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Im Knaste vereint

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Auf dem "Hausberg der schwäbischen Intelligenz" schmorten seit Jahrhunderten in Ungnade gefallene Opernsängerinnen, Dichter, Terroristen und Nazis. Seit Kurzem ist die Ausstellung auf dem Hohenasperg, einem Zweigmuseum des Hauses der Geschichte, um einen berühmt-berüchtigten Insassen reicher: den Ur-Wutbürger und Remstalrebellen Helmut Palmer. Eine Auswahl.

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Helmut Palmer

"Helmut Palmer würde uns wahrscheinlich einen Apfelbaum hinterherschmeißen, wenn man hier ein Denkmal errichten würde", sagte Thomas Schnabel, Leiter des Haus der Geschichte, jüngst lachend im SWR. Deshalb wolle man dem militanten Pomologen mit der neu hinzugekommenen Vitrine nicht huldigen, sondern an ihn erinnern. Siebzig Gerichtsverfahren sammelten sich insgesamt gegen ihn an. Meistens wegen (Beamten-)Beleidigungen oder weil er eigenmächtig Straßen betonierte. 423 Tage saß er insgesamt im Gefängnis. Dreimal auch auf dem "Demokratenbuckel". Immer zu Unrecht, immer als Justizopfer – davon war der Sohn eines jüdischen Vaters überzeugt. Zeitlebens lehnte sich der Vater des heutigen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer gegen staatliche Bevormundung, Behördenwillkür und Antisemitismus auf. Bei seiner letzten Inhaftierung im Jahr 2000 schleppte er ein riesiges Holzkreuz auf den Knastberg. Trug dabei eine selbst gestaltete "KZ-Uniform" samt Judenstern und der Aufschrift "1/2 Jude, vergessen zu vergasen". 2004 starb der exzentrische Schwabe aus dem Remstal.

Joseph Süß Oppenheimer

Der in Heidelberg geborene, jüdische Hoffinanzier des württembergischen Herzogs Karl Alexander kam 1737 in Haft auf den Hohenasperg. Nach dem plötzlichen Tod des ihm wohlgesinnten Herzogs am 12. März 1737 wurde Süß unter Arrest gestellt. Anklage: Amtserschleichung, Aussaugung des Landes, Bestechlichkeit, Münzbetrug und Hochverrat. Nichts davon konnte jemals bewiesen werden. Darüber hinaus soll er "verbotene Gemeinschaft mit Weibspersonen" gepflegt und das "crimen onaniticum" (Onanie) begangen haben. Am 4. Februar 1738 wurde Süß auf dem Stuttgarter Galgenberg nahe dem heutigen Hauptbahnhof vor 12 000 Schaulustigen gehängt. Grund: "an Herren und Land verübte verdammliche Mißhandlungen". Weitere sechs Jahre wird sein Leichnam in einem extra angefertigten Käfig ausgestellt. Antisemitische Spottschriften machen die Runde und weiden sich am Tod des reichen Juden. Heute gilt Süß als eines der berühmtesten Justizopfer des Antisemitismus und ist Vorlage für Lion Feuchtwangers Roman "Jud Süß" von 1925.

Marianne Pirker

Herzog Karl Eugen von Württemberg liebte die Oper – zumindest ihre weiblichen Mitwirkenden. Das musste Marianne Pirker gewusst haben. Denn als die gefeierte Sopranistin am Hofe des Herzogs ihrer Freundin Friederike Sophie, die auch die Gattin des Herzogs war, von den Liebschaften Karl Eugens erzählte, gab's im Hause Württemberg natürlich Stunk. Die Herzogin verließ ihren Mann und kam nie mehr zurück. Am 16. September 1756 ließ der Herzog Marianne Pirker und ihren Mann – ebenfalls Hofmusiker – sowie den Hoffriseur Georg Reich verhaften. Klammheimlich. Ohne Verhöre. Ohne Ermittlungen. Unter größter Geheimhaltung durften die Namen der Gefangenen nicht genannt werden. Sie bekamen die Decknamen "Frau Persohn", der "Alte" und der "Junge". Wütend über ihre unrechtmäßige Verhaftung, soll die Opernsängerin regelmäßig "Quasi in der Raserey" mehrere "bouteilles" zerschlagen und Servietten zerrissen haben. Nach acht Jahren Einzelhaft wurden die Pirkers und der Friseur wieder überraschend entlassen. Jedoch nur unter der herzoglichen Bedingung, niemals ein Wort über die Ursachen ihres Arrests zu verlieren und die Stadt für immer zu verlassen. Zwar kamen sie in Heilbronn bei einem befreundeten Freiherrn unter. Doch die Sopranistin litt bis zu ihrem Tod 1782 schwer unter den psychischen Folgen der Haft und hatte ihre Stimme verloren.

