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Luxushaft für schlagende Studenten

Luxushaft für schlagende Studenten
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Wegen seiner politischen Gefangenen gilt der Hohenasperg als "Demokratenbuckel". Das stimmt aber nur für einen Teil seiner Geschichte – während des Kaiserreichs bildeten die größte Häftlingsgruppe Studenten, die für Zweikampfdelikte einsaßen, meist die in schlagenden Verbindungen verbreitete Mensur.

Als wohlhabende Briten im 19. Jahrhundert in großer Zahl begannen, Deutschland zu bereisen, waren sie von einem Phänomen meist besonders befremdet: der Neigung der Studenten, sich wegen nichtigster Ehrverletzungen zu duellieren – ob mit Fechtwaffen beim Mensurenschlagen oder bisweilen auch mit Pistolen –, und dem Stolz der "Paukanten" auf ihre bei der Mensur davongetragenen Schmisse. Als besonders krasses Zeichen der Rückständigkeit, die Deutschland ohnehin gerne attestiert wurde, werteten Reisende von der Insel diese Tradition; der Autor Jerome K. Jerome etwa betont in seinem 1900 erschienenen Roman "Three Men on the Bummel" ("Drei Männer auf Bummelfahrt") die brutalisierende Wirkung der Mensur auf junge Männer, und dass die deutsche Bevölkerung, die 200 Jahre hinter der Entwicklung der Zivilisation herhinke, ein derartiges Verhalten geradezu erwarte.

Nicht ganz so ablehnend, eher in einer Mischung aus Irritation und Faszination, schildert der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain in seinem Reisebericht "A Tramp Abroad" (1880) die Beobachtung einer Mensur in Heidelberg. Ob die Amerikaner, zumindest in mythischen Wildwest-Überlieferungen als durchaus Duell-affin bekannt, grundsätzlich offener für das bizarre Ritual waren, lässt sich daraus freilich nicht ableiten. Aber immerhin war der wohl am weitesten gereiste Häftling, der im 19. Jahrhundert auf dem Hohenasperg einsaß, ein offenbar sehr integrationswilliger amerikanischer Student namens Benjamin Bradford – wegen "Zweikampfs" war er am 21. Mai 1879 vom Kreisgericht Stuttgart zu vier Monaten und vier Tagen Haft verurteilt worden und verbüßte sie vom 24. Mai bis zum 28. September 1879 in der als Gefängnis genutzten Festung.

Allzu viel geben die Vermerke im Gefangenenbuch nicht über Bradford her. Abgesehen davon, dass er sich schnell den akademischen Gepflogenheiten seines Gastlandes angepasst hatte, erfahren wir, dass er aus New York kam, 22 Jahre alt und "Polytechniker" war, also Student der Technischen Hochschule Stuttgart.

Bradford hatte sich vermutlich mit dem ebenfalls 22-jährigen Polytechniker Georg Mann aus Frankfurt/Oder duelliert, der am gleichen Tag und für das gleiche Delikt wie Bradford vom Stuttgarter Kreisgericht verurteilt worden war und seine Haft auch zeitgleich antrat. Ob die beiden eine Mensur geschlagen oder, was wesentlich seltener war, aufeinander geschossen hatten, ist nicht vermerkt, illegal war damals beides. Vor allem wegen Mensuren saßen aber zahlreiche weitere Studenten in jenen Jahren auf dem Festungsberg ein.

Im Kaiserreich eher ein "Mensurenschlägerbuckel" 

Der Hohenasperg nahe Ludwigsburgs gilt bis heute als "Demokratenbuckel", weil in ihm viele teils prominente politische Gefangene inhaftiert waren, ob Christian Friedrich Daniel Schubart oder Theobald Kerner. Tatsächlich geht der Ruf als politisches Gefängnis vor allem auf eine recht kurze Zeitspanne zurück, die Vormärzepoche und die Zeit nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49. Den Höhepunkt markieren die Jahre von 1848 bis 1852, in denen über 400 Gefangene wegen politischer Delikte eingeliefert wurden. Ab 1852 sank deren Zahl aber rapide ab, und spätestens 1854 waren auf dem Hohenasperg die Nachwehen der Revolution weitgehend vorbei: Mit nur elf einsitzenden politischen Gefangenen war fast wieder vorrevolutionäres Niveau erreicht.

Stattdessen folgten auf jene Häftlinge, die wegen ihrer fortschrittlichen politischen Überzeugungen einsaßen, solche, die dies wegen eines rückständigen Rituals taten: Während des Kaiserreichs (1871–1914) und kurz davor erfolgten die mit Abstand meisten Haftantritte, nämlich über 50 Prozent, wegen "Zweikampfdelikten", und diese wurden am häufigsten, zu fast 80 Prozent, von Studenten begangen. Die Zweikämpfer kamen fast ausschließlich wegen der in dieser Zeit vor allem unter Corpsstudenten sehr verbreiteten, aber verbotenen Mensur in den berühmten Knast. Der einstige "Demokratenbuckel" war im Kaiserreich zum "Mensurenschlägerbuckel" geworden.

