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Recherche gegen Rechts – Deutsche Burschenschaft

Knotenpunkt und Kaderschmiede

Recherche gegen Rechts – Deutsche Burschenschaft: Knotenpunkt und Kaderschmiede
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Der völkisch-nationalistische Dachverband Deutsche Burschenschaft ist ein Knotenpunkt im Netz der Neuen Rechten. 2025 übernahm die Freiburger Saxo-Silesia den Vorsitz. Und die ist nicht nur Kaderschmiede der AfD.

Für ein freies Zimmer auf dem Freiburger Lorettoberg geht Mitte Januar eine Annonce online, die sich an Studenten richtet: 22 Quadratmeter, daneben ein großes Wohn- und Esszimmer zur gemeinschaftlichen Nutzung, Sportraum, Sauna, Balkon und eine "schalldichte Bar (für Partys bis in den Morgen :-))" – Warmmiete: 230 Euro. Zeitgleich veröffentlichte Angebote aus der Universitätsstadt verlangen für 14 Quadratmeter große Zimmer ohne opulenten Zusatz bis zu 750 Euro.

Der Preisunterschied erklärt sich durch die Mitbewohner: "Wir sind eine Burschenschaft", schreiben die sieben Männer vom Lorettoberg. Ihre Verbindung biete "die Möglichkeit, mit vielen interessanten Menschen in Kontakt zu kommen", denn "wer sich vollumfassend politisch bilden möchte, der wird beim AStA oder StuPa nicht glücklich werden". Die Privilegien sind allerdings mit einer Erwartungshaltung verknüpft. "Unsere Gemeinschaft ist geprägt durch den lebenslangen Zusammenhalt der Mitglieder", macht die Saxo-Silesia potenziell Interessierten klar. Ein weiterer Anspruch lautet: "Von unseren Mitgliedern fordern wir, daß sie das akademische Fechten lernen und Mensuren schlagen."

Bei sogenannten Burschenpartien kommt es gelegentlich zu Gesichtsverstümmelungen, in Freiburg 2016 zu einer Skalpierung. P. K. von der Burschenschaft Danubia München, als Aktivist der Identitären Bewegung (IB) mehrfach zu Geldstrafen verurteilt, verlor bei einer Mensur im Mai 2022 ein Stück seiner Kopfhaut, das ihm wieder angenäht werden musste. Knapp zwei Monate später findet er sich auf dem Freiburger Lorettoberg ein: im Garten der Villa der Saxo-Silesia. K. ist Sekundant des Danuben T. B., der gegen Aaron Kimmig, Saxo-Silesia und zu diesem Zeitpunkt Sprecher des AfD-Kreisverbands Freiburg, antritt. Der Militärische Abschirmdienst stufte B. als einen führenden Aktivisten der IB ein, bevor er im Mai 2017 wegen einer rechtsextremen Gesinnung aus der Bundeswehr entlassen wurde.

K. und B. sind nicht die einzigen Gäste der Saxo-Silesia mit bekannten Verstrickungen in die rechtsextreme Szene. Zahlreiche Saxo-Silesen sind mit der AfD verbunden. Andreas Schumacher, Freiburger Kreisverband, war Bundesvorstand der Jungen Alternative (JA). Christopher Lehmann ist im 1.000-seitigen Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD als stellvertretender Vorsitzender der JA Sachsen gelistet. Fabian Kohlmeyer und Patrick Stähle traten bei der Kommunalwahl 2024 für die AfD in Freiburg an. Marcel Wolle fungierte als Sprecher bei einer JA-Kundgebung in Heilbronn. L. G., M. N., M. B. waren alle bei der JA Freiburg. Saxo-Silese Reimond Hoffmann, inzwischen aus der AfD ausgeschlossen, saß für die Partei im Landesvorstand und wurde im baden-württembergischen Verfassungsschutzbericht 2023 erwähnt, nachdem er die IB für "Zivilcourage" gelobt hatte.

Ariernachweis und Austrittswelle

Vom Corps über Landsmannschaften, Damenverbindungen und Sängerschaften gibt es in der Bundesrepublik rund 1.000 Studentenverbindungen, die ein ideologisch breites Spektrum abbilden – lange nicht alle sind rechts. Die überwiegend liberal-konservativ bis völkisch-nationalistisch ausgerichteten Burschenschaften machen im Verbindungskosmos weniger als 160 aus. Allerdings bekennt sich der größte und älteste Dachverband, die Deutsche Burschenschaft (DB), in seiner Verfassung zu einem "volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff" und etliche Verbandsbrüder fallen durch rechtsextreme Aktivitäten auf. 2025 übernahm die Saxo-Silesia die jährlich wechselnde Rolle als Vorsitzende Burschenschaft der DB.

