiöser Verhaltensregeln und Bekleidungsnormen einsetzen und so durch die Körperpraxis einen Beitrag dazu leisten. Und dem gesellschaftlich-politischen Diskurs, indem sie sich selbst so darstellen, wie sie es wünschen. In beiden Fällen macht die Praxis in der digitalen Kultur die Handlungsmacht deutlich, die sie sich selbst dadurch verleihen. Und das ist etwas, das man wissen sollte.


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