Anfangs bildeten dabei Tübinger Studenten den weitaus größten Teil der Inhaftierten, der Hohenasperg soll geradezu als "Hausberg" der Tübinger Uni gegolten haben. Die Zahl der wegen "Zweikampfdelikten" Einsitzenden – während des Kaiserreichs rund 170 – war dabei immer noch extrem gering im Vergleich zur Zahl der damals insgesamt ausgetragenen studentischen Zweikämpfe; so trugen allein die Mitglieder des Tübinger Corps Franconia zwischen 1871 und 1895 insgesamt 2071 Mensuren und 328 Duelle aus. Obwohl beides strafbar war, bemühte sich die Justiz nicht gerade eifrig um die Verfolgung, waren doch viele Juristen selbst Mitglieder schlagender Verbindungen, überdies hatten Duelle ihren festen Platz im Ehrenkodex führender Schichten. Die festgenommenen Paukanten bewegten sich also innerhalb des Konsenses einer Elite, als deren künftige Vertreter sie zudem angesehen wurden.

Dass ab 1888 die Tübinger Polizei bei Mensuren dann auch beide Augen zudrückte und von Verfolgungen weitgehend absah, war vermutlich sogar einer Intervention des württembergischen Thronfolgers Wilhelm geschuldet. Denn der war in seiner Tübinger Studienzeit Mitte der 1860er-Jahre selbst einmal "mitkneipender Corpsstudent" des Corps Suevia gewesen und bekam im Mai 1888 die volle Corpszugehörigkeit verliehen. Beweisen lässt sich dieser Zusammenhang nicht, doch auf jeden Fall sinkt ab 1888 für einige Jahre die Zahl der auf dem Hohenasperg einsitzenden Zweikämpfer. Da allerdings auch die Studenten der Technischen Hochschule Stuttgart und der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim gerne fochten, pendelte sich die Zahl bald wieder auf dem vorigen Niveau ein. Verurteilungen wegen Zweikampfs erfolgten dabei meist mit festen Strafmaßen sowohl für die Duellanten (drei Monate), als auch für die Helfer, die sogenannten Kartellträger (zwei Monate). 

Trinkgelage im Knast 

Traumatische Knasterfahrungen waren indes nicht zu befürchten, die Bedingungen für die Studenten auf dem Hohenasperg sollen geradezu luxuriös gewesen sein: Im Arsenalbau getrennt von den übrigen Gefangenen untergebracht, mussten sie sich nur abends um neun Uhr in ihren Zellen befinden, durften sich ansonsten frei im ihnen zugewiesenen Teil der Festung bewegen, zu dem auch eine Freiluftterrasse auf dem Wall gehörte, bekamen von den übrigen Häftlingen sogar einen Mann als Diener zugewiesen. Ihre Zeit konnten sie je nach Gusto zum Lernen oder privater Lektüre nutzen – oder auch zu ausgiebigen Trinkgelagen mit ihren Verbindungsbrüdern, die am Wochenende gerne zu Besuch kamen.

Um den Fortgang des Studiums nicht zu gefährden, wurden den Studenten meist auch großzügige Haftunterbrechungen während der Semesterzeit gewährt, sie durften ihre Haft dann etappenweise in der vorlesungsfreien Zeit verbüßen. So ist etwa für den Tübinger Medizinstudenten Alfred Woerner im Gefangenenbuch verzeichnet, dass ihm durch einen königlichen Erlass vom 15. Oktober 1879 "die erbetene Haftunterbrechung vom 18. des Monats an, für die Dauer des Wintersemesters 1879/80 gewährt" wurde. Weiter lesen wir: "Am 15. März 1880 zur Erstehung des Rests der Strafe hier eingerückt." Ab 1879 war diese Praxis der Semesterferienhaft die Regel auf dem Hohenasperg.

Nachteile im Studium drohten den Inhaftierten nicht: Die Universitäten gingen weder gegen das Mensurwesen vor, noch verhängten sie Sanktionen gegen deswegen bestrafte Studenten. Die durch Verbindungszugehörigkeit – und Schmisse als deren schnell erkennbare Visitenkarten – schon vorab gut geölte Karriere war ebenso wenig gefährdet. Galt Festungshaft ohnehin als besondere, weniger ehrenrührige Form der Freiheitsstrafe, betrachteten die wegen Zweikämpfen einsitzenden Studenten ihre Haft, weil sie so selten war, sogar als besondere Ehre.

Heutige prominente Schmissträger wie Innenminister und CDU-Landeschef Thomas Strobl oder Ex-Allianz-Vorstand Henning Schulte-Noelle (der unter anderem in Tübingen studierte) kamen allerdings nie in Gefahr, auf den Hohenasperg geschickt zu werden; seit 1953 gelten Mensuren in der Bundesrepublik nicht mehr als strafbar, sofern sie nicht dem Austragen von "Ehrenhändeln" dienen und nicht mit tödlichen Waffen ausgetragen werden. Den Drang zur eigenen Gesichtsverstümmelung freilich schränkte der Gesetzgeber, da ohne Tötungs- oder suizidale Absicht, nicht ein.

Dass trotzdem die Schmisse immer seltener werden, nährt die leise Hoffnung, dass die vom britischen Reisenden Jerome einst unterstellte zivilisatorische Rückständigkeit allmählich schwindet.


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4 Kommentare verfügbar

  • Zaininger
    am 11.09.2016
    Antworten
    Herr Dr. redlich Gescheidle,
    das war wohl ein redlich satirischer Beitrag und da wünsche ich Ihnen redlichen Erfolg beim Schlagen und Fechten und als Verkehrswissenschaftler natürlich wenig ekelerregenden und mehr redlichen Sechs. Wenn Sie jemanden treffen, der Haschgift spritzt: stellen Sie ihm…
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