Seit Gründung der DB war ihre Geschichte geprägt von Flügelkämpfen. Der Sozialwissenschaftler Dietrich Heither beschreibt, wie die liberalen Bünde in der Nachkriegszeit immer stärker in die Defensive gerieten. Trotz der allgemeinen Tendenz zum Nationalkonservatismus gab es im Dachverband durchaus Pluralismus. Zur Zäsur entwickelten sich interne Streitigkeiten, die 2011 eskalierten. Im Zentrum stand die Frage, wie der "volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff" auszulegen sei. Für die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn war eine rote Linie überschritten, als die Hansea Mannheim einen "Chinesischstämmigen" in ihren Reihen aufnahm. In einem Antrag für den Burschentag 2011 schrieben die Raczeks in ihrer als "Ariernachweis" bekannt gewordenen Forderung: "Mangels deutscher Abstammung kann eine solche Person auch nicht der geschichtlichen Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes angehören", zumal die "nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie" auf die Zugehörigkeit zu einer "außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung" hinweise.

Infolge der Kontroverse kam es zur größten Austrittswelle in der DB-Geschichte. Exemplarisch erklärte etwa die Stuttgarter Burschenschaft Ghibellinia, in den vergangenen Jahren habe "die Mehrzahl der Mitglieder" bei der DB gezeigt, "dass ihrerseits weder ein Interesse an Reformen, noch an einer Abgrenzung zu offen rassistischen, verfassungsfeindlichen und nationalsozialistisch geprägten Handlungen und Positionen besteht". Von den ehedem 120 Burschenschaften in der DB sind heute nur noch 66 verblieben.

Auch in den Parlamenten vernetzt

2015 steht der 200. Geburtstag der Urburschenschaft Jena an. Zum Burschentag im Jubiläumsjahr konnte der rechtsextreme Verleger Götz Kubitschek als Stargast gewonnen werden, sein Redebeitrag ist nur teilweise eine Festrede. Was folge auf diese "Feier eines Durchgehaltenhabens über 200 Jahre", fragt er, lobte aber auch die "unzeitgemäße Mensur" als "Hiebe der Eigentlichkeit", da diese "vielleicht sogar blutige Initiation den jungen Mann noch einmal und rätselhaft unmodern begründet".

Die DB ist auch in der Politik vernetzt. Um den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der AfD im Bundestag Sebastian Münzenmaier hat sich ein regelrechtes Cluster herausgebildet. Er beschäftigte Alexander Jungbluth, Raczeks zu Bonn, bevor dieser 2024 ins europäische Parlament einzog. Für Münzenmaier arbeiteten auch die Raczeks J. K. und S. M. sowie P. O. (Rugia Greifswald), R. S. (Germania Hamburg), und John Hoewer (Germania Köln), der sich in der JA engagierte und bis April 2025 im Vorstand des rechtsextremen Vereins "EinProzent" war.

Neben Münzenmaier sitzen heute weitere DB-Burschenschafter für die AfD im Bundestag: Enrico Komning, Rugia Greifswald; Alexander Wolf, Danubia München; Alexis Giersch, Hamburger Germania und Dresdensia-Rugia zu Gießen; Torben Braga, Germania Marburg; Christian Zaum, Rheinfranken Marburg und Cimbria München; Christoph Birghan, Gothia Berlin; Steffen Kotré, Gothia Berlin; Christian Wirth, Germania Halle zu Mainz, bis 2023 auch in der Normannia Heidelberg, die im gleichen Jahr aus der DB ausgetreten ist. Daneben sitzen Abgeordnete in den Parlamenten von Bayern (Daniel Halemba, Prager Teutonia zu Würzburg; Markus Walbrunn, Stauffia München; Benjamin Nolte, Dabubia München), Rheinland-Pfalz (Joachim Paul, Raczeks Bonn; Damian Lohr, Konkneipant der Germania Halle zu Mainz), Nordrhein-Westfalen (Zacharias Schalley, Rhenania-Salingia zu Düsseldorf; Klaus Esser, Germania Köln), Brandenburg (Benjamin Filter, Gothia Berlin; Felix Teichner, Ghibellinia-Leipzig Hannover; Dominik Kaufner, Gothia Berlin) oder Mecklenburg-Vorpommern (Thore Stein, Raczeks Bonn; Martin Schmidt, Rugia Greifswald und Märker Berlin; Nikolaus Kramer, Gothia Berlin), sie arbeiten als Pressesprecher, Berater oder Fraktionsjustiziare, persönliche Mitarbeiter, sind Vorsitzende von Kreisverbänden oder Gemeinderatsfraktionen, bleiben als einfache Parteimitglieder unauffällig oder engagieren sich als Schatzmeister in einem AfD-Boxclub. 

