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Sandro Mattioli über Mafia-Prozesse

Keine Überraschung

Sandro Mattioli über Mafia-Prozesse: Keine Überraschung
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Behörden haben die Mafia hierzulande jahrelang unterschätzt – dabei bedroht sie auch in Baden-Württemberg die Wirtschaft. Der deutsch-italienische Journalist Sandro Mattioli beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Im Interview betont er, warum die aktuellen Mafia-Prozesse in Stuttgart besonders sind.

Herr Mattioli, in Stuttgart wurde gerade ein Polizist mit offensichtlichem Mafia-Kontakt freigesprochen. Sie beschäftigen sich schon lange mit der italienischen organisierten Kriminalität in Baden-Württemberg. Wie oft kommen Ihnen da Mafia-Polizei-Kontakte unter?

Es überrascht mich überhaupt nicht, dass es auch im Stuttgarter Raum Kontakte gibt. Grundsätzlich haben Mafiosi großes Interesse daran, mit sämtlichen Akteuren der Gesellschaft in Kontakt zu kommen, um weiter im Business zu bleiben. Dazu gehören Wirtschaftsleute, aber auch Politiker sowie Polizisten und andere Vertreter der Strafverfolgungsbehörden. Ich gehe sehr davon aus, dass derjenige, der jetzt vor Gericht steht, nicht der einzige Fall ist in Baden-Württemberg.

Ausgabe 773 vom 21.01.2026

Mafiös und manisch

Von Gesa von Leesen

Ein Polizist mit Mafia-Kontakt wurde freigesprochen. Das Stuttgarter Landgericht befand, er wollte seinen Chef nie wirklich verprügeln lassen, wie abgehörte Telefonate nahelegten. Damit ist der Fellbacher Beamte aber noch nicht durch: In einem zweiten Verfahren steht er wegen Geheimnisverrats vor dem Kadi.

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Wissen Sie von anderen Fällen?

Wissen nicht, aber es gibt Hinweise. Der berühmte Mario L. etwa konnte recht ungestört schalten und walten. Wenn meine Informationen zutreffen, hat das auch mit mangelndem polizeilichem Engagement zu tun. Auch zu einem anderen Mann gibt es entsprechende Hinweise, über die ich berichtet habe. Es geht auch hier um einen Gastwirt, der wohl für die kalabrische Mafia wichtig ist.

Mit Mario L. meinen Sie den Stuttgarter Pizzeriawirt, bei dem auch Günther Oettinger Anfang der 1990er-Jahre intensiv verkehrte – Stichwort Pizza-Connection?

Genau. Quellen sagten mir, dass damals Informationen zu Mario L. in Waiblingen direkt an den Chef der dortigen Polizeidirektion gegeben werden mussten unter Umgehung der Abteilung, die eigentlich für die Mafia zuständig ist. Dieser Chef wurde dann zum Leiter des LKA, also des Landeskriminalamtes. Als im Jahr 2018 Mario L. verhaftet wurde, wurde der LKA-Präsident vorher nicht mal informiert. Ein Polizist zog diese Aktion quasi hinter seinem Rücken durch – und wurde danach von ihm persönlich von seiner Position entfernt. Später richtete der Präsident eine zweiköpfige Taskforce beim LKA ein, die den Auftrag hatte, alles Wissen zur Mafia zu sammeln und ihm direkt zu berichten und nicht der existierenden Abteilung zur Bekämpfung der Mafia. Bis nach München und sogar Berlin – zu mir – fuhr das Duo. Quellen sagten mir, dass in München nach ihrem Besuch Akten zu Stuttgarter Mafiosi gelöscht werden mussten. Das alles ist kein Beweis für Fehlverhalten, und es mag dafür Erklärungen geben. Aber mit den Vorgängen sind viele Fragezeichen verbunden. Und es sind mindestens ungewöhnliche Vorgänge, die dazu einladen, genauer überprüft zu werden.

Lange haben Sie kritisiert, dass die hiesigen Behörden die Mafia gewähren ließen. Nun gab es die Operation Boreas, bei der italienische und hiesige Ermittler jahrelang gegen die Mafia ermittelten und dann im vorigen Frühjahr 30 Personen festnahmen. Nehmen Sie Ihre Kritik jetzt zurück?

Warum sollte ich? Was jetzt passiert, ist allerdings sehr erfreulich. Offenbar weht sowohl im LKA unter dem neuen Präsidenten wie in der Staatsanwaltschaft ein neuer Geist. Das ist lobenswert. Wenn ich mit meiner Kritik und meinem Buch, in dem ich diese Untätigkeit konkret beschreibe, dazu beigetragen habe, freut mich das. Viel wichtiger ist aber: Es kommt uns allen zugute, wenn diese Gefahr endlich erkannt und bekämpft wird. Und: Es ist noch viel zu tun …

Der gerade freigesprochene Polizist hat noch ein zweites Verfahren am Hals wegen Geheimnisverrats. Er hat für seinen italienischen Mafia-Freund Kfz-Kennzeichen im Polizeicomputer abgefragt. Was würde Sie bei diesem Verfahren besonders interessieren?

Es geht dabei nicht nur um Kfz-Kennzeichen, sondern laut Anklage auch um die Privatadresse eines LKA-Beamten. Mich interessiert vor allem, wie so etwas von einem Gericht bewertet wird. Für mich ist das nämlich ein absolutes Alarmzeichen. Wichtig ist auch, den zweiten und dritten Prozess in die Gesamtschau einzubeziehen.

Also die Anklage gegen drei Italiener, die einen Mann schwer zusammengeschlagen haben, weil der seine Kokain-Schulden nicht zahlen konnte. Und ein Verfahren gegen einen Italiener wegen, ich zitiere, "gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs in Tateinheit mit Unterstützung einer kriminellen Vereinigung im Ausland". Wo sehen Sie den Zusammenhang?

Es gibt personelle Überschneidungen. Und die Prozesse bilden im Grunde perfekt ab, wie die Mafia arbeitet: über Ländergrenzen hinweg, da ist brutalste Gewalt, da sind Kontakte zu Amtsträgern, es geht um Drogenhandel und um Wirtschaftskriminalität. Fehlt nur noch Finanzkriminalität. Dem Angeklagten hier wird Betrug in 35 Fällen vorgeworfen. Wenn Unternehmen um 330.000 Euro geprellt werden, ist das gravierend – gerade in einem Land mit starkem Mittelstand. Die Mafia bringt ehrlich arbeitende Unternehmen in Schwierigkeiten. Die Ware soll gestohlen und dann weiterverkauft worden sein. Die Clans schädigen so ganze Branchen, letztlich die Volkswirtschaft.


Sandro Mattioli, geboren 1975, ist Journalist, war 2011 an der Gründung von Kontext beteiligt und im ersten Jahr Kontext-Redakteur. Seit 2009 berichtet er über die italienische Mafia. Im Ehrenamt ist er Vorsitzender des Berliner Vereins Mafianeindanke. Zuletzt erschien im Westend Verlag sein Buch "Germafia. Wie die Mafia Deutschland übernimmt".

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