Christian Friedrich Daniel Schubart

Auch der sozialkritische Dichter, Journalist und Musiker Schubart hatte Stress mit dem Herzog von Württemberg und verbrachte zehn Jahre von 1777 bis 1787 auf dem Gefängnisberg. Wegen "seiner schlechten und ärgerlichen Aufführung willen, theils wegen seiner sehr bösen und so gar Gottslästerlichen Schreibart" schmorte er in einer düsteren Einzelzelle im Schubartturm auf dem Hohenasperg. Zuvor hatte der Herzog Schubart aus seinem Wohnort, der freien Reichsstadt Ulm, nach Württemberg locken lassen, um ihn dort zu verhaften. Nachdem sich die Öffentlichkeit zunächst nicht für Schubarts Inhaftierung interessierte, wuchs das öffentliche Interesse jedoch Anfang der 1780er. Sogar Dichterkollege Johann Wilhelm Gleim setzte sich für ihn und gegen die Willkürherrschaft ein. Am Ende beugte sich Herzog Karl Eugen, ließ ihn frei und stellte ihn sogar als Direktor des Stuttgarter Hoftheaters an.

Eugen Bolz

"Diktatur ist ein Unglück", erklärte der einstige Staatspräsident von Baden-Württemberg in seiner Neujahrsansprache an Silvester 1933. Einen Monat später wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Als Politiker der Zentrumspartei versuchte Bolz, den Nazis trotzdem entgegenzuwirken. Doch als er Hitler verbot, seine Wahlkampfrede am 15. Februar 1933 auf dem Schlossplatz zu halten, nahm das Schicksal des NS-Widerständlers seinen Lauf. Hitler wich auf die Stadthalle aus, sendete seine Rede übers Radio. Mittendrin wurde die Sendung unterbrochen – jemand hatte die Kabel durchgeschnitten. Damit hatte Bolz zwar nichts zu tun, trotzdem zog er fortan den Hass der NS-Spitze auf sich. Bolz wurde im April 1933 wie viele andere Personen in Baden-Württemberg von den Nationalsozialisten in sogenannte Schutzhaft genommen und auf den Hohenasperg gebracht. Nachdem er im Juli wieder freigelassen wurde, kam er 1942 mit Carl Goerdeler in Kontakt – und damit mit dem Widerstand. Er wusste um die Pläne für das Hitler-Attentat, was ihm nach dem Rohrkrepierer das Fallbeil einbrachte. Drei Monate vor Kriegsende wurde Bolz in Berlin enthauptet.

Günter Sonnenberg

Im Gegensatz zu manch anderen Häftlingen der Ausstellung ist Günter Sonnenbergs Kopf noch dran und lebendig – seit 1992 ist er auf Bewährung frei. Das ehemalige RAF-Mitglied und Ex-WG-Mitbewohner von Christian Klar und Knut Folkerts war möglicherweise in den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback verwickelt. Nachgewiesen wurde es ihm bis heute nicht. Am 3. Mai 1977 war er mit Verena Becker in Singen unterwegs, schoss bei einer Personenkontrolle mehrfach auf einen Polizisten. Kurz darauf wurden Sonnenberg und Becker verhaftet, wobei ihn eine Kugel im Kopf traf. Schwer verletzt kam er ins Justizvollzugskrankenhaus auf den Berg. Nach den Selbstmorden von Baader, Ensslin und Co. in Stammheim sorgte man nun für bizarre persönliche Kontrollmaßnahmen. So brannte rund um die Uhr Licht in Sonnenbergs Zelle. Zusätzliche Stahlblechtüren mit zwei Sicherheitsschlössern wurden installiert, die Decke des Haftraumes mit Baustahlgewebe eingelassen, sogar die Decke über dem Klo bekam eine Betonauflage. 1992 ließ ihn Bundesjustizminister Klaus Kinkel auf Bewährung frei.

 

Info:

Insgesamt 23 Biografien, Originalobjekte und Dokumente geben Einblick in das legendäre Gefängnis und erzählen von Fürstenwillkür, Verfolgung, Schuld und Unschuld. Das Museum "Hohenasperg – ein deutsches Gefängnis" hat seit Ende März und noch bis 6. November geöffnet, und zwar donnerstags bis sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.


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1 Kommentar verfügbar

  • Ingeborg Schauer
    am 28.04.2016
    Antworten
    letztes Jahr waren wir auf dem Hohenasperg. Wir wollten CFD Schubart besuchen und fanden Viele, die in dieser Festung eingesperrt waren.

    Ein großes Lob gilt dem Haus der Geschichte für dieses vorbildlich eingerichtete Museum.
    Besonders der Leseraum mit der Möglichkeit zu weiteren Recherchen ist…
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