Der Redaktion sind über 200 Namen bekannt, bei denen belegt ist, dass sich Personen zugleich in der AfD und einer DB-Burschenschaft engagieren. Daneben liegen zahlreiche Verbindungen zu anderen Burschenschaften und Studentenverbindungen vor. Da die Mitgliedslisten nicht öffentlich sind, ist zudem von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Nachdem sich die vom Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextremistisch" eingestufte JA im März 2025 auflöste, gründete sich die neue AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland (GD) im November 2025 – auch hier sind Korporierte zahlreich vertreten. Wie die taz berichtet, stehe zum Beispiel der GD-Vorsitzende Jean-Pascal Hohm auf einer Mitgliedsliste der DB-Burschenschaft Salamandria Dresden.

Rechtsextreme Referenten zu Gast

Dennoch sieht das Bundesamt für Verfassungsschutz "keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür", dass die DB "Bestrebungen verfolgt, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind". Das geht aus Antworten der Bundesregierung auf Kleine Anfragen im Bundestag hervor, zuletzt 2020. "Vereinzelt" bestünden "Kontakte rechtsextremistischer Personen und Organisationen zu einzelnen Burschenschaften".

Ein paar Landesbehörden haben genauer hingeschaut, namentlich die Verfassungsschutzämter in Bayern, Hessen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Sie nennen in Berichten die Burschenschaften Danubia München, Prager Teutonia zu Würzburg, Frankonia Erlangen, Germania Halle zu Mainz, Germania Hamburg, Germania Marburg und die Normannia zu Jena – letztere ist als einzige kein Mitglied der DB.

Überall wo eine Beobachtung stattfindet, stellen die Ämter fest, dass die Verbindungshäuser der Burschenschaften einen wichtigen Knotenpunkt im Netz der Neuen Rechten darstellen. Bei der Germania Hamburg etwa fanden sich über die Jahre Referenten wie der Holocaustleugner David Irving ein oder Stefan Ulbrich, früherer Funktionär der verbotenen, neonazistischen Wiking-Jugend.

Die Politikwissenschaftler:innen Alexandra Kurth und Bernd Weidinger schreiben 2017 in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung, angesichts der "ideologischen Ankerpunkte" strukturell nationalistischer und elitärer Männerbünde, die Attribute wie Wehrhaftigkeit und Opferbereitschaft idealisieren, seien "personelle und organisatorische Überschneidungen mit dem rechtsextremen, mitunter auch neonazistischen Spektrum zwangsläufig". Allerdings verweisen Weidinger und Kurth auch darauf, dass sich im Unterschied zu Österreich die "Versuche von Burschenschaftern in Deutschland, über die Verankerung in Parteien politischen Einfluss zu erhalten, als vergleichsweise erfolglos erwiesen". Einigen Korporierten sei es bereits gelungen, "in der AfD Fuß zu fassen". Dennoch bleibe abzuwarten, inwieweit sich Burschenschaften "längerfristig als wichtige Kaderschmiede der Partei zu etablieren vermögen".

Sie leiden unter Volksschwund

Während andere völkisch-nationalistische Organisationen massiv vom Rechtsruck der vergangenen Jahre profitiert haben, ringt die DB mit Nachwuchssorgen. Weidinger und Kurth schreiben, infolge "einer ganzen Reihe von kleineren und größeren Skandalen" sei die Zahl der Mitglieder in den aktiven Burschenschaften und Altherrenschaften der DB seit 1980 "von mehr als 25.000 Mitgliedern auf geschätzt weniger als 5.000, offiziell 7.000 gesunken, was einem personellen Rückgang von vier Fünfteln entspricht".

Ein "gewichtiges Problem", das in den von der DB herausgegebenen "Burschenschaftlichen Blättern" (BB) im Sommer 2024 offen artikuliert wird, sei "nicht zuletzt die Personalsituation in vielen Bünden". Wie die Burschenschaften, habe allerdings "auch unser Volk ein veritables Nachwuchsproblem". Die Hauptschuld wird beim "verderbten Zeitgeist" verortet. Die AG "Jagd & Buxe" diskutiert Strategien, Interessierte anzuwerben, etwa durch erhöhte Präsenz auf Jagdmessen.

In Baden-Württemberg hat die DB nur noch zwei Mitglieder: die Saxo-Silesia Freiburg und die weitgehend inaktive Tuiskonia Karlsruhe. Die Hilaritas Stuttgart beispielsweise, deren Alter Herr Josef Walter die Pressestelle der AfD-Landtagsfraktion leitet, ist wie so viele andere, nicht unbedingt linksradikale Burschenschaften nach der Debatte 2011 um den "Ariernachweis" ausgetreten. Bis 2023 gab es allerdings noch ein drittes DB-Mitglied aus dem Südwesten: die Normannia Heidelberg, die nach einem antisemitischen Skandal einem Zerfallsprozess ausgesetzt ist.

Chinesinnen im Normannenhaus

Im dortigen Verbindungshaus waren regelmäßig verbotene Nazilieder abgespielt und Hitlergrüße gezeigt worden, "Sieg Heil" und "Heil Hitler" stellten geläufige Grußformeln da. Besonders auffällig verhielt sich L. S., der internen Mails zufolge einen anderen Hausbewohner mehrfach angepöbelt habe, weil dessen Freundin jüdische Wurzeln habe und ein Normanne so etwas nicht lieben könne.

S. war dann auch mit dabei in der Nacht auf den 29. August 2020, als sich im Normannenhaus ein Gast der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania Heidelberg einfand. Die Afrania ist ebenfalls eine pflichtschlagende Verbindung, allerdings keine Burschenschaft, zu ihren Alten Herren zählt Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU). Im Verlauf des Abends erwähnt der Gast, einen jüdischen Opa zu haben – woraufhin er wüst beleidigt, mit einem Gürtel verprügelt und mit Geldmünzen beworfen worden ist.

Im Gerichtsprozess spricht die Staatsanwaltschaft von einer "tiefbraunen Subkultur". Angeklagt sind Korporierte, der Normanne L. S., daneben M. H. und L. K. von der Germania Köln. Verteidigt werden sie von den Bonner Raczeks Andreas Schoemaker, Max Bartusch und Matthias Brauer. Am Ende standen Bewährungsstrafen wegen Beleidigung und gefährlicher Körperverletzung, zwei weitere Beteiligte wurden per Strafbefehl verurteilt. Seit März 2025, nach dem Gang durch mehrere Instanzen, sind die letzten Urteile rechtskräftig.

Im Zuge des Skandals und der negativen Presse verlor die Normannia viele Mitglieder. Die jungen Aktivitas lösten sich bereits 2020 auf, die Zahl der Alten Herren halbierte sich nach Kontext-Informationen innerhalb von drei Jahren auf etwa 50 Personen. Auch Geldsorgen schienen der Burschenschaft zuzusetzen, die sich aus Imagegründen in Cimbria umbenannte. Wie die "Rhein-Neckar-Zeitung", die umfangreich zum Vorgang berichtet hat, schreibt, stand das Normannenhaus "erst leer, dann zogen chinesische Studenten ein". Darunter nach Kontext-Informationen auch Frauen.

Nachdem es lange Zeit ruhig um die Normannia geworden ist, meldete die Heidelberger Studierendenzeitung "Ruprecht" jüngst: "Sie ist wieder da." So ist zumindest ein Instagram-Account unter dem alten Namen aufgetaucht, der in der Selbstbeschreibung behauptet: "Wieder aktiv seit dem Sommersemester 2025." Angesichts ihrer Vergangenheit müssen Aktive der Normannia damit rechnen, dass ihr Treiben unter Beobachtung steht.
 

Karikatur: Oliver Stenzel

Dank einer Vielzahl von Spenden konnte Kontext das Projekt "Recherche gegen Rechts" ins Leben rufen. Seit Ausgabe 762 und bis ins Frühjahr 2026 werden im Wochentakt Veröffentlichungen erfolgen, die rechtsextremen Strukturen nachgehen, mit einem Schwerpunkt auf Baden-Württemberg. Alle bisherigen Veröffentlichungen der Serie finden Sie